Einleitung
Der Quedlinburger Stiftsberg, Kern des UNESCO-Weltkulturerbes, befindet sich seit 2020 in einer umfassenden Sanierungsphase. Die bedeutende Stiftskirche St. Servatii und die angrenzenden Gebäude des ehemaligen Damenstifts werden grundlegend saniert und für die Zukunft vorbereitet. Nach jahrelangen Planungs- und Bauarbeiten, die durch die COVID-19-Pandemie und unerwartete Schwierigkeiten verzögert wurden, steht nun das Ende der Bauarbeiten in Sicht. Dieser Artikel gibt einen detaillierten Überblick über die laufenden Sanierungsmaßnahmen, die geschichtliche Bedeutung der Anlage und die zukünftige Nutzung nach der geplanten Wiedereröffnung zu Ostern 2026.
Geschichtliche Bedeutung des Stiftsbergs
Der Stiftsberg in Quedlinburg ist einer der wichtigsten Orte deutscher und europäischer Geschichte. König Heinrich I. baute ab 919 Quedlinburg zu einem Zentrum frühottonischer Macht aus und wurde auf eigenen Wunsch 936 in seiner Lieblingspfalz Quedlinburg bestattet. Königin Mathilde und Otto I. gründeten hier ein freiweltliches reichsunmittelbares Damenstift für die Memoria Heinrichs I. Das Damenstift spielte eine entscheidende Rolle im politischen und spirituellen Gefüge der Stadt Quedlinburg und der Region, bis es 1803 aufgehoben wurde.
Heute werden die Stiftskirche, der Domschatz und das Schloss museal und kirchlich genutzt. Die Anlage ist ein herausragendes Beispiel für mittelalterliche Architektur und Geschichte und bildet den Kern des UNESCO-Weltkulturerbes Quedlinburg, der einzigen Welterbestadt in Sachsen-Anhalt. Die historische Bedeutung der Stätte unterstreicht die Notwendigkeit der aufwändigen Sanierungs- und Erhaltungsmaßnahmen.
Umfangreiche Sanierungsmaßnahmen
Im Jahr 2020 begannen die umfangreichen Sanierungs- und Baumaßnahmen an den Gebäuden des einstigen Damenstifts. Die Arbeiten werden mit einem Gesamtvolumen von 30 Millionen Euro durchgeführt, wovon die Stadt Quedlinburg 14 Millionen Euro selbst aufbringen muss. Die Finanzierung erfolgt durch Fördermittel des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), des Landes und des Bundes.
Die Sanierungsarbeiten konzentrieren sich auf verschiedene Bereiche des Ensembles:
Stiftskirche St. Servatii
Die Stiftskirche, die den berühmten Domschatz beherbergt, umfasst folgende Sanierungsmaßnahmen: - Statische Ertüchtigung, Sicherung und Instandsetzung des Daches des Mittelschiffs - Sanierung der Fassade des hohen Chors - Restaurierung der Fassaden der hohen Gaden Nord und Süd - Instandsetzung der Dächer der Seitenschiffe Nord und Süd - Sanierung der Fassade des nördlichen Seitenschiffs - Bestandssicherungen in Teilbereichen des Innenraums
Stiftsgebäude, Süd- und Westflügel
Bei den Stiftsgebäuden konzentrieren sich die Arbeiten auf: - Statische Ertüchtigung der Dachkonstruktion - Vervollständigung des Fassadenkonzepts
Innenräume der Stiftsgebäude
Die Innenräume werden aufbereitet für: - Bauliche Vorbereitung für die Integration des neuen Museumskonzepts
Weitere Bereiche
Zusätzlich werden folgende Bereiche saniert: - Jägergarten: Statische Sicherung der Stützmauer - Torhaus/Dechanei: Herrichtung zum Verwaltungsbereich des Museums
Bauablauf und Phasen
Die Sanierungsarbeiten wurden in mehreren Bauabschnitten durchgeführt:
Erster Bauabschnitt (Juni 2019)
Der erste Bauabschnitt wurde im Juni 2019 am Residenzbau - dem Nordflügel mit den Repräsentationsräumen - fertiggestellt. In diesem Abschnitt konnten bereits Teile des Dachstuhls, der Fassade und die Stuckdecke im größten Saal des Damenstifts restauriert werden.
Zweiter Bauabschnitt (ab November 2019)
Seit Ende November 2019 setzt die Welterbestadt Quedlinburg im Rahmen der Förderung "Nationale Projekte des Städtebaus" die Sanierung in einem zweiten Bauabschnitt fort. In dieser Phase werden die Fassade des Schlafhauses sowie der westliche Teil des Dachstuhls des Nordflügels saniert. Gleichzeitig werden die baulichen Grundvoraussetzungen geschaffen, um in einem weiteren Schritt mit dem Innenausbau und der Gestaltung eines neuen Museums zur Geschichte des Damenstifts und der Stadt Quedlinburg beginnen zu können.
Dritter Bauabschnitt (ab März 2020)
Die Baumaßnahmen im Inneren der Gebäude folgten als dritter Bauabschnitt über den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) ab März 2020. In dieser Phase konzentrierten sich die Arbeiten auf die Innensanierung und Vorbereitung für die neue museale Nutzung.
Verzögerungen bei den Bauarbeiten
Nach ursprünglichen Planungen sollten die Kirche St. Servatius, die den berühmten Domschatz beherbergt, und das angrenzende Schloss bis zum 30-jährigen Bestehen des Unesco-Welterbetitels fertiggestellt sein. Die Feierlichkeiten zum Jubiläum fanden jedoch während der Bauarbeiten statt, was die besondere historische Bedeutung der Baumaßnahmen unterstreicht.
Erst die Corona-Pandemie und dann unvorhergesehene Schwierigkeiten haben die Arbeiten viele Jahre lang verzögert. Nach fünf Jahren Bauzeit ist nun ein Ende der Arbeiten in Sicht. L Aussage des Pfarrers der Evangelischen Kirchengemeinde Quedlinburg, Christoph Carstens, gehen die Stadt und die Kirchengemeinde davon aus, dass die Bauarbeiten im Dezember 2023 abgeschlossen werden. Die Wiedereröffnung soll dann zu Ostern 2026 erfolgen.
Zukünftige Nutzung und neue Dauerausstellung
Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten erwartet Besucher ein gänzlich neugestalteter Rundgang durch das beeindruckende Ensemble aus Stiftskirche, Kirchenschatz und Wohn- und Repräsentationsräumen. Besonders das Schloss und ehemalige Damenstift wird dann in neuem Glanz erstrahlen.
Die Räume werden umgebaut, denkmalgerecht renoviert und die Dauerausstellung, die die Geschichte des Damenstiftes präsentiert, komplett überarbeitet. "Die Ausstellung ist komplett neu und auch größer", betont Christoph Carstens. Schwerpunkt der Schau ist die Geschichte des Damenstifts, das vom ostfränkischen König Heinrich I. (um 875-936) auf Fürsprache seiner Gattin, Königin Mathilde (896-968) im Jahr 936 gegründet wurde. Es existierte bis zur Säkularisation 1802/03. Mathilde ist bis heute in der Krypta der Kirche bestattet.
Auch die Geschichte nach der Aufhebung des Stifts 1803 wird in der Ausstellung erläutert. Einer der Höhepunkte wird ein mittelalterlicher Knüpfteppich aus der Zeit um 1200 sein, der eigentlich in den Domschatz gehört, aber dort nicht gezeigt werden kann. Auch der bekannte "Raubgrafenkasten" wird Teil der Ausstellung sein. In dem Holzkasten soll im 14. Jahrhundert Graf Albrecht II. von Regenstein (um 1290-1348) von Quedlinburger Bürgern gefangen gehalten worden sein.
Barrierefreiheit und Besucherfreundlichkeit
Die Stadt Quedlinburg plant nach Angaben des Oberbürgermeisters Frank Ruch (CDU), das Stiftsbergensemble künftig durch zwei Aufzüge barrierearm zu gestalten. Zukünftig möchte man das Stiftsbergensemble, Stiftsgebäude und Stiftskirche, den Besuchern als Einheit präsentieren. "Das Museum auf dem Stiftsberg wird Champions League spielen", verspricht Ruch.
Das neu gestaltete Schlossmuseum wird am 28. März 2026 eröffnen. Die Stiftskirche mit dem Domschatz kann täglich außer montags von 10 bis 16 Uhr besichtigt werden.
Besucherdurante der Bauarbeiten
Trotz der umfangreichen Baumaßnahmen bleibt der Stiftsberg für Besucher teilweise zugänglich. Die Stiftskirche mit dem Domschatz kann täglich außer montags von 10 bis 16 Uhr besichtigt werden. Der Terrassengarten ist ebenfalls geöffnet: - April–Oktober: 6–22 Uhr - November–März: 6–20 Uhr
Während einer bestimmten Phase im Frühjahr 2020 war die Besichtigung der Kirche mit ihren Schatzkammern nur an den Wochenenden möglich: - 14. und 15. März jeweils 10 bis 16 Uhr - 21. und 22. März jeweils 10 bis 16 Uhr
Die öffentlichen Führungen fanden jeweils samstags und sonntags um 11 und 13 Uhr statt.
Fazit
Die Sanierung des Quedlinburger Stiftsbergs stellt eines der bedeutendsten Denkmalpflegevorhaben in Deutschland dar. Nach über sieben Jahren Bauzeit wird das Ensemble aus Stiftskirche, Stiftsgebäuden, Schloss und Gärten ab Frühjahr 2026 den Besuchern in neuem Glanz präsentiert. Die aufwändigen Sanierungsarbeiten, die statischen Sicherungen und die Anpassung an moderne Anforderungen wie Barrierefreiheit und Brandschutz werden es ermöglichen, die historische Bedeutung der Stätte angemessen zu präsentieren.
Mit der neuen Dauerausstellung, die sich auf die Geschichte des Damenstifts konzentriert, und der Präsentation wertvoller Kunstwerke wie des mittelalterlichen Knüpfteppichs und des "Raubgrafenkastens" wird das Museum auf dem Stiftsberg zu einem der führenden Kulturdestinationen in der Region werden. Die Investition von 30 Millionen Euro, wovon die Stadt 14 Millionen Euro selbst trägt, unterstreicht die hohe Priorität, die die Denkmalpflege an diesem UNESCO-Weltkulturerbe genießt.
Für die Bewohner Quedlinburgs und die Besucher der Region eröffnet sich nach Abschluss der Arbeiten die Möglichkeit, einen der bedeutendsten Orte deutscher Geschichte in zeitgemäßer Form zu erleben und die einzigartige Atmosphäre dieses historischen Ensembles zu genießen.