Einleitung
Die Renaturierung des Unkelbachs im Remagener Stadtteil Unkelbach hat in den vergangenen Monaten für erhebliche Kontroversen gesorgt. Bei diesem Projekt handelt es sich um die geplante Umgestaltung eines rund 300 Meter langen Bachabschnitts, das sowohl als Hochwasserschutzmaßnahme als auch im Rahmen der Naturschutzinitiative "Aktion Blau" konzipiert wurde. Während die Stadtverwaltung von Remagen das Projekt als notwendigen Beitrag zur Verbesserung des ökologischen Zustands des Gewässers darstellt, sehen viele Anwohner in der Maßnahme einen unzureichenden Lösungsansatz für die eigentliche Problematik: die Hochwassergefahr bei Starkregereignissen. Der Konflikt wirft Fragen nach der Zweckbindung von Fördergeldern, der Prioritätensetzung im Katastrophenschutz und der Bürgerbeteiligung bei kommunalen Bauprojekten auf. Dieser Artikel beleuchtet die technischen Aspekte des Projekts, die Positionen der Beteiligten und die ungelösten Fragen rund um die Renaturierung des Unkelbachs.
Hintergrund: Die Ausgangslage
Der Ort Unkelbach befindet sich in einem engen Seitental des Rheins und wird vom namensgebenden Bach durchflossen. Dieses kleine Gewässer, das einen kleinen Bereich der oberhalb liegenden Höhen von Oedingen und der Grafschaft entwässert, ist das meiste Jahr über ein eher unbedeutendes Rinnsal. Bei Starkregenereignissen verwandelt sich der Unkelbach jedoch in einen reißenden Fluss, der erhebliche Schäden anrichten kann. Diese extreme Dynamik des Gewässers stellt für die Anwohner eine ständige Bedrohung dar und macht Schutzmaßnahmen notwendig.
Die Stadt Remagen hat im Hochwasserschutzkonzept verschiedene Maßnahmen verankert, darunter auch die Renaturierung des Unkelbachs auf einer Länge von 310 Metern entlang der Mühlenweg-Häuser 19 bis 39. Dieses Projekt, das bereits im Oktober und November 2018 vom Bauausschuss und vom Stadtrat verabschiedet wurde, soll das Bachbett anheben und dem Gewässer mehr Platz verschaffen, um so die Hochwassergefahr zu mildern. Die geplanten Eingriffe umfassen unter anderem die Aufüllung des Bachbetts mit 800 Tonnen Wasserbausteinen und 700 Tonnen Steinerde – eine Maßnahme, die an ähnliche Bemühungen erinnert, die die Stadt bereits vor einigen Jahren mit rund 500 Tonnen Wasserbausteinen unternommen hatte, um die Ufer des Unkelbachs zu befestigen.
Das Renaturierungsprojekt im Detail
Die geplante Maßnahme sieht die Umgestaltung des tief eingegrabenen Bachbetts vor, um sowohl ökologische Verbesserungen als auch eine Reduzierung der Hochwassergefahr zu erreichen. Laut Angaben der Stadtverwaltung entspricht das Projekt 1:1 den Vorgaben der "Aktion Blau", einem Programm des Landes zur Förderung von Gewässerrenaturierungsmaßnahmen. Dies ermöglicht eine 90-prozentige Finanzierung durch Landesmittel, was die Attraktivität des Projekts für die Kommune erhöht.
Technisch gesehen beinhaltet die Maßnahme: - Die Aufhöhung des Bachbetts auf einer Länge von rund 300 Metern - Die Verwendung von 800 Tonnen Wasserbausteinen und 700 Tonnen Steinerde - Die Schaffung von mehr Raum für das Gewässer bei Hochwasser - Verbesserte ökologische Bedingungen für Flora und Fauna
Die Stadt Remagen betont, dass nach Abschluss der Arbeiten der Gewässer- und Naturschutzzustand am Unkelbach besser sein werde. Bauamtsleiter Gisbert Bachem bestätigte auf Anfrage, dass die Arbeiten "bautechnisch" abgeschlossen seien, "verwaltungstechnisch" jedoch noch nicht abgenommen wurden. Eine Schlussrechnung lag zum Zeitpunkt der Berichterstattung ebenfalls noch nicht vor.
Der Bürgerprotest: Kernpunkte der Kritik
Trotz der offiziellen Darstellung stieß das Projekt auf erheblichen Widerstand in der Bevölkerung. Eine Informationsveranstaltung, zu der etwa 100 Bürger kamen, machte deutlich, wie groß das Unverständnis und der Unmut über das Projekt waren. Die Kritik der Anwohner konzentriert sich auf mehrere Kernpunkte:
Die Frage der Wirksamkeit beim Hochwasserschutz
Viele Anwohner bezweifeln, dass die geplante Maßnahme einen relevanten Beitrag zur Minderung der Hochwassergefahr leisten wird. Insbesondere wird argumentiert, dass das Wasser bei Starkregenereignissen nicht aus dem direkt betroffenen Bereich stammt, sondern von oberhalb von Unkelbach aus den Orten Oedingen und der Grafschaft kommt. Die eigentliche Lösung, so die Bürger, wäre eine Regenrückhaltung in diesen oberhalb gelegenen Gebieten, nicht die Renaturierung im Ortsbereich.
Bürgermeister Björn Ingendahl räumte ein, dass die Renaturierung des Unkelbachs "kaum etwas an der Situation bei Starkregen im Bereich Unkelbach verbessern" werde. Gleichzeitig verwies er darauf, dass diese Maßnahme Teil des Hochwasserschutzkonzepts sei und im Rahmen der "Aktion Blau" eine 90-prozentige Landesförderung erhalte.
Zweifel an der Zweckbindung der Fördermittel
Ein zentraler Kritikpunkt ist der Verdacht, dass ursprünglich als Hochwasserschutzprojekt geplante Maßnahmen nun als Renaturierungsprojekt angemeldet wurden, um in den Genuss der höheren Fördermittel aus dem Naturschutzbereich zu kommen. Diese Frage hatte auch Jochen Seifert, Fraktionsvorsitzender der FWG im Kreistag, in einem Leserbrief aufgeworfen: "Werden in Unkelbach Mittel für den Naturschutz zweckentfremdet?"
Die Bürger unterstellen der Stadt unter anderem unlauteres Handeln bei der Umwidmung des Projekts von einem Hochwasserschutz- zu einem Naturschutzprojekt. Diese Vorwürfe führten sogar zu Forderungen, die Staatsanwaltschaft einzuschalten.
Kritik an der Umsetzung und den Kosten
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die geplante Umsetzung und die Kosten des Projekts. Mehrere Bürger äußerten die Ansicht, dass die Maßnahme "deutlich günstiger und ohne so viele Einschnitte in die Natur, sogar vom Bauhof der Stadt" erledigt werden könnte. Auch die Verwendung von Drahtgeflecht wird kritisiert, da dies Gefahren für die Tierwelt birgt.
Walter Jung, einer der schärfsten Kritiker des Projekts, betonte, dass die Stadt verpflichtet sei, den Bach im Ort sauber zu halten, und forderte ein Konzept für die dauerhafte Sauberhaltung, in das auch die Bürger einbezogen werden könnten. Auch das Reinigen der Rohre mit einem Saugbagger wurde als notwendige Maßnahme angesprochen.
Fachliche Einschätzungen und Prognosen
Dr. Martin Keding, Wasserwirtschaftler vom Planungsbüro Becker, äußerte bei der Informationsveranstaltung deutlich stärkere Starkregenereignisse für die Zukunft voraus. Er räumte ein, dass das Projekt zur Regenrückhaltung oberhalb von Unkelbach "ein sehr großes Projekt" sein müsse und kündigte an, "bis Ende des Jahres eine Berechnungsgrundlage erstellt" zu haben.
Bürgermeister Ingendahl versprach, dass sich die Stadt um die Reinigung des Bachlaufs und der Rohre kümmern werde. Gleichzeitig betonte er, dass die Maßnahme aus dem Hochwasserschutzkonzept 14 sei und nichts mit dem Baugebiet "Alter Garten" zu tun habe.
Aktueller Stand des Projekts
Mitte September wurden die Bauarbeiten am Unkelbach beendet, wie Walter Jung berichtete. Allerdings wies die Stadt Remagen auf Anfrage darauf hin, dass es sich dabei nur um die bautechnische Fertigstellung handle, während die offizielle behördliche Abnahme noch ausstand. Damit verbunden ist auch, dass zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch keine Schlussrechnung vorlag.
Der Konflikt um das Projekt führte zu einer Begehung mit Bürgern und Vertretern der Verwaltung, der Genehmigungsbehörden und der beteiligten Fachbüros, bei der möglichst alle Unklarheiten rund um das Bächlein beseitigt werden sollten.
Rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen
Die geplante Renaturierung des Unkelbachs fällt in den Bereich der "Aktion Blau", einem Programm des Landes zur Förderung von Gewässerrenaturierungsmaßnahmen. Dieses Programm sieht eine Förderung von bis zu 90% der förderfähigen Kosten vor, was die Finanzierbarkeit für die Stadt Remagen erheblich erleichtert.
Die rechtliche Grundlage für das bildet das Wasserhaushaltsgesetz, das Maßnahmen zur Renaturierung von Gewässern vorsieht und fördert. Gleichzeitig sind solche Projekte an die Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie gebunden, die den guten ökologischen und chemischen Zustand aller Gewässer bis 2025 zum Ziel hat.
Die Kritik der Bürger konzentriert sich jedoch darauf, dass mit der Umwidmung des Projekts von einem Hochwasserschutz- zu einem Naturschutzprojekt möglicherweise die rechtlichen Vorgaben umgangen werden, die eigentlich für Hochwasserschutzmaßnahmen gelten.
Vergleich mit ähnlichen Projekten
Die Renaturierung des Unkelbachs steht nicht isoliert da, sondern ist Teil einer Reihe von Maßnahmen zur Umgestaltung von Gewässern in der Region. Ähnliche Projekte wurden in den vergangenen Jahren auch an anderen Bächen im Kreis Ahrweiler durchgeführt. Allerdings zeichnen sich diese Projekte oft dadurch aus, dass sie in weniger besiedelten Gebieten stattfinden und damit weniger auf Widerstand stoßen.
Besonders bemerkenswert im Vergleich zu anderen Projekten ist der hohe Grad der Konfrontation zwischen der Stadtverwaltung und den Bürgern im Fall des Unkelbachs. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass das Projekt direkt im Siedlungsbereich liegt und die Anwohner eine direkte Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität befürchten.
Auswirkungen auf die Immobilienentwicklung
Die Kontroverse um die Renaturierung des Unkelbachs wirft auch Fragen über die Auswirkungen auf die Immobilienentwicklung in der Region auf. Einerseits könnte eine gelungene Renaturierung den Wert der angrenzenden Grundstücke steigern, da eine aufgewertete natürliche Umgebung als Wohnvorteil wahrgenommen wird.
Andererseits könnte die Unsicherheit über die Wirksamkeit des Hochwasserschutzes sowie die Konflikte um das Projekt potenziellen Käufern abschrecken. Dies umso mehr, als dass die Bürgerproteste Zweifel an der Kompetenz und Planungssicherheit der Stadtverwaltung wecken.
Die Stadt Remagen betont, dass das Renaturierungsprojekt nichts mit dem Baugebiet "Alter Garten" zu hat. Dennoch bleibt unklar, ob das Projekt als Ganzes das Vertrauen der Bürger in kommunale Bauprojekte nachhaltig geschädigt hat.
Fazit
Die Renaturierung des Unkelbachs in Remagen zeigt exemplarisch die Spannungsfeld zwischen Hochwasserschutz und Naturschutz sowie die Herausforderungen bei der Umsetzung von Bauprojekten in Bürgernähe. Während die Stadtverwaltung das Projekt als notwendige Maßnahme zur Verbesserung des ökologischen Zustands des Gewässers und als Teil des Hochwasserschutzkonzepts darstellt, sehen viele Anwohner in der Maßnahme einen unzureichenden Lösungsansatz für die eigentliche Problematik: die Hochwassergefahr bei Starkregen.
Die Kritik der Bürger konzentriert sich auf mehrere Kernpunkte: die mangelnde Wirksamkeit beim Hochwasserschutz, den Verdacht der Zweckentfremdung von Fördermitteln sowie die Frage der Kosten und der Umsetzung. Der Konflikt hat zu erheblicher Verunsicherung geführt und das Vertrauen der Bürger in die kommunale Planung erschüttert.
Die Stadt Remagen steht nun vor der Herausforderung, die offizielle Abnahme des Projekts durchzuführen und gleichzeitig das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen. Gleichzeitig muss die Stadt auch die Forderungen der Bürger nach wirksamerem Hochwasserschutz und nach Konzepten für die dauerhafte Pflege des Gewässers ernst nehmen.
Dr. Martin Keding kündigte an, bis Ende des Jahres eine Berechnungsgrundlage für das Projekt zur Regenrückhaltung oberhalb von Unkelbach zu erstellen. Dies könnte der Schlüssel sein, um sowohl die Hochwassersituation nachhaltig zu verbessern als auch das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen.
Unabhängig vom Ausgang des Konflikts zeigt der Fall des Unkelbachs die Notwendigkeit einer frühzeitigen und transparenten Bürgerbeteiligung bei kommunalen Bauprojekten auf – insbesondere dann, wenn diese Projekte das Leben der Anwohner direkt betreffen.