Neubau der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart: Transformation einer traditionsreichen Bibliothek

Einleitung

Die Württembergische Landesbibliothek (WLB) in Stuttgart hat mit der Fertigstellung ihres Erweiterungsbaus einen bedeutenden Meilenstein erreicht. Das Projekt markiert die Transformation der traditionsreichen Einrichtung von einer reinen Magazinbibliothek zu einer modernen Freihandbibliothek, die den Anforderungen des digitalen Zeitalters gerecht wird. Der Neubau, entworfen vom Stuttgarter Architekturbüro Lederer Ragnarsdóttir Oei, wurde nach mehreren Jahren der Planung und Bauzeit im Jahr 2020 fertiggestellt und stellt nicht nur eine bauliche Erweiterung dar, sondern auch eine grundlegende Neuausrichtung der Bibliothek als zentraler Lernort der Region.

Hintergrund und Notwendigkeit der Erweiterung

Die Württembergische Landesbibliothek hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem zentralen Lernort in der Region entwickelt. Ihre Sammlung umfasst über sechs Millionen Medien und deckt neben der Forschung und Lehre auch die berufliche und allgemeine Bildung ab. Vor dem Erweiterungsbau waren die räumlichen Kapazitäten jedoch stark begrenzt. Mit rund 1.200 täglichen Benutzerinnen und Benutzern bei nur 240 zur Verfügung stehenden Lernplätzen sowie einem jährlichen Zugang von ca. 70.000 Medieneinheiten waren die Grenzen der Belastbarkeit erreicht.

Gleichzeitig veränderten sich die Anforderungen an einen modernen Bibliotheksbetrieb im Zuge des medialen und digitalen Wandels grundlegend. Die Notwendigkeit, von einer reinen Magazinbibliothek zu einer zeitgemäßen Freihandbibliothek überzugehen, wurde immer deutlicher. Diese Transformation erforderte nicht nur zusätzliche Raumflächen, sondern auch eine Neugestaltung der Nutzungsflächen und -möglichkeiten.

Die Dringlichkeit des Projekts wurde zudem durch den maroden Zustand des Fellbacher Außenmagazins erhöht. Die dort ausgelagerten Bestände mussten gemäß den geltenden konservatorischen Richtlinien neu untergebracht werden, was eine zügige Realisierung des Erweiterungsbaus notwendig machte. Hinzu kamen politische und finanzielle Herausforderungen bei der Sicherung der Mittel für das Projekt.

Städtebauliche Konzeption und architektonische Gestaltung

Der Erweiterungsbau der Württembergischen Landesbibliothek nimmt eine städtebaulich bedeutende Position ein. Er steht selbstbewusst direkt an der Stuttgarter Kulturmeile und gibt der WLB ein Gesicht Richtung Innenstadt. Die strategische Lage des Neubaus wurde sorgfältig gewählt, um eine optimale Verbindung zum bestehenden Ensemble zu schaffen.

Das architektonische Konzept sieht vor, das aus kubischen Baukörpern bestehende, denkmalgeschützte Ensemble der Landesbibliothek aus den 1970er Jahren geschickt zu ergänzen. Durch das Zusammenwirken von Alt und Neu entstand ein attraktiver neuer "Bibliotheksplatz". Die Mitte dieses Platzes bildet der markante Kubus des alten Lesesaals, der in der Achse des Neuen Schlosses liegt. Diese Anordnung schafft über die Kulturmeile hinweg einen städtebaulichen Bezug, der die Verbindung zwischen verschiedenen kulturellen Einrichtungen in Stuttgart stärkt.

Vom neuen Platz aus führt eine großzügige Treppenanlage hinunter zur Konrad-Adenauer-Straße. Der breite Gehweg mit doppelter Baumreihe bildet eine durchgehende Verbindung für Fußgänger und Radfahrer vom Charlottenplatz bis zur Staatsgalerie. Diese neue Wegeführung macht den Stadtraum entlang der Kulturmeile aus einer neuen Perspektive erlebbar und gilt als richtungsweisend für die städtebauliche Entwicklung Stuttgarts an dieser Stelle.

Das Architekturbüro Lederer Ragnarsdóttir Oei, das den Wettbewerb nach einer Überarbeitung im Frühjahr 2011 gewann, setzte bei der Gestaltung bewusst auf Rückbesinnung in Ortbeton. Diese Materialwahl verleiht dem Baukörper eine zeitlose und gleichzeitig robuste Qualität, die sich harmonisch in das städtebauliche Gefüge einfügt und gleichzeitig eine eigenständige architektonische Präsenz bewahrt.

Gebäudestruktur und Funktionskonzept

Der Erweiterungsbau umfasst insgesamt sechs Ebenen: erstes Untergeschoss, Erdgeschoss und vier Obergeschosse. Diese mehrstöckige Anordnung ermöglicht eine rationelle und funktional optimale Organisation der verschiedenen Bibliotheksbereiche.

Im Untergeschoss befindet sich das neue Tiefmagazin der Bibliothek sowie die Cafeteria. Das Tiefmagazin bietet den notwendigen Raum für die dauerhafte Archivierung der wertvollen Bestände unter optimalen konservatorischen Bedingungen. Die Cafeteria im Erdgeschoss schafft einen attraktiven Aufenthaltsbereich für Besucher und Mitarbeiter.

Das Erdgeschoss mit dem zentralen Eingang beherbergt alle Bereiche der Leihstelle, darunter Selbstabholer, Selbstverbuchung, Kassen- und Rückgabeautomaten. Ergänzt werden diese Funktionen durch eine Informationsstelle, eine Ausstellungsfläche sowie einen großen Vortragssaal. Die zentrale Lage dieser Einrichtungen gewährleistet eine optimale Zugänglichkeit und Nutzbarkeit für alle Besucher.

Die vier Obergeschosse sind als frei zugängliche Ausleihbereiche mit insgesamt 500.000 Bänden sowie zahlreichen Leseplätzen konzipiert. Diese Anordnung ermöglicht den direkten Zugang zu den Medien und schafft eine angenehme Lernatmosphäre. Besonders hervorzuheben ist ein Steg im ersten Obergeschoss, der den Erweiterungsbau mit dem Bestandsgebäude verbindet. Diese Verbindung stellt sicher, dass die gesamte Bibliothek als einheitlicher Komplex genutzt werden kann, auch wenn die Sanierung des Altbaus erst in einem späteren Bauabschnitt erfolgt.

Technische Aspekte und bautechnische Herausforderungen

Die Realisierung des Erweiterungsbaus stellte verschiedene technische und bautechnische Herausforderungen dar, die sorgfältig gelöst werden mussten. Besonders komplex erwies sich das Grundwassermanagement für den Tiefgaragenbau. Aufgrund der Lage des Baugrundstücks war eine enge Abstimmung mit dem Projekt Stuttgart 21 erforderlich, um die wasserbaulischen Belange optimal zu integrieren.

Die Baukosten für den Neubau stiegen im Laufe des Projekts von ursprünglich geplanten 48 Millionen Euro auf voraussichtlich 58 Millionen Euro. Diese Erhöhung resultierte unter anderem aus den zusätzlichen Anforderungen an die wasserbaulichen Maßnahmen sowie aus Anpassungen während der Bauausführung.

Ein weiteres technisches Highlight des Gebäudes ist die Integration moderner Klimatisierungs- und Lüftungssysteme, die sowohl für die Konservierung der wertvollen Bestände als auch für den Komfort der Besucher sorgen. Die Gebäudetechnik wurde nach modernsten energetischen Standards konzipiert, um einen nachhaltigen Betrieb zu gewährleisten.

Die Planung und Ausführung des Baus erforderte eine genaue Koordination der verschiedenen Gewerke, um die Funktionalität des Gebäides sicherzustellen und gleichzeitig die denkmalgeschützten Bestandsbauten nicht zu beeinträchtigen. Die komplexe Logistik während der Bauzeit, insbesondere der Umzug der Bücher und Magazine, stellte eine besondere Herausforderung dar, die sorgfältig geplant und umgesetzt werden musste.

Projektablauf und Bauphasen

Der Bau des Erweiterungsbaus der Württembergischen Landesbibliothek erstreckte sich über einen Zeitraum von fast fünf Jahren. Der Baubeginn erfolgte im März 2015, nachdem das Projekt zuvor mehrfach politisch und finanziell gesichert werden musste. Ursprünglich war die Eröffnung bereits für das Jahr 2018 geplant, jedoch musste der Termin dreimal verschoben werden.

Im Sommer 2020 konnte der Erweiterungsbau schließlich in Betrieb genommen werden. Zu diesem Zeitpunkt waren die Hauptfunktionen des Gebäides bereits nutzbar, allerdings mussten die Besucher zunächst über einen Nebeneingang ins Gebäude gelangen, da der Vorplatz noch nicht fertiggestellt war. Die vollständige Fertigstellung des gesamten Ensembles folgte in den folgenden Monaten.

Mit der Inbetriebnahme des Erweiterungsbaus begann im Jahr 2021 der zweite Bauabschnitt, die Sanierung und der Umbau des Bestandsgebäudes. Dieser zweite Abschnitt wird mehrere Jahre in Anspruch nehmen und stellt eine der größten Herausforderungen im Bibliotheksbau dar, da die Bibliothek während der Arbeiten weiterhin voll funktionsfähig bleiben muss.

Die zweigeteilte Realisierung des Gesamtprojekts in Erweiterungsbau und Sanierung des Altbaus ermöglichte eine schrittweise Entwicklung der Bibliothek und gewährleistete die Kontinuität des Betriebs während der gesamten Bauzeit. Diese strategische Vorgehensweise war notwendig, um die enorme Komplexität des Gesamtprojekts zu bewältigen und die Belastung für die Nutzer und das Bibliothekspersonal zu minimieren.

Kosten und Finanzierung

Die Finanzierung des Neubauprojekts der Württembergischen Landesbibliothek gestaltete sich als komplex, da sowohl die reinen Baukosten als auch die langfristigen Folgekosten berücksichtigt werden mussten. Die ursprünglich veranschlagten Baukosten für den Erweiterungsbau betrugen 48 Millionen Euro, stiegen jedoch im Laufe des Projekts auf voraussichtlich 58 Millionen Euro an. Diese Erhöhung resultierte unter anderem aus den zusätzlichen Anforderungen an das Grundwassermanagement sowie aus Anpassungen während der Bauausführung.

Für die Sanierung des denkmalgeschützten Altbaus werden voraussätzlich um die 80 Millionen Euro benötigt. Damit belaufen sich die Gesamtkosten für die vollständige Neugestaltung der Württembergischen Landesbibliothek auf etwa 138 Millionen Euro.

Die Sicherung der Finanzierung gestaltete sich schwierig. Im Doppelhaushalt 2013/14 fand das Projekt entgegen früherer Zusicherungen keine Berücksichtigung. Angesichts der Dringlichkeit des Projekts und der Folgekosten einer möglichen Verschiebung wurde von Seiten der Regierungsparteien eine Verankerung des Erweiterungsbaus im Nachtragshaushalt angestrebt. Die Regierung war sich der Notlage der Bibliothek bewusst, die sich in den begrenzten räumlichen Möglichkeiten und dem maroden Zustand des Fellbacher Außenmagazins manifestierte.

Die Finanzierung des Projekts wurde schließlich sichergestellt, um die Leistungsfähigkeit der größten wissenschaftlichen Bibliothek Baden-Württembergs nachhaltig zu erhalten und die zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten nicht entscheidend einzuschränken. Die Investition in die Erweiterung der Arbeitsplätze, die Ausweitung der Öffnungszeiten und die Einrichtung freizugänglicher Büchermagazine war notwendig, um den aktuellen und zukünftigen Benutzerbedürfnissen gerecht zu werden.

Zukunftsvision und Auswirkungen auf die Bibliotheksnutzung

Mit der Fertigstellung des Erweiterungsbaus hat sich die Württembergische Landesbibliothek grundlegend verändert. Die Zahl der direkt zugänglichen Bände steigt von 60.000 auf 650.000, was eine Revolutionierung des Nutzungsangebots darstellt. Diese Erweiterung ermöglicht es den Benutzerinnen und Benutzern, einen weitaus größeren Teil der Bestände direkt zu nutzen, ohne auf die Magazinbestände zurückgreifen zu müssen.

Die Zahl der Arbeitsplätze wird von 240 auf etwa 500 verdoppelt. Diese signifikante Erweiterung der Kapazitäten ist besonders wichtig in einer Zeit, in der Bibliotheken zunehmend als Lern- und Arbeitsräume für Studierende, Forschende und andere Interessierte genutzt werden. Die neuen Arbeitsplätze sind modern ausgestattet und bieten optimale Bedingungen für produktives Arbeiten.

Die Umstellung von einer reinen Magazinbibliothek zu einer modernen Freihandbibliothek ermöglicht eine grundlegend neue Nutzungsphilosophie. Die Bibliothek wird zu einem Ort der Begegnung, des Austauschs und der Wissensvermittlung, der den verschiedenen Benutzergruppen attraktive Räume für unterschiedliche Nutzungsformen bietet.

Die Erweiterungsbau ermöglicht zudem die Ausweitung der Öffnungszeiten und die Einführung neuer Dienstleistungen. Moderne Technik, wie Selbstverbuchungssysteme und digitale Kataloge, verbessert die Benutzerfreundlichkeit und beschleunigt die Abwicklung der Ausleihvorgänge. Gleichzeitig bleiben die klassischen Funktionen der Bibliothek als Bewahrerin des kulturellen Erbes und als Forschungsinstitution gewahrt.

Fazit

Die Erweiterung der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart stellt mehr als nur einen baulichen Eingriff dar – es handelt sich um eine grundlegende Transformation einer traditionsreichen Institution. Durch den Neubau wurde die notwendige Infrastruktur geschaffen, um die Bibliothek für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts rüsten zu können.

Das Projekt beweist, dass die sorgfältige Balance zwischen baulicher Erweiterung und denkmalpflegerischer Sensibilität möglich ist. Der Neubau fügt sich harmonisch in das bestehende Ensemble ein, schafft jedoch gleichzeitig eine eigenständige architektonische Präsenz, die die Bibliothek als modernes Kulturzentrum positioniert.

Die Herausforderungen bei der Realisierung – von der politischen Sicherung der Finanzierung über die komplexen bautechnischen Lösungen bis zur Organisation des Betriebs während der Bauzeit – wurden erfolgreich gemeistert. Das Ergebnis ist ein Gebäude, das nicht nur die räumlichen Defizite der Vergangenheit behebt, sondern auch eine zukunftsfähige Plattform für die bibliothekarische Arbeit bietet.

Mit der Eröffnung des Erweiterungsbaus hat die Württembergische Landesbibliothek ihre Rolle als zentraler Lernort der Region gestärkt und sich gleichzeitig als innovative Institution des digitalen Zeitalters neu positioniert. Die Investition in die Bibliothek ist somit auch eine Investition in die kulturelle und wissenschaftliche Infrastruktur Stuttgarts und der gesamten Region.

Quellen

  1. Vermögen und Bau Baden-Württemberg - Erweiterungsbau der Württembergischen Landesbibliothek
  2. BauNetz - Erweiterung der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart von Lederer Ragnarsdóttir Oei
  3. Stuttgart.de - Neubau der Landesbibliothek
  4. Stuttgarter Zeitung - Millionenprojekt in Stuttgart: Kosten für neue Landesbibliothek stehen fest
  5. Württembergische Landesbibliothek - Der Neubau der Württembergischen Landesbibliothek: Eine Chronik
  6. Stadtbibliothek Stuttgart

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