Die 1920er und 1930er Jahre markierten eine transformative Ära in der Architektur und Innenraumgestaltung. Nach dem Ersten Weltkrieg suchten Gesellschaften und Architekten nach neuen Ausdrucksformen, die sowohl den wirtschaftlichen Gegebenheiten als auch dem Wunsch nach Modernität und Funktionalität gerecht wurden. Dieser Zeitabschnitt ist geprägt von einem spannungsreichen Wechsel zwischen der schlichten Einfachheit des Bauhauses, der opulenten Eleganz des Art déco und der Rückbesinnung auf vereinfachte klassizistische Formen. Für Hausbesitzer, die sich mit der Renovierung einer Immobilie aus dieser Epoche befassen, ist das Verständnis dieser stilistischen und konstruktiven Besonderheiten entscheidend, um denkmalgerechte und authentische Sanierungsarbeiten durchzuführen.
Dieser Artikel beleuchtet die wesentlichen Aspekte der Wandgestaltung, Architektur und des Wohnstandards der 1920er Jahre, basierend auf kunsthistorischen und architektonischen Fachpublikationen.
Architektonischer Kontext und Stilentwicklung
Die Architektur der 1920er Jahre war stark von den wirtschaftlichen Verhältnissen geprägt. Im Vergleich zur reich verzierten Gründerzeit entstanden schlichte bis puristische Wohnquartiere. Diese Entwicklung betraf nicht nur die Optik, sondern auch Grundrisse und Konstruktionen (Quelle 3). Städte wie Berlin entwickelten sich durch diesen neuen Baustil zu modernen Metropolen, wobei einige Siedlungen dieser Zeit heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen.
Trotz der Dominanz des modernen Baustils wurden weiterhin traditionelle Gebäude errichtet. Ein charakteristisches Merkmal der Bauten aus den 20er und 30er Jahren sind minimierte Wand- und Deckenquerschnitte. Die Außenwände bestehen oft aus Ziegeln, aber auch aus Bimsmauerwerk oder Hohlblocksteinen. Diese Konstruktionen weisen oft nur unzureichenden Schall- und Wärmeschutz auf. Die Fassadengestaltung zeigt sich durch einfache Putzfassaden, deren Design primär durch das Spiel mit Fensterformen und -anordnungen erreicht wird. Häufig finden sich energetisch ungünstige Eckfenster (Quelle 3).
Einflüsse aus Skandinavien sind ebenfalls erkennbar. In den 1920er Jahren wurde der Klassizismus wieder populär, jedoch in sehr vereinfachter Form ohne die aufwändigen Dekorationen früherer Epochen. Angestrebt wurde eine schlichte Formensprache mit Einflüssen aus dem 100 Jahre alten schwedischen Reich (Quelle 2).
Wand- und Deckengestaltung: Von der Fuge zum Spritzdekor
Die Innenraumgestaltung der 1920er Jahre ist durch eine interessante Dualität gekennzeichnet: Während einerseits die strenge Sachlichkeit des Bauhauses dominierte, herrschte in der gehobenen Schicht des Art déco eine Vorliebe für sinnliche Formen, exotische Materialien und kühne Farben. Die Entdeckung des Grabes Tutanchamuns 1922 führte zu einer Begeisterung für ägyptische Motive, die mit den facettenreichen Formen des Kubismus kombiniert wurden (Quelle 4).
Die glatte Decke und der Wandanschluss
In vielen Wohnungen der 1920er Jahre sind die Decken komplett glatt ausgeführt, oft mit einer weichen Rundung an der Wand (Schmiege). Ein typisches gestalterisches Detail ist die weiße Deckenfarbe, die 20 bis 30 cm an der Wand herunterreicht, bevor die Tapete beginnt. In teureren Wohnungen und Häusern kamen auch ungestrichene Holzdecken vor, die in Kassetten unterteilt waren (Quelle 2).
Historische Wandtechniken: Der Spritzdekor
Ein oft übersehenes, aber signifikantes Element der Wandgestaltung dieser Epoche ist der sogenannte Spritzdekor oder die Farbstrahlkunst. Während kunsthistorische Publikationen oft den Fokus auf das Bauhaus oder Einzelentwürfe legen, wurde die handwerkliche Wandgestaltung durch Spritzdekorationsverfahren bislang nur vereinzelt betrachtet (Quelle 1).
Der Spritzdekor diente als Wandgestaltung in den 1920er und 1930er Jahren. Es handelte sich hierbei um ein handwerkliches Verfahren, bei dem Farbe oder Putz durch eine Schablone oder direkt aufgetragen wurde, um dekorative Muster oder Strukturen zu erzeugen. Diese Technik ermöglichte eine individuelle und oft künstlerische Gestaltung der Wände, die sich von der reinen Tapete oder dem Glattputz abhob. Für die Denkmalpflege und die Renovierung ist diese Erkenntnis relevant, da hier spezifische Restaurierungstechniken erforderlich sind, um diese originalen Oberflächen zu erhalten oder originalgetreu wiederherzustellen (Quelle 1).
Wandverkleidungen und Paneelen
Die Gestaltung der unteren Wandbereiche unterlag einem Wandel. In den 1920er Jahren sind die Bodensockel meist niedrig und besitzen ein einfaches Profil, oft mit Rokoko-Formen. Tür- und Fensterverkleidungen werden schmaler als in den 1910er Jahren, meist zwischen 7 und 9 cm breit, wobei die Perlenprofile noch schlichter werden (Quelle 2).
Bisher übliche hohe Paneele sind zwar noch vorhanden, werden aber allmählich durch niedrigere, schmalere Bodensockel in klassizistischen Formen ersetzt. In den 1930er Jahren werden Paneele zunehmend als veraltet empfunden. Sie werden entweder ersetzt oder mit Masonit (einer Pressfaserplatte) abgedeckt (Quelle 2).
Farbgebung und Materialästhetik
Die Farbpalette und Materialwahl spiegeln den Stilwandel wider. In Wohnungen, die dem schlichten Klassizismus oder der Reformarchitektur folgen, dominieren zurückhaltende Töne. Die Verzierungen und Holzarbeiten der 1920er Jahre sind typischerweise in braun-beigen Farbtönen oder in Cremeweiß gestrichen oder mit Maserungen versehen, um die natürliche Holzoptik zu imitieren (Quelle 2).
Im starken Kontrast dazu steht das Art déco. Hier spielten Designer mit exotischen Materialien und kühnen Farben. Die Gestaltung war oft auf eine Elite ausgerichtet und versprühte Optimismus. Ein Beispiel für die Materialvielfalt ist die japanische Lackkunst, die in den 1920er-Jahren durch Künstler wie Dunand (der von dem japanischen Meister Seizo Sugawara lernte) in Europa populär wurde. Traditioneller Lack wird aus dem Saft des chinesischen Lackbaums gewonnen und in bis zu 100 Arbeitsschritten aufgetragen. Er enthält Urushiole, die eine hohe Glanzoberfläche und Haltbarkeit garantieren (Quelle 4).
Wohnstandard und Einrichtung: Funktionalität und Design
Die 1920er Jahre brachten einen deutlichen Anstieg des Wohnstandards, auch für Arbeiterwohnungen. Die Unterschiede in der Wohnungsgröße zwischen Arbeitern und der reichen Schicht verringerten sich. Technische Errungenschaften wie Elektrizität, Radio, Telefon und Kühlschränke wurden zugänglicher. Badezimmer mit WC, zunächst noch im Keller des Hauses, wurden vermehrt installiert (Quelle 5).
Die Küche
In den 20er Jahren stieg auch der Standard in der Küche signifikant. Es floss warmes und kaltes Wasser aus den Hähnen, und die Arbeitsplatten sowie die Küchenschränke wurden fabrikgefertigt und oft aus Marmor ausgeführt (Quelle 5).
Wohnen und Möbel
Das Wohnzimmer blieb in vielen Fällen leer und ordentlich, um nur zu besonderen Anlässen genutzt zu werden. Die feste Einrichtung zeichnete sich durch eine Einfachheit aus, die sich von den vorherigen Jahrzehnten unterschied. In aufwendigen Wohnungen waren Wohnzimmer, Flure und Treppen jedoch oft mit dekorativen Elementen im zeitgenössischen Stil ausgestattet, wie Säulen oder Pilastern, die Türöffnungen umgaben. Die Zimmer wurden mit eleganten Möbeln aus Holzarten wie Birke und Ulme eingerichtet (Quelle 5).
Massenproduktion von Haushaltsgegenständen führte zur Verbreitung des Schönheitsideals des Kunsthandwerks unter dem Begriff "schönere Alltagsgegenstände". Dieses Ideal fand seinen Höhepunkt im Bauhaus, dessen Design-Philosophie bis heute reicht. Ikonische Leuchten wie die Wagenfeld-Leuchte (entworfen in den frühen 1920er Jahren am Bauhaus) oder die Lenklampen von Midgard prägten das Bild. Die Wagenfeld-Leuchte besteht aus einem runden Fuß, einem zylinderförmigen Schaft und einem Schirm aus Opalglas und gilt als Inbegriff der Bauhaus-Ästhetik (Quelle 4). Auch Möbel wie der Esstisch LC6 von Le Corbusier oder Sandows Stühle von René Herbst fanden Eingang in die modernen Wohnungen (Quelle 4).
Renovierung und Erhaltung von Bauten der 1920er Jahre
Für Eigentümer von Immobilien aus dieser Epoche stellt die Renovierung eine besondere Herausforderung dar. Die Bauweise mit minimierten Querschnitten und oft fehlender Dämmung erfordert modernste Sanierungskonzepte, die denkmalgerecht und energetisch sinnvoll sind.
Herausforderungen bei der Substanz
Die Außenwände aus Ziegel, Bimsmauerwerk oder Hohlblockstein bieten oft unzureichenden Schall- und Wärmeschutz (Quelle 3). Ebenso sind die Fensterkonstruktionen, insbesondere Eckfenster, energetisch ungünstig. Eine Sanierung muss diese Schwachstellen angehen, ohne den architektonischen Charakter der Fassade zu zerstören.
Denkmalpflege und Oberflächen
Bei der Renovierung von Innenräumen ist besondere Aufmerksamkeit den originalen Oberflächen zu widmen. Das Wissen um Techniken wie den Spritzdekor (Quelle 1) ist hier essenziell. Werden Wände verputzt oder gestrichen, sollte bedacht werden, dass die ursprüngliche Ästhetik oft auf schlichten, aber hochwertigen Materialien basierte. Das Streichen von Holzelementen in braun-beigen Tönen oder Cremeweiß ist eine Möglichkeit, den ursprünglichen Stil wiederherzustellen (Quelle 2).
Die Erneuerung von Bodensockeln und Türverkleidungen sollte die schmalen, klassizistischen Formen der 1920er Jahre berücksichtigen, anstatt auf breite, üppige Formen der Gründerzeit zurückzugreifen (Quelle 2).
Fazit
Die 1920er Jahre waren eine Zeit des Umbruchs in der Baukunst und Innenraumgestaltung. Die Wandgestaltung dieser Epoche ist geprägt von einer Vielfalt, die von der schlichten Glätte der Bauhaus-Decken über die künstlerische Struktur des Spritzdekors bis hin zu den verzierenden Elementen des Art déco reicht. Für die moderne Renovierung bedeutet dies, dass eine genaue Bestandsaufnahme des historischen Bestands notwendig ist. Das Verständnis der Materialien (Holz, Lack, einfache Putzfassaden), der typischen Proportionen (niedrige Sockel, schmale Verkleidungen) und des gestiegenen Wohnstandards (Küchen- und Bäderstandard) ist entscheidend, um die Bausubstanz dieser prägenden Ära zu erhalten und zukunftsfähig zu sanieren.