Die behutsame Sanierung der Burgkirche Dreieichenhain: Historische Bausubstanz für die Zukunft bewahren

Einleitung

Die Burgkirche in Dreieichenhain steht als bedeutendes historisches Bauwerk im Herzen der südhessischen Stadt. Fast 300 Jahre prägt sie das Stadtbild und dient als Wahrzeichen sowie als kulturelles und spirituelles Zentrum für die Gemeindemitglieder. Nach intensiver Nutzung über Jahrhunderte zeigt das Gebäude jedoch deutliche Zeichen des Alters, die eine umfassende Sanierung erforderlich machen. Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte des Bauwerks, die Planung und Durchführung der Renovierungsmaßnahmen sowie die besonderen Herausforderungen, die bei der Erhaltung dieses historischen Denkmals zu bewältigen waren.

Historische Entwicklung der Burgkirche

Die Burgkirche ist untrennbar mit der Geschichte der Burg Hayn verbunden und stellt einen wesentlichen Teil des Stadtpanoramas am Burgweiher dar. Die Geschichte des Kirchbaus auf dem Burggelände reicht bis ins 10. Jahrhundert zurück, als an dieser Stelle eine ottonische Kapelle errichtet wurde. Später, um das Jahr 1300, entstand eine frühgotische Pankratius-Kapelle an dieser Stelle.

Die Entwicklung des Kirchenbaus nahm eine dramatische Wendung am 27. Dezember 1669, als eine gotische Saalkirche durch einen Brand vollständig zerstört wurde. Nach Überlieferung hatte ein Gottesdienstbesucher einen kleinen Ofen mit in die Kirche gebracht, wie es damals üblich war. Dabei fiel Holzkohle heraus und löste das verheerende Feuer aus. Bis zum Wiederaufbau der Kirche vergingen fast 50 Jahre, eine lange Zeit, in der die Gemeinde ohne Gotteshaus auskommen musste.

Der Wiederaufbau erfolgte schließlich in den Jahren 1716 bis 1718 während der Amtszeit des Pfarrers Philipp Kaspar Pack. Die neue Kirche wurde dabei um vier Meter nach Westen erweitert und am ersten Advent 1718 feierlich eingeweiht. Eine Inschrift über dem Portal erinnert bis heute an den Brand von 1669. Die Burgkirche entstand als Saalkirche in der Art einer ländlichen Barockkirche, die durch ihre schlichte Eleganz besticht. Anstelle eines traditionellen Kirchturms verfügt die Burgkirche über einen Haubendachreiter, der das Gebäude optisch abschließt. Die Fenster werden als "gotisierend" beschrieben, was einen bewussten Bezug zu den Vorgängerbauten darstellt.

Die heutigen Abmessungen der Kirche betragen 23,4 Meter in der Länge, 10,70 Meter in der Breite und bis zur Turmspitze 25,64 Meter in der Höhe. Diese Proportionen verleihen dem Bauwerk eine harmonische Gesamtwirkung, die typisch für barocke Sakralbauten der Region ist.

Ein besonderes Gestaltungselement ist das Fenster aus Betonglas, das sich seit 1975 hinter dem Altar befindet. Es wurde nach einem Entwurf von Hans-Jürgen Rau angefertigt und zeigt in kräftigen Farben vier zentrale Symbole des Christentums: Fisch, Flammen, Brot und Weinkelch. Dieses Kunstwerk hat sich zu einem prägenden Element der kirchlichen Raumgestaltung entwickelt.

Die Notwendigkeit der Sanierung

Nach fast drei Jahrhunderten intensiver Nutzung zeigt die Burgkirche deutliche Zeichen des Alters. Risse im Mauerwerk können nicht länger mit einfachen Anstrichen überdeckt werden, der Putz beginnt zu bröckeln und die technische Ausstattung entspricht nicht mehr den Anforderungen der modernen Nutzung. Die lange Geschichte des Gebäudes und die vielfältige Nutzung für Gottesdienste, kulturelle Veranstaltungen und Gemeindearbeit haben ihre Spuren hinterlassen.

Die Burgkirche dient nicht nur als Gotteshaus, sondern auch als kultureller Veranstaltungsort. In ihren Mauern finden Orgel- und Chorkonzerte statt, genauso wie Kinder-Musicals, Kirchen-Kino und viele andere kulturelle Aktivitäten. Diese intensive Nutzung über die Jahrzerte hat dazu beigetragen, dass das Gebäude einer umfassenden Sanierung bedarf, um seine Funktion als zentraler Ort für Gemeinde und Kultur weiterhin erfüllen zu können.

Die Renovierungsarbeiten wurden zudem durch den 300. Geburtstag der Kirche im Jahr 2018 zusätzlich motiviert. Dieses Jubiläum bot die Gelegenheit, das historische Bauwerk in einen Zustand zu versetzen, der seine Bedeutung als Wahrzeichen von Dreieichenhain unterstreicht und gleichzeitig den Anforderungen der modernen Nutzung entspricht.

Planung und Durchführung der Renovierung

Die Verantwortung für die Sanierung der Burgkirche lag in den Händen des Architekten-Duos Benjamin Jourdan und seines Vaters Jochem Jourdan. Das Team hat bereits an bedeutenden Bauwerken wie dem Höchster Schloss, dem Frankfurter Städel-Museum und der Documenta-Halle in Kassel mitgewirkt und bringt damit umfangreiche Erfahrung im Umgang mit historischer Bausubstanz mit.

Für die Planung der Renovierung der Burgkirche investierten die Architekten vier Monate intensiver Arbeit. Im Juli 2016 präsentierten sie der Gemeinde erstmals ihre Ideen für die großangelegte Sanierung. Die Präsentation im rappelvollen Gemeindehaus stieß bei den rund 50 Zuhörern auf große Zustimmung, was die positive Grundstimmung für das Projekt unterstreicht.

Die Familie Jourdan hat zudem eine persönliche Verbindung zur Burgkirche: Sie stammt aus Dreieichenhain, und Vater Jochem wurde in dem Gotteshaus auf dem Burggelände konfirmiert. Diese persönliche Bindung hat dazu beigetragen, dass die Architekten die Renovierung mit besonderem Feingefühl und Respekt vor der historischen Bedeutung des Bauwerks angehen.

Die geplante Sanierung umfasste sowohl die Außen- als auch die Innenrestaurierung des historischen Bauwerks. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf der behutsamen Vorgehensweise, um die historische Substanz zu erhalten und gleichzeitig die notwendigen Modernisierungen vorzunehmen. Das Ziel war es, die Kirche pünktlich zu ihrem 300. Geburtstag im Jahr 2018 wiederhergerichtet zu präsentieren.

Der Sakristei-Anbau als Teil der Sanierung

Ein wesentlicher Bestandteil der Sanierungspläne war der Anbau einer Sakristei, der moderne Nutzungsmöglichkeiten für die Kirche schaffen sollte. Dieser Anbau wurde von Jourdan & Müller Steinhauser Architekten konzipiert und fügt sich sensibel in die historische Bausubstanz ein.

Der geplante Sakristei-Anbau ermöglicht eine einfache Zugänglichkeit in der Nähe des Nebeneingangs seitlich des Altarraumes. Dabei wurde die hintere vorhandene Fensterleibung in der Südostecke bis zum Boden verlängert, um einen Durchgang zu schaffen, der den barrierefreien Zugang zu einer behindertengerechten Toilette und der Sakristei ermöglicht. Diese Maßnahme verbessert nicht nur die Funktionalität des Gebäudes, sondern erfüllt auch moderne Anforderungen an Barrierefreiheit.

Der Anbau selbst wurde als gerundeter eingeschossiger Baukörper um die Südostecke der Burgkirche konzipiert. Aus den aufgehenden Wänden schieben sich an den Eingängen über den Boden auskragende Sitzbänke, die Gelegenheit für ein Zusammensein, ein Gespräch oder zum kurz Ausruhen bieten. Diese gestalterische Elemente schaffen zusätzliche Aufenthaltsräume und fördern das soziale Miteinander innerhalb der Gemeinde.

Architektonisch steht der runde Anbau in einer kompositorischen Spannung zum quaderförmigen Körper der Kirche. Diese Beziehung wurde bewusst gestaltet und wird in den Planungsunterlagen verglichen mit "den rankend wachsenden Zeichnungen Dürers um ein in Blei gesetztes Gebetsbuch". Diese künstlerische Anspielung unterstreicht den Respekt der Architekten vor der historischen Bedeutung des Bauwerks und zeigt, wie moderne Ergänzungen mit Respekt vor dem Bestehenden umgehen können.

Die Planungsarbeiten für die Sanierung wurden in mehreren Phasen durchgeführt. Die erste Phase (1. BA) umfasste die Planungsleistungen 1-9, während die späteren Bauabschnitte (2. BA und 3. BA) die tatsächlichen Ausführungsarbeiten zwischen 2018 und 2020 beinhalteten. Insgesamt umfasste der projektierte Bereich etwa 513 Quadratmeter, was die Komplexität des Unterfangens unterstreicht.

Finanzierung und Gemeinschaftsbeteiligung

Die Finanzierung der umfassenden Sanierung der Burgkirche stellte die Gemeinde vor erhebliche Herausforderungen. Die Kosten für die aufwendigen Arbeiten konnten nicht allein durch die Kirchenverwaltung getragen werden, sodass zusätzliche Finanzierungsquellen erschlossen werden mussten.

Wie Pfarrer Buss klarstellte: "Wir schaffen es nicht aus eigener Kraft." Aus diesem Grund wurde eine umfassende Fundraising-Aktion ins Leben gerufen, unter dem pfiffigen Slogan "Geben Sie der Burgkirche den Rest". In der ganzen Stadt wurden Spendenboxen aufgestellt, etwa an der Kasse der Burgfestspiele, um kleine Spenden sammeln zu können.

Die Fundraising-Aktion wurde auf mehreren Ebenen durchgeführt. Ab September 2016 sollten alle Dreieicher Haushalte direkt angeschrieben werden, um die Bevölkerung für das Projekt zu gewinnen. Gleichzeitig wurden potentielle Sponsoren kontaktiert, um größere Spenden einwerben zu können. Regelmäßige Veranstaltungen wurden geplant, bei denen über den Stand der Renovierungsarbeiten informiert und um weitere Spenden gebeten werden sollte.

Die erste Resonanz auf die Spendenkampagne war laut Pfarrer Buss "großartig". Viele Gemeindemitglieder und Bürger von Dreieichenhain zeigten sich bereit, das historische Bauwerk zu unterstützen. Die Finanzierung wurde als "Schritt für Schritt gemeinsam realisiert" betrachtet, was den starken Gemeinschaftsgeist unterstreicht, der das Projekt begleitete.

Die endgültigen Entwürfe für die Renovierungsarbeiten sowie eine detaillierte Kostenkalkulation sollten der Kirchenverwaltung im September 2016 vorgelegt werden. Die Architekten wiesen darauf hin, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch keine genauen finanziellen Angaben machen konnten, da die Pläne noch nicht finalisiert waren. "Wenn wir jetzt etwas sagen, wäre es ohnehin falsch", erklärte Jochem Jourdan, "Wir wollen etwas Zuverlässiges sagen."

Herausforderungen der Sanierung historischer Bausubstanz

Die Sanierung der Burgkirche stellte die beteiligten Architekten und Handwerker vor besondere Herausforderungen. Bei der Arbeit an einem historischen Bauwerk aus dem 18. Jahrhundert müssen moderne Anforderungen an Sicherheit, Komfort und Barrierefreiheit mit dem Erhalt der historischen Substanz in Einklang gebracht werden.

Eine der zentralen Herausforderungen bestand darin, die ursprüngliche Bausubstanz zu erhalten, während gleichzeitig notwendige Modernisierungen durchgeführt wurden. Dies erforderte eine sorgfältige Abwägung zwischen Bewahren und Erneuern. Die Architekten musten sicherstellen, dass alle Eingriffe in das historische Gebäude reversibel oder zumindest mit minimalen Eingriffen verbunden waren.

Besondere Aufmerksamkeit wurde auch auf die Materialwahl gelegt. Bei der Sanierung wurden historische Techniken und Materialien verwendet, wo immer möglich, um die Authentizität des Bauwerks zu wahren. Gleichzeitig mussten moderne Materialien eingesetzt werden, um die Langlebigkeit der Sanierung zu gewährleisten.

Die Sanierung des Dachreiters stellte eine besondere Herausforderung dar, da dieser das optische Erscheinungsbild der Kirche prägt. Hier war es wichtig, die historische Form und Proportionen beizubehalten, während gleichzeitig die technische Sicherheit gewährleistet wurde.

Die Fenster, die als "gotisierend" beschrieben werden, erforderten ebenfalls eine sorgfältige Restaurierung. Hier mussten die historischen Glaselemente erhalten werden, während gleichzeitig die Dichtigkeit und Wärmedämmung verbessert wurde, um den modernen energetischen Anforderungen gerecht zu werden.

Fazit

Die Sanierung der Burgkirche in Dreieichenhain stellt ein gelungenes Beispiel für den behutsamen Umgang mit historischer Bausubstanz dar. Durch die Kombination aus sorgfältiger Restaurierung und sensibler Modernisierung gelang es, dieses bedeutende Bauwerk für die Zukunft zu erhalten und gleichzeitig seine Funktion als geistliches und kulturelles Zentrum der Gemeinde zu sichern.

Die enge Zusammenarbeit zwischen erfahrenen Architekten, engagierten Gemeindemitgliedern und der breiten Unterstützung der Bevölkerung hat entscheidend zum Erfolg des Projekts beigetragen. Die Burgkirche prägt nach wie vor das Dreieichenhainer Stadtbild und dient als Wahrzeichen, das die reiche Geschichte der Stadt widerspiegelt.

Der Anbau der Sakristei hat dem historischen Bauwerk neue Funktionalitäten hinzugefügt, ohne seine charakteristische Erscheinung zu beeinträchtigen. Die Maßnahmen zur Barrierefreiheit ermöglichen nun auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität, die Kirche zu besuchen und an den Aktivitäten teilzunehmen.

Die Sanierung der Burgkirche ist mehr als nur eine bauliche Maßnahme – sie ist ein Bekenntnis zur lokalen Geschichte und Kultur. Das Projekt zeigt, wie historische Bauten mit Respekt und Sorgfalt für zukünftige Generationen erhalten werden können, ohne ihre ursprüngliche Bedeutung zu verlieren.

Quellen

  1. Burgkirche: Renovierung behutsam angehen
  2. Burgkirche (Dreieichenhain)
  3. Burgkirche Dreieichenhain - Sanierung und Anbau einer Sakristei
  4. Die Burgkirche – eine wie keine

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