Staatsbibliothek Unter den Linden: Denkmalschutz und Modernisierung im Einklang

Einleitung

Die Staatsbibliothek zu Berlin an der Unter den Linden stellt ein herausragendes Beispiel für die erfolgreiche Verbindung von historischer Bausubstanz und moderner Nutzung dar. Nach rund 15-jähriger Bauzeit wurde die 1914 eröffnete Bibliothek im Jahr 2020 offiziell saniert und eröffnet. Die aufwendige Maßnahme, die bereits 2005 begann, stellt nicht nur eine technische Herausforderung dar, sondern beweist, dass Denkmalschutz und zeitgemäße Bibliotheksnutzung harmonisch miteinander vereinbar sind. Dieser Artikel beleuchtet die umfassende Sanierung des Gebäudes, die besonderen Herausforderungen bei der Umsetzung und die innovative Lösungskonzepte, die bei diesem Projekt zum Einsatz kamen.

Historischer Hintergrund

Das Gebäude der Staatsbibliothek Unter den Linden wurde in den Jahren 1903 bis 1914 im Stil des Neobarocks errichtet und 1914 durch Kaiser Wilhelm II als damalige "Königliche Bibliothek" eröffnet. Bereits kurz nach seiner Fertigstellung erlitt das Bauwerk im Zweiten Weltkrieg schwere Beschädigungen, die einen umfangreichen Wiederaufbau notwendig machten. In der DDR-Zeit erfolgten weitere Umbauten, die das ursprüngliche Erscheinungsbild des Gebäides veränderten.

Ein besonderes Merkmal des Gebäudes ist das Lipmansche Regalsystem, das vom Kunstschlosser Robert Lipman 1889 patentiert wurde. Das sechsstöckige Regalsystem erreicht eine Höhe von 28 Metern und eine Länge von 180 Metern und umfasst insgesamt 18.000 Quadratmeter. Es gilt als das größte seiner Art und steht wie das gesamte Gebäude unter Denkmalschutz.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands und der Zusammenführung der während des Kalten Krieges getrennten Bestände im Jahr 1990 entwickelte die Staatsbibliothek ein neues Nutzungskonzept, bei dem das Gebäude Unter den Linden neben dem Standort in der Potsdamer Straße und einem neuen Magazinbau in Friedrichshagen eine zentrale Rolle einnimmt.

Sanierungskonzept und Planung

Die Sanierung der Staatsbibliothek Unter den Linden orientierte sich weitgehend an der ursprünglichen Konzeption der Architekten Ernst von Ihne und Paul Wallot. Im Jahr 2000 wurde im Architekturwettbewerb zur Grundinstandsetzung und Erweiterung der Entwurf von Professor HG Merz mit dem ersten Preis ausgezeichnet und damit zur konzeptionellen Grundlage der Sanierung.

Das Konzept zielte darauf ab, die für das Gebäude charakteristische Erschließungsachse von der offenen Eingangshalle Unter den Linden über den denkmalgeschützten Brunnenhof und die zentrale Treppenhalle in das Vestibül wiederzubeleben. Die weitgehend erhaltenen Monumentalräume sollten ihre früheren Geometrien zurückbekommen, wobei notwendige Ergänzungen in zeitgenössischer Formensprache als solche erkennbar ausgeführt werden.

Diese Herangehensweise ermöglichte eine dauerhafte Nutzung des Gebäudebestandes in weitgehender Übereinstimmung mit den Charakteristika des Hauses und entsprach in hohem Maße den Zielen des Denkmalschutzes. Neben der Erschließungsachse blieben das homogene äußere Erscheinungsbild und die einheitlichen Gestaltungsprinzipien für öffentliche Räume als weitere Wesensmerkmale des Gebäudes erhalten.

Umsetzung und Bauphasen

Die Sanierung der Staatsbibliothek Unter den Linden erfolgte bei laufendem Bibliotheksbetrieb und wurde vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) im Auftrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) geleitet. Der komplizierte Prozess in mehreren Bauphasen erstreckte sich über 15 Jahre und erforderte höchste Sorgfalt und Präzision.

Erste Bauphase (bis 2012)

In der ersten Etappe bis zum Jahr 2012 wurde der nördliche Gebäudeteil instandgesetzt und mit moderner Gebäudetechnik ausgestattet. Besonders bedeutend war in diesem Zusammenhang die erstmalige Klimatisierung der Magazine sowie die Installation einer Kastenförderanlage. Diese Maßnahmen waren entscheidend für die Erhaltung der wertvollen Bestände der Bibliothek.

Zweite Bauphase (2014-2017)

Bereits seit 2014 konnten Gebäudeteile der Akademie der Wissenschaften in Betrieb genommen werden. Im Frühjahr 2017 folgten der Veranstaltungsbereich, die Räume der Generaldirektion, Sonderlesesäle sowie weitere Büroflächen. Diese Phase brachte wichtige funktionale Erweiterungen für den Bibliotheksbetrieb mit sich.

Dritte Bauphase (2017-2020)

Die abschließende Bauphase konzentrierte sich auf die Wiederbelebung der für das Gebäude charakteristischen Erschließungsachse. Nach der feierlichen Schlüsselübergabe am 4. November 2019 wurde das 1914 in Betrieb genommene Gebäude für ein halbes Jahr geschlossen, um die umfangreichen Umzüge der Bücher und der Mitarbeiter zu ermöglichen. Während der langen Bauphase hatten die Mitarbeiter in Baucontainern an der Universitätsstraße arbeiten müssen.

Technische Innovationen und Besonderheiten

Die Sanierung der Staatsbibliothek Unter den Linden brachte zahlreiche technische Innovationen mit sich, die höchste Anforderungen an Denkmalschutz und Funktionalität stellten.

Klimatisierung und Brandschutz

Ein zentrales Anliegen der Sanierung war die Schaffung bester klimatisierter Bedingungen für die wertvollen Bestände sowie ein effektiver Brandschutz. Diese Maßnahmen sind für die Erhaltung historischer Buchbestände von entscheidender Bedeutung und wurden bei der Sanierung konsequent umgesetzt.

Buchtransportanlagen

Die Installation einer Kastenförderanlage stellte einen wesentlichen Fortschritt in der Logistik der Bibliothek dar. Diese Anlage ermöglicht einen effizienten Transport der Bücher innerhalb des Gebäudes und schont dabei die oft fragile historische Substanz der Werke.

Zeitgenössische Erweiterungsbauten

Ein besonderes architektonisches Merkmal der Sanierung ist der zeitgenössische Erweiterungsbau, der als Glaskubus ausgeführt wurde. In diesem mehrgeschossigen Bau befinden sich der Allgemeine Lesesaal und Tresormagazine für die besonders wertvollen Sondersammlungen der Bibliothek. Die Architekten wählten bewusst eine zeitgenössische Formensprache, die sich deutlich von der historischen Bausubstanz abhebt und dennoch eine harmonische Gesamterscheinung schafft.

Lipman-Regalsystem

Das Lipman-Regalsystem, das größte seiner Art weltweit, wurde während der Sanierung sorgfältig erhalten und in das moderne Nutzungskonzept integriert. Dieses historische Regalsystem aus dem Jahr 1889 ist nicht nur ein technisches Meisterwerk, sondern auch ein wesentlicher Bestandteil des Denkmalcharakters des Gebäudes.

Kosten und Zeitplan

Die Sanierung der Staatsbibliothek Unter den Linden erwies sich als außergewöhnlich komplexes Projekt, das ursprüngliche Zeit- und Kostenrahmen sprengte. Der Aufwand für die seit 2005 laufende Sanierung war größer als erwartet, was zu erheblichen Verzögerungen und Kostensteigerungen führte.

Die finalen Baukosten beliefen sich auf 470 Millionen Euro für eine Bruttogrundfläche von rund 100.000 Quadratmetern. Jörg Brandt, Projektleiter des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, merkte an, dass diese Summe bei genauerer Betrachtung gar nicht so hoch sei, insbesondere im Vergleich zum Humboldt Forum, das sich schräg gegenüber befindet.

Die Bauzeit von etwa 15 Jahren übertraf die ursprünglichen Planungen deutlich. Für die Errichtung des ursprünglichen Gebäudes waren nur 11 Jahre aufgewendet worden. Diese Diskrepanz unterstreicht die besondere Herausforderung, ein denkmalgeschütztes Gebäude bei laufendem Betrieb zu sanieren und gleichzeitig höchste technische Standards umzusetzen.

Nutzungskonzept nach der Sanierung

Die Sanierung der Staatsbibliothek Unter den Linden war untrennbar mit der Entwicklung eines neuen Nutzungskonzepts verbunden. Nach der Zusammenführung der während des Kalten Krieges getrennten Bestände im Jahr 1990 entwickelte die Staatsbibliothek ein Konzept, bei dem das Gebäude Unter den Linden eine zentrale Rolle spielt.

In der sanierten Bibliothek werden überwiegend vor 1945 erschienene Publikationen, die historisch besonders wertvollen Bestände und Nachlässe sowie einige bedeutende Sammlungen aufbewahrt. Des Weiteren sind die für die Restaurierung und für die Digitalisierung von Bestände zuständigen Abteilungen der Staatsbibliothek in dem Gebäude untergebracht.

Neue Veranstaltungs- und Ausstellungsbereiche

Ein wesentlicher Bestandteil des neuen Nutzungskonzepts ist die Schaffung neuer Veranstaltungs- und Ausstellungsbereiche. Seit Anfang 2017 findet sich neben den bibliothekstypischen Räumen ein repräsentativer Veranstaltungsbereich, in dem die Staatsbibliothek Konzerte, Lesungen und Diskussionsrunden durchführt und der auch von externen Interessenten gemietet werden kann.

Im Erdgeschoss steht Besucherinnen und Besuchern seit Mitte Juli 2022 das frei zugängliche Stabi Kulturwerk offen. Dieses umfasst Räume für die Dauerausstellung sowie für Wechselausstellungen und Workshops. Damit wurde erstmals ein dauerhafter Ausstellungsbereich geschaffen, in dem die Staatsbibliothek einen Teil ihrer wertvollen Bestände der Öffentlichkeit präsentieren kann.

Bibliotheksmuseum

Als nachlaufende Baumaßnahme soll im Erdgeschoss im Bereich des heutigen provisorischen Eingangsfoyers ein Bibliotheksmuseum entstehen. Darin wird die Staatsbibliothek erstmals dauerhaft einen kleinen Teil ihrer Bestände ausstellen können und so die reiche Geschichte der Institution einem breiten Publikum zugänglich machen.

Fazit

Die Sanierung der Staatsbibliothek Unter den Linden ist ein herausragendes Beispiel für gelungene Denkmalpflege im Einklang mit moderner Nutzungsanforderungen. Das Projekt beweist, dass es möglich ist, ein historisch wertvolles Gebäude bei laufendem Betrieb zu sanieren und dabei höchste technische Standards umzusetzen.

Die Verbindung von historischer Bausubstanz und zeitgenössischer Architektur, wie sie bei dem Glaskubus als Erweiterungsbau gelang, schafft einen spannungsvollen Dialog zwischen Tradition und Moderne. Die Bewahrung des Lipman-Regalsystems als größtes seiner Art weltweit unterstreicht den Respekt vor der historischen Substanz des Gebäudes.

Die hohen Kosten und die lange Bauzeit von 15 Jahren spiegeln die Komplexität des Projekts wider, das durch die Notwendigkeit denkmalgerechter Sanierung bei gleichzeitiger Modernisierung der technischen Infrastruktur besondere Anforderungen stellte. Das Ergebnis ist jedoch ein würdiges Schatzhaus für die historischen Bestände und gleichzeitig eine höchst funktionale, zeitgemäße Bibliothek.

Die Staatsbibliothek Unter den Linden ist nach der Sanierung nicht nur ein Ort der Wissenschaft und Forschung, sondern auch ein kulturelles Zentrum mit vielfältigen Angeboten für die Öffentlichkeit. Die Verbindung von Bewahrung und Innovation macht das Projekt zu einem Vorbild für zukünftige Sanierungsvorhaben denkmalgeschützter Gebäude.

Quellen

  1. Staatsbibliothek Unter den Linden grundsaniert
  2. Denkmalpflege Staatsbibliothek
  3. Projektinformation Grundinstandsetzung Staatsbibliothek
  4. Berlins nächstes Milliardenprojekt Sanierung der Staatsbibliothek
  5. Staatsbibliothek Unter den Linden ist fertig saniert

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