Multiple Chemikalien-Sensitivität (MCS) und ihre Auswirkungen auf Bodenbeläge: Ein Leitfaden für gesundes Wohnen

Einleitung

Multiple Chemikalien-Sensitivität (MCS), auch als Vielfache Chemikalienunverträglichkeit oder idiopathische Umweltintoleranz (IEI) bekannt, ist eine chronische, multisystemische Umweltkrankheit, die durch eine Überempfindlichkeit gegenüber geringsten Mengen chemischer Substanzen gekennzeichnet ist. Betroffene reagieren bereits auf sehr geringe Konzentrationen von Chemikalien in der Luft, Alltagsprodukten oder Baumaterialien mit körperlichen Beschwerden, die für gesunde Menschen meist völlig unproblematisch sind. Die Symptome sind vielfältig und können neurologische, immunologische und metabolische Prozesse betreffen. Da Innenräume oft stärker belastet sind als die Außenluft, gewinnt wohngesundes Bauen und Sanieren an Bedeutung. Ein zentraler Aspekt dabei ist die Auswahl der Bodenbeläge, da diese eine große Oberfläche im Raum darstellen und potenziell emittierende Materialien enthalten können. Dieser Artikel beleuchtet auf Basis der vorliegenden Quellen die Zusammenhänge zwischen MCS und Bodenbelägen und bietet Handlungsempfehlungen für einen gesunden Wohnraum.

Was ist Multiple Chemikalien-Sensitivität?

MCS ist eine Umweltkrankheit, bei der Patienten mit zum Teil heftigen allergieähnlichen Unverträglichkeitsreaktionen auf diverse Chemikalien reagieren. Die Auslösung schwerer Krankheitssymptome ist jederzeit und überall möglich, auch durch Nahrung. Die Krankheit wird als eine der schwersten bekannten Erkrankungen eingestuft. Die Symptome können unspezifisch wirken, lassen aber oft ein klar erkennbares Muster erkennen, das auf die Summe kleiner Umweltfaktoren hinweist.

Die wichtigsten MCS-Klassifikationskriterien nach Cullen (1987) definieren die Erkrankung durch eine Vielzahl von Symptomen und eine spezifische Anamnese. Zu den wichtigsten Triggerfaktoren gehören Kumulationseffekte von lipophilen Toxinen wie chlororganischen Verbindungen, Aflatoxinen, Lösungsmitteln, Pestiziden und Eiweißzerfallsprodukten (sekundäre Amine). Ebenso können Schwermetalle wie Blei (Pb), Cadmium (Cd), Quecksilber (Hg), Zinn (Sn), Nickel (Ni), Chrom (Cr), Palladium (Pd), Gold (Au) und Platin (Pt) sowie Korrosionsprodukte aus zahnärztlichen Legierungen und Implantationen eine Rolle spielen. Diese Exposition kann zu neurotoxischen und immunotoxischen Nebenwirkungen führen, darunter Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Polyneuropathie, Immunsuppression, Infektanfälligkeit und gestörte Freisetzung von Entzündungsmediatoren. Zudem können sich immunogene Strukturen mit körpereigenen Proteinen bilden, die Typ-IV-Sensibilisierungsreaktionen auslösen. Stark inflammatorische Reaktionen können durch überproportionale Expression von y-IFN, IL-2, IL-10 und NF-KB nach Exposition gegenüber subtoxischen Konzentrationen von viralen Antigenen oder Lösungsmittelgemischen entstehen.

Genetische Polymorphismen wichtiger Detox-Systeme (z.B. CytP450-family, Aryl-Hydrocarbon-Hydroxylase, Monooxigenasen, GST, NAT, UDP-Glukuronidase) der Phase I und II können das Risiko für die Entwicklung einer MCS erhöhen. Eine Studie aus dem Jahr 2015 (Palmer et al.) legt nahe, dass chemisch intolerante Mütter ein erhöhtes Risiko für Autismus und ADHS bei ihren Kindern haben. Kinder von Müttern mit MCS reagieren häufig empfindlicher auf schädliche Gerüche, sind anfälliger für Allergien und haben eine Vorliebe für bestimmte Lebensmittel.

MCS und Bodenbeläge: Ein unterschätztes Gesundheitsrisiko

Bodenbeläge sind ein integraler Bestandteil der Innenraumgestaltung und umgeben uns auf einer großen Fläche. Sie können jedoch, je nach Material und Verarbeitung, erhebliche Mengen an chemischen Substanzen emittieren, die für MCS-Betroffene problematisch sind. Die Quellen identifizieren verschiedene Materialgruppen und Stoffe, die als Triggerfaktoren in Frage kommen.

Problematische Materialien und ihre Emissionen

  1. Synthetische Bodenbeläge (PVC, Linoleum, Teppichböden mit Kunstfaserunterlagen):

    • PVC (Polyvinylchlorid): Enthält Weichmacher (Phthalate), die aus dem Material ausgasen können. Phthalate sind lipophile Toxine, die in der Liste der relevanten MCS-Triggerfaktoren genannt werden. Zudem können bei der Herstellung oder Entsorgung Schwermetalle wie Cadmium oder Blei als Stabilisatoren eingesetzt werden.
    • Linoleum: Oft aus natürlichen Rohstoffen wie Leinöl, Korkmehl und Harzen hergestellt, kann jedoch durch enthaltene Lösungsmittel oder durch Oxidationsprozesse des Leinöls flüchtige organische Verbindungen (VOCs) emittieren. Die genaue Zusammensetzung variiert stark je nach Hersteller.
    • Teppichböden: Bestehen häufig aus Kunstfaser-Unterlagen (z.B. aus Latex oder PVC) und synthetischen Fasern (z.B. Nylon, Polyester). Die Klebstoffe und die Fasern selbst können VOCs und andere Chemikalien freisetzen. Besonders problematisch sind Teppiche mit rückseitigem Latex, da Latex allergene Proteine enthalten kann und oft mit Konservierungsmitteln behandelt ist.
  2. Hölzerne Bodenbeläge (Parkett, Holzdielen):

    • Hölzer: Einige Hölzer, insbesondere exotische Arten, können von Natur aus ätherische Öle oder Harze enthalten, die für MCS-Betroffene problematisch sein können. Dies ist jedoch stark von der Holzart abhängig.
    • Behandlungen und Lacke: Die größere Gefahr geht von den verwendeten Lacken, Ölen, Wachsen und Klebern aus. Diese enthalten oft Lösungsmittel (z.B. Alkohole, Ester, Ketone), Lackharze und Konservierungsmittel. Die Emissionen können über lange Zeit andauern, auch wenn die Oberfläche trocken erscheint. Lösungsmittel sind in der Liste der MCS-Triggerfaktoren explizit genannt.
  3. Naturfaserteppiche (Wolle, Baumwolle, Sisal, Jute):

    • Diese Materialien gelten oft als gesündere Alternative. Sie können jedoch durch Behandlungen mit Pestiziden (z.B. Wolle), Farbstoffen oder chemischen Reinigungsprozessen belastet sein. Pestizide sind ebenfalls in der Liste der MCS-Triggerfaktoren aufgeführt. Zudem können Naturfasern Schimmelpilzsporen oder Staubmilben beherbergen, die für Allergiker problematisch sein können.
  4. Klebstoffe und Verlegezusätze:

    • Auch wenn der Bodenbelag selbst unproblematisch erscheint, können die verwendeten Klebstoffe erhebliche Emissionen verursachen. Dispersionskleber (z.B. auf Basis von PVC oder Acrylaten) und Reaktivkleber (z.B. Epoxidharz- oder Polyurethankleber) enthalten oft Lösungsmittel, Weichmacher oder Reaktionsharze. Diese Substanzen können über Monate oder Jahre aus dem Boden ausgasen.

Emissionen und Innenraumklima

Die Konzentrationen, die Symptome bei MCS-Betroffenen auslösen, sind für gesunde Menschen meist völlig unproblematisch. Das bedeutet, dass bereits geringe Emissionen aus Bodenbelägen ausreichen können, um Beschwerden zu verursachen. Die Studie von Nakaoka et al. (2015) untersuchte die Beziehung zwischen der Exposition gegenüber chemischen Stoffen in Innenräumen und negativen Gesundheitsauswirkungen bei einem Patienten mit Verdacht auf MCS. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Innenraumluftqualität und zeigen, dass auch geringe Konzentrationen bestimmter Verbindungen, die aus Baumaterialien emittieren, mit Symptomen korrelieren können.

Die Kumulationseffekte spielen eine zentrale Rolle. Verschiedene Quellen emittierender Materialien (z.B. Bodenbelag, Möbel, Wandfarbe, Putz) tragen gemeinsam zum Gesamtchemikaliengehalt in der Raumluft bei. Für MCS-Betroffene kann diese Summe bereits unterhalb der Wahrnehmungsgrenze gesunder Personen zu Beschwerden führen.

Handlungsempfehlungen für gesunde Bodenbeläge bei MCS

Für Betroffene, aber auch für gesundheitsbewusste Bauherren und Sanierer, ist die Auswahl geeigneter Bodenbeläge entscheidend. Da die Quellen keine spezifischen Produktempfehlungen oder detaillierte technische Spezifikationen für Bodenbeläge nennen, basieren die folgenden Empfehlungen auf den allgemeinen Prinzipien der Baubiologie und den in den Quellen identifizierten Problemstoffen.

Auswahlkriterien für Bodenbeläge

  1. Materialwahl:

    • Naturmaterialien bevorzugen: Bodenbeläge aus natürlichen Materialien wie unbehandeltem Holz (z.B. Buche, Eiche), Massivholzdielen, Naturstein, Schiefer, Kork oder Naturfaserteppichen (ohne chemische Behandlung) sind in der Regel weniger emissionsbelastet. Kork bietet zudem eine gute Dämmung und ist elastisch.
    • Vermeidung von synthetischen Materialien: PVC-Bodenbeläge sollten generell vermieden werden, da sie Weichmacher und Schwermetalle enthalten können. Auch komplexe Kunststoffverbundsysteme mit mehreren Schichten bergen ein hohes Risiko für unerwünschte Emissionen.
    • Vorsicht bei Lacken und Ölen: Bei Holzböden sind wasserbasierte Lacke oder Öle auf Naturölbasis (z.B. Leinöl, Harthölzer) vorzuziehen. Diese sollten jedoch ausdünndefreie (0-VOC) Produkte sein. Vollständig unbehandelte Hölzer sind die sicherste Wahl, erfordern aber eine spezielle Pflege.
  2. Verlegung und Klebung:

    • Schwimmende Verlegung: Eine schwimmende Verlegung (z.B. bei Parkett, Laminat, Kork) ohne Klebstoff ist der sicherste Weg, um Emissionen aus Klebern zu vermeiden. Hier werden die Elemente über ein Unterlagsmaterial (z.B. aus Naturkork oder Filz) verlegt und nur an den Stoßfugen verbunden.
    • Klebstoffe: Wenn eine Verklebung notwendig ist, sollten ausschließlich wasserbasierte, lösemittelfreie und möglichst weichmacherfreie Kleber verwendet werden. Es gibt spezielle Kleber für MCS-empfindliche Anwendungen, die auf Basis von natürlichen Harzen hergestellt werden. Die Wahl muss im Einzelfall geprüft werden.
  3. Verarbeitung und Ausgasung:

    • Ausreichende Ausgasungszeit: Neu verlegte Bodenbeläge sollten vor dem Bezug des Raumes ausreichend Zeit zur Ausgasung erhalten. Dies gilt insbesondere für lackierte oder geölte Hölzer und verklebte Systeme. Die Dauer ist abhängig von Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Produkt.
    • Lüftung: Während der Ausgasungsphase und auch danach ist eine regelmäßige, intensive Lüftung (Stoßlüftung) essentiell, um die Konzentration emittierter Stoffe zu reduzieren.

Spezielle Überlegungen für MCS-Betroffene

Für Menschen mit MCS ist die individuelle Reaktion entscheidend. Was für einen Betroffenen tolerierbar ist, kann für einen anderen bereits auslösend sein. Daher ist ein vorsichtiger Ansatz erforderlich.

  • Materialproben: Vor einer umfassenden Verlegung sollten Materialproben im eigenen Raum über einen längeren Zeitraum getestet werden. Betroffene können so ihre persönliche Reaktion auf das Material prüfen.
  • Innenraumluftmessung: Bei starken Reaktionen kann eine professionelle Messung der Innenraumluft (z.B. auf VOC, Formaldehyd, Weichmacher) helfen, die Belastungsquellen zu identifizieren.
  • Beratung durch Fachleute: Die Beratung durch einen Baubiologen oder einen auf Umweltmedizin spezialisierten Arzt kann bei der Auswahl geeigneter Materialien und der Planung eines gesunden Wohnraums hilfreich sein. Es existieren spezialisierte Kliniken und Beratungsstellen, die sich auf die Behandlung und Begleitung von MCS-Betroffenen konzentrieren.

Fazit

Multiple Chemikalien-Sensitivität ist eine schwere chronische Erkrankung, die durch eine Überempfindlichkeit auf geringste Mengen chemischer Substanzen gekennzeichnet ist. Bodenbeläge stellen aufgrund ihrer großen Oberfläche und der Vielzahl verwendeter Materialien und Behandlungen ein potenzielles Gesundheitsrisiko dar. Synthetische Materialien wie PVC, aber auch lackierte Hölzer und geklebte Systeme können problematische Emissionen verursachen.

Für die Planung und Sanierung von Wohnräumen, insbesondere wenn MCS-Betroffene betroffen sind, ist ein präventiver Ansatz entscheidend. Die Wahl von natürlichen, unbehandelten oder mit gesundheitlich unbedenklichen Produkten verarbeiteten Materialien sowie eine schwimmende Verlegung können das Risiko einer Exposition minimieren. Die individuelle Verträglichkeit bleibt jedoch das wichtigste Kriterium. Durch eine bewusste Auswahl von Bodenbelägen und eine sorgfältige Ausführung der Verlegung kann ein wichtiger Beitrag zur Schaffung eines gesunden und wohngesunden Wohnraums geleistet werden.

Quellen

  1. Multiple Chemikalien-Sensitivität (MCS): Ursachen, Symptome und wie baubiologische Maßnahmen helfen
  2. Multiple Chemikalien-Sensitivität (MCS)
  3. Die Multiple Chemikalien Sensitivität ist eine schwere chronisch inflammatorische Multi-Systemerkrankung
  4. MCS-Mütter: Erhöhtes Risiko für Autismus und ADHS bei Kindern
  5. Assessment of cerebral blood flow in patients with multiple chemical sensitivity using near-infrared spectroscopy—recovery after olfactory stimulation: a case–control study
  6. Association of Odor Thresholds and Responses in Cerebral Blood Flow of the Prefrontal Area during Olfactory Stimulation in Patients with Multiple Chemical Sensitivity
  7. Chemical intolerance: involvement of brain function and networks after exposure to extrinsic stimuli perceived as hazardous
  8. Multiple Chemical Sensitivity: The Underrecognized Diagnosis but True Disease
  9. Reliable disease biomarkers characterizing and identifying electrohypersensitivity and multiple chemical sensitivity as two etiopathogenic aspects of a unique pathological disorder
  10. Is multiple chemical sensitivity a clinically defined entity?
  11. Italian Expert Consensus on Clinical and Therapeutic Management of Multiple Chemical Sensitivity (MCS)
  12. FRAGRANCE POLLUTION INDUCES MULTIPLE CHEMICAL SENSITIVITY
  13. Counseling CLIENTS WITH ENVIRONMENTAL SENSITIVITIES – a guide for therapists
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  15. Neurological susceptibility to environmental exposures: pathophysiological mechanisms in neurodegeneration and multiple chemical sensitivity
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  17. Brain dysfunction in multiple chemical sensitivity
  18. Multiple Chemikaliensensitivität: Toxikologie- und Sensitivitätsmechanismen
  19. Three questions for identifying chemically intolerant individuals in clinical and epidemiological populations, The Brief Environmental Exposure and Sensitivity Inventory (BREESI)

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