Der Bodenbelagsmarkt in den 1960er-Jahren: Revolution, Materialwandel und die Herausforderung der Fachhandwerker

Die 1960er-Jahre markieren eine Phase tiefgreifender Umbrüche im deutschen Bodenbelagsmarkt. Eine Vielzahl neuer Materialien, Verlegearten und Normen entstand, die das Geschäftsgebaren von Herstellern, Händlern und Handwerkern gleichermaßen herausforderte. Dieser Artikel beleuchtet die entscheidenden Entwicklungen dieser Dekade, basierend auf historischen Fachpublikationen. Wir untersuchen den Aufstieg synthetischer Beläge, die Diskussion um die Verlegung von Parkett auf Estrich, die Einführung neuer Teppichböden und die wachsende Notwendigkeit von Normen wie der DIN 18365.

Der revolutionäre Aufbruch: Neue Belagsarten und Materialinnovationen

Die 1960er Jahre waren geprägt von einem wahren Umbruch im Bodenbelagsmarkt. Traditionelle Materialien wie Asphalt-Tiles wurden zunehmend von modernen Alternativen verdrängt, während völlig neue Produktkategorien auf den Markt drängten.

Der Vormarsch der Kunststoffe

Besonders hervorzuheben ist der außergewöhnliche Erfolg von PVC-Belägen und Vinyl-Asbest-Fliesen. Diese Materialien boten neue Eigenschaften in Bezug auf Pflegeleichtigkeit und Optik. Parallel dazu etablierten sich PVC-Beläge auf Trägerschicht, die eine stabile Grundlage für die Verlegung boten. Die Entwicklung hin zu Kunststoffen war so dominant, dass schließlich "alles zum Teppichboden" tendierte.

Der Aufstieg der Teppichböden

Teppichböden standen am Anfang ihres Siegeszuges, wobei die Tendenz stark zunahm. Die Marktübersichten der Fachzeitschrift "boden-wand-decke" (bwd) belegen diese Entwicklung eindrücklich: Während 1961 noch 161 Teppichqualitäten verzeichnet wurden, waren es 1964 bereits 354 (250 inländische und 104 ausländische). Neben der reinen Quantität gab es auch qualitative Veränderungen, da ein "massiver Vorstoß der synthetischen Chemiefasern wie Dupont 501 und Allyn 707" zu verzeichnen war.

Die Einführung des Nadelfilzbelags

Eine besondere Neuentwicklung war der Nadelfilzbelag. Anfangs herrschte Unsicherheit über die Einordnung dieser Neuheit. Manche Hersteller sahen ihn als eigene Gattung, die zwischen weichen Teppichböden und harten Belägen lag. Die Mehrheit entschied sich jedoch für eine Zuordnung zum Teppichsegment. Auch bei dieser Innovation kamen die ersten Varianten aus dem französischen Nachbarland. Ob der Nadelfilzbelag langfristig erfolgreich sein würde, beobachtete man zunächst mit gesunder Skepsis.

Die Herausforderung der Fachhandwerker: Anerkennung und Kompetenz

Der rapiden Materialentwicklung stand eine herausfordernde Situation im Handwerk gegenüber. Die Verarbeitung der neuen Beläge erforderte spezifisches Wissen, das nicht immer vorhanden war.

Die Notwendigkeit der Fachausbildung

Die Produktvielfalt stellte hohe Anforderungen an die Bodenleger. Sie mussten nicht nur ihr Handwerk beherrschen, sondern auch die Eigenschaften und Anwendungsgebiete der verschiedenen Beläge kennen, um ihren Kunden fundierte Empfehlungen geben zu können. Kaufmännisches Geschick und Verhalten gewannen zunehmend an Bedeutung. Hersteller wurden aufgefordert, über die "große Werbung in der Öffentlichkeit" hinaus sachliche Informationen über die Eigenschaften und Anwendungsgebiete ihrer Beläge zu liefern.

Die Diskussion um die Anerkennung als Vollhandwerk

Die mangelnde Regulierung des Bodenlegens führte zu erheblichen Problemen. Ein Leitartikel von Erich Rosenbaum, Präsident des Bundesverbandes des Bodenlegerhandwerks e. V. (BVB), im September 1966 machte die Problematik deutlich: "Das Bodenlegen kann von jedem, der etwas oder vielleicht auch gar nichts davon versteht, betrieben werden." Er betonte, dass die allgemeinen technischen Vorschriften der DIN 18365 Bodenbelagsarbeiten vom Verarbeiter die gleichen Voraussetzungen im Hinblick auf Umfang, Genauigkeit, Wissen und Erfahrungen verlangen, wie das bei anderen Fußboden-Vollhandwerkern der Fall ist.

Rosenbaum verwies darauf, dass Estrichleger, Parkettleger, Raumausstatter und Maler "alle in einem Boot sitzen". Solange es möglich sei, das Bodenlegen wild zu betreiben, zahle die gesamte Branche in eine "Bodenleger-Pfuscher-Ausgleichskasse". Sein Anliegen war die Neuordnung im gesamten Bereich des Fußbodenhandwerks und die Anerkennung des Bodenlegerhandwerks als Vollhandwerk.

Technische Herausforderungen: Parkettverlegung und Estrich

Ein branchenübergreifendes Thema, das die gesamten 60er Jahre bewegte, war die schubfeste Parkettverlegung und die Konstruktion von Estrichen.

Das Problem der Verklebung auf Estrich

Die spannungsübertragende Verklebung des hygroskopischen Parkettholzes mit seinen riesigen Kräften direkt auf den Estrich stellte den Estrichhersteller vor Probleme, die er bisher bei anderen Belägen gar nicht oder nur in unbedeutendem Maße kennengelernt hatte. Obering. Wilhelm Schütze forderte in bwd 9/1963 daher, dass Estrichleger und Parketthandwerker sich nicht streiten, sondern verständigen sollten.

Die Diskussion um schwimmende Estrichkonstruktionen

Diese Verständigung war nicht ganz einfach, denn man diskutierte in jenen Jahren zunächst sehr eifrig über die grundsätzliche Eignung schwimmender Estrichkonstruktionen. Diese gewannen im Zuge immer weiter verbesserter Wärme- und Schallschutzmaßnahmen in den Gebäuden an Bedeutung. Die Debatte um die optimale Kombination von Estrich und Parkett war somit ein zentraler Baustein der technischen Entwicklung in dieser Dekade.

Teppichböden: Psychologische Wirkung und praktische Vorteile

Die Verbreitung von Teppichböden wurde nicht nur durch technische, sondern auch durch psychologische und praktische Überlegungen vorangetrieben.

Die emotionale Komponente

In einem Beitrag von Ernst Butenandt in bwd 2/1963 wurde die positive Wirkung von Teppichböden betont. "Um wieviel geselliger wirkt eine Sitzgruppe, wenn sie auf einem Teppich steht. Ein Teppichboden vermittelt das Gefühl des Geborgenseins", so Butenandt. Je nach Farbe könne sogar eine festliche Atmosphäre geschaffen werden. Zudem würden Gehgeräusche gedämpft, was zu einer positiven psychologischen Wirkung führe und den Teppichboden zu einer marktfreundlichen Ware mache.

Die Klassifizierung nach Beanspruchung

Butenandt identifizierte jedoch auch Defizite, insbesondere die in den Augen der Verbraucher vorhandene Skepsis hinsichtlich der mangelnden Hygiene. Diese könne durch Überzeugungsarbeit ausgeräumt werden. Das zweite Defizit war die Lebensdauer. Gerade für diesen Aspekt wurde eine Klassifizierung als die richtige Maßnahme angesehen. Vorausschauend wurden vier Gruppen von leichter bis mittlerer zu schwerer und schwerster Beanspruchung empfohlen. Wenn der richtige Teppich am richtigem Ort liege, wäre das Wagnis der Verlegung im Hinblick auf seine Dauerhaftigkeit wesentlich geringer.

Schall- und Wärmeschutz

Das Thema Schall- und Wärmeschutz durch Teppichböden wurde ebenfalls intensiv behandelt. Dipl.-Ing. Hans W. Bobran sprach 1962 von den erheblichen Vorteilen des Teppichbodens, was die Minderung des Gehschalls anbelangt. Dieser Begriff, der später im Zuge des störenden "Laminatsounds" über 40 Jahre später wieder in die Ohren der Branche drang, war also bereits in den 60er Jahren ein bekanntes Kriterium.

Normen und Vorschriften: Die Geburt der DIN 18365

Die neuen Belagsarten und Verlegearten verlangten unweigerlich nach neuen Normen und Vorschriften, um Qualität und Sicherheit zu gewährleisten.

Die Einführung der DIN 18365

Dipl.-Volkswirt Dietrich Wentz berichtete im Februar 1962, dass die DIN 18365 "Bodenbelagsarbeiten" kurz vor der Veröffentlichung stand. Erstmals lag damit ein Werk vor, das von DIN-Normen zur Prüfung von Bodenbelägen und RAL-Registrierungen von Gütebestimmungen für die einzelnen Belagsarten bis hin zu technischen Ausführungsbestimmungen für Aufträge nach VOB (Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen) reichte.

Die Verbreitung der Norm in der Praxis

Die Grundlagen dieser Norm in die Köpfe der bodenlegenden Fachzeitschriftenleserschaft zu bringen, übernahm Erich Rosenbaum 1968 mit einer ausführlichen Serie zur "VOB und Bodenlegerpraxis" in bwd. Diese Norm war ein entscheidender Schritt zur Professionalisierung des Handwerks und zur Sicherstellung einer einheitlichen Qualität bei der Verlegung der vielfältigen neuen Bodenbeläge.

Marketing und Öffentlichkeitsarbeit der Hersteller

Die Bodenbelagsindustrie nutzte in den 60er Jahren eine ungewöhnlich intensive Öffentlichkeitsarbeit, um ihre Produkte zu vermarkten.

Die "große Werbung in der Öffentlichkeit"

Die Werbung der Industrie war im Verhältnis zu anderen Belägen außergewöhnlich. Ein Beispiel ist Wolfgang Hart, damals noch in der Industrie tätig und später weit über 40 Jahre für das bwd aktiv, der 1963 ganzseitig für die Vorzüge von DLW-Linoleum im Politmagazin "Der Spiegel" warb. Diese intensive Marketingstrategie wurde insbesondere von der traditionell zurückhaltenderen Parkettbranche kritisiert.

Die besondere Stellung von Linoleum und PVC

PVC und Linoleum gehörten zu den elastischen Fussbodenbelägen. Sie waren Teil des Materialwandels und profitierten von der intensiven Werbung der Hersteller. Die Kapitalkraft der Bodenbelagsindustrie ermöglichte es ihr, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen und die neuen Produkte bekannt zu machen.

Fazit

Die 1960er-Jahre waren eine transformative Phase für den deutschen Bodenbelagsmarkt. Der massive Vormarsch synthetischer Materialien wie PVC und Vinyl-Asbest-Fliesen, der Aufstieg des Teppichbodens mit seinen psychologischen und technischen Vorteilen und die Einführung neuer Produkte wie des Nadelfilzbelags prägten das Jahrzehnt. Dieser Materialwandel ging einher mit erheblichen technischen Herausforderungen, insbesondere bei der Verlegung von Parkett auf Estrich, und führte zu einer intensiven Diskussion über die Anerkennung des Bodenlegerhandwerks als Vollhandwerk.

Die Einführung der DIN 18365 im Jahr 1962 stellte einen Meilenstein in der Standardisierung und Qualitätssicherung dar. Gleichzeitig nutzte die Industrie eine beispiellose Öffentlichkeitsarbeit, um die neuen Produkte zu etablieren. Die 60er Jahre legten somit das Fundament für den modernen Bodenbelagsmarkt, wie wir ihn heute kennen, und zeigen, wie Innovation, Normung und Handwerkskunst zusammenspielen, um eine Branche zu revolutionieren.

Quellen

  1. Neue Belagsarten verlangen neue Vorschriften
  2. Historische Bodenbeläge

Ähnliche Beiträge