Alte Häuser retten – Wie Denkmalschutz und Klimaschutz zusammengehen

Die Sanierung alter Häuser ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben im Bereich Bauwesen und Immobilien. Besonders wenn es um den Erhalt historischer Bausubstanz geht, gerät der Sanierungsprozess oft in die Querschläge zwischen denkmalpflegerischen Auflagen und modernen Ansprüchen an Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. In Niedersachsen hat sich ein besonderes Konzept etabliert, das dieser Spannungslage begegnet: Der Monumentendienst Niedersachsen. Er ist deutschlandweit einmalig und versteht sich als Bindeglied zwischen Denkmalschutz, fachgerechter Bauberatung und der Umsetzung moderner Energiekonzepte in alten Gebäuden. Die Dokumentarreihe die nordstory begleitet zahlreiche Bauherren, Architekten und Handwerker bei der Sanierung von Altbauten – von der Insel Norderney bis nach Freepsum. Die dabei entstehenden Projekte verdeutlichen: Es ist möglich, Denkmalschutz und Klimaschutz miteinander zu vereinen – allerdings nur, wenn gezielt, fachlich fundiert und mit Unterstützung spezialisierter Stellen vorgegangen wird.

Der Monumentendienst Niedersachsen: Retter alter Bauten

Der Monumentendienst Niedersachsen ist in der regionalen Baupraxis etabliert als Ansprechpartner für alle, die den Erhalt von alten, denkmalgeschützten oder denkmalwürdigen Gebäuden vorantreiben wollen. Er ist bundesweit einmalig in seiner Ausrichtung und hat sich auf die fachgerechte Sanierung historischer Bausubstanz spezialisiert. Als zentrale Einrichtung für die Erhaltung und Wiederherstellung von Bauteilen dient der Dienst als Sammlstelle für Baustoffe, die bei Abrissarbeiten aus baufälligen Gebäuden gesichert wurden. Zu den dort gelagerten Beständen zählen unter anderem Steine, Balken, Türen, Fenster, gusseiserne Abflussrohre und Dachziegel – eine Art Schatzkammer der Baukunst, die bei Neubauvorhaben oder Sanierungen wertvolle Rückbauteile bereitstellt.

Für Eigentümer von Altbauten ist der Monumentendienst oft die einzige adäquate Hilfestellung. Die Beratung erfolgt in enger Abstimmung mit den jeweiligen Denkmalbehörden. Sollte ein Gebäude in der Denkmalliste erfasst sein, ist eine Genehmigung für Maßnahmen in der Regel Voraussetzung. Der Dienst unterstützt bei der Erstellung von Bauvorhaben, der Einschätzung der Bausubstanz und der Berücksichtigung des Denkmalschutzes. Er ist nicht nur Ansprechpartner für die fachgerechte Planung, sondern auch für die Suche nach passenden Ersatzbauteilen, die dem historischen Charakter des Gebäudes gerecht werden.

Ein prominentes Beispiel ist Frank Walther aus Varel. Er hat von seinem Urgroßvater eine alte Stadtvilla aus dem Jahr 1899 geerbt, die seit vielen Jahren leersteht. Die Villa gehörte einst der Maschinenfabrik Winicker & Lieber an, die dort Schneidemaschinen für Tabak und Kräuter hergestellt hat. Für Walther war die Erhaltung des Gebäudes eine persönliche Pflicht. Mit Unterstützung des Monumentendienstes konnte er die Sanierung planen und realisieren. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie kostbar solche Immobilien sind – nicht nur für die Inhaber, sondern für das gesamte kulturelle Erbe einer Region.

Denkmalschutz und Klimaschutz: Ein unauflösliches Dilemma?

Die zentrale Spannung in der Sanierung historischer Gebäude entsteht aus dem Widerspruch zwischen dem Bestreben, Bausubstanz zu erhalten, und dem Bedarf, Gebäude auf den heutigen Energie- und Klimastandard zu bringen. Die Dokumentation die nordstory widmete sich 2025 ausdrücklich diesem Thema: „Wir retten unser altes Haus! Moderne Energie für historische Bauten“. In der aktuellen Energiekrise werde es immer schwieriger, alte Gebäude wirtschaftlich zu betreiben, ohne dass sie in Mitleidenschaft gezogen werden. Denkmalschutz und Klimaschutz gel gelten oft als unvereinbar. Doch die Realität zeigt: Es gibt Wege, beides miteinander zu verbinden – jedoch nur mit hohem Planungsaufwand, fachkundiger Beratung und gelegentlicher Kompromissbereitschaft.

Häufig auftauchende Fragen lauten: Dürfen Denkmalschutz-objekte eine Solaranlage auf dem Dach tragen? Funktionieren Wärmepumpen in schlecht gedämmten Gebäuden? Ist eine Dreifachverglasung der Fenster mit dem Denkmalschutz vereinbar? Die Antwort ist nicht immer einfach: Je nach historischem Hintergrund und dem Grad der Erhaltung des Gebäudes gibt es unterschiedliche Vorgaben. In manchen Fällen muss auf die Optik verzichtet werden, um die Energieeffizienz zu steigern – beispielsweise bei der Installation von Dachflächensolaranlagen, die das ursprüngliche Erscheinungsbild des Dachs verändern könnten.

Ein Paradebeispiel für dieses Dilemma ist Holger Rodiek aus Freepsum. Sein altes Bauernhaus, ein sogenannter Gulfhof aus dem 17. Jahrhundert, ist Denkmalschutzwürdig. Er möchte das Gebäude nachhaltig sanieren – bereits seit Jahren hat er eine 400 Quadratmeter große Solaranlage auf dem Dach. Allerdings droht ihm die Förderung durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz zu verfallen, wenn die Kollektoren entfernt werden müssen, um das historische Aussehen des Daches wieder herzustellen. Für Rodiek ist dies ein Kampf für den Klimaschutz, aber auch ein Kampf um die Erhaltung seines Hauses. Er steht somit vor der These: Kann ein Denkmalschutz-objekt mit modernen Energiekonzepten wie Photovoltaik und Wärmepumpen genutzt werden, ohne dass die Bausubstanz verändert wird?

Beispiele für gelungene Sanierungen: Vom Denkmal zum Energiespender

Trotz der Spannungen gibt es Beispiele, die nachweisen, dass Denkmalschutz und hohe Energieeffizienz miteinander vereinbar sind. Ein besonders beeindruckendes Beispiel stammt aus Uttum: Die Familie Kinast hat ein historisches Steinhaus aus dem Jahr 1597 gekauft. Innerhalb von drei Jahren wurde es umfangreich sanisiert – mit neuem Dach, einer Wärmepumpe, neuem Fenstern und einer Wandheizung. Besonders auffällig: Auf der einen Seite des schwarzen Dachs wurde eine schwarze Solaranlage installiert. Diese Entscheidung war nicht selbstverständlich. Die Genehmigung dafür erhielt das Ehepaar erst nach dem Inkrafttreten des neuen Denkmalschutzgesetzes ab 2022, das die Integration von Photovoltaik in den Denkmalschutz erlaubt, sofern optisch keine erhebliche Beeinträchtigung der Fassade oder des Daches entsteht.

Das Haus wurde zudem nach den neuesten klimarechtlichen Vorgaben saniert – mit Schwerpunkt auf hohe Dämmwerte, effiziente Heizungsanlagen und energiearme Bauteile. Die Sanierung wurde mit öffentlichen Fördermitteln unterstützt, die nur gewährt wurden, wenn die Forderungen an die Energieeffizienz erfüllt waren. Die Familie hat damit gezeigt: Auch ein 400 Jahre altes Gebäude kann zu einem modernen Energiespender werden – wenn es fachgerecht geplant und umgesetzt wird.

Ein weiteres Beispiel stammt aus der Wesermarsch: Katrin Stufler und Robert Martin haben ihr altes Reetdachhaus saniert, um ein KfW-55-Effizienzhaus zu errichten. Das bedeutet: Das Haus verbraucht nur 55 Prozent der Energie eines Neubaus. Dafür wurde innerhalb der alten Mauern ein vollständig gedämmter Holzrahmenbau errichtet, um die Wärmeverluste zu minimieren. Auch hier war ein umfangreicher Planungsprozess nötig. Am Ende der Baumaßnahmen wurde das Gebäude von einem Gutachter auf seine Qualität geprüft. Erst wenn dieser die Anforderungen an das KfW-55-Standard-Zertifikat bestätigt, erhalten die Eigentümer auch die Zuschüsse. Dieses Projekt zeigt, wie wichtig eine fachmännische Begleitung ist – von der Planung über die Umsetzung bis zur Zertifizierung.

Sanierung auf der Insel Norderney: Ein kleines Refugium retten

In der Nordseeinsel Norderney befindet sich das älteste Wohnhaus der Insel. Es wurde von den Schwestern Judith und Maren Ahmerkamp geerbt. Das Gebäude ist mit nur rund 40 Quadratmetern Fläche besonders klein und baufällig. Dennoch ist es für die beiden Schwestern ein Stück Heimat – hier verbrachten sie als Kinder ihre Sommerferien mit der Familie. Die Sanierung war deshalb mehr als nur eine bautechnische Aufgabe: Es war ein persönlicher und emotionaler Akt der Heimkehr.

Die Sanierung des Inselhauses war eine besondere Herausforderung. Die geringe Fläche erforderte eine hochwertige Raumnutzung. Zudem musste die Bausubstanz unter Wahrung des Denkmalschutzes erhalten bleiben. Die Handwerker und Planer mussten ihr gesamtes Können aufbieten, um die historische Substanz zu erhalten, den Feuchtigkeitsschutz zu sichern und gleichzeitig moderne Bauteile einzubauen, die den heutigen Ansprüchen an Wohnkomfort und Energieeffizienz entsprechen. Die Maßnahmen umfassten unter anderem die Sanierung des Daches, die Erneuerung der Fenster mit zweifacher Verglasung im Sinne des Denkmalschutzes, die Beseitigung von Feuchteschäden und die Errichtung einer modernen Heizungsanlage. Besonders schwierig war die Innenraumgestaltung: Da keine zusätzlichen Räume vorhanden waren, mussten Maßnahmen wie die Integration von Dachgeschossen oder Treppenaufzügen sorgfältig geplant werden.

Das Projekt zeigt: Auch bei geringen Flächen und engen Vorgaben ist eine fachgerechte Sanierung möglich – wenn sie von Anfang an mit einem engagierten Team aus Architekten, Sanitärfachbetrieben, Dachdecker- und Tischlerbetrieben begleitet wird. Die Unterstützung durch den Monumentendienst war hier von besonderer Bedeutung, da die Schwestern auf Beratung und Beratungshilfe angewiesen waren, um die notwendigen Genehmigungen zu erhalten.

Die Herausforderung der Energieeffizienz: Vom Dach bis zur Fassade

Die Energieeffizienz eines Hauses hängt maßgeblich von den Bauteilen Dach, Fassade, Boden und Fenstern ab. Besonders bei alten Gebäuden ist die Fassade oft die größte Schwachstelle. Denn viele Altbauten weisen eine geringe Dämmung auf – manchmal gar gar keine. Zudem ist die Feuchtespeicherung der alten Mauern oft hoch, was die Wärmeleistung beeinflusst. Eine falsche Sanierung kann zu Schimmelbefall, Feuchteschäden und letztlich zu erheblichen Schäden an der Bausubstanz führen.

Die Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz müssen deshalb immer maßgeschneidert erfolgen. So wurde beispielsweise bei der Sanierung des Steinhauses in Uttum die Dachfläche mit einer schwarzen Solaranlage ausgestattet, die optisch der ursprünglichen Dachform angepasst wurde. Die Heizung wurde durch eine Wärmepumpe ersetzt, die auf die hohe Wärmeleistung der alten Mauer abgestimmt ist. Auch die Fenster wurden nach neuesten Kriterien ausgetauscht – allerdings im Sinne des Denkmalschutzes: Statt einer modernen Dreifachverglasung mit Aluminiumrahmen wurde auf zweifach verglaste Holzfenster mit Holzrahmen zurückgegriffen, die optisch der Originalausführung entsprechen. Deren Wärmeschutz wurde durch die sogenannte „Spitzenglastrennung“ verbessert, ohne dass die Optik verändert wurde.

Bei der Sanierung von Inselhäusern wie jenem in Norderney ist besondere Vorsicht erforderlich. Da es sich um Inselstandorte handelt, ist die Feuchtebelastung durch Feuchtluft und Salzgehalt in der Luft besonders hoch. Deshalb ist eine dauerhafte Dachabdichtung, eine ausreichende Lüftung und eine feuchtesichere Dämmung notwendig. In Einzelfällen wird sogar auf eine außenliegende Dämmung verzichtet, um die Feuchtespeicherung der alten Mauer beizubehalten. Stattdessen wird auf eine innenseitige Dämmung mit nachwachsenden Werkstoffen wie Holzwolle oder Zellulose gesetzt, die die Feuchtespeicherung der Mauer nicht behindern.

Fördertätigkeit und Fördermittel: Voraussetzungen und Hürden

Für viele Bauherren ist die Finanzierung der Sanierung der größte Hindernis. Daher spielen Fördermittel eine zentrale Rolle. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, beispielsweise, gewährt Zuschüsse, die die Sanierung von Denkmalschutz-objekten erleichtern sollen. Allerdings unterliegen diese Zuschüsse strengen Auflagen. So muss beispielsweise sichergestellt werden, dass die Maßnahmen den Denkmalschutz nicht verletzen.

Ein Beispiel hierfür ist das Projekt von Holger Rodiek aus Freepsum. Er erhielt von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz Zuschüsse für die Sanierung seines Gulfhofs. Allerdings drohten die Zahlungen zu versiegen, da Rodiek die bestehende Solaranlage auf dem Dach beibehalten wollte. Um die Förderung zu erhalten, musste die Anlage entfernt werden. Für Rodiek war das ein schwerer Entschluss – doch er blieb bei seiner Überzeugung, dass Klimaschutz eine zentrale Aufgabe ist. Er leistet damit ein Beispiel für Verantwortung, die über den reinen Denkmalschutz hinausgeht.

Auch bei Projekten wie dem KfW-55-Haus in der Wesermarsch sind Fördermittel zwingend notwendig. Ohne die Zuschüsse aus dem KfW-Förderprogramm wäre die umfangreiche Sanierung des Reetdachhauses nicht wirtschaftlich tragbar gewesen. Die Voraussetzung dafür: Nachweislich hohe Effizienz. Ein Gutachter muss nachweisen, dass die Maßnahmen der Vorgabe des KfW-55-Standard entsprechen. Diese Art von Förderung setzt also fachliche Begleitung und Nachweisführung voraus – ein Punkt, der für viele Heimwerker oder Bauherren ohne professionelle Unterstützung schwierig ist.

Fazit

Die Sanierung historischer Gebäude ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben im Bereich Baunutzung und Immobilien. Den Denkmalschutz und den Klimaschutz miteinander zu verbinden, ist kein Widerspruch, sondern eine notwendige Aufgabe der Gegenwart. Die Beispiele aus Niedersachsen – von der Sanierung eines 400 Jahre alten Hauses in Uttum über ein KfW-55-Haus in der Wesermarsch bis hin zur Sanierung eines Inselhauses auf Norderney – zeigen: Es ist möglich, den Erhalt der Bausubstanz mit modernen Ansprüchen an Energieeffizienz und Nachhaltigkeit zu verbinden. Der Schlüssel liegt in der fachgerechten Planung, der Unterstützung durch Spezialdienstleister wie den Monumentendienst Niedersachsen und der sorgfältigen Abstimmung mit Denkmalbehörden.

Besonders wichtig ist, dass den Bauherren die vielfältigen Fördermöglichkeiten genutzt werden, die oft ein entscheidendes Kriterium für die Wirtschaftlichkeit einer Sanierung darstellen. Der Erfolg hängt letztlich von der Kombination aus fachlicher Beratung, sorgfältiger Planung und der Bereitschaft, Kompromisse einzugehen, ab – sowohl bezüglich des optischen Erscheinungsbildes als auch der technischen Umsetzung.

Die Kombination aus Denkmalschutz, Energieeffizienz und sozialer Verantwortung ist ein zentrales Anliegen moderner Baupolitik. Die Beispiele aus der Reihe die nordstory zeigen: Es geht – wenn man es will, gezielt und mit fachlicher Begleitung.

Quellen

  1. die nordstory: Wir retten unser altes Haus | Video der Sendung vom 08.02.2024
  2. die nordstory: Die Retter alter Häuser | Video der Sendung vom 22.10.2023
  3. die nordstory: Wir retten unser altes Haus! Moderne Energie für historische Bauten | Video der Sendung vom 02.06.2025
  4. Erneuerung nach klimarechtlichen Vorgaben – NDR-Fernsehen
  5. Historischer Inseltraum auf 40 Quadratmetern – NDR-Fernsehen
  6. Der Monumentendienst in Niedersachsen ist für viele Besitzer*innen alter Häuser oftmals die einzige Rettung

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