Einleitung
Die Kirche St. Moritz in Augsburg repräsentiert mit fast tausendjähriger Geschichte einen der bedeutendsten Sakralbauten der Stadt. Ihre Entwicklung spiegelt die architektonischen Epochen und historischen Umwälzungen wider, die Augsburg durchlebt hat. Vor der umfassenden Renovierung durch den britischen Stararchitekten John Pawson zwischen 2008 und 2013 präsentierte sich die Kirche als ein komplexes Gebäude mit Schichten aus verschiedenen Bauepochen, von romanischen Ursprüngen über gotische Erweiterungen bis hin zu barocker Umgestaltung und nachkriegszeitlichem Wiederaufbau. Dieser Artikel beleuchtet die Baugeschichte und den Zustand der Kirche vor ihrer purifizierenden Umgestaltung, die als Wendepunkt in ihrer Architekturgeschichte gilt.
Die Gründungsphase und die Anfänge (1019-1314)
Im Jahr 1019 gründete der Augsburger Bischof Bruno (1006-1029), ein bayerischer Herzogssohn und Bruder Kaiser Heinrichs II. des Heiligen, an der Maximilianstraße ein Kollegiatstift zu Ehren des Ritterpatrons St. Moritz. Dies war die vierte geistliche Gemeinschaft in Augsburg, nach dem Dom, der Basilika St. Ulrich und Afra sowie St. Stephan. Die Kirche St. Moritz wurde ursprünglich als Grablege und zum Gedenken an Bischof Bruno errichtet und befand sich damals noch außerhalb der Stadt auf halber Höhe zwischen Dom und St. Ulrich und Afra.
Die ursprüngliche Kirche aus dem 11. Jahrhundert war ein romanischer Bau, der als repräsentative Grablege für den Bischof diente. Diese erste Bauphase legte den Grundstein für die spätere Entwicklung des Bauwerks, das im Laufe der Jahrhunderte immer wieder erweitert und umgestaltet wurde.
Die erste bedeutende Zäsur in der Baugeschichte ereignete sich nach einem Brand im Jahr 1084. Der zerstörte Bau wurde teilweise wiederhergestellt, doch im Jahr 1299 ereignete sich ein teilweiser Einsturz, der eine umfassende Rekonstruktion erforderlich machte. Im Jahr 1314 wurde die Kirche etwas größer wieder aufgebaut. Entscheidend ist, dass die Mauern dieses Baus immer noch die Außenmauern der heutigen Kirche bilden. Diese mittelalterliche Bausubstanz stellt somit den ältesten erhaltenen Kern des heutigen Bauwerks dar.
Gotische Erweiterung und spätmittelalterliche Veränderungen (14.-15. Jahrhundert)
Im 15. Jahrhundert erlebte die Kirche St. Moritz eine weitere bedeutende Bauphase mit gotischen Erweiterungen. Im Jahr 1440 wurde das Langhaus erhöht, und die Kirche wurde im Stil der Gotik umgestaltet und erweitert. Diese Umbauten prägten das Erscheinungsbild des Bauwerks nachhaltig und verliehen ihm eine neue architektonische Ausprägung.
Besonders hervorzuheben ist die Spende der Augsburger Bürgerschaft im Jahr 1442, die den neuen Ostchor finanzierte. Dieser Chor wurde bereits ein Jahr später, 1443, geweiht und stellte eine bedeutende Erweiterung des Kirchenraums dar. Die Bürgerbeteiligung an diesem Bauprojekt unterstreicht die große Bedeutung, die die Kirche für die Augsburger Bevölkerung zu dieser Zeit hatte.
Eine weitere bemerkenswerte Veränderung erfolgte im Jahr 1494, als der freistehende Glockenturm durch Burkhart Engelberg erhöht wurde. Bei diesem Umbau erhielt das erste neue Geschoss des Turms Blendmaßwerk aus Formziegeln, das dem Turm sein charakteristisches Aussehen verlieh. Diese Maßnahme war nicht nur funktional (Erhöhung der Glockenstühle), sondern auch architektonisch prägend für das Erscheinungsbild des gesamten Kirchengebäudes.
Die Barockisierung (1714/15)
Im frühen 18. Jahrhundert erlebte die Kirche St. Moritz eine ihrer tiefgreifendsten Umgestaltungen: die Barockisierung. Im Jahr 1714 bzw. 1715 wurde sowohl das Innere als auch das Äußere der Kirche im Stil des Barock überformt. Diese Umgestaltung prägte das Erscheinungsbild des Bauwerks für fast 250 Jahre und überdeckte weitgehend die mittelalterliche Bausubstanz.
Die barocke Umgestaltung war Teil einer allgemeinen Tendenz im damaligen Bayern, bestehende Kirchenbauten im Stil der Zeit zu überformen und aufzuwerten. Für St. Moritz bedeutete dies eine grundlegende Veränderung der räumlichen Wirkung und der gestalterischen Details. Die schlichten romanischen und gotischen Formen wurden durch reiche Verzierungen, Stuckaturen und barocke Altäre ersetzt, die den Raum in eine neue, feierliche Atmosphäre tauchten.
Diese barocke Phase war architektonisch prägend, wurde aber später, nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, nicht wiederhergestellt, sondern ging durch die nachfolgenden Wiederaufbaumaßnahmen verloren.
Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und erster Wiederaufbau (1946-1950)
Der Zweite Weltkrieg brachte für die Kirche St. Moritz eine Katastrophe: Das Bauwerk wurde bis auf die Außenmauern und Säulen zerstört. Diese weitgehende Zerstörung beseitigte nicht nur die barocke Ausstattung, sondern auch große Teile der mittelalterlichen Bausubstanz und die nachbarocken Ergänzungen.
In den Jahren von 1946 bis 1950 erfolgte der erste Wiederaufbau der Kirche in einer stark vereinfachten Form. Dieser Wiederaufbau erfolgte unter der Leitung von Dominikus Böhm, einem der bedeutendsten Kirchenarchitekten seiner Zeit. Böhm gelang es, den in die Romanik zurückweisenden dreischiffigen basilikalen Baukörper zu erhalten und dabei die verschiedenen Epochen der Baugeschichte zu zitieren.
Besonders bemerkenswert war Böhms Ansatz, unter Bewahrung der historischen Substanz ein eigenständiges und aussagekräftiges Bauwerk zu schaffen. Er versuchte, die Geschichte des Bauwerks in der neuen Formensprache der Nachkriegsmoderne sichtbar zu machen und eine Verbindung zwischen Tradition und Moderne herzustellen.
Veränderungen in den Nachkriegsjahren (1960er Jahre)
Obwohl der Wiederaufbau durch Dominikus Böhm einen architektonically überzeugten Ansatz darstellte, wurde sein Konzept in den darauf folgenden Jahrzehnten stark verändert. In den 1960er Jahren wurde die Kirche erneut aufgebaut, wobei die ursprünglichen Ideen Böhms nur teilweise umgesetzt wurden.
Diese zweite Rekonstruktionsphase nach dem Krieg erfolgte im Geiste der damaligen Zeit, die oft historische Elemente zugunsten funktionaler und kostengünstigerer Lösungen zurückdrängte. Die genauen Natur dieser Veränderungen geht aus den Quellen nicht detailliert hervor, aber es ist klar, dass der von Böhm angestrebte Einheitlichkeitsgedanke verloren ging und die Kirche erneut ein uneinheitliches Erscheinungsbild erhielt.
Zustand vor der John Pawson-Renovierung (2008-2013)
Vor der umfassenden Renovierung durch John Pawson präsentierte sich die Kirche St. Moritz als ein komplexes Gebäude mit Schichten aus verschiedenen Bauepochen. Die Außenmauern stammten im Kern noch aus dem Wiederaufbau von 1314, waren aber durch gotische Erweiterungen, den barocken Umbau und die nachkriegszeitlichen Veränderungen geprägt.
Im Inneren war die Situation noch komplexer. Die barocke Ausstattung war zerstört und nicht wiederhergestellt worden. Der Wiederaufbau durch Dominikus Böhm in den späten 1940er Jahren hatte zwar einen einheitlichen basilikalen Grundriss geschaffen, aber in den folgenden Jahrzehnten waren weitere Veränderungen hinzugekommen, die den Raum heterogen gestalteten.
Die Kirche litt unter einem Mangel an räumlicher Klarheit und einem unzureichenden Lichtkonzept. Die verschiedenen historischen Schichten hatten zu einem uneinheitlichen Erscheinungsbild geführt, das die eigentliche architektonische Qualität des Bauwerks nicht mehr zur Geltung kommen ließ. Die Funktion der Kirche als Ort der spirituellen Erfahrung war durch diese räumliche Unübersichtlichkeit beeinträchtigt.
Architektonische Bewertung des Vorzustands
Aus architektonischer Sicht stellte die Kirche St. Moritz vor der Pawson-Renovierung ein interessantes, aber problematisches Beispiel für den Umgang mit historischer Bausubstanz dar. Einerseits war der Bau reich an Geschichte und enthielt bedeutende Teile der mittelalterlichen Bausubstanz. Andererseits war diese Substanz durch zahlreiche Eingriffe überformt oder verdeckt worden.
Der Architekturhistoriker Bernt von Hagen, der das Gebäude in seinem Werk "Denkmäler in Bayern, Stadt Augsburg" beschreibt, bewertet die Kirche als bedeutendes Baudenkmal, das den Schutz verdient. Allerdings zeigt auch seine Analyse, wie komplex die Lesbarkeit des Bauwerks aufgrund seiner vielschichtigen Geschichte geworden war.
Die Kirche wies vor der Renovierung folgende charakteristische Merkmale auf:
- Ein romanischer Kern aus dem 11. Jahrhundert, erkennbar an den Außenmauern aus dem Jahr 1314
- Gotische Elemente aus dem 15. Jahrhundert, insbesondere im erhöhten Langhaus und im Ostchor
- Spuren der barocken Umgestaltung von 1714/15, die im Wesentlichen nur noch in der Grundrissstruktur erkennbar waren
- Nachkriegszeitliche Veränderungen, die die ursprünglichen Rekonstruktionsidee Dominikus Böhms teilweise verwässert hatten
Entscheidung für eine grundlegende Neugestaltung
Die Entscheidung für eine grundlegende Neugestaltung des Kirchenraums durch John Pawson basierte auf der Erkenntnis, dass nur ein radikaler Eingriff die historische Qualität des Bauwerks wieder zur Geltung bringen konnte. Der Architekt entwickelte ab 2009 ein Konzept der Klarheit und des Lichtes für diesen Sakralraum, das darauf abzielte, die verschiedenen historischen Schichten zu durchbrechen und einen einheitlichen, spirituell wirksamen Raum zu schaffen.
Pawsons Ansatz war bewusst purifizierend: Er entfernte spätere Einbauten und Überformungen, um die wesentliche Struktur des Raumes wieder sichtbar zu machen. Gleichzeitig schuf er durch gezielte Eingriffe einen neuen, zeitgenössischen Ausdruck, der die Tradition mit moderner Architektur verbindet.
Die mehrfach prämierte Neugestaltung des nahezu 1000 Jahre alten Bauwerks sollte ein herausragendes Beispiel moderner Sakralarchitektur im historischen Bestand werden. Inspiriert durch die schlichte, erhabene Klarheit früher Zisterzienserbauten in Frankreich, schuf John Pawson einen Innenraum, der den Eintretenden durch stimmungsvolle Lichtästhetik und kompromisslosen Minimalismus sofort in den Bann zieht.
Fazit
Die Kirche St. Moritz vor ihrer Renovierung durch John Pawson war ein Bauwerk mit reicher, aber auch komplexer Geschichte. Ihre Entwicklung von einer romanischen Grablege über gotische Erweiterungen und barocke Umgestaltungen bis hin zu nachkriegszeitlichen Rekonstruktionen hatte zu einem architektonischen Geflecht geführt, das die ursprüngliche Qualität des Raumes nur noch teilweise zur Geltung bringen konnte.
Der Zustand der Kirche vor 2008 war geprägt von historischen Schichten, die zwar die lange Tradition des Bauwerks bezeugten, aber gleichzeitig eine klare räumliche Lesbarkeit erschwerten. Die Entscheidung für eine radikale Neugestaltung war somit kein Bruch mit der Geschichte, sondern vielmehr der Versuch, die wesentlichen Qualitäten des Ortes wieder freizulegen und sie in einer zeitgenössischen Sprache neu zu formulieren.
Die Renovierung durch John Pawson vollzog somit einen bewussten Schnitt mit der jüngeren Vergangenheit, um die historische Substanz in ihrer ursprünglichen Klarheit wiederherzustellen und gleichzeitig einen neuen, zukunftsweisenden Kirchenraum zu schaffen, der die Menschen einlädt, im Herzen Augsburgs Spiritualität zu erfahren.