Auswahl und Planung von Bodenbelägen: Sicherheits- und Normenleitfaden für Eigentümer und Planer

Die Auswahl des richtigen Bodenbelags ist eine zentrale Entscheidung in der Bau- und Renovierungsplanung. Neben ästhetischen Aspekten sind funktionale Kriterien wie Sicherheit, Langlebigkeit und Eignung für den konkreten Einsatzort von entscheidender Bedeutung. Besonders die Rutschhemmung spielt in öffentlichen, gewerblichen und privaten Bereichen eine wesentliche Rolle, um Unfälle zu vermeiden. Dieser Artikel gibt einen umfassenden Überblick über die wichtigsten Normen, Empfehlungen und Planungsaspekte, die bei der Auswahl von Bodenbelägen beachtet werden müssen, basierend auf den Richtlinien der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) und den geltenden Normen.

Einleitung: Zielsetzung und Bedeutung der korrekten Bodenbelagsauswahl

Unfälle durch Ausrutschen auf Bodenbelägen stellen ein erhebliches Risiko in verschiedenen Umgebungen dar. Um solche Vorfälle so weit wie möglich auszuschließen, wurde eine umfassende Anforderungsliste für Bodenbeläge entwickelt. Diese dient als Hilfsmittel für Planer, Architekten, Sicherheitsdelegierte, Liegenschaftsverwaltungen, Bauherren und die Bodenbelagsbranche. Das primäre Ziel ist es, Bodenbeläge entsprechend dem Verwendungszweck und dem Einsatzort auszuwählen, wobei die Gleitfestigkeit im Vordergrund steht. Die Grundlagen für diese Bewertungsmethodik gehen auf Untersuchungen aus den späten 1990er-Jahren zurück, die in Zusammenarbeit von Suva und bfu durchgeführt wurden. Hierbei wurde das Gleitverhalten von Schuhen auf verschiedenen Belägen untersucht und eine Methode zur Prüfung der Gleitfestigkeit entwickelt. Die darauf basierende Anforderungsliste wurde erstmals im Jahr 1998 von einer Gruppe von Verbänden und Firmen erarbeitet, darunter bfu, Suva, EMPA St. Gallen, das kantonale Amt für Industrie, Gewerbe und Handel Solothurn, der Schweizerische Plattenverband SPV, der Naturstein-Verband Schweiz NSV, Forbo Giubiasco SA und Walo Bertschinger AG. Diese breite Basis unterstreicht die Relevanz und die gemeinsame Verantwortung für die Sicherheit im Umgang mit Bodenbelägen.

Normen und Standards für Bodenbeläge

Die Auswahl von Bodenbelägen wird durch eine Vielzahl von Normen und Standards geregelt, die Sicherheit, Qualität und Eignung für spezifische Anwendungen gewährleisten sollen. Eine umfassende Übersicht über alle relevanten Normen ist auf der Website von SNV.ch (Schweizerische Normen-Vereinigung) verfügbar.

Wichtige Normen für die Planung und Ausführung von Bodenbelägen umfassen:

  • SN EN 16165: Bestimmung der Rutschhemmung von Fussböden - Ermittlungsverfahren. Diese Norm legt Verfahren zur Bestimmung der Rutschhemmung von Bodenbelägen fest und ist grundlegend für die Sicherheitsbewertung.
  • SIA 244: Kunststeinarbeiten – Beläge, Bekleidungen und Werkstücke. Diese Norm regelt die Anforderungen an Bodenbeläge aus Kunststein.
  • SIA 246: Natursteinarbeiten – Beläge, Bekleidungen und Werkstücke. Sie behandelt die spezifischen Anforderungen an Natursteinbeläge.
  • SIA 248: Plattenarbeiten – Beläge und Bekleidungen mit Keramik, Glas und Asphalt. Diese Norm definiert Standards für Beläge aus diesen Materialien.
  • SIA 252: Bodenbeläge aus Zement, Magnesia, Kunstharz und Bitumen. Sie betrifft Beläge auf mineralischer und bituminöser Basis.
  • SIA 253: Bodenbeläge aus Linoleum, Kunststoff, Gummi, Kork, Textilien und Holz. Diese Norm deckt organische und elastische Bodenbeläge ab.
  • SIA 283: Gussasphalt für Abdichtungen, Schutz- und Nutzschichten, Bodenbeläge und Estriche im Hochbau – Produkte und Baustoffprüfungen, Eigenschaften und Konformität. Sie spezifiziert die Eigenschaften von Gussasphalt.
  • DIN-Norm 51130: Prüfung von Fussböden – Bestimmung des Verdrängungsraums. Obwohl eine DIN-Norm, wird sie im deutschsprachigen Raum häufig zur Bewertung herangezogen.

Diese Normen bilden das rechtliche und technische Gerüst für die Planung, Ausführung und Bewertung von Bodenbelägen. Sie definieren Prüfverfahren, Anforderungen an Materialien und die Konformität von Produkten.

Bewertung der Rutschhemmung: Schuh- und Barfussbereich

Die Rutschhemmung wird in der Anforderungsliste der bfu in zwei Hauptbereiche unterteilt: den Schuhbereich und den Barfussbereich. Diese Differenzierung ist essenziell, da die Anforderungen je nach Nutzung stark variieren.

Anforderungen im Schuhbereich

Im Schuhbereich, der öffentliche und gewerbliche Innenräume sowie Außenbereiche umfasst, wo in der Regel Schuhe getragen werden, wird die Rutschhemmung nach Bewertungsgruppen (R-Gruppen) klassifiziert. Die Bewertungsgruppe R9 wird beispielsweise als Referenz für viele Anwendungen herangezogen. Die Planung muss berücksichtigen, ob der Bereich gedeckt oder ungedeckt ist. Gedeckte Bereiche sind Innenräume, während ungedeckte Bereiche dem Wetter ausgesetzt sind. Laubengänge und offene Treppen erfordern besondere Aufmerksamkeit, da sie sowohl dem Wetter als auch unterschiedlichen Nutzungen unterliegen. Treppen- und Bodenbeläge im Freien müssen speziell auf ihre Rutschhemmung bei Nässe geprüft werden. Die Anforderungsliste bietet hierfür konkrete Hinweise zur Planung.

Anforderungen im Barfussbereich

Der Barfussbereich umfasst Bereiche, in denen Menschen barfuß laufen, wie Schwimmbäder, Saunen, Wellnessbereiche oder bestimmte Wohnbereiche. Hier gelten strengere Kriterien, da das Verletzungsrisiko durch Rutschunfälle höher ist und die Haut direkten Kontakt mit dem Belag hat. Die Anforderungsliste enthält spezifische Richtlinien für die Bewertung in diesen sensiblen Zonen.

Empfehlungen der BFU und spezifische Einsatzorte

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) gibt konkrete Empfehlungen für bestimmte Umgebungen, die auf den gesammelten Erfahrungen und Untersuchungen basieren.

Empfehlungen für Schulen

In Schulgebäuden ist die Wahl des Bodenbelags besonders kritisch, da hier Kinder und Jugendliche in großem Umfang aktiv sind. Die bfu empfiehlt, dass Bodenbeläge in Schulen folgende Eigenschaften aufweisen sollten: * Rutschhemmend: Um Stürze während des Spiel- und Sportbetriebs zu verhindern. * Pflegeleicht: Um den Reinigungsaufwand in großflächigen Einrichtungen zu minimieren. * Abriebfest: Da Schulgebäude stark frequentiert werden und der Boden starkem Verschleiß ausgesetzt ist. * Stossdämpfend: Um Verletzungen bei Stürzen abzumildern und Geräusche zu reduzieren. * Fusswarm: Um ein angenehmes Raumklima zu schaffen, was die Konzentration fördern kann.

Diese Kombination von Eigenschaften zielt darauf ab, ein sicheres, langlebiges und nutzerfreundliches Umfeld zu schaffen.

Öffentliche Bereiche

Für öffentliche Bereiche, die einer breiten Nutzergruppe offenstehen, wird in der Anforderungsliste eine allgemeine Empfehlung ausgesprochen. Die Auswahl sollte immer unter Sicherheitsaspekten priorisiert werden, wobei die spezifische Gefährdung (z.B. durch Nässe, Öl, Staub) bewertet werden muss. Die Tipps zur Auswahl in der Anforderungsliste helfen dabei, für den konkreten Einsatzort den passenden Belag zu identifizieren.

Praktische Planungstipps und Bewertung

Bei der konkreten Planung und Auswahl eines Bodenbelags sind mehrere Faktoren zu berücksichtigen, die über die reine Rutschhemmung hinausgehen. Ein zentrales Kriterium ist die Abriebfestigkeit. Ein Bodenbelag muss den täglichen Belastungen standhalten, ohne seine technischen oder ästhetischen Eigenschaften zu verlieren. Die Anforderungsliste bietet hierfür Bewertungsgrundlagen.

Wichtige Planungsschritte sind: 1. Klärung der Verwendung: Was ist der primäre Zweck des Raums? Welche Art von Lasten (Fußgänger, Rollstühle, Transportwagen, Maschinen) wird er erwartet? Ist eine Nässe- oder Schmutzbelastung zu erwarten? 2. Bewertung der Gleitfestigkeit: Anhand der Normen und der Anforderungsliste muss die erforderliche Rutschhemmung für den spezifischen Einsatzort bestimmt werden. Hierbei ist zu unterscheiden, ob es sich um einen Schuh- oder Barfussbereich handelt. 3. Materialauswahl: Je nach Anforderungen an Abrieb, Pflege, Akustik, Wärmeleitfähigkeit und Optik wird ein Material (Keramik, Naturstein, Linoleum, Gummi, Holz, Textil, Kunststoff) ausgewählt, das die Kriterien erfüllt. Die genannten Normen (SIA 244, 246, 248, 252, 253, 283) geben hierfür die technischen Rahmenbedingungen vor. 4. Berücksichtigung von Übergängen: Besonders an Treppenstufen, an denen sich Beläge aus verschiedenen Materialien treffen, ist die Gefahr des Ausrutschens erhöht. Hier sind spezielle Übergangslösungen und eine sorgfältige Planung erforderlich. 5. Dokumentation und Konformität: Die Wahl des Belags sollte dokumentiert werden, um nachzuweisen, dass die geforderten Normen und Sicherheitsstandards eingehalten wurden. Dies ist insbesondere in öffentlichen und gewerblichen Bereichen von Bedeutung.

Die Anforderungsliste der bfu dient hier als praxisnaher Leitfaden, der die theoretischen Normen in konkrete Handlungsanweisungen für die Auswahl übersetzt.

Fazit

Die Auswahl eines Bodenbelags ist eine komplexe Aufgabe, die Sicherheit, Funktionalität und Ästhetik in Einklang bringen muss. Die Grundlage für eine fachgerechte Entscheidung bilden die umfassenden Normen (SN EN, SIA, DIN) und die spezifischen Empfehlungen der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu). Die Anforderungsliste der bfu ist ein unverzichtbares Instrument, um die Rutschhemmung von Bodenbelägen systematisch zu bewerten – getrennt nach Schuh- und Barfussbereich und angepasst an den konkreten Einsatzort.

Besonders in sensiblen Bereichen wie Schulen, wo eine Kombination aus Rutschhemmung, Pflegeleichtigkeit, Abriebfestigkeit, Stossdämpfung und Fußwärme gefordert wird, zeigen sich die Vorteile einer normorientierten Planung. Die Zusammenarbeit von Fachverbänden, Unfallversicherern und Herstellern bei der Erstellung der Anforderungsliste unterstreicht die gemeinsame Verantwortung für die Sicherheit im Bauwesen. Letztendlich ist eine sorgfältige Planung, die auf diesen etablierten Grundlagen basiert, der beste Weg, um langlebige, sichere und benutzerfreundliche Bodenbeläge zu realisieren und das Risiko von Unfällen durch Ausrutschen minimieren.

Quellen

  1. bfu Anforderungsliste Bodenbeläge
  2. BFU Ratgeber Bodenbelag
  3. BFU Rutschhemmender Bodenbelag

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