Deichbrücke Wilhelmshaven und Alte Brücke Saarbrücken: Sanierungskonzepte im Vergleich

Einleitung

Die Sanierung historischer Brücken stellt eine besondere Herausforderung im Bauwesen dar, da sie technischer Notwendigkeit mit Denkmalschutz und städtebaulicher Aufwertung verbinden muss. Aktuell zwei bemerkenswerte Projekte in Deutschland demonstrieren unterschiedliche Herangehensweisen bei der Erhaltung solcher Bauwerke: die Deichbrücke in Wilhelmshaven und die Alte Brücke in Saarbrücken. Während bei der Wilhelmshavener Deichbrücke technische Aspekte und die Wiederherstellung der Funktionalität im Vordergrund stehen, legt die Saarbrücker Alte Brücke besonderen Wert auf denkmalgerechte Aufwertung und städtebauliche Integration. Beide Projekte verdeutlichen die Komplexität moderner Brückensanierung und die Notwendigkeit präziser Planung und Ausführung.

Deichbrücke Wilhelmshaven - Projektverlauf und technische Herausforderungen

Hintergrund und Projektbeginn

Die Deichbrücke in Wilhelmshaven ist ein historisches Bauwerk, dessen Sanierung sich als komplexer und zeitaufwändiger Prozess herausstellte. Das Projekt begann bereits 2019 mit einem Bestandsaufmaß, das durch die Technischen Betriebe der Stadt Wilhelmshaven in Auftrag gegeben wurde. Die Geo Group wurde mit der Durchführung dieser Vermessungsarbeiten beauftragt, um eine genaue Dokumentation des Brückenzustands zu erstellen.

Im Rahmen dieses ersten Schrittes wurde der gesamte Überbau mit Fahrbahn, Fachwerk sowie der Unterbau mit Lagern, Auflagerflächen und Schiene vermessen und in Plänen dargestellt. Diese präzise Erfassung des Bestands bildete die Grundlage für alle weiteren Planungs- und Bauarbeiten.

Vermessungsarbeiten und technische Unterstützung

Im Jahr 2020 erhielt die Geo Group einen weiteren Auftrag des Generalunternehmers, das Bauvorhaben vermessungstechnisch zu unterstützen. Die Arbeiten umfassten die Erfassung weiterer Brückenteile für die Planung sowie die Einrichtung eines hochpräzisen Festpunktfelds für die gesamte Dauer des Projekts. Hierbei wurden Festpunkte sowohl an der Brücke als auch an der Jadeallee, dem Standort der Brücke, gesetzt und mittels Netzmessung und Nivellement eingemessen und ausgeglichen.

Nach dem Aushub Ende 2020 führte die Geo Group baubegleitend Absteckungen und Aufmaße an der Jadeallee durch. Dazu gehörten beispielsweise das Ausrichten der Verkehrslager und die Absteckung der Betonteile des Drehpfeilers. Diese präzisen Vermessungsarbeiten waren entscheidend für die korrekte Positionierung der neuen Bauteile.

Bauablauf und Herausforderungen

Die eigentlichen Bauarbeiten an der Drehbrücke und der Vorlandbrücke begannen im Jahr 2021. Die Brückenteile wurden in einer Einhausung aus Gerüsten am Hannoverkai in Wilhelmshaven bearbeitet, etwa 2 km Luftlinie vom eigentlichen Standort an der Jadeallee entfernt. In diesem Zeitraum wurden der komplett erneuerte Gegengewichtskasten an der Drehbrücke ausgerichtet sowie die Fahrbahnelemente an Dreh- und Vorlandbrücke positioniert.

Ein erheblicher Rückschlag erfolgte 2022, als das Generalunternehmen Insolvenz anmelden musste, wodurch die Bauarbeiten für eine Zeit ruhten. Nach mehreren Neuausschreibungen wurde das Projekt 2023 an eine Arbeitsgemeinschaft aus den Firmen Klaas Siemens GmbH aus Emden und Nietiedt Stahl- und Metallbau GmbH aus Wilhelmshaven vergeben. Die Geo Group wurde auch für diese Phase mit der Weiterführung der Vermessungsarbeiten beauftragt und führte Aufmaß- und Kontrollarbeiten am Überbau durch, einschließlich Prüfung der Betonhöhen und -lage, Absteckung des Durchtrittsschutzes und Absteckung von Konsolen für den Gehweg Ost.

Aktueller Stand und Fertigstellung

Die Arbeiten am Hannoverkai sind weitestgehend abgeschlossen, wobei die Brücke in charakteristischem Blau lackiert wurde - dem sogenannten "Eisenglimmer", der auch die Kaiser-Wilhelm-Brücke in Wilhelmshaven ziert. Die Fertigstellung der Beschichtung stellt einen wichtigen Meilenstein dar, wie Maike Schun, Projektverantwortliche für die Brückensanierung bei den Technischen Betrieben (TBW), betont.

Dieser Arbeitsschritt erwies sich als technisch anspruchsvoll, da der Brückenstahl eine Mindesttemperatur von 10 Grad Celsius aufweisen muss, um überhaupt beschichtet werden zu können. "Daher mussten wir das Arbeitszelt zeitweise beheizen", erklärt Schun. Aktuell verhindern Minusgrade die Straßenarbeiten am Südufer der Drehbrücke. Hinzu kommen Probleme mit großen Bauteilen, die ersetzt werden mussten. So fehlt beispielsweise noch der sogenannte Königsstuhl, ein Kranz aus Metall, mit dem die Brücke auf einem Podest aufliegt und sich drehen lässt.

Die Stahlbrücke selbst ist inzwischen repariert, sandgestrahlt und mit blauem Korrosionsschutz gestrichen. Die Rückführung der Brücke an ihren ursprünglichen Standort ist für Dezember oder spätestens Januar geplant. Bis zur vollständigen Inbetriebnahme werden jedoch noch einige Monate vergehen.

Interessierte Bürgerinnen und Bürger haben die Möglichkeit, der historischen Brücke am Hannoverkai zu besuchen. Ein Besuchstermin ist für den 9. Februar um 15 Uhr angesetzt, wobei man sich per E-Mail unter der Adresse [email protected] anmelden muss. Melden sich mehr als 25 Personen, entscheidet das Los. Sollte die Resonanz sehr groß sein, will die Stadt Wilhelmshaven einen weiteren Termin anbieten.

Alte Brücke Saarbrücken - Denkmalschutz und städtebauliche Aufwertung

Planungswettbewerb und Siegerentwurf

Die Landeshauptstadt Saarbrücken führt die denkmalgerechte Sanierung der "Alten Brücke" durch, die im Rahmen eines planerischen Gesamtkonzepts ein landschaftsprägendes Erscheinungsbild erhalten soll. Für dieses Projekt wurde ein europaweiter Planungswettbewerb mit anschließendem Vergabeverfahren nach Vergabeverordnung (VgV) ausgelobt.

Den ersten Platz im Wettbewerb belegte ein Projektteam bestehend aus den Büros Sweco GmbH, Ferdinand Heide Architekt Planungsgesellschaft mbH und DLA DieLandschaftsArchitekten Bittkau-Bartfelder PartG GmbH. Der Entwurf des Siegerteams zeichnet sich dadurch aus, dass er die verschiedenen Zeitschichten der Brücke aufdeckt. Dies geschieht durch das Freilegen der verschütteten Brückenpfeiler sowie durch die Ergänzung der sogenannten Eisbrecher, die eine Ausbildung von Bastionen ermöglichen.

Städtebauliche Aufwertung und Aufenthaltsqualität

Das Sanierungskonzept für die Alte Brücke in Saarbrücken verfolgt das Ziel, mehr Aufenthaltsqualität und eine repräsentative Verbindung zwischen den Stadtteilen Alt-Saarbrücken und St. Johann zu schaffen. Vom Tbilisserplatz öffnet sich der Raum über eine Freitreppe und eine anschließende trapezförmig geneigte Rasenterrasse sowie eine integrierte barrierefreie Rampenanlage, die den Blick zur Brücke und dem Saarufer freigibt.

Die Brüstung der "Alten Brücke" geht dabei in eine metallene Geländerkonstruktion der neuen Brücke über, die als modernes Element eine Verbindung in Richtung Schlosskirchplatz auf Alt-Saarbrücker Seite schafft. Auf der St. Johanner Seite erhält die Ufergestaltung durch die sichtbare Verknüpfung mit der Innenstadt die Wertigkeit, die ihr entsprechend ihrer Bedeutung als Gesamtensemble zusammen mit der sanierten Brücke gerecht wird.

Verkehrskonzept und Barrierefreiheit

Die sanierte Alte Brücke soll durch die Neugestaltung ihrer wichtigen Funktion als Rad- und Fußgängerbrücke gerecht werden. Radfahrer erhalten an beiden Ufern neue breite Rampen, über die die Auffahrten direkt gegeben sind. Rollstuhlfahrer finden auf der St. Johanner Seite sechsprozentige Rampen vor, die subtil in die Rasenterrassen und in die Treppenanlage integriert sind.

Der Brückenbelag wird aus wiederverwendetem Natursteinpflaster niveaugleich hergestellt und in Teilbereichen für die erforderliche Barrierefreiheit rutschsicher angeschliffen. Damit wird nicht nur die historische Substanz bewahrt, sondern auch die Zugänglichkeit für alle Nutzergruppen verbessert.

Ufergestaltung und Grünflächen

Der Uferpark erhält durch die Sanierung eine Aufwertung mit verschiedensten Aufenthaltsqualitäten, sowohl sonnigen als auch schattigen Bereichen in Wassernähe am Ufer. Der ehemals vorhandene Spielplatz wird in einer Neukonzeption in den weiter südlichen Verlauf des Uferparks verlegt. Der Baumbestand wird weitestgehend erhalten, bei Neupflanzungen kommen jedoch ausgewählte klimaresiliente Baumarten zum Einsatz.

Auf der Altstadtseite wird der Uferbereich mit Sitzstufen am Ufer, Liegen und Holzdecks in den Saarwiesen aufgewertet. Diese Maßnahmen verbessern nicht nur die ästhetische Qualität des Raums, sondern auch seine ökologische und soziale Funktion.

Bürgerbeteiligung und Öffentlichkeitsarbeit

Die Landeshauptstadt Saarbrücken hat Bürgerinnen und Bürger aktiv in den Planungsprozess einbezogen. Im Rahmen eines Workshops zum Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzepts (ISEK) Alt-Saarbrücken Tallage diskutierten interessierte Bürger am 8. Oktober 2022 ihre Ideen, Vorstellungen und Anregungen zum Umbau der Alten Brücke mit Vertreterinnen und Vertretern der Stadt.

Bereits im Vorjahr hatten interessierte Bürger die Möglichkeit, Einblicke in das Projekt "Alte Brücke" zu erhalten. Im Rahmen der Veranstaltung "Tag des offenen Denkmals" zum Thema "Schein und Sein" berichtete der langjährige Denkmalpfleger der Stadt Saarbrücken, Hans Mildenberger, über die bewegte Geschichte der Alten Brücke. Seine Ausführungen wurden durch zahlreiche historische und aktuelle Fotografien untermauert. Mildenberger ist auch Autor zweier Publikationen zum Thema Alte Brücke, der Chronologie "Alte Brücke" und dem Schriftstück "Über die Fluten, über die Zeiten".

Vergleich der Sanierungsansätze

Technische Fokus vs. ästhetische Aufwertung

Bei der Deichbrücke in Wilhelmshaven standen technische Aspekte und die Wiederherstellung der Funktionalität im Vordergrund. Die Herausforderungen lagen vor allem in der Präzision der Vermessungsarbeiten, der Sicherstellung der korrekten Ausrichtung der Bauteile und der Lösung technischer Probleme wie dem Austausch des Königsstuhls. Die Sanierung diente primär der Erhaltung der Verkehrsfunktion und der Sicherung der Bausubstanz.

Die Sanierung der Alten Brücke in Saarbrücken verfolgte dagegen einen umfassenderen Ansatz, der technische Notwendigkeit mit ästhetischer Aufwertung und städtebaulicher Integration verband. Hier standen die denkmalgerechte Aufwertung und die Schaffung hochwertiger öffentlicher Räume im Fokus. Die Herausforderungen lagen in der Balance zwischen Denkmalschutz und modernen Anforderungen an Barrierefreiheit und Aufenthaltsqualität.

Projektmanagement und Durchführung

Das Wilhelmshavener Projekt zeigte eine komplexe Projektentwicklung mit mehreren Unterbrechungen. Die Insolvenz des Generalunternehmers im Jahr 2022 führte zu erheblichen Verzögerungen, die erst nach Neuausschreibungen und Vergabe an neue Auftragnehmer überwunden werden konnten. Die technische Umsetzung erforderte präzise Vermessungsarbeiten und spezielle Verfahren wie das Beheizen der Arbeitszelte für die Beschichtungsarbeiten.

In Saarbrücken wurde von Anfang an ein starker Fokus auf die städtebauliche Integration und die Einbindung der Öffentlichkeit gelegt. Der europaweite Planungswettbewerb sicherte hohe gestalterische Qualität, während die Bürgerbeteiligung soziale Akzeptanz schuf. Die Umsetzung scheint planmäßiger zu verlaufen, wobei die Herausforderungen eher im Bereich der gestalterischen Umsetzung und der Balance zwischen historischer Substanz und moderner Nutzung liegen.

Öffentlichkeitsarbeit und Bürgerbeteiligung

Während in Wilhelmshaven die Öffentlichkeitsarbeit vor allem durch die Möglichkeit zur Besichtigung der sanierten Brücke am Hannoverkai realisiert wird, setzte Saarbrücken auf eine umfassende Bürgerbeteiligung bereits in der Planungsphase. Workshops und Veranstaltungen wie der "Tag des offenen Denkmals" ermöglichten einen direkten Austausch zwischen Bürgern und Planern. Dieser partizipative Ansatz fördert nicht nur die Akzeptanz des Projekts, sondern kann auch wertvolle Anregungen für die Planung liefern.

Fazit

Die Sanierung der Deichbrücke in Wilhelmshaven und der Alten Brücke in Saarbrücken demonstrieren die unterschiedlichen Herausforderungen und Lösungsansätze bei der Erhaltung historischer Brückenbauwerke. Während das Wilhelmshavener Projekt stark technisch ausgerichtet ist und sich mit Problemen der Funktionalssicherung und der Präzision der Bauausführung auseinandersetzt, legt das Saarbrücker Projekt besonderen Wert auf die ästhetische Aufwertung und die Integration in den städtebaulichen Kontext.

Beide Projekte zeigen jedoch die Bedeutung präziser Planung, qualitativ hochwertiger Ausführung und transparenter Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Die Wilhelmshavener Deichbrücke zeigt, wie technische Herausforderungen wie der Austausch von Schlüsselkomponenten oder die Einhaltung von Temperaturanforderungen für Beschichtungsarbeiten überwunden werden müssen. Die Saarbrücker Alte Brücke demonstriert, wie Denkmalschutz mit modernen Anforderungen an Barrierefreiheit und Aufenthaltsqualität in Einklang gebracht werden kann.

Für zukünftige Brückensanierungsprojekte lassen sich aus beiden Beispielen wichtige Lehren ziehen: die Notwendigkeit einer robusten Projektplanung, die Flexibilität bei der Bewältigung unerwarteter Herausforderungen, die Bedeutung frühzeitiger Bürgerbeteiligung sowie die Balance zwischen technischer Notwendigkeit und gestalterischer Qualität. Die Sanierung historischer Brücken ist somit nicht nur eine technische, sondern auch eine kulturelle und städtebauliche Aufgabe, die umfassende Lösungen erfordert.

Quellen

  1. ndr.de - Bauarbeiten an Deichbrücke in Wilhelmshaven verzögern sich
  2. [Geo Group - Sanierung der Deichbrücke Wilhelmshaven](https://geogroup.de/projekte/sanierung-der-deichbruecke-wilhelmshaven

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