Einleitung
Der Thurnberger Stausee, gelegen im Herzen des Waldviertels in Niederösterreich zwischen den Orten Krumau am Kamp und Thurnberg, ist ein bedeutendes Gewässer mit sowohl ökologischer als auch wirtschaftlicher Bedeutung. Als der kleinste und flachste der drei Waldviertler Stauseen bildet er zusammen mit dem Stausee Ottenstein und dem Stausee Dobra den Abschluss der Kampkette. Im August und September 2019 präsentierte sich der See in einem ungewöhnlichen Zustand: Er war vollständig entleert, um umfassende Instandhaltungs- und Modernisierungsarbeiten an der Staumauer sowie Verbesserungen im Hochwasserschutz durchzuführen. Dieser seltene Anblick lockte nicht nur Fachleute, sondern auch zahlreiche Schaulustige an, die die Gelegenheit nutzten, den sonst verborgenen Grund des Sees zu erkunden. Dieser Artikel beleuchtet die technische Bedeutung des Stausees, den Ablauf der Renovierungsmaßnahmen und die Auswirkungen auf die Umwelt und die lokale Gemeinschaft.
Technische Daten und Geschichte des Thurnberger Stausees
Der Thurnberger Stausee wurde zwischen 1949 und 1952 von der Niederösterreichischen Elektrizitätswerke AG (NEWAG, heute EVN) errichtet und bildet die erste Stufe der Kampkraftwerke. Die offizielle Eröffnung erfolgte am 9. Juli 1952 im Beisein des damaligen Bundeskanzlers Leopold Figl. Das Absperrbauwerk besteht aus einer 20 Meter hohen und 51 Meter langen Betonmauer, die an einen 200 Meter langen Erddamm von 17 Metern Höhe anschließt.
Die technischen Spezifikationen des Stausees sind beeindruckend:
| Eigenschaft | Wert |
|---|---|
| Wasseroberfläche | 40 Hektar |
| Stauseelänge | 4 Kilometer |
| Gesamtstauraum | 2,5 Millionen m³ |
| Einzugsgebiet | 1.012 km² |
| Höhe des Absperrbauwerks | 26 Meter |
| Kraftwerksleistung | 2.700 kW |
| Mittlere Tiefe | 14 Meter |
Das Wasser des Stausees fließt durch einen 750 Meter langen Triebwasserstollen durch den Berg und treibt die beiden Kaplanturbinen des Kraftwerks Wegscheid an. Mit einer Generatorleistung von 2,7 MW und einem Jahresarbeitsvermögen von 12 Millionen GWh, wovon 70 % in den Wintermonaten erzeugt werden, dient das Kraftwerk dem Ausgleich der Wasserführung im Unterlauf des Kamps. Diese Funktion als Ausgleichswerk ist für die Regulierung des Wasserhaushalts in der Region von entscheidender Bedeutung.
Der See gehört zur Kategorie der geschichteten Seen, weist jedoch nur zwei statt der üblichen drei Schichten auf. Diese Besonderheit führt dazu, dass sich die wärmere obere und die kühlere untere Wasserschicht stärker vermischen als in vergleichbaren Gewässern. Die mittlere Tiefe des Sees beträgt 14 Meter, was ihn zum flachsten der drei Waldviertler Stauseen macht.
Die Renovierung 2019: Zweck und Umfang
Die Entleerung des Thurnberger Stausees im August 2019 war kein unplanmäßiges Ereignis, sondern das Ergebnis einer sorgfältig vorbereiteten Maßnahme zur Gewährleistung der Sicherheit und Funktionsfähigkeit des Bauwerks für die kommenden Jahrzehnte. Bereits im Oktober 2014 hatte die EVN die wasserrechtliche Bewilligung für die Entleerung des Speichers beantragt, um verschiedene Arbeiten am Absperrbauwerk vorzunehmen.
Die Renovierungsmaßnahmen umfassten mehrere kritische Komponenten:
Kontrolle der oberwasserseitigen Dammdichtung: Dies ist eine präventive Maßnahme, um die Dichtigkeit des Dammbauwerks sicherzustellen und Undichtigkeiten frühzeitig zu erkennen und zu beheben.
Generalsanierung der Fugenabdichtungen: Die Fugen im Dammbauwerk werden über die Jahre durch Witterungseinflüsse und Wasserdruck beansprucht. Eine Sanierung stellt die ursprüngliche Dichtigkeit wieder her.
Nachrüstung des Grundablasses und des Spülablasses mit je einem zweiten Betriebsverschluss: Diese Maßnahme erhöht die Sicherheit und Flexibilität bei der Wasserregulierung, insbesondere bei extremen Hochwasser- oder Niedrigwasserständen.
Installation eines Grobrechens am Spülablass: Dieser Schutzvorrichtung verhindert, dass Totholz und andere große Schwimmkörper in das Bauwerk gelangen und Schaden anrichten können.
Die Absenkung des Wasserspiegels wurde mit allen relevanten Stakeholdern abgestimmt, darunter Anrainer, Fischereiberechtigte, Wassergenossenschaften und weitere Beteiligte. Der Zeitpunkt wurde bewusst spätestmöglich, gegen Ende der Badesaison, gewählt, um die Beeinträchtigungen für die Erholungsnutzung so gering wie möglich zu halten. Innerhalb von etwa zwei Wochen war die Entleerung des Sees abgeschlossen.
Der Entleerungsprozess und seine technischen Besonderheiten
Die Entleerung des Thurnberger Stausees im August 2019 war ein beeindruckendes technisches Spektakel, das viele Besucher anzog. Statt der sonstigen dunklen, spiegelglatten Wasserfläche präsentierte sich eine mehrere Quadratkilometer große Schlammwüste. Dieser Anblick war für die meisten Menschen etwas ganz Besonderes, da der See seit seiner Erbauung nur viermal vollständig entleert worden war: in den Jahren 1961, 1987, 1991 und 1999.
Ein interessanter technischer Aspekt des Entleerungsprozesses ist, dass während der Bauzeit weiterhin die Mengen an Wasser, die normalerweise an das untere Kamptal abgegeben werden, durchgelassen wurden. Wie EVN-Sprecher Stefan Zach erklärte: "Entleert bedeutet nicht, dass kein Wasser mehr den Kamp hinunterfließt. Während der Bauzeit werden weiterhin die Mengen, die immer ans untere Kamptal abgegeben werden, durchgelassen. Diese fließen in der Mitte des abgelassenen Stausees und sorgen dafür, dass das restliche Kamptal nicht von den Arbeiten beeinträchtigt wird."
Diese kontrollierte Wasserführung stellt sicher, dass die unterhalb des Sees gelegenen Gebiete nicht von den Arbeiten beeinträchtigt werden und die ökologische Balance des Flusslaufs weitgehend erhalten bleibt. Die Arbeiter konnten so in trockenem Terrain arbeiten, während der Fluss weiter seinen natürlichen Lauf nahm.
Die eigentlichen Bauarbeiten begannen nach der vollständigen Entleerung und wurden im November 2019 abgeschlossen. Bis spätestens Jahresende war der Stausee wieder befüllt, was für die lokalen Anrainer und die touristische Nutzung eine enorme Erleichterung bedeutete.
Umweltauswirkungen und Schutzmaßnahmen
Die Entleerung eines Stausees stellt immer eine erhebliche Intervention in das Ökosystem dar. Um die im Stausee lebenden Fische zu schützen, wurde speziell die Österreichische Fischereigesellschaft mit der Betreuung während der Bauarbeiten beauftragt. Diese Organisation sorgte dafür, dass die Fische während der Bauzeit in Sicherheit gehalten und nach Abschluss der Arbeiten wieder in den Stausee zurückgebracht wurden. Diese Maßnahme zeigt die hohe Priorität, die die Betreiber auf den Umweltschutz legen.
Auch der Zugang zum Stausee wurde während der Bauzeit geregelt: Der Thurnberger Stausee blieb grundsätzlich frei zugänglich, lediglich der Bereich um die Staumauer und der Stauraum selbst waren durch "Betreten verboten"-Tafeln gesperrt. Diese Maßnahme diente sowohl dem Schutz der Besucher als auch der Sicherheit der Arbeiter vor Unfällen.
Die Renovierungsmaßnahmen selbst dienten letztlich dem langfristigen Umweltschutz, indem die Sicherheit des Bauwerks erhöht und dessen Funktion als Ausgleichswerk für den Wasserhaushalt des Flusslaufs verbessert wurde. Ein intaktes Dammbauwerk verhindert nicht nur Überflutungen im Unterlauf, sondern gewährleistet auch eine kontrollierte Wasserabgabe, die für die Ökologie des gesamten Flusssystems wichtig ist.
Auswirkungen auf die lokale Gemeinschaft und Tourismus
Die Entleerung des Sturnberger Stausees hatte auch interessante soziale und wirtschaftliche Auswirkungen auf die Region. Einerseits zog der ungewöhnliche Anblick der trockenen Seegrube zahlreiche Schaulustige an, die die Gelegenheit nutzten, das sonst verborgene Gelände zu erkunden. Andererseits nutzten einige Anrainer die Gelegenheit, um die Steganlagen zu renovieren und auf Vordermann zu bringen.
Besonders beliebt war der "Schatzsucher"-Aspekt: Viele Besucher kamen mit Gummistiefeln ausgerüstet, um nach untergegangenen Gegenständen, Muscheln oder gar einem versunkenen Schatz zu suchen. Diese Goldgräberstimmung trug zur besonderen Atmosphäre bei und machte die Entleerung zu einem ungewöhnlichen touristischen Ereignis.
Für die lokale Wirtschaft bedeutete die Entleerung jedoch auch Herausforderungen, da die touristische Nutzung des Sees eingeschränkt war. Badegäste und Angler mussten auf andere Gewässer ausweichen, was zu einer Verlagerung der Nachfrage führte. Langfristig wird die durchgeführte Sanierung jedoch die Attraktivität des Gebiets sichern, da die Sicherheit des Bauwerks und die Qualität der touristischen Infrastruktur verbessert wurden.
Der Thurnberger Stausee als Erholungsgebiet
Normalerweise bietet der Thurnberger Stausee vielfältige Erholungsmöglichkeiten für Einheimische und Touristen. Der See ist einer der beliebtesten Badeplätze im Waldviertel, mit einem Badebereich nahe der Staumauer am unteren Ende. Die große Liegewiese bietet viel Platz für Sonnenbadende, während der vordere Bereich mit einem kleinen Steg auch von Hunden benützt werden darf. Der Seezugang ist schön seicht verlaufend und eignet sich deshalb auch für Hunde, die sich nur abkühlen wollen und keine großen Schwimmer sind.
Die Region rund um den Thurnberger Stausee ist auch für andere Freizeitaktivitäten bekannt. Im Winter kann man auf dem zugefrorenen See Eislaufen, im Herbst lockt das Sammeln von Steinpilzen, und das Fischen ist ganzjährig möglich. Die landschaftliche Schönheit des Waldviertels mit seinen dichten Wäldern und hügeligen Terrassen bietet ideale Bedingungen für Wanderungen und Radtouren.
Nicht weit vom Thurnberger Stausee entfernt, beim Stausee Dobra, befindet sich eine weitere touristische Attraktion: die mittelalterliche Burgruine, die seit fast 750 Jahren über dem See thront. Die Ruine kann zu jeder Jahreszeit besichtigt werden und wird bis heute immer wieder restauriert. Mittlerweile gibt es sogar einen eigenen Bereich, den man für bis zu 100 Personen mieten kann. Der Burgturm ist begehbar, und der Ausblick von oben ist einfach traumhaft.
Besonderes Bauvorhaben: Das Haus am Thurnberger Stausee
Ein bemerkenswertes Bauprojekt in der Region ist das "Haus am Thurnberger Stausee", das in nur vier Monaten Bauzeit als Wochendrefugium für eine Jungfamilie aus Wien entstand. Das Gebäude zeigt exemplarisch, wie moderne Architektur sich harmonisch in die landschaftliche Umgebung einfügen kann.
Das Haus wurde als Holzmassivbau mit geschwärzter Lärche als Fassade und Dach errichtet und thront über dem steilen Grundstück. Besonders bemerkenswert ist die Heizlösung: Ein Holzscheitofen trotzt dem kalten Winter, wobei die Wärme durch eine Fußbodenheizung im ganzen Haus verteilt wird. Diese Kombination aus traditioneller und moderner Technik ermöglicht es, das Haus ganzjährig bewohnen zu können – mit allen Annehmlichkeiten wie Seeblick, Eislaufen im Winter, Fischen und Steinpilze sammeln im Herbst.
Das Projekt wurde mit der "Goldenen Kelle" des Landes Niederösterreich ausgezeichnet, was seine besondere architektonische und bauliche Qualität unterstreicht. Die schnelle Bauzeit von nur vier Monaten zeigt die effiziente Planung und Umsetzung durch das Bauteam und demonstriert, wie auch anspruchsvolle Bauvorhaben in kurzer Zeit realisiert werden können.
Fazit
Die Renovierung des Thurnberger Stausees im Jahr 2019 war eine notwendige Maßnahme, um die Sicherheit und Funktionsfähigkeit dieses wichtigen Bauwerks für die kommenden Jahrzehnte zu gewährleisten. Die umfassenden Arbeiten an der Staumauer und die Modernisierung der technischen Einrichtungen erhöhen nicht nur die Sicherheit im Hochwasserschutz, sondern auch die Zuverlässigkeit der Energieerzeugung im Kraftwerk Wegscheid.
Die sorgfältige Planung und Durchführung der Maßnahme unter Einbindung aller Stakeholder zeigt das Verantwortungsbewusstsein der Betreiber EVN gegenüber der Umwelt und der lokalen Gemeinschaft. Die Schutzmaßnahmen für die Fauna und die Koordination mit den Anrainern demonstrieren, dass wirtschaftliche Interessen und ökologische Verträglichkeit in Einklang gebracht werden können.
Der Thurnberger Stausee bleibt ein zentrales Element der Infrastruktur und des Lebensgefühls im Waldviertel. Als Erholungsgebiet, Energiequelle und ökologischer Regulator spielt er eine unverzichtbare Rolle in der Region. Die durchgeführte Renovierung sichert diese Funktionen und wird die Attraktivität des Gebiets für die lokale Bevölkerung und den Tourismus langfristig erhalten.