Einleitung
Die Paderborner Stadtbibliothek befindet sich derzeit in einer Phase der grundlegenden Erneuerung. Wo sonst friedliche Stille herrschte, ist nun eine lärmende Baustelle entstanden. Die Bibliothek, die als Kultur- und Bildungszentrum der Stadt gilt und 2021 die Auszeichnung "Bibliothek des Jahres" erhielt, wird saniert, während ihre Bestände vorübergehend umgelagert werden. Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte des Gebäudes, die aktuellen Renovierungsarbeiten, die Vision für die zukünftige Open Library im Adam-und-Eva-Haus sowie die Herausforderungen, die mit diesem ambitionierten Projekt verbunden sind.
Historische Entwicklung des Bibliotheksgebäudes
Die Geschichte des Gebäudes, das heute die Zentralbibliothek beherbergt, reicht bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Im Jahr 1816 zog das Oberlandesgericht von Minden nach Paderborn, und das Gebäude wurde zu dessen Sitz. Diese Nutzung prägte die architektonische Substanz des Hauses nachhaltig.
Ein entscheidender Einschnitt in die Baugeschichte erfolgte im Zweiten Weltkrieg. Im Jahr 1945 wurde das Gebäude bis auf die Außenmauern zerstört. Die Ruine blieb zunächst bestehen, bevor ab 1957 erste Maßnahmen zur Stabilisierung ergriffen wurden. Diese Phase der Ruinensicherung war notwendig, um die verbliebene Bausubstanz für eine zukünftige Nutzung zu bewahren.
In den frühen 1970er Jahren begann die Stadt Paderborn mit konkreten Planungen zur Nutzung des historischen Gebäudes als Stadtbibliothek. Dieser Entscheidung lag die Vision zugrunde, die historische Bausubstanz zu erhalten und gleichzeitig einen modernen Kultur- und Bildungsort zu schaffen. Der Umbau begann schließlich 1974 unter der Leitung des städtischen Hochbauamtes. Nach dreijähriger Bauzeit wurde die Bibliothek am 14. Januar 1977 eröffnet. Dieser markante Neuanfang verband die Renovierung des bestehenden Bauwerks mit der Integration zeitgemäßer Elemente in das Innenraumdesign.
Aktuelle Renovierungsarbeiten: Umräumung und Übergangslösungen
Seit dem Beginn der aktuellen Sanierungsphase im April 2023 befindet sich die Paderborner Stadtbibliothek in einem umfassenden Umzugsprozess. Der gesamte Medienbestand von etwa 100.000 Werken wurde für die Dauer der Arbeiten verpackt und eingelagert. Wie Bibliotheksleiterin Katrin Stroth berichtet, wurden "die ganzen Medien in 1.500 Umzugskartons verpackt". Der Großteil der Bücher bleibt dabei verpackt und wird von der Umzugsfirma eingelagert.
Zusätzlich zu dieser zentralen Lagerung verfügt die Stadtbibliothek über mehrere kleinere Lagerräume in der Innenstadt von Paderborn. Diese dezentrale Lagerstruktur hat zur Folge, dass das Bibliothekspersonal "momentan sehr viel durch die Gegend" laufen muss, um auf die benötigten Medien zugreifen zu können.
Parallel zur Verpackung der Medien wurden auch die alten Regale abmontiert. Der verstaubte Teppichboden des Gebäudes ist nun von Hinweisschildern für Besucher übersät, die auf die vorübergehende Schließung und die neuen Standorte hinweisen. Diese sichtbaren Veränderungen markieren den Beginn einer neuen Ära für die Bibliothek.
Übergangsquartiere: Notlösungen mit begrenztem Angebot
Während der gesamten Dauer der Sanierungsarbeiten müssen der Bibliotheksbetrieb und die Dienstleistungen aufrechterhalten werden. Zu diesem Zweck wurden Übergangsquartiere eingerichtet, die einen beschränkten, aber funktionierenden Betrieb ermöglichen.
Das auffälligste dieser Übergangsquartiere befindet sich im Wahlbüro am Abdinghof. Auf einer Fläche von lediglich 100 Quadratmetern bietet dieser Raum eine Auswahl der Stadtbibliothek an. Diese beschränkte Fläche bedeutet, dass nur ein Bruchteil des normalen Bestands zur Verfügung stehen kann. Besucher haben hier Zugang zu ausgewählten Medien, können aber nicht auf den vollständigen Bestand der Hauptbibliothek zugreifen.
Diese Übergangslösung stellt eine pragmatische Notlösung dar, die es der Bibliothek ermöglicht, während der Bauphase ihre Kernfunktion – den Zugang zu Medien und Information – aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass die räumlichen Gegebenheiten während der Sanierung erhebliche Einschränkungen mit sich bringen.
Die Open Library im Adam-und-Eva-Haus: Vision für die Zukunft
Während die Hauptbibliothek saniert wird, entsteht mit der Open Library im Adam-und-Eva-Haus eine innovative und zukunftsfähige Einrichtung im Herzen Paderborns. Dieses Projekt stellt einen entscheidenden Meilenstein in der Entwicklung der städtischen Bibliothekswesen dar.
Das Adam-und-Eva-Haus ist ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus im Zentrum von Paderborn, dessen Baugeschichte bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Bei der Sanierung dieses historischen Gebäudes wird besonderer Wert auf die denkmalgerechte Erhaltung und Erfahrbarkeit dieser langen Baugeschichte gelegt. Gleichzeitig wird das Haus barrierefrei, energetisch modernisiert und multifunktional gestaltet, um es für die neue Nutzung fit zu machen.
Die Open Library, die in diesem Haus entstehen soll, wird ein revolutionäres Konzept für Bibliotheksangebote in Deutschland darstellen. Sie wird 84 Stunden pro Woche zugänglich sein und weitgehend personalfrei betrieben werden können. Dieses Konzept ermöglicht eine maximale Flexibilität in der Nutzung und reduziert gleichzeitig die Betriebskosten.
Das Angebot der Open Library geht über traditionelle Bibliotheksdienste deutlich hinaus. Neben klassischen Medien werden vor allem auch digitale Angebote und mobile Arbeitsplätze verfügbar sein. Durch ein integriertes Veranstaltungskonzept soll die Open Library zum zentralen Kommunikations- und Begegnungsort in der Paderborner Innenstadt werden. Dieser Ansatz erkennt die sich wandelnde Rolle von Bibliotheken als reinen Ausleihstellen hin zu multifunktionalen Lern-, Arbeits- und Begegnungsorten.
Architektonische Besonderheiten: Das "Haus-im-Haus-Prinzip"
Die Umgestaltung des Bibliotheksgebäudes erfolgte nach dem innovativen "Haus-im-Haus-Prinzip". Dieses architektonische Konzept sieht vor, dass ein modernes Stahlbeton-Innenbauwerk auf Stützen errichtet wird, die bis zu 12 Meter tief in den Boden reichen. Diese Konstruktion ermöglicht es, die historische Substanz des Gebäudes zu erhalten, während gleichzeitig moderne Raumkonzepte realisiert werden.
Das Gebäude verfügt über vier Geschossebenen, die die historische Architektur mit modernen Bauweisen verbinden. Bei der Fassadengestaltung wurde bewusst auf gebrochenes Weiß und Standsteinwände in Naturton zurückgegriffen. Diese Farbwahl stellt eine bewusste Verbindung zur historischen Umgebung her und unterstreicht den Respekt vor dem bauhistorischen Erbe.
Die Umsetzung des "Haus-im-Haus-Prinzips" stellt eine architektonische Herausforderung dar, die jedoch gelöst wurde, ohne die charakteristischen Merkmale des historischen Gebäudes zu beeinträchtigen. Dieser Ansatz ermöglichte die Schaffung zeitgemäßer Nutzungsflächen innerhalb einer denkmalgeschützten Hülle – ein Paradebeispiel für gelungene Denkmalpflege im Kontext moderner Nutzungsanforderungen.
Dienstleistungen jenseits der Medienausleihe
Die Paderborner Stadtbibliothek hat sich in den letzten Jahren von einer klassischen Ausleihstelle zu einem multifunktionalen Kultur- und Bildungszentrum entwickelt. Dieser Wandel spiegelt sich in den vielfältigen Dienstleistungen wider, die heute über die reine Medienausleihe hinausgehen.
Ein zentrales Element dieser modernen Ausrichtung ist der Makerspace. Dieser Raum bietet die Möglichkeit für kreative Projekte und handwerkliche Tätigkeiten und richtet sich insbesondere an Nutzer, die digitale und analoge Fertigkeiten praktisch anwenden möchten. Der Makerspace stellt eine Brücke zwischen traditioneller Handwerkskunst und moderner Technologie her und fördert so die kreative Auseinandersetzung mit verschiedenen Materialien und Methoden.
Ein weiterer wichtiger Bereich ist das Lerncafé. Dieser Treffpunkt speziell für Studierende und Lernende schafft eine angenehme Atmosphäre, in der konzentriertes Arbeiten möglich ist. Das Lerncafé erfüllt damit eine wichtige soziale Funktion, indem es einen gemeinsamen Lernraum außerhalb der Universität oder der eigenen Wohnung bietet.
Neben diesen spezialisierten Angeboten verfügt die Bibliothek über zahlreiche Einzel- und Gruppenarbeitsplätze, die unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden. Diese Arbeitsplätze sind mit moderner Technik ausgestattet und ermöglichen ein produktives Arbeiten in ruhiger Umgebung.
Ein innovativer Bereich ist die Gaming-Ecke. Dieser Bereich widmet sich digitalen Spielen und Mediennutzung und wird von medienpädagogischen Angeboten begleitet. Die Einbeziehung von Gaming in das Bibliotheksangebot erkennt die veränderten Mediennutzungsgewohnheiten junger Menschen und nutzt diese als Zugang zu Bildung und Kultur.
Herausforderungen und Kontroversen: Finanzen und Bestandsentwicklung
Trotz ihrer innovativen Ausrichtung und der Auszeichnung als "Bibliothek des Jahres 2021" steht die Paderborner Stadtbibliothek vor erheblichen Herausforderungen, insbesondere im finanziellen Bereich. Die mehrfach ausgezeichnete Einrichtung erhielt zwar eine Erhöhung ihres Etats für die Anschaffung von Medien, diese fällt mit 12.000 Euro jedoch bescheiden aus. Hintergrund dieser knappen Mittel ist die desolate Haushaltslage der Stadt Paderborn.
Die Kritik an dieser finanziellen Situation kommt insbesondere von den Grünen im Kulturausschuss. Ihr Antrag, den Medienetat um 100.000 Euro aufzustocken, fand jedoch keine Mehrheit. Catharina Scherhans von den Grünen betonte in ihrer Argumentation: "Beim Bestand der Medien ist die Stadtbibliothek immer noch unterdurchschnittlich, bei der Besucherzahl aber überdurchschnittlich." Ihre Feststellung, dass die geforderte Erhöhung "nur die Wiederherstellung des Status Quo" bedeuten würde, macht deutlich, wie stark die Bibliothek in den vergangenen Jahren bei ihren Medienanschaffungen zurückstecken musste.
Diese Diskrepanz zwischen der hohen Besucherzahl und dem unterdurchschnittlichen Medienbestand stellt eine wesentliche Herausforderung für die Qualität der Bibliotheks dar. Gleichzeitig belegt der hohe Andrang, dass die Bibliothek bei den Paderborner Bürgern einen hohen Stellenwert einnimmt und als unverzichtbare kulturelle und Bildungseinrichtung wahrgenommen wird.
Kontext: Das Kooperationsprojekt "Stadtgesellschaft im Denkmal"
Die Open Library im Adam-und-Eva-Haus ist kein isoliertes Projekt, sondern Teil eines größeren, überregionalen Kooperationsprojekts. Das Projekt "Stadtgesellschaft im Denkmal" umfasst die Städte Bad Driburg, Horn-Bad Meinberg, Höxter, Lemgo, Nieheim und Paderborn. In jeder dieser Städte wird ein stadtbildprägendes Gebäude – entweder denkmalgeschützt oder erhaltenswerte Bausubstanz – saniert und für eine öffentliche Nutzung vorbereitet.
Alle Projekte teilen gemeinsame Ansätze und Ziele. Einerseits handelt es sich bei jedem Projekt um einen aufwendigen Sanierungsprozess sensibler, historischer Bausubstanz. Andererseits verfolgen alle Projekte den Ansatz, verschiedene soziokulturelle Nutzungen räumlich zu bündeln, um damit funktional-effiziente und ressourcenschonende Symbiosen zu fördern.
Ein zentrales Ziel des Gesamtprojekts ist die Zusammenführung verschiedener Zielgruppen. Durch die Schaffung multifunktionaler Räume in historischen Gebäuden sollen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und Interessensgruppen zusammengeführt werden. Dieser Ansatz zielt darauf ab, einen gesellschaftlichen Dialog zu ermöglichen und die Identifikation der Stadtgesellschaft mit dem jeweiligen Ort und der Stadt insgesamt zu fördern.
Das Projekt in Paderborn mit der Open Library im Adam-und-Eva-Haus stellt damit einen wichtigen Beitrag zur regionalen Entwicklung dar. Es zeigt, wie historische Bausubstanz nicht nur erhalten, sondern aktiv für die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft nutzbar gemacht werden kann.
Fazit
Die Sanierung der Paderborner Stadtbibliothek und die Einrichtung der Open Library im Adam-und-Eva-Haus stellen einen bedeutenden Meilenstein in der Entwicklung des Paderborner Kultur- und Bildungslandschafts dar. Das Projekt verbindet auf innovative Weise den Respekt vor historischer Bausubstanz mit zukunftsweisenden Konzepten für moderne Bibliotheksarbeit.
Während die Hauptbibliothek saniert wird, müssen Nutzer auf Übergangsangebote in beschränkten Räumlichkeiten ausweichen. Diese temporären Einschränkungen sind jedoch der Preis für eine grundlegende Erneuerung, die die Bibliothek noch leistungsfähiger und attraktiver machen wird. Die Open Library im Adam-und-Eva-Haus wird mit ihrer langen Öffnungszeit, dem weitgehend personalfreien Betrieb und dem Fokus auf digitale Angebote und mobile Arbeitsplätze neue Maßstäbe für Bibliotheksarbeit in Deutschland setzen.
Das Projekt macht deutlich, dass Bibliotheken im 21. Jahrhundert keine reinen Ausleihstellen mehr sind, sondern sich zu multifunktionalen Zentren für Bildung, Kultur, Begegnung und Arbeit entwickeln. Gleichzeitig zeigt das Projekt die Herausforderungen, mit denen öffentliche Einrichtungen in Zeiten knapper Kassen konfrontiert sind. Die Diskrepanz zwischen hoher Besucherzahl und unterdurchschnittlichem Medienbestand verdeutlicht, wie wichtig eine angemessene finanzielle Ausstattung für die Qualität der angebotenen Dienstleistungen ist.
Die Sanierung der Paderborner Stadtbibliothek ist damit mehr als nur eine bauliche Maßnahme – sie ist eine Investition in die kulturelle und soziale Infrastruktur der Stadt, die für die zukünftige Entwicklung von großer Bedeutung sein wird. Als Teil des überregionalen Projekts "Stadtgesellschaft im Denkmal" trägt das Projekt zudem zur Stärkung des historischen Bewusstseins und zur Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe bei.