Einleitung
Die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden ist ein zentraler Hebel zur Erreichung der Klimaziele und zur Bewältigung der aktuellen Energiekrise. In Österreich und Deutschland haben sich etablierte Auszeichnungen wie der ETHOUSE Award und der RealGreen Award darauf spezialisiert, herausragende Projekte zu identifizieren und zu prämieren. Diese Wettbewerbe rücken nicht nur energieeffiziente Maßnahmen in den Fokus, sondern bewerten auch architektonische Qualität, Innovation bei der Verarbeitung von Baumaterialien und ganzheitliche Dekarbonisierungsstrategien. Der vorliegende Artikel beleuchtet die Kriterien, Kategorien und Ziele dieser Auszeichnungen und fasst die Erkenntnisse zusammen, die für Eigentümer, Handwerker und Planer relevant sind.
Der ETHOUSE Award: Fokus auf Wärmedämmverbundsysteme und Architektur
Der ETHOUSE Award, ausgelobt vom Interessensverband der heimischen Wärmedämmverbundsystem-Industrie, ist ein etablierter Wettbewerb in Österreich, der sich speziell energieeffizienten Sanierungen widmet. Seit dem Jahr 2008 zeichnet der Preis jene Projekte aus, die das Thema Energieeffizienz ganzheitlich umsetzen und dabei architektonische Impulse setzen.
Ziele und Bedeutung des Wettbewerbs
Das primäre Ziel des ETHOUSE Award ist es, zu zeigen, dass thermische Sanierung mit historischer Bausubstanz vereinbar ist und mit jedem Budget möglich ist. Vor dem Hintergrund, dass der Gebäudebereich für zirka 40 Prozent des Gesamtenergiebedarfs verantwortlich ist, bietet der Bestand ein riesiges Einsparpotenzial. Der Award will diesen Sektor sichtbar machen und die Bedeutung der Sanierung für die Klimaziele 2050 hervorheben. Er zielt darauf ab, Altbausanierungen auszuzeichnen, die mehr können, als einfach nur Energie zu sparen. Die ausgezeichneten Projekte beweisen, dass Sanierung längst nicht mehr bloße Instandsetzung bedeutet, sondern komplexe architektonische Aufgaben leisten kann.
Kategorien und Bewertungskriterien
Die Ausschreibung des ETHOUSE Award unterscheidet zwischen den Kategorien öffentliche und gewerbliche Bauten sowie Wohnbau. Eingereicht werden können Projekte, die in den vergangenen drei Jahren nach Ausschreibungsstart verwirklicht wurden.
Die Bewertung erfolgt durch eine Expertenjury unter dem Vorsitz von Architektin Renate Hammer (Institute of Building Research & Innovation). Die Jury evaluiert die Sanierungen anhand folgender Kriterien: * Energieeffizienz: Die Reduktion des Heizwärmebedarfs ist ein zentrales Kriterium. Die Siegerprojekte zeigen Reduktionen von bis über 80 % nach der Sanierung. * Innovation: Gesucht werden Projekte, die das Thema Wärmedämmung um neue Ideen erweitern. * Architektonische Umsetzung und Ästhetik: Die Qualität der Gestaltung und die Integration der Sanierung in den Bestand werden bewertet. * Umgang mit Wärmedämmverbundsystemen (WDVS): Ein spezifischer Fokus liegt auf der Verarbeitung des WDVS. Der Award würdigt nicht nur die Gestalter, sondern auch die WDVS-verarbeitenden Betriebe. Die Verarbeitungsqualität ist entscheidend, da WDVS nur so gut sind wie ihre Ausführung. Ausgefeiltes Know-how ermöglicht architektonische Lösungen, die WDVS als Baustoff mit gestalterischen Möglichkeiten nutzen.
Die Sieger des ETHOUSE Award 2024
Im Jahr 2024 wurde der ETHOUSE Award zum 12. Mal vergeben. Die Siegerprojekte sind geografisch weit verstreut und repräsentieren unterschiedliche Typologien: 1. Ein öffentliches Mehrwert-Zentrum in Oberösterreich: Dieses Projekt zeigt, wie öffentliche Gebäude energieeffizient saniert werden können. 2. Ein Pfarrhaus mit kultureller Nutzung in Niederösterreich: Hier steht die Sanierung unter Denkmalschutz stehender Substanz im Vordergrund. 3. Zwei Wohnhausanlagen in Wien: Diese Projekte demonstrieren die Sanierung von Wohnbauten aus den 1970er, 80er und 90er Jahren, die oft keine oder eine unzureichende Dämmung aufweisen. Eine lobende Erwähnung erhielt ein Mutter-Kind-Haus der Caritas in Vorarlberg.
Die Verleihung der Preise, die mit einem Gesamtprämienvolumen von 12.000 Euro dotiert sind, fand im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung in "TU the Sky" in Wien statt.
Der RealGreen Award: Dekarbonisierung im Fokus
Während der ETHOUSE Award stark auf die technische Ausführung von WDVS fokussiert, nimmt der RealGreen Award eine breitere, strategische Perspektive ein. Der Award wird von der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz e.V. (DENEFF) verliehen und zielt auf die Dekarbonisierung des Gebäudebestands ab.
Zielgruppe und Philosophie
Der RealGreen Award richtet sich ausschließlich an Unternehmen der professionellen Immobilienwirtschaft sowie Kommunen und Organisationen mit eigenen Immobilienbeständen. Der Wettbewerb hat das Ziel, Positivbeispiele für erfolgreiche Sanierungs- und Dekarbonisierungsmaßnahmen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und andere Akteure zu inspirieren. Da die Emissionsziele im Gebäudesektor ohne eine deutliche Steigerung der Sanierungsaktivitäten nicht erreichbar sind, soll der Award Vorreiter auszeichnen.
Kategorien des RealGreen Award
Der Award wird in drei verschiedenen Kategorien vergeben, die unterschiedliche Ansätze zur Reduktion von Energieverbrauch und Emissionen abdecken:
- Portfolio-Strategie: Diese Kategorie würdigt ganzheitliche, langfristige Ansätze. Es werden systematische Ansätze ausgezeichnet, die Energieeffizienz und Klimaschutz über mehrere Objekte hinweg verankern. Beispiele hierfür sind ambitionierte Sanierungsfahrpläne, integrierte ESG-Konzepte oder intelligente Investitionsentscheidungen.
- Optimierungen und Einzelmaßnahmen: Hier stehen gezielte Maßnahmen im Fokus, die den Energieverbrauch im laufenden Betrieb signifikant senken. Der Fokus liegt auf schnellen, effizienten Ansätzen mit hoher Wirkung, wie digitalen Monitoringlösungen, smarten Steuerungssystemen oder Nutzerinterventionen.
- Vollsanierungen: Diese Kategorie zeichnet umfassende energetische Sanierungen aus, die Bestandsgebäude auf ein neues Effizienzniveau heben. Gesucht werden ambitionierte Projekte mit Vorbildcharakter, die durchdacht geplant und hochwertig umgesetzt sind und nachweislich stark reduzierte Emissionen aufweisen.
Teilnahme und Verleihung
Teilnahmeberechtigt sind Unternehmen der professionellen Immobilienwirtschaft sowie Kommunen. Beratungsunternehmen, Produkthersteller oder weitere Anbieter können als Kooperationspartner genannt werden. Der Award wurde erstmals im Jahr 2022 verliehen. Für die Ausschreibung 2024 konnten sich Unternehmen und Kommunen bis zum 29. (Datum nicht vollständig im Text) bewerben. Der Award verfolgt das Ziel, die Sanierungsaktivitäten im Bestand zu fördern, da der Neubau allein die aktuellen Herausforderungen auf dem Wohnungsmarkt nicht lösen kann.
Vergleich der Auszeichnungen: Synergien und Unterschiede
Beide Auszeichnungen, ETHOUSE Award und RealGreen Award, setzen wichtige Signale in der Bau- und Immobilienbranche, adressieren jedoch unterschiedliche Schwerpunkte.
Der ETHOUSE Award ist in Österreich stark verwurzelt und technisch orientiert. Er beleuchtet die mikroperspektivische Ebene der einzelnen Sanierung und der handwerklichen Ausführung. Die explizite Auszeichnung der verarbeitenden Betriebe unterstreicht die Bedeutung der Qualität in der Ausführung. Für Handwerker und Planer in Österreich ist dieser Award ein Maßstab für hervorragende WDVS-Verarbeitung.
Der RealGreen Award hingegen adressiert die makroperspektivische Ebene der Immobilienwirtschaft. Er wertet Strategien auf Portfolio-Ebene genauso wie Einzelmaßnahmen und Vollsanierungen. Sein Fokus liegt auf der Dekarbonisierung und den ESG-Zielen (Environmental, Social, Governance), was ihn besonders für große Immobilienunternehmen und Kommunen relevant macht.
Gemeinsam ist beiden Wettbewerben die Treiberschaft für mehr Energieeffizienz und Klimaschutz im Gebäudebestand. Sie demonstrieren, dass Sanierung nicht nur ökologisch notwendig, sondern auch architektonisch und wirtschaftlich lohnenswert ist.
Relevanz für die Praxis
Für Eigentümer von Bestandsimmobilien bieten die ausgezeichneten Projekte wertvolle Anhaltspunkte. Sie zeigen, dass Sanierungen in den 1970er, 80er und 90er Jahren, die oft unterdämmt sind, dringend benötigte Modernisierungen erfahren können. Die Ergebnisse belegen, dass Energieeinsparungen von über 80 % machbar sind.
Für Planer und Architekten unterstreichen die Awards die Bedeutung einer integralen Planung. Die Kriterien der Jury – Energieeffizienz, Ästhetik und Innovation – fordern einen Ansatz, der technische Anforderungen mit gestalterischer Qualität verbindet. Das Wissen um die Verarbeitung von WDVS wird hierbei zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor.
Für die Immobilienwirtschaft zeigt der RealGreen Award auf, wie Dekarbonisierung strategisch verankert werden kann. Die Kategorien Portfolio-Strategie und Optimierung bieten Anknüpfungspunkte für Investoren und Verwalter, um über einzelne Baumaßnahmen hinauszugehen und den gesamten Bestand systematisch zu verbessern.
Fazit
Die Auszeichnungen ETHOUSE Award und RealGreen Award etablieren sich als wichtige Leuchttürme in der Bau- und Immobilienbranche. Sie machen erfolgreiche Sanierungen sichtbar und liefern evidenzbasierte Vorbilder.
Der ETHOUSE Award konzentriert sich auf die technische Exzellenz in der Verarbeitung von Wärmedämmverbundsystemen und die architektonische Aufwertung von Bestandsgebäuden in Österreich. Er beweist, dass hocheffiziente Sanierungen mit ästhetischer Qualität vereinbar sind.
Der RealGreen Award erweitert den Blickwinkel auf die strategische Ebene der Dekarbonisierung von Immobilienportfolios in Deutschland. Er adressiert Investoren und Kommunen und fördert Ansätze, die den Klimaschutz über den Einzelbau hinausdenken.
Zusammen genommen illustrieren diese Wettbewerbe, dass energetische Sanierung ein multidimensionaler Prozess ist, der handwerkliche Präzision, architektonische Kreativität und strategische Unternehmensführung vereint. Um die Klimaziele zu erreichen und die Energiekrise zu bewältigen, sind genau diese vielschichtigen Ansätze notwendig.