Einleitung
Die katholische Kirche St. Matthias in Berlin-Schöneberg repräsentiert einen bedeutenden Teil der kirchlichen Architekturgeschichte der deutschen Hauptstadt. Als eine der größten katholischen Kirchen Berlins und als einer der wenigen freistehenden Sakralbauten der Stadt hat sie eine besondere kulturelle und religiöse Bedeutung. Ihr neugotischer Stil und ihre wechselvolle Geschichte, geprägt von Kriegszerstörungen und mehrfachen Restaurierungen, machen sie zu einem interessanten Objekt der Denkmalpflege und Baukonservierung. Dieser Artikel beleuchtet die Entwicklung des Gebäudes und insbesondere die verschiedenen Sanierungsmaßnahmen, die im Laufe der Zeit durchgeführt wurden, um die bauliche Substanz zu erhalten und die Kirche für zukünftige Generationen zu bewahren.
Geschichte und Architektur
Die Geschichte der Pfarrei St. Matthias beginnt in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit erkannte der Ministerialdirektor Matthias Aulike, ein katholischer Westfale im damals überwiegend protestantischen Berlin, die seelsorgerische Not der Katholiken in der Region. Zwischen Sankt Hedwig (heutige St. Hedwigs-Kathedrale) und Potsdam existierte keine katholische Kirche. testamentarisch hinterließ Aulike 20.000 Taler für die Errichtung einer Seelsorgestelle in der Schöneberger Vorstadt. Daraufhin entstand an der Potsdamer Straße (heutiges Haus Nr. 94) eine kleine Kirche, die 1867/1868 von der St.-Hedwigs-Gemeinde erbaut wurde.
Im Jahr 1868, bei der Fertigstellung und Benedizierung der Kirche, wurde die nach dem Namenspatron des Stifters benannte Gemeinde aus St. Hedwig ausgegründet. St. Matthias ist damit nach St. Hedwig und St. Sebastian die drittälteste nachreformatorische katholische Pfarrei in Berlin. Das Gemeindegebiet erstreckte sich bis zur Pfarrei St. Peter und Paul in Potsdam. Die Zahl der zunächst 800 Gemeindemitglieder wuchs rasch an, sodass das Kirchengebäude 1881 erweitert wurde. Doch auch der hinzugewonnene Raum reichte bald nicht mehr aus.
Für die etwa 10.000 Mitglieder, die die Gemeinde bereits um 1890 zählte, beschloss man den Bau einer größeren Kirche auf dem zur damals selbstständigen Stadt Schöneberg gehörenden Winterfeldtplatz. Nach den Plänen des Architekten Engelbert Seibertz (1856-1929) entstand die heutige Matthiaskirche, die am 24. Oktober 1895 durch den Fürstbischof von Breslau Georg Kardinal Kopp feierlich geweiht wurde.
Die dreischiffige neogotische Hallenkirche zählt bis heute zu den größten katholischen Kirchen Berlins. Ihr neugotischer Stil prägt das Stadtbild Schönebergs nachhaltig und macht sie zu einem architektonischen Highlight im urbanen Raum. Wegen ihrer Größe und zentralen Lage fungierte St. Matthias in den Jahren der Berliner Teilung als eine Art Co-Kathedralkirche für den Westteil Berlins, was ihre besondere Bedeutung unterstreicht.
Kriegszerstörung und Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg
Der Zweite Weltkrieg hinterließ tiefe Spuren an der Matthiaskirche. Die dreischiffige neogotische Hallenkirche wurde im Krieg weitgehend zerstört, was einen umfassenden Wiederaufbau erforderlich machte. 1952 konnte die Kirche in stark reduzierter Form wieder eröffnet werden – rechtzeitig zum ersten Katholikentag nach dem Krieg, was symbolisch für den Neubeginn der katholischen Gemeinde nach den Kriegsjahren steht.
Die Wiederaufbauarbeiten nach 1945 stellten eine enorme Herausforderung dar, da viele Originalpläne und Baupläne während des Kriegs verloren gegangen waren. Die Architekten und Handwerker mussten sich auf verbliebene Reste des ursprünglichen Baus stützen und gleichzeitig die wirtschaftlichen Notwendigkeiten der Nachkriegszeit berücksichtigen. Die reduzierte Form des Wiederaufbaus spiegelte die damaligen knappen Ressourcen wider, doch wurde dennoch versucht, den ursprünglichen neugotischen Charakter des Gebäudes so gut wie möglich zu bewahren.
Generalrestaurierung in den 1980er Jahren
Nach rund drei Jahrzehnten nach dem Wiederaufbau wurde es notwendig, die Kirche grundlegend zu sanieren. In den Jahren 1987 bis 1993 fand eine umfassende Generalrestaurierung der Kirche statt, die sich sowohl auf die äußere Bausubstanz als auch auf den Innenraum konzentrierte. Ein besonderes Augenmerk lag in dieser Phase auf der Wiederherstellung der baufällig gewordenen Fenster.
Der Kirchenmaler Hermann Gottfried entwarf die heutigen Kirchenfenster, die nach und nach während dieser Restaurierungsphase eingesetzt wurden. Diese Fenster verleihen dem Kircheninneren eine besondere Atmosphäre und symbolisieren den religiösen Charakter des Raums. Die Farbwahl und die Motive der Fenster spiegeln neugotische Traditionen wider, wurden aber zeitgemäß interpretiert.
Die Generalrestaurierung der späten 1980er und frühen 1990er Jahre war ein wichtiges Projekt zur Bewahrung des baulichen Erbes von St. Matthias. Sie zeigte, dass auch nach schweren Kriegsschäden und einem zunächst reduzierten Wiederaufbau die ursprüngliche architektonische Qualität des Gebäudes wiederhergestellt werden konnte.
Die Orgel von St. Matthias - Ein Klangschätzerträum
Die musikalische Ausstattung der Kirche St. Matthias hat eine ebenso wechselhafte Geschichte wie das Gebäude selbst. Im Rahmen des Neubaus der Kirche erhielt diese 1893 zunächst eine Interimsorgel, die 1913/1914 durch eine Orgel von Ernst Seifert, Köln, ersetzt wurde. Dieses mit 50 klingenden Registern und einer Transmission auf drei Manualen und Pedal ausgestattete Instrument hatte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Bestand.
Nach dem Wiederaufbau der Kirche wurde erneut ein Interimsinstrument genutzt, bis 1958 die heutige Orgel installiert wurde. Diese wurde 1958/1974 von der Orgelfirma R. Seifert in Kevelaer erbaut. Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten in der Kirche führte die Firma Stockmann aus Werl von 1992 bis 1993 die erste Generalüberholung der Orgel durch.
Eine weitere bedeutende Restaurierungsphase folgte von 2008 bis 2009, als die Orgelbaufirma Sauer aus Frankfurt (Oder) unter der Leitung von Peter Fräßdorf das Instrument erneut restaurierte. Diese Renovierung, die durch Spenden in Höhe von 185.100 EUR ermöglicht wurde, verhalf der Orgel zu neuem Glanz. Viele Teile der Werke, der Pfeifen, der Elektrik und Elektronik sowie des Spieltisches wurden technisch erneuert. Die notwendige Erweiterung und Verbesserung der Spieltechnik optimierte die Orgel wesentlich.
Die Matthias-Orgel gilt als eines der herausragendsten Orgelinstrumente in Berlin. Obwohl es in Berlin einige wenige Orgeln gibt, die mehr Register aufweisen, erreicht keine Orgel in Berlin an Klangfülle und Volumen die Matthiasorgel. Die gewonnene Klangfülle ermöglicht die Darstellung aller Epochen der Orgelmusik und darüber hinaus die Bearbeitungen klassischer Orchesterwerke nahezu perfekt.
Die umfassende Sanierung 2018-2019
Zum 150. Jubiläum der Gemeinde im Jahr 2018 erfolgte eine weitere umfassende Sanierung der Kirche, die als besonders gelungenes Beispiel für denkmalgerechte Restaurierung gelten kann. Die Maßnahmen dieser Phase konzentrierten sich auf mehrere Bereiche des Gebäudes.
Dacharbeiten und Balustradenrekonstruktion
Ein Schwerpunkt der Arbeiten war die Sanierung des Daches. Das gesamte Dach wurde neu gedeckt, um die Bausubstanz vor Feuchtigkeit und Verwitterung zu schützen. Gleichzeitig wurde die provisorische Dachbalustrade durch eine rekonstruierte Balustrade ersetzt, die sich eng an den Originalentwürfen von Engelbert Seibert orientierte.
Die Rekonstruktion der Balustrade stellte besondere Anforderungen an die Handwerker und Planer. Es galt, die historische Formensprache des neugotischen Stils wiederherzustellen, ohne dabei moderne bautechnische Standards zu vernachlässigen. Die Verwendung traditioneller Materialien und Techniken wurde dabei ebenso berücksichtigt wie die Anforderungen an eine dauerhafte und wetterbeständige Ausführung.
Innenraumrenovierung
Parallel zu den Außenarbeiten erfolgte im Inneren der Kirche eine grundlegende Renovierung. Diese umfasste nicht nur die Reinigung und Sanierung bestehender Flächen, sondern auch die Neufassung wichtiger architektonischer Elemente. Die Arbeiten wurden mit großer Sorgfalt durchgeführt, um den historischen Charakter des Raums zu bewahren und gleichzeitig eine zeitgemäße Ästhetik zu schaffen.
Ein besonderes Augenmerk lag bei der Innenraumgestaltung auf der Verbindung von traditionellem und modernem. Während die neugotischen Grundstrukturen erhalten blieben, wurden moderne Materialien und Techniken dort eingesetzt, wo sie eine Verbesserung der Nutzungsfähigkeit oder eine längere Haltbarkeit versprachen.
Künstlerische Ausstattung und besondere Elemente
Die Kirche St. Matthias birgt eine Reihe künstlerisch wertvoller Ausstattungsstücke, die im Zuge der verschiedenen Sanierungsphasen restauriert oder neu integriert wurden. Seit Dezember 2021 hat das Bild "Deus absconditus" des Leipziger Malers Michael Triegel in der Beichtkapelle einen dauerhaften Platz gefunden. Dieses moderne Kunstwerk fügt sich harmonisch in den historischen Kontext der Kirche ein und zeigt, wie zeitgenössische Kunst auch in denkmalgeschützten Räumen wirken kann.
Weitere bedeutende Ausstattungselemente der Kirche umfassen: - Ein Schrein mit Reliquien des Apostels Matthias - Den Ambo, der für die Predigt im Gottesdienst genutzt wird - Den Tabernakelturm als zentrales Element der liturgischen Ausstattung - Ein Auferstehungsrelief - Ein Reliquiar des Kardinals von Galen - Den Kreuzweg als Stationenbild - Das Galen-Portal als besonderer Eingangsbereich - Die Turmkapelle als sakraler Raum - Emaillebilder und die Ikone "Gottesmutter von der immerwährenden Hilfe" - Den Marienaltar
Technische Aspekte der denkmalgerechten Sanierung
Die jüngste Sanierungsphase 2018-2019 stellte hohe technische und organisatorische Anforderungen. Das Projekt wurde von einem Team hochqualifizierter Fachleute begleitet, die sicherstellten, dass alle denkmalpflegerischen Vorgaben eingehalten wurden.
Das Projekt "Denkmalgerechte Sanierung" wurde von der Katholischen Kirchengemeinde St. Matthias in Auftrag gegeben. Die architektonische Leitung lag bei Bernrieder . Sieweke Lagemann . Architekten BDA, während die Bauleitung von ISV Gerstung und Biesold (für BSL-Architekten) übernommen wurde. Ein besonderes Merkmal des Projekts war der parametrische Entwurf der Balustrade und Fialen durch Prof. Dr.-Ing. Daniel Lordick, der moderne computergestützte Designmethoden mit handwerklicher Tradition verband.
Für das Tragwerksplanung und die Bauphysik zeichnete das Leupold – Ingenieurbüro für Tragwerksplanung und Bauphysik GmbH verantwortlich. Die umfassende Leistung umfasste alle Leistungsphasen der Planung (LP 1 bis LP 8), was eine ganzheitliche Betrachtung des Bauvorhabens ermöglichte.
Die technische Umsetzung der Sanierung erforderte innovative Lösungen, um die Balance zwischen Denkmalschutz und modernen bautechnischen Anforderungen zu finden. Insbesondere bei der Rekonstruktion der neugotischen Elemente wie der Balustrade mussten moderne Materialien und Techniken eingesetzt werden, ohne den historischen Charakter zu beeinträchtigen.
Bedeutung als Baudenkmal
Die Kirche St. Matthias steht unter Denkmalschutz und ist damit als besonders schützenswertes Kulturdenkmal anerkannt. Ihre Bedeutung als Baudenkmal resultiert aus mehreren Faktoren:
Erstens repräsentiert sie den neugotischen Kirchenbau des späten 19. Jahrhunderts in besonders eindrucksvoller Weise. Als eine der größten katholischen Kirchen Berlins zeigt sie die Ambitionen und das Selbstbewusstsein der katholischen Gemeinde in einer Zeit, in der der Katholizismus in der protestantisch geprägten Hauptstadt noch eine Minderheitenposition einnahm.
Zweitens ist sie ein wichtiges Zeugnis der Berliner Stadtgeschichte und der Entwicklung von Schöneberg von einer selbstständigen Stadt zu einem Berliner Bezirk. Ihre Lage am Winterfeldtplatz, einem der bedeutendsten städtebaulichen Anlagen Berlins, unterstreicht ihre städtebauliche Bedeutung.
Drittens ist sie aufgrund ihrer Funktion als Co-Kathedrale während der Teilung Berlins von besonderer historischer Bedeutung. In dieser Zeit fungierte sie als eine Art Zentrum des katholischen Lebens im Westteil der Stadt, was ihre symbolische Bedeutung unterstreicht.
Viertens ist sie als einer der wenigen freistehenden katholischen Kirchen in Berlin architektonisch besonders bemerkenswert. Viele katholische Kirchen Berlins sind in bestehende Gebäudekomplexe integriert oder stehen in engem Zusammenhang mit anderen Bauwerken.
Die jüngste Sanierung hat dazu beigetragen, diese Bedeutung für zukünftige Generationen zu bewahren. Durch den sensiblen Umgang mit dem historischen Erbe und die Integration zeitgenössischer Elemente wurde gezeigt, wie Denkmalschutz und zeitgemäße Nutzung miteinander in Einklang gebracht werden können.
Fazit
Die Kirche St. Matthias in Berlin-Schöneberg ist ein herausragendes Beispiel für die erfolgreiche Verbindung von historischem Erbe und zeitgemäßer Nutzung. Ihre mehr als 125-jährige Geschichte ist geprägt von wechselvollen Epochen, von der prunkvollen Entstehszeit im neugotischen Stil über die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs bis hin zu den verschiedenen Restaurierungs- und Sanierungsphasen.
Die jüngste umfassende Sanierung 2018-2019 zeigt exemplarisch, wie denkmalgerechte Restaurierung aussehen kann. Der behutsame Umgang mit der historischen Bausubstanz, die Rekonstruktion verlorener Elemente wie der Balustrade und die Integration zeitgenössischer Kunst wie des Bildes "Deus absconditus" von Michael Triegel schaffen eine gelungene Synthesis von Tradition und Moderne.
Die technische Qualität der jüngsten Sanierung, durchgeführt von einem Team hochqualifizierter Fachleute, stellt sicher, dass die Kirche auch in Zukunft als sakraler Raum und als architektonisches Denkmal erhalten bleiben kann. Gleichzeitig ermöglicht die Sanierung eine zeitgemäße Nutzung des Gebäudes als Ort der Andacht, der Gemeinschaft und der kulturellen Begegnung.
Die Geschichte der Sanierungen der Kirche St. Matthias zeigt auch die gewachsene Bedeutung des Denkmalschutzes im Laufe der Zeit. Während der Wiederaufbau nach dem Krieg zunächst vor allem praktischen Notwendigkeiten folgte, sind die späteren Sanierungen zunehmend von einem Bewusstsein für den kulturhistorischen Wert des Gebäudes geprägt. Dieser Wandel spiegelt eine gesellschaftliche Entwicklung wider, in der der Erhalt historischer Bauten immer höher bewertet wird.
Die Kirche St. Matthias ist damit nicht nur ein bedeutendes religiöses und kulturelles Zentrum für die Gemeinde und den Bezirk Schöneberg, sondern auch ein wichtiges Zeugnis der Berliner Baugeschichte und des Umgangs mit historischer Bausubstanz im 21. Jahrhundert.