Stiftskirche Quedlinburg: Umfangreiche Sanierung nach jahrelangen Verzögerungen

Einleitung

Die Stiftskirche St. Servatii in Quedlinburg, ein bedeutendes historisches Ensemble mit romanischer Krypta und ottonischen Bauresten, befindet sich derzeit umfassender Sanierung. Diese Baumaßnahmen, die als bisher umfangreichste in der Geschichte des denkmalgeschützten Ensembles gelten, zielen darauf ab, die historische Bedeutung des Stifts und des Gebäudebestandes mit Schlossmuseum und Stiftskirche für die Besucher zugänglich zu machen. Das Projekt, das den Kern des Quedlinburger Weltkulturerbes als Ort europäischer Geschichte dauerhaft neu würdigen soll, ist jedoch mit erheblichen Herausforderungen und Verzögerungen verbunden. Nach ursprünglichen Planungen sollten die Arbeiten bereits zum 30-jährigen Jubiläum des Welterbetitels im Jahr 2023 abgeschlossen sein, doch nun ist eine Fertigstellung erst im Dezember 2024 und eine Wiedereröffnung zu Ostern 2026 geplant.

Historischer Hintergrund und Bedeutung

Die Stiftskirche St. Servatii und die angrenzenden Gebäude des ehemaligen Damenstifts bilden ein Ensemble von nationaler und internationaler Bedeutung. Die Kirche mit ihrer romanischen Krypta und die Reste des ottonischen Palas im Untergeschoss des Quedlinburger Schlosses geben Zeugnis von der glanzvollen Vergangenheit des Ortes. Das Damenstift wurde im Jahr 936 vom ostfränkischen König Heinrich I. auf Fürsprache seiner Gattin, Königin Mathilde, gegründet und existierte bis zur Säkularisation 1802/03. Mathilde ist bis heute in der Krypta der Kirche bestattet.

Die bauliche Substanz auf der eng bebauten Kuppe des Sandsteinfelsens benötigte über Jahrhunderte konstante Instandhaltungs- und Reparaturarbeiten, die von den mächtigen Äbtissinnen mit zum Teil enormen finanziellen Aufwänden durchgeführt werden mussten. Besonders dramatisch war die Situation im Jahr 2003, als während der Sanierung des westlichen Teils der unteren Stützmauer in der Wassertorstraße der ganze Südhang in Bewegung geriet. Die bis zu 7 Meter mächtigen, teilweise jahrhundertealten Auffüllungen drohten den Hang hinabzurutschen und die kleinen Häuser der Wassertor- sowie der Mühlenstraße zu verschütten.

Die Gefährdung des Ensembles stellte nicht nur einen baulichen Notstand dar, sondern bedrohte auch den Welterbestatus der gesamten Stadt Quedlinburg, der einzigen Welterbestadt in Sachsen-Anhalt. Diese ernste Lage veranlasste die Bundesrepublik Deutschland, das Land Sachsen-Anhalt und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz schnell mit der Bereitstellung von Fördermitteln in zweistelliger Millionenhöhe zu reagieren.

Umfang und Ziele der Sanierung

Die derzeitige bauliche Ertüchtigung der Stiftsgebäude hat das Ziel, die Voraussetzungen für eine zeitgemäße Präsentation von Schlossmuseum und Stiftskirche als historische Einheit zu schaffen. Das Projekt soll einen barrierearmen Rundgang mit einer modernen Ausstellung ermöglichen und so den Kern des Quedlinburger Weltkulturerbes dauerhaft neu würdigen.

Die Maßnahmen umfassen verschiedene Bereiche des Ensembles:

Stiftsgebäude, Süd- und Westflügel außen

  • Statische Ertüchtigung der Dachkonstruktion
  • Vervollständigung des Fassadenkonzepts

Stiftsgebäude innen

  • Bauliche Vorbereitung für die Integration des neuen Museumskonzepts

Jägergarten

  • Statische Sicherung der Stützmauer

Torhaus / Dechanei

  • Herrichtung zum Verwaltungsbereich des Museums

Die bisher umfangreichsten Baumaßnahmen im denkmalgeschützten Ensemble sind nicht die ersten Maßnahmen zum Erhalt des bedeutenden Ortes. Die komplexe Sanierung erfordert eine sorgfältige Abwägung zwischen notwendigen baulichen Maßnahmen und dem Schutz der historischen Bausubstanz.

Bauablauf und Bauphasen

Die umfangreichen Sanierungsarbeiten wurden in mehreren aufeinanderfolgenden Bauabschnitten organisiert:

Bauabschnitt 1 (Juni 2019)

Der erste Bauabschnitt wurde im Juni 2019 am Residenzbau, dem Nordflügel mit den Repräsentationsräumen, fertiggestellt. In diesem Abschnitt konnten bereits Teile des Dachstuhls, der Fassade und die Stuckdecke im größten Saal des Damenstifts restauriert werden.

Bauabschnitt 2 (Ende November 2019)

Seit Ende November 2019 setzt die Welterbestadt Quedlinburg im Rahmen der Förderung "Nationale Projekte des Städtebaus" in einem zweiten Bauabschnitt die Sanierung fort. In diesem Abschnitt werden die Fassade des Schlafhauses sowie der westliche Teil des Dachstuhls des Nordflügels saniert. Gleichzeitig werden damit die baulichen Grundvoraussetzungen geschaffen, um in einem weiteren Schritt mit dem Innenausbau und der Gestaltung eines neuen Museums zur Geschichte des Damenstifts und der Stadt Quedlinburg beginnen zu können.

Bauabschnitt 3 (ab März 2020)

Die Baumaßnahmen im Inneren der Gebäude folgten als dritter Bauabschnitt, der ab März 2020 über den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) finanziert wurde.

Finanzierung des Projekts

Die komplexe Sanierung des Stiftsberg-Ensembles ist ein teures Vorhaben, das durch eine Vielzahl von Finanzierungsquellen ermöglicht wird:

  • Europäischer Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) im Rahmen des Programms "Verbesserung der Präsentation und nachhaltigen Nutzung des kulturellen Erbes in Sachsen-Anhalt"
  • Mittel des Bundes aus der Städtebauförderung
  • Fördermittel des Landes Sachsen-Anhalt
  • Eigenmittel der Welterbestadt Quedlinburg
  • Mittel der Deutschen Stiftung Denkmalschutz

Die Bundesrepublik Deutschland, das Land Sachsen-Anhalt und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz reagierten auf die kritische Lage des Ensembles schnell mit der Bereitstellung von Fördermitteln in zweistelliger Millionenhöhe. Diese umfangreiche finanzielle Unterstützung unterstreicht die nationale und internationale Bedeutung des Projekts.

Herausforderungen und Verzögerungen

Ursprünglich sollten die Sanierungsarbeiten der Stiftskirche St. Servatii und des angrenzenden Schlosses zum 30-jährigen Jubiläum des Unesco-Welterbetitels im Jahr 2023 abgeschlossen sein. Tatsächlich haben jedoch mehrere Faktoren zu erheblichen Verzögerungen geführt:

  1. Corona-Pandemie: Die COVID-19-Pandemie führte zu Unterbrechungen bei den Bauarbeiten, Lieferengpässen bei Baumaterialien und zu personellen Engpässen.

  2. Unvorhergesehene Schwierigkeiten: Während der Bauarbeiten traten unvorhergesehene technische Herausforderungen auf, die zusätzliche Planungs- und Arbeitszeit erforderten.

  3. Komplexität der Sanierung: Die aufwendige denkmalgerechte Sanierung des historischen Ensembles erfordert eine besonders sorgfältige und zeitaufwendige Vorgehensweise.

Die Stadt Quedlinburg hat sich jedoch mit den Verzögerungen arrangiert und plant nun eine Fertigstellung der Bauarbeiten im Dezember 2024. Die Wiedereröffnung soll dann zu Ostern 2026 erfolgen, wie der Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Quedlinburg, Christoph Carstens, bestätigt.

Geplante neue Ausstellung

Ein zentrales Element der Sanierung ist die Gestaltung einer neuen Dauerausstellung im Schloss. Diese Ausstellung wird die Räume umgestalten und denkmalgerecht renovieren. Laut Christoph Carstens wird die Ausstellung "komplett neu und auch größer" sein als die bisherige.

Schwerpunkte der neuen Ausstellung

  1. Geschichte des Damenstifts: Der Schwerpunkt der Schau ist die Geschichte des einstigen Damenstifts, das im Jahr 936 gegründet wurde.

  2. Geschichte nach 1803: Auch die Geschichte nach der Aufhebung des Stifts 1802/03 wird in der Ausstellung erläutert.

  3. Besondere Exponate:

    • Ein mittelalterlicher Knüpfteppich aus der Zeit um 1200, der eigentlich in den Domschatz gehört, aber dort nicht gezeigt werden kann
    • Der bekannte "Raubgrffenkasten", in dem im 14. Jahrhundert Graf Albrecht II. von Regenstein von Quedlinburger Bürgern gefangen gehalten worden sein soll

Die neue Ausstellung soll die Besucher in die Geschichte des Damenstifts und der Stadt Quedlinburg einführen und die Bedeutung des Ortes als Teil des europäischen Kulturerbes vermitteln.

Aktueller Stand und Zukunftsaussichten

Nach fünf Jahren intensiver Sanierungsarbeiten steht nun ein Ende der Bauarbeiten in Sicht. Die Stadt Quedlinburg geht davon aus, dass die Bauarbeiten im Dezember 2024 abgeschlossen werden können. Die Wiedereröffnung des gesamten Ensembles ist dann für Ostern 2026 geplant.

Die Stiftskirche und die barocken Gärten bleiben während der Bauarbeiten geöffnet, während das Schlossmuseum geschlossen bleibt. Nach Abschluss der Arbeiten soll insbesondere das Schloss und ehemalige Damenstift in neuem Glanz erstrahlen und den Besuchern eine moderne, informative Präsentation der Geschichte des Ortes bieten.

Fazit

Die umfangreiche Sanierung des Stiftsberg-Ensembles in Quedlinburg ist ein komplexes und anspruchsvolles Projekt, das nicht nur die Erhaltung eines bedeutenden historischen Baudenkmals, sondern auch die Sicherstellung des Welterbestatus der gesamten Stadt zum Ziel hat. Trotz erheblicher Verzögerungen durch die Corona-Pandemie und unvorhergesehene technische Schwierigkeiten macht das Projekt Fortschritte und soll nun 2024 abgeschlossen werden.

Die Sanierung zeigt die Wichtigkeit der Erhaltung historischer Bausubstanz und die Notwendigkeit, zeitgemäße Präsentationsformen mit den Anforderungen des Denkmalschutts in Einklang zu bringen. Die neue Ausstellung, die die Geschichte des Damenstifts und der Stadt Quedlinburg darstellt, wird Besuchern aus aller Welt die Möglichkeit geben, diesen bedeutenden Ort europäischer Geschichte kennenzulernen.

Das Projekt stellt ein herausragendes Beispiel für die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Ebenen der öffentlichen Hand, der EU-Förderung und der lokalen Verwaltung im Bereich der Denkmalpflege dar und zeigt, dass der Erhalt des kulturellen Erbes eine gemeinsame Anstrengung erfordert.

Quellen

  1. Quedlinburg - Wohnen und Bauen: Bauprojekt Stiftsberg
  2. Harzkurier: Ende der Bauarbeiten auf dem Stiftsberg in Sicht
  3. Meine Kirchenzeitung: Stiftsberg auf der Zielgeraden
  4. Wikipedia: Stiftskirche St. Servatius

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