Einleitung
Die Sanierung und Erweiterung des Stuttgarter Opernhauses am Oberen Schlossgarten stellt eines der größten und komplexesten Bauvorhaben in der Stadtgeschichte dar. Das denkmalgeschützte Gebäude aus dem Jahr 1911 dringend einer umfassenden Erneuerung, die jedoch mit erheblichen Herausforderungen verbunden ist. Neben den technischen und finanziellen Aspekten muss auch der kulturelle Betrieb während der Bauzeit aufrechterhalten werden. Dieser Artikel beleuchtet die Planungen, die dabei entstandenen Probleme sowie die Lösungsansätze, insbesondere die Entwicklung eines Interimspielorts für das Ballett und die Oper während der zehnjährigen Sanierungsphase.
Hintergrund und Bedeutung des Stuttgarter Opernhauses
Das Stuttgarter Opernhaus ist nicht nur ein architektonisches Wahrzeichen, sondern auch ein kulturelles Zentrum von internationaler Bedeutung. Die Württembergischen Staatstheater Stuttgart gelten mit 1.400 Beschäftigten als das größte Drei-Sparten-Theater weltweit, das die Sparten Oper, Ballett und Schauspiel vereint. Diese herausragende Position unterstreicht die Notwendigkeit einer nachhaltigen Sanierung, die das Haus als kulturelles Aushängeschild des Landes und der Stadt für mindestens die nächsten 50 Jahren sichern soll.
Die Generalsanierung und Erweiterung verfolgt mehrere Ziele: Neben den theaterspezifischen Arbeiten sollen auch städtebauliche Akzente gesetzt werden. Die Baukörper sollen eine Öffnung in die Stadtgesellschaft hinein vermitteln und somit eine stärkere Verbindung zwischen dem Theater und der Bürgerschaft schaffen. Das bestehende Konzept zur Sanierung und Erweiterung beruht fast ausschließlich auf rechtlichen Vorgaben und zwingenden betrieblichen Belangen, insbesondere im Hinblick auf den Arbeitsschutz.
Interessant ist, dass auch die Option eines fiktiven Neubaus geprüft wurde. Das Ergebnis dieser Untersuchung war jedoch, dass bei Zugrundelegung des Flächenbedarfs der Württembergischen Staatsthester in der Gesamtschau noch höhere Kosten anfallen würden, da der Littmann-Bau ohnehin saniert werden muss. Zudem gibt es keinen geeigneten Standort für einen Neubau in Stuttgart.
Das Sanierungsprojekt: Ursprung und Ziele
Die Planungen für die Sanierung des Opernhauses begannen bereits Ende 2019. Das Vorhaben umfasst die Ertüchtigung des denkmalgeschützten Opernhauses und ist für alle Bürgerinnen und Bürger in Stuttgart von Bedeutung. Ursprünglich sollte die Umsetzung bald nach Beginn der Planungsphase starten, doch die Entwicklung gestaltete sich komplexer als erwartet.
Ein zentrales Element des Projekts ist die Einbindung der Öffentlichkeit. Insgesamt fünf Online-Foren wurden per Videokonferenz abgehalten, um ein differenziertes Meinungsbild zu den verschiedenen Lösungsvorschlägen und Konzepten zu erarbeiten. Die Bürgerbeteiligung startete im Oktober 2020 mit zwei allgemeinen Überblicksterminen zum damaligen Diskussionsstand, zu denen Impulsvorträge von Expertinnen und Experten stattfanden. In den folgenden Foren am 13. und 27. November 2020 sowie am 11. Dezember 2020 beschäftigten sich die Bürgerinnen und Bürger gezielt mit einzelnen Themenbereichen wie Kosten, Zeitplan, Standorten und der Bedeutung des historischen Littmanbaus. Die abschließenden Beratungen und Debatten wurden in einem nicht-öffentlichen Teil geführt.
Die ursprüngliche Planung sah vor, dass Ballett und Oper während der Sanierung in eine Ausweichspielstätte nahe des Pragfriedhofs umziehen sollten. Der Start des Interimbaus war für 2026 und das Fertigstellungsdatum für 2029 vorgesehen. Diese Zeitplanung erwies sich jedoch als unrealistisch, wie sich später zeigen sollte.
Herausforderungen und Verzögerungen
Die Planung für die Sanierung und den Interimsbau erwies sich als weitaus komplexer und teurer als ursprünglich angenommen. Die Corona-Krise führte zu einer Verschiebung der Grundsatzentscheidung des Gemeinderats über die Sanierung des Opernhauses. Das Verwaltungsrat tagte, weil sich die Planung in die Länge zog und immer teurer wurde.
Land und Stadt ließen mögliche Einsparpotenziale prüfen, doch das Ergebnis sei "ernüchternd" gewesen, wie Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) erklärte. Das Grundkonzept für die Ausweichspielstätte müsse deutlich überarbeitet werden, vor allem um die Bauzeit und -kosten in Grenzen zu halten.
Ein wesentlicher Faktor für die Kostensteigerung war der Anstieg der Baukosten in ganz Deutschland seit Beginn der Planungen für den Interimsbau. Gleichzeitig verschlechterte sich die Haushaltslage der Stadt Stuttgart, was die finanzielle Belastung des Projekts weiter erhöhte. Als Reaktion darauf wurde beschlossen, das Interim kleiner und einfacher zu gestalten, wie Ministerin Olschowski forderte: "Das Interim muss kleiner und einfacher werden."
Die Sanierung der Staatsoper Stuttgart verzögerte sich dadurch um vier Jahre. Ein Rundgang durch das Gebäude zeigt, dass das Haus bereits buchstäblich in sich zusammenfällt – ein Umstand, den auch die Künstler bemerken. Die Verzögerung bedeutet, dass die Württembergischen Staatstheater länger in der renovierungsbedürftigen Oper bleiben müssen als ursprünglich geplant – mindestens bis 2033.
Die Lösung: Der Interimspielort
Da die ursprünglichen Planungen für den Interimsbau zu kostspielig geworden waren, musste ein neuer Ansatz gefunden werden. Statt an der Qualität der Opernsanierung zu sparen, beschlossen Stadt und Land, finanzielle Abstriche bei den Räumlichkeiten des Interimbaus zu machen. Es wurde geprüft, ob andere Räume genutzt werden können, und es sollen finanzielle Kürzungen bei Büros, Garderoben oder Logistikflächen für den Interim erfolgen.
Der geschäftsführende Intendant der Württembergischen Staatstheater, Marc-Oliver Hendricks, betonte klar, dass Priorität vor allem dem dauerhaften Operngebäude am Oberen Schlossgarten einräumt werden soll: "Damit schaue man in die Zukunft." Was das "Abspecken" des Interimbaus konkret für den Spielbetrieb bedeutet, soll noch einmal genau geprüft und durchgerechnet werden.
Hendricks wies darauf hin, dass bereits 200 Sitzplätze im Vergleich zum Originalbau gestrichen wurden und man bei 1.200 geplanten Sitzen liege. Eine weitere Reduzierung der Sitzplätze sei jedoch keine Lösung. Stattdessen wolle man eher an Standards oder der Qualität im Foyer oder im Zuschauerraum etwas sparen. Die Angebote der Staatstheater seien ohnehin gut nachgefragt, was die Notwendigkeit einer vollwertigen Ausweichspielstätte unterstreicht.
Der Siegerentwurf für den Interimstandort
Nach Überarbeitung der Pläne konnte ein Siegerentwurf für den Interimstandort ausgewählt werden. Dieser macht die bisherigen Planungen zur Sanierung des Opernhauses nun greifbar, wie Kulturstaatssekretär Arne Braun betonte: "Endlich ist es soweit: Der Siegerentwurf macht die bisherigen Planungen zur Sanierung des Opernhauses greifbar. Das Signal ist: Jetzt geht's los!"
Das zukünftige Interimgebäude soll ein echtes "Großes Haus" für die Zeit sein, in der es Ballett und Oper beheimatet. Es bestehe beste Voraussetzungen für höchste künstlerische Qualität, so Braun. Neben einem faszinierenden Stadtentwicklungsprojekt eröffne sich eine wunderbare Chance für Kultur und Publikum, neue Räume zu erobern. Die transparente und offene Architektur füge sich gut in das lebendige Umfeld der Wagenhallen ein. Ballett und Oper könnten sich hier für die Bürgerinnen und Bürger nochmal aufregend neu und anders entfalten; ein Eldorado für Kreative entstehe.
Der Vorsitzende des Preisgerichts, Prof. Jens Wittfoht, äußerte sich ebenfalls positiv über den Siegerentwurf: "Die Jury hat richtige Arbeit prämiert. Den Entwurf zeichnet eine Leichtigkeit und Lässigkeit aus und auch einen schonenden Umgang mit Ressourcen. Das erzeugt Vorfreude auf die Maker City."
Projektmanagement und nächste Schritte
Im Zuge der weiteren Entwicklung des Projekts kam es zu Veränderungen in der Projektsteuerung. Christoph Niethammer wurde zum Geschäftsführer bestellt und nahm seine Tätigkeit für die ProWST (Projektsellschaft Württembergische Staatstheater) Mitte September 2023 auf. Die ProWST übernahm Anfang Mai 2024 die Weiterführung der Teilprojekte "Neubau eines Werkstattgebäudes an der Zuckerfabrik" und "Sanierung, Modernisierung und Erweiterung des denkmalgeschützten Opernhauses am Oberen Schlossgarten", die bisher vom Landesbetrieb Vermögen und Bau Baden-Württemberg betreut wurden.
Die Übergabe des Teilprojekts "Interimsstandort" vom Hochbauamt der Landeshauptstadt Stuttgart an die ProWST erfolgte Anfang des zweiten Halbjahrs 2024. Die nächsten Projektschritte sind die planerische Weiterführung der Teilprojekte "Zuckerfabrik" und "Interimsstandort" bis zum Abschluss der Entwurfsplanung sowie die Vorbereitung des Wettbewerbs für das Teilprojekt "Oberer Schlossgarten".
Zielgruppen und kulturelle Bedeutung
Die Frage, für wen das Opernhaus saniert wird, wird in den Projektunterlagen klar beantwortet: Die Aufführungen von Ballett und Oper werden für alle Bürgerinnen und Bürger gemacht, für alle Menschen hier im Land und darüber hinaus für alle Generationen. Oper und Ballett/Tanz werden als universelle Kunstformen beschrieben, die alle und alles einschließen. Sie verbinden Sprache, Bewegung, Musik, Emotionen und Sinnlichkeit zu einem Gesamterlnis. Die Werke handeln von Menschen in besonderen Situationen und Konflikten und arbeiten mit Erinnerung, Gegenwart und Entwürfen für die Zukunft.
Diese universelle Ausrichtung unterstreicht die Notwendigkeit, bei der Sanierung und bei der Schaffung des Interimspielorts höchste künstlerische Qualität zu gewährleisten, auch wenn dabei finanzielle Kompromisse notwendig sind.
Fazit
Die Sanierung des Stuttgarter Opernhauses ist ein komplexes und anspruchsvolles Projekt, das mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert ist. Die anfänglichen Planungen erwiesen sich als zu optimistisch, was zu Verzögerungen und Kostensteigerungen führte. Als Reaktion darauf wird das Konzept für den Interimspielort überarbeitet, um eine kostengünstigere und kleinere Lösung zu finden, die dennoch die notwendige künstlerische Qualität gewährleistet.
Die Bedeutung des Projekts für die Stadt und das Land Baden-Württemberg kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Württembergischen Staatstheater mit ihrer internationalen Reputation müssen als kulturelles Aushängeschild für mindestens die nächsten 50 Jahre gesichert werden. Die nun ausgewählte Lösung mit einem überarbeiteten Interimspielort und der Siegerentwurf für dessen Gestaltung bieten eine realistische Perspektive, um dieses Ziel zu erreichen.
Das Projekt zeigt exemplarisch die Herausforderungen bei der Sanierung von denkmalgeschützten Gebäuden mit hohem kulturellen Stellenwert, insbesondere wenn der Betrieb während der Bauzeit aufrechterhalten werden muss. Die Balance zwischen Erhalt der Bausubstanz, Erfüllung moderner Anforderungen und Wirtschaftlichkeit stellt Bauherren und Planer vor große Herausforderungen, die nur durch sorgfältige Planung und manchmal auch durch Kompromisse gelöst werden können.