Einleitung
Das Museo Egizio in Turin, eines der bedeutendsten Museen für altägyptische Kunst und Kultur außerhalb Ägyptens, erlebt derzeit eine umfassende Modernisierung. Nach den erfolgreichen Renovierungsarbeiten von 2010 bis 2015, die das Museum für Besucher wiedereröffneten, plant das renommierte Architekturbüro OMA in Zusammenarbeit mit Andrea Tabocchini Architecture eine weitere Transformation des historischen Gebäudes. Im Mittelpunkt des aktuellen Projekts steht die Umgestaltung des Erdgeschosses und die Schaffung einer neuen, zweigeschossigen Piazza Egizia mit transparentem Dach. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, den öffentlichen Charakter des Museums wiederherzustellen und es enger in den städtischen Raum von Turin zu integrieren. Der vorliegende Artikel beleuchtet die Geschichte des Museums, die bisherigen Umbauten sowie die Konzepte und Ziele der aktuellen Renovierungsmaßnahmen.
Historische Entwicklung des Museums und seines Gebäudes
Das Museo Egizio in Turin blickt auf eine reiche Geschichte zurück und ist das älteste Museum weltweit, das ausschließlich der ägyptischen Kultur gewidmet ist. Es wurde 1824 von König Karl Felix I. von Piemont und Sardinien gegründet, der damals eine Kollektion von über 5.200 Artefakten erworben hatte. Diese ursprüngliche Sammlung wurde im Laufe der Jahre kontinuierlich erweitert und umfasst heute 32.500 Artefakte, von denen etwa 6.500 ausgestellt sind. Damit rangiert das Museum an neunter Stelle der bedeutendsten Sammlungen ägyptischer Altertümer weltweit.
Das Museum ist im Palazzo dell'Accademia delle Scienze untergebracht, einem historischen Bauwerk, das auf Entwürfe des Tessiner Architekten Michelangelo Garove (1648-1713) zurückgeht. Garove, dessen Werke das Stadtbild Turins bis heute prägen, schuf den Palazzo im 17. Jahrhundert als Teil eines größeren Ensembles, das auch das Collegio dei Nobili umfasste. Neben dem Museum beherbergt das Gebäude auch die örtliche Akademie der Wissenschaften. Garoves Einfluss auf die Architektur Turins ist bis heute sichtbar, insbesondere durch seine Reihe öffentlicher und privater Bauten wie den Palazzo Asinari di San Marzano oder die neue Universität.
Die Sammlung des Museums verdankt ihre Bedeutung nicht nur den Erwerben durch König Karl Felix, sondern auch weiteren Ankäufen, insbesondere von Konsul Bernardino Drovetti, einem französischen Sammler altägyptischer Kunst. Durch die Grabungstätigkeiten von Ernesto Schiaparelli, der von 1894 bis 1928 Direktor des Museums war, wurde der Bestand erheblich erweitert. Weitere bedeutende Direktoren waren Silvio Curto (1964-1984), Anna Maria Donadoni Roveri (1984-2004) und Eleni Vassilika (2005-2014). Seit April 2014 leitet Christian Greco das Museum.
Vorherige Renovierungsmaßnahmen (2010-2015)
In den fast 200 Jahren seines Bestehens wurde das Museo Egizio wiederholt an veränderte Anforderungen angepasst. Die umfassendsten Maßnahmen fanden in den Jahren 2010 bis 2015 statt, als das Museum für fünf Jahre geschlossen wurde, um aufwendige Sanierungsarbeiten durchzuführen. Diese Renovierung kostete die Stadt Turin 50 Millionen Euro und wurde zum geplanten Termin am 1. April 2015 erfolgreich abgeschlossen. Die Arbeiten konzentrierten sich auf die Modernisierung der Ausstellungsräume, die Verbesserung der Besucherinfrastruktur und die Restaurierung historischer Gebäudeteile.
Nach dieser umfangreichen Sanierung wurde das Museum mit einer völlig neuen Präsentation seiner Sammlung wiedereröffnet, die den internationalen Standards moderner Museumsarchitektur entsprach. Die damalige Renovierung konzentrierte sich jedoch hauptsächlich auf die inneren Ausstellungsräume, während die Eingangsbereiche und der zentrale Innenhof weitgehend unverändert blieben. Diese Lücke adressiert nun der aktuelle Umbau, der stärker den öffentlichen Charakter des Gebäudes und seine Beziehung zur umgebenden Stadt in den Mittelpunkt stellt.
Der aktuelle Umbau: Wettbewerb und beteiligte Akteure
Im Januar 2023 gewann das niederländische Architekturbüro OMA (Office for Metropolitan Architecture) aus Rotterdam gemeinsam mit Andrea Tabocchini Architecture aus Ancona den Wettbewerb für die Neugestaltung des Museo Egizio. Das von David Gianotten und Andreas Karavanas von OMA geleitete Projekt setzte sich gegen namhafte Wettbewerbsbeiträge durch, darunter Vorschläge von Kengo Kuma, Pininfarina Architetture, CRA-Carlo Ratti Associati und Snohetta. Der Sieg von OMA markiert nicht nur eine bedeutende künstlerische Aufwertung des Museums, sondern auch das erste Pritzker-Preis-Projekt des Büros Rem Koolhaas in der savoyischen Hauptstadt Turin.
Die Wahl von OMA für dieses prestigeträchtige Projekt unterstreicht die Bedeutung der Maßnahme für die Stadt Turin. Rem Koolhaas gilt als einer der einflussreichsten Architekten Europas, und sein Büro hat sich bereits mit zahlreichen bedeutenden Museumsprojekten internationaler Reputation einen Namen gemacht. Die Zusammenarbeit mit Andrea Tabocchini Architecture, einem in Ancona ansässigen Büro, zeigt die bewusste Entscheidung, lokale Expertise mit internationaler Perspektive zu verbinden.
Der Wettbewerb wurde vom Museum ausgeschrieben, um den gesamten Eingangsbereich umzugestalten und den zentralen Innenhof zu einem integralen Bestandteil der Museumsräume zu machen. Die Ausschreibung sah vor, den Innenhof des barocken Collegio dei Nobili zu erweitern und zu renovieren, was zu einer Neugestaltung der Eingangsbereiche führen sollte. Der Zeithorizont für die Fertigstellung der Arbeiten wurde auf das Jahr 2024 festgelegt, in dem das Museum sein zweihundertjähriges Bestehen feiern wird.
Designkonzept und Schlüsselelemente
Herzstück des OMA-Projekts ist die Schaffung der "Piazza Egizia" – einer zweigeschossigen, überdachten Platzanlage im Zentrum des Museums. Diese neue Piazza Egizia soll den zentralen Innenhof des strengen Gebäudeblocks, der gemeinsam mit der Akademie der Wissenschaften genutzt wird, radikal umgestalten. Die Überdachung des Innenhofs führt dazu, dass das Projekt den Gehweg mit einem neuen Zugangspunkt öffnet und eine Verbindung zwischen Museum und Stadt schafft.
Das Konzept basiert auf sechs Räumen unterschiedlicher Größe und Funktion, die durch eine zentrale Achse miteinander verbunden sind. Diese Achse schafft nicht nur eine bessere Anbindung an die an der Via Accademia und der Via Duse gelegenen Museumseingänge, sondern definiert auch einen klaren Weg für die Besucher durch das Gebäude. Der Innenhof erstreckt sich über zwei Geschosse und beherbergt im unteren Bereich einen Garten, der eine Oase der Ruhe inmitten des urbanen Umfelds schafft.
Ein markantes Merkmal des Entwurfs ist das transparente Dach über dem Innenhof, das Tageslicht in den Raum lässt und eine helle, einladende Atmosphäre schafft. Diese architektonische Lösung ermöglicht eine ganz neue Präsentation der altägyptischen Kunstwerke, die zuvor oft mit Spotlights aus dem Dunkel gehoben wurden. Nun sollen die Steinskulpturen aus Karnak vor matten Aluminiumtafeln im hellem Tageslicht erstrahlen – eine moderne Inszenierung, die die ästhetische Qualität der Werke betont.
Die Materialwahl und Gestaltung der Räume spiegeln den Respekt vor der historischen Bausubstanz wider, während gleichzeitig zeitgenössische Elemente eine Brücke zur Gegenwart schlagen. Die Kombination aus historischer Architektur und moderner Intervention schafft einen spannenden Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der dem Museum eine neue Identität verleiht, ohne seine historische Bedeutung zu negieren.
Transformation öffentlicher Räume und Besuchererlebnis
Ein zentrales Ziel der aktuellen Renovierung ist die Öffnung des Museums gegenüber der Öffentlichkeit und die Schaffung von Räumen, die auch ohne Eintrittskarte zugänglich sind. OMA-Geschäftsführer David Gianotten betont: "Aus historischer Sicht ist das Museo Egizio mit seinem offenen Innenhof ein wichtiger städtischer Raum in Turin. Deshalb ist es wesentlich, den öffentlichen Charakter des Museums wiederherzustellen und es wieder in den öffentlichen Raum der Stadt zu integrieren."
Die Piazza Egizia und die übrigen fünf Räume des Projekts sollen daher auch außerhalb der Öffnungszeiten dem Publikum zugänglich sein. In diesen Bereichen werden ausgewählte Objekte der Sammlung präsentiert – nicht nur, um einen kleinen Einblick in die Sammlung zu geben, sondern vor allem, um das Interesse der Passanten zu wecken und Neugier auf das Museum zu wecken. Diese Strategie folgt dem modernen Verständnis von Museen als lebendige kulturelle Zentren, die über die reinen Ausstellungsfunktionen hinausgehen.
Die neue Besucherführung optimiert den Zugang zur Sammlung und verbessert die Orientierung innerhalb des historischen Gebäudes. Durch die klare räumliche Struktur und die zentrale Achse werden Besucher intuitiv durch die Räume geleitet, während gleichzeitig flexible Gestaltungsmöglichkeiten für verschiedene Ausstellungsformate geschaffen werden. Die Kombination aus traditionellen Ausstellungsräumen und neuen, öffentlichen Flächen ermöglicht dem Museum, seine Zielgruppe zu erweitern und neue Besuchersegmente anzusprechen.
Die Umgestaltung der Eingangsbereiche schafft eine repräsentative und einladende Visitenkarte für das Museum. Diese Bereiche sind oft das erste, was Besucher von einer Institution wahrnehmen, und ihre Qualität beeinflusst maßgeblich die Erwartungen und die Gesamtstimmung des Besuchs. Durch die Schaffung moderner, lichtdurchfluteter Eingangsbereiche mit klarer Wegführung wird der Museumsbesuch zu einem ganzheitlichen Erlebnis, das bereits vor dem Betreten der eigentlichen Ausstellungsräume beginnt.
Integration in den städtischen Kontext von Turin
Das OMA-Projekt erkennt den Museo Egizio nicht als isoliertes Kulturdenkmal, sondern als integralen Bestandteil des urbanen Gefüges von Turin. Die Neugestaltung des Museums steht im Zusammenhang mit einer breiteren städtebaulichen Entwicklung der Stadt, die darauf abzielt, öffentliche Räume zu revitalisieren und die kulturelle Infrastruktur zu stärken.
Die Piazza Egizia ist bewusst als Übergangsraum zwischen Museum und Stadt konzipiert. Sie soll von der Bevölkerung Turins als ihr eigener Raum wahrgenommen und für vielfältige Aktivitäten genutzt werden können. David Gianotten erklärt: "Die Piazza Egizia soll so gestaltet werden, dass Museum und Stadt gemeinsam für verschiedenste Aktivitäten genutzt werden können." Diese multifunktionale Nutzung entspricht dem zeitgenössischen Verständnis von öffentlichen Plätzen als dynamische Orte der Begegnung und des Austauschs.
Die Maßnahme stärkt auch die Identität des Viertels um das Museo Egizio. Durch die Aufwertung des öffentlichen Raumes und die verbesserte Anbindung an die umliegenden Straßen wird die Attraktivität des gesamten Bereichs gesteigert. Das Museum wird so zu einem Anziehungspunkt, der nicht nur Kulturinteressierte anzieht, sondern auch zur Revitalisierung des urbanen Umfelds beiträgt.
Die architektonische Qualität des Projekts unterstreicht die Bedeutung von Turin als Kulturmetropole. Die Ankunft eines weiteren Pritzker-Preis-Projekts in der Stadt – nach dem Nationalen Museum der Kunst des 21. Jahrhunderts (MAXXI) von Zaha Hadid – positioniert Turin an der Spitze zeitgenössischer Architektur in Italien und Europa. Dies trägt zur internationalen Sichtbarkeit der Stadt bei und stärkt ihr Image als Ort der Innovation und kulturellen Exzellenz.
Technische Spezifikationen und Bauausführung
Die Renovierung des Museo Egizio stellt eine technische Herausforderung dar, da sie die sorgfältige Balance zwischen Erhalt der historischen Bausubstanz und Einführung moderner Elemente erfordert. Das Projekt konzentriert sich auf das Erdgeschoss und den Innenhof des Palazzo dell'Accademia delle Scienzen, einem denkmalgeschützten Barockbau aus dem 17. Jahrhundert.
Die Konstruktion des transparenten Dachs über dem zweigeschossigen Innenhof erfordert eine innovative statische Lösung, die das historische Gewölbe nicht übermäßig belastet. Das Dach wird aus modernen Materialien gefertigt, die ausreichend Stabilität bieten, gleichzeitig aber eine maximale Lichtdurchlässigkeit gewährleisten. Diese Konstruktion wird nicht nur das Tageslicht