Die Humanistenbibliothek in Schlettstadt: Renaissance eines kulturellen Erbes durch modernen Umbau

Einleitung

Die Humanistenbibliothek in Schlettstadt stellt ein bedeutendes architektonisches und kulturelles Erbe dar, das kürzlich einer umfassenden Renovierung und Modernisierung unterzogen wurde. Das historische Gebäude, das eine wertvolle Sammlung von Werken aus Renaissance und Humanismus beherbergt – darunter Teile des UNESCO-Weltdokumentenerbes – wurde durch einen sensiblen Umbau für die Gegenwart bewahrt und gleichzeitig mit neuen Funktionen versehen. Dieser Artikel beleuchtet die Planungsphasen, die baulichen Maßnahmen sowie die architektonische und technische Dimension dieses bemerkenswerten Renovierungsprojekts, das im Juni 2018 nach vierjähriger Schließzeit seine Wiedereröffnung feierte.

Historische Bedeutung und Ursprünge

Die Humanistenbibliothek in Schlettstadt hat ihre Wurzeln in der herausragenden Bedeutung, die die Lateinschule der Stadt an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert als Bildungszentrum einnahm. Diese Einrichtung war weit über die Region hinaus bekannt und zog zahlreiche Gelehrte und Humanisten an, die hier ihre Ausbildung erhielten. Der historische Bibliotheksbestand besteht weitgehend aus den Nachlässen dieser Humanisten, was der Bibliothek ihre besondere wissenschaftliche und kulturelle Bedeutung verleiht.

In einer Zeit, in der Bücher und Handschriften nur in geringer Auflage hergestellt wurden und deren Produktion kostspielig war, stellten diese materiell einen hohen Wert dar. Diese Tatsache unterstreicht die Bedeutung der sorgfältigen Bewahrung und Restaurierung der Bausubstanz und der Sammlung selbst.

Ein symbolträchtiges Element der Bibliotheksgeschichte ist das Wandgemälde mit der Inschrift "Pro Christi laude lege libros postea claude", das 1462 auf Geheiß des Gemeindepfarrers Michel von Ochsenstein als Rankenornament an einer Wand der mittelalterlichen Pfarrbibliothek gemalt wurde. Dieses Fresko sollte die Bibliothek vier Jahrhunderte prägen, bis es 1862 im Zuge von Restaurierungsarbeiten zerstört wurde.1898 wurde das mittelalterliche Fresko rekonstruiert und im neuen Saal der Humanistenbibliothek wieder an eine Wand gemalt. Eine erneute Restaurierung erfolgte 2017, was die kontinuierliche Pflege des historischen Erbes dokumentiert.

Der Renovierungsplan: Von der Idee zur Umsetzung

Im September 2013 wurde das wissenschaftliche und kulturelle Vorhaben der neuen Humanistenbibliothek offiziell genehmigt. Vier Monate später, im Januar 2014, folgte die Genehmigung im Hinblick auf Technologie, Architektur und Museografie. Im Herbst desselben Jahres wurde der Sieger des Architekturwettbewerbs gekürt, und im November 2014 wurde das Architekturprojekt der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Entscheidung fiel auf das französische Architekturbüro Lamoureux & Ricciotti unter der Federführung von Rudy Ricciotti. Bereits durch den Bau des Mucem (Musée des civilisations de l'Europe et de la Méditerranée) in Marseille hatte Ricciotti auch über die Grenzen Frankreichs hinaus einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt. Darüber hinaus war er in Schlettstadt bereits als Architekt durch den Bau des Kulturzentrums Tanzmatten in Erscheinung getreten.

Sein Entwurf für die Humanistenbibliothek sah eine Sanierung und Verschönerung des Gebäudemantels vor, der aus Sandstein besteht, sowie eine umfassende Umstrukturierung der Räumlichkeiten im Inneren des Gebäudes. Das Projekt zielte darauf ab, nicht nur den historischen Bibliotheksbeständen zu einer besseren Präsentation zu verhelfen, sondern auch neue kulturelle Nutzungen zu ermöglichen.

Architektonische Vision und Umsetzung

Die von Rudy Ricciotti geleitete Renovierung stellte eine besondere architektonische Herausforderung dar, da es galt, historische Bausubstanz mit zeitgenössischen Elementen zu verbinden. Der Architekt entschied sich für einen Ansatz, der den äußeren Erscheinungsbild des Gebäudes respektiert, während im Inneren eine vollständige Metamorphose stattfand.

Ein prägnanter Anbau verleiht dem restaurierten Gebäudekomplex eine besondere Ausstrahlung. Dieser futuristisch anmutende Teil des Neubaus schafft einen interessanten Kontrast zur historischen Bausubstanz und signalisiert gleichzeitig die zeitgemäße Nutzung des Gebäudes. Die Architektur bewahrt den Charakter des historischen Gebäudes, während sie gleichzeitig eine moderne und einladende Atmosphäre schafft, die Besucher anziehen soll.

Die Gestaltung des Raumes folgt den Prinzipien einer innovativen Museografie, die der von der UNESCO in die Liste des Weltdokumentenerbes aufgenommenen Sammlung angemessen gerecht wird. Die Sammlung des Humanisten Beatus Rhenanus, eines Freundes von Erasmus von Rotterdam, wird durch diese Präsentationsform zu neuem Leben erweckt und einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

Technische Aspekte der Renovierung

Die technische Umsetzung des Projekts stellte erhebliche Anforderungen an die ausführenden Unternehmen und Planer. Eine der zentralen Maßnahmen war die Erneuerung der Gebäudestatik, die notwendig wurde, um die neuen Nutzungen im Inneren zu ermöglichen und die historische Bausubstanz zu stabilisieren.

Ein wesentlicher baulicher Eingriff war die Schaffung eines neuen Kellermagazins. Diese Maßnahme erforderte nicht nur präzise planerische Arbeit, sondern auch spezielle bautechnische Verfahren, um die Statik des Gesamtgebäudes nicht zu beeinträchtigen. Das neue Magazin bietet optimale klimatische Bedingungen für die preservation der wertvollen historischen Bestände.

Die Außenhülle des Gebäudes, die aus Sandstein besteht, wurde saniert und restauriert. Diese Arbeiten erforderten handwerkliches Geschick und spezialisiertes Wissen, um die historische Bausubstanz zu erhalten und gleichzeitig ihre Langlebigkeit zu sichern. Die Steinmetzarbeiten wurden mit größter Sorgfalt durchgeführt, um den ursprünglichen Charakter des Gebäudes zu bewahren.

Die Transformation der Innenräume

Das Gebäudeinnere erfuhr während der Renovierung eine vollständige Umstrukturierung. Diese Transformation war notwendig, um die Anforderungen an eine moderne Bibliothek, ein Museum und ein kulturelles Zentrum zu erfüllen. Die neuen Räumlichkeiten wurden so konzipiert, dass sie sowohl die historische Sammlung angemessen präsentieren als auch moderne Nutzungen ermöglichen.

Die Umstrukturierung der Innenräume ermöglichte die Schaffung verschiedener Funktionsbereiche, die zuvor nicht in dieser Form existierten. Dazu gehören spezielle Lesesäle, Ausstellungsräume für die wertvollen Bestände sowie Bereiche für Veranstaltungen und kulturelle Aktivitäten.

Ein besonderes Augenmerk wurde auf die Schaffung barrierefreier Zugänge und Wegeverhältnisse gelegt, um die Bibliothek für alle Besucher zugänglich zu machen. Diese Maßnahmen erforderten zusätzliche planerische Überlegungen, insbesondere bei der Integration moderner Technik in historische Bausubstanz.

Der neue Anbau: Form und Funktion

Der prägnante Anbau stellt architektonisch einen der bemerkenswertesten Aspekte des Renovierungsprojekts dar. Dieser neue Gebäudeteil wurde so gestaltet, dass er sich harmonisch in die bestehende Bausubstanz einfügt, dabei aber eine eigene zeitgenössische Sprache spricht.

Im neuen Anbau fanden wichtige neue Nutzungen ihren Platz, die die Nutzungsmöglichkeiten der Bibliothek erheblich erweitern. Dazu gehören:

  • Ein Auditorium für Veranstaltungen, Vorträge und kulturelle Aufführungen
  • Ein Lesecafé, das als Treffpunkt für Besucher und Leser dient
  • Ein Museumsshop, der thematisch auf die Bibliothek und ihre Sammlungen ausgerichtet ist

Diese neuen Funktionen haben die Humanistenbibliothek von einer reinen Forschungseinrichtung zu einem lebendigen kulturellen Zentrum entwickelt, das ein breites Publikus anspricht. Der Anbau wurde mit modernster Technik ausgestattet, um eine vielfältige Nutzung zu ermöglichen.

Regionale Bedeutung im Kontext der elsässischen Bibliothekslandschaft

Die Renovierung der Humanistenbibliothek ist Teil einer größeren Entwicklung in der elsässischen Bibliothekslandschaft. In den letzten über zehn Jahren haben sich die Bibliotheken im Elsass durch einige Neu- und Umbauten erheblich verändert.

Ein erstes bedeutendes Projekt war die Stadtbibliothek in Straßburg (Médiathèque André-Malraux), die 2008 in einem umgebauten Gebäude neu eröffnet und dadurch erheblich vergrößert wurde. In den Folgejahren wurde dann das historische Bibliotheksgebäude der Bibliothèque nationale et universitaire (BNU), ebenfalls in Straßburg, komplett umgebaut und 2014 neueröffnet.

Mit der Fertigstellung des Umbaus der Humanistenbibliothek in Schlettstadt wurde ein weiterer Baustein in dieser Entwicklung gelegt. Gleichzeitig wird derzeit die Dominikanerbibliothek in Colmar saniert, deren Fertigstellung für 2019 prognostiziert wurde. Ziel dieses Umbaus ist es, nicht nur den historischen Bibliotheksbeständen zu einer besseren Geltung zu verhelfen, sondern auch ein "Centre européen du livre et de l'illustration de Colmar" zu schaffen.

Die Verwaltungsregion Ostfrankreich (Région Alsace-Champagne-Ardenne-Lorraine) möchte mit der Schaffung dieser Zentren einen Beitrag zur Sensibilisierung für Schriftgut und Bücher leisten und auf diese Weise den Kulturtourismus in der Region fördern. Die verschiedenen Bauvorhaben zeigen, dass sich die Region für die vielfältige Bewahrung des geistigen Erbes in Form von Schrift- und Buchbeständen tatkräftig und mit sichtbarem Erfolg einsetzt.

Fazit

Die Renovierung der Humanistenbibliothek in Schlettstadt stellt ein gelungenes Beispiel für den Umgang mit historischer Bausubstanz dar. Durch die Kombination von Respekt vor dem historischen Erbe und mutiger zeitgenössischer Architektur ist ein Gebäude entstanden, das sowohl die wertvolle Sammlung angemessen präsentiert als auch als modernes kulturelles Zentrum fungiert.

Die Maßnahmen, von der Erneuerung der Statik über die Schaffung neuer Nutzflächen bis hin zur sensiblen Restaurierung historischer Elemente, zeigen die Vielfalt der Aufgaben, die bei der Renovierung eines solchen bedeutenden Gebäudes zu bewältigen sind. Die Wiedereröffnung der Bibliothek im Juni 2018 nach vierjähriger Schließung war ein Ereignis, das weit über das Elsass hinaus Beachtung fand.

Das Projekt demonstriert, wie durch sorgfältige Planung und Ausführung historische Bauwerke nicht erhalten, sondern für zukünftige Generationen neu belebt werden können. Die Humanistenbibliothek in Schlettstadt steht damit als Symbol für die außergewöhnliche intellektuelle Fruchtbarkeit des oberrheinischen Humanismus im 15. und 16. Jahrhundert, für den die Stadt einst ein Brennpunkt mit enormer Ausstrahlungskraft war.

Quellen

  1. Ein neues Schaufenster des Humanismus am Oberrhein – Die Humanistenbibliothek in Schlettstadt nach dem Umbau
  2. Das doppelte Erbe Schlettstadts
  3. Die Humanistenbibliothek in Schlettstadt

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