Prüfung und Bewertung von Bodenbelägen: Rutschhemmung, Verdrängungsraum und Sicherheitsstandards nach DIN EN 16165

Die Auswahl und Bewertung von Bodenbelägen ist ein zentraler Aspekt in der Planung von Arbeitsbereichen, öffentlichen Räumen und Privathaushalten, insbesondere dort, wo Sicherheit einen hohen Stellenwert hat. Rutschunfälle stellen ein erhebliches Risiko dar, und die korrekte Beurteilung der Rutschhemmung eines Bodens ist für die Prävention von entscheidender Bedeutung. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Prüfverfahren, Bewertungsgruppen und relevanten Normen, die für die Beurteilung der Sicherheit von Bodenbelägen herangezogen werden, basierend auf den vorliegenden Informationen.

Die Bewertung der Rutschhemmung erfolgt anhand standardisierter Verfahren, die in der europäischen Norm DIN EN 16165 festgelegt sind. Diese Norm bildet das zentrale Regelwerk für die Prüfung von Bodenbelägen und hat mehrere frühere, nationale Normen (wie DIN 51130, DIN 51097 und DIN 51131) abgelöst. Die Prüfung kann in verschiedenen Kontexten und für unterschiedliche Anforderungsniveaus durchgeführt werden, wobei zwischen Laborprüfungen an Baumustern und Vor-Ort-Prüfungen unter Betriebsbedingungen zu unterscheiden ist.

Grundlagen der Rutschhemmungsbewertung

Die Prüfung der rutschhemmenden Eigenschaften von Bodenbelägen erfolgt gemäß der Arbeitsstättenregel „Fußböden“ nach DIN EN 16165, insbesondere in den Anhängen A, B, C und D. Die Norm stellt ein umfassendes Prüfsystem zur Verfügung, das verschiedene Prüfverfahren für unterschiedliche Einsatzbereiche und Gefährdungen umfasst.

Ein zentrales Prüfverfahren ist in Anhang B der Norm beschrieben. Hierbei führt eine Person in aufrechter Haltung vor- und rückwärts auf dem zu prüfenden Bodenbelag. Die Neigung des Bodenbelags wird dabei schrittweise vergrößert, bis die Person zu rutschen beginnt. Aus einer Messwertreihe mit zwei Prüfpersonen wird der mittlere Winkel des Ausrutschens ermittelt. Dieser Winkel ist maßgebend für die Einordnung des Bodenbelags in eine der Bewertungsgruppen R9 bis R13. Die Bewertungsgruppen mit den entsprechenden Winkeln des Ausrutschens lauten:

Bewertungsgruppe Winkel des Ausrutschens in Grad
R9 von 6 bis 10
R10 mehr als 10 bis 19
R11 mehr als 19 bis 27
R12 mehr als 27 bis 35
R13 mehr als 35

R9 repräsentiert dabei die niedrigste Rutschhemmung, R13 die höchste. Diese reine Laborprüfung an Baumustern hat einen hohen Stellenwert, da eine planerische Auswahl ohne diese Grundlagen nicht möglich wäre. Die Baumusterprüfung liefert jedoch nur eine Aussage über das Potenzial des Materials unter idealisierten Bedingungen; sie sagt nichts über die Rutschsicherheit des verlegten und genutzten Bodens aus. In der Praxis können falscher Einbau, unsachgemäße Pflege, Alterung, Abnutzung und Verschmutzung die Rutschhemmung beeinträchtigen und Unfälle verursachen.

Für Nassbereiche, wie beispielsweise Badezimmer oder Küchen, enthält die Norm in Anhang A ein separates Prüfverfahren mit einer mit Wasser benetzten schiefen Ebene. Dieses Verfahren ist für die Beurteilung von Bodenbelägen in Barfußbereichen relevant, wo ein erhöhtes Risiko durch Nässe besteht. Die Bewertung erfolgt hier nach den Bewertungsgruppen A, B oder C, wobei die Anforderungen an die Rutschhemmung von A bis C zunehmen.

Verdrängungsraum und betriebliche Anforderungen

In vielen Arbeitsbereichen, wie z. B. in Küchen, Autowerkstätten oder Außenbereichen, ist nicht nur die Rutschhemmung an sich entscheidend, sondern auch die Fähigkeit des Bodenbelags, gleitfördernde Stoffe wie Öl, Wasser oder andere Verschmutzungen aufzunehmen und der Geh-Ebene zu entziehen. Dies wird durch den Verdrängungsraum des Bodenbelags gewährleistet. Die Arbeitsstättenregel (ASR) A1.5 fordert deshalb für bestimmte Arbeitsräume einen definierten Verdrängungsraum, der durch offene Hohlräume, gewollte Unebenheiten oder eine Profilierung im Bodenbelag realisiert werden kann.

Die Bewertung des Verdrängungsraums erfolgt ebenfalls in Bewertungsgruppen, die in der Norm EN 16165 definiert sind. Es gibt vier Bewertungsgruppen mit steigenden Anforderungen an den Verdrängungsraum von V4 bis V10. Die Zuordnung eines Bodenbelags zu einer bestimmten Bewertungsgruppe für den Verdrängungsraum ist abhängig von der spezifischen Gefährdung durch gleitfördernde Stoffe im Einsatzbereich.

Prüfverfahren nach DIN EN 16165 im Detail

Die DIN EN 16165 gliedert sich in mehrere Anhänge, die jeweils spezifische Prüfverfahren beschreiben:

  • Anhang A: Prüfverfahren für die Rutschhemmung von Bodenbelägen in Nassbereichen (Barfußbereiche). Bewertung in den Gruppen A, B, C.
  • Anhang B: Prüfverfahren für die Rutschhemmung von Bodenbelägen in Arbeitsbereichen mit Rutschgefahr. Bewertung in den Gruppen R9 bis R13.
  • Anhang C: Prüfverfahren für die Bestimmung des Verdrängungsraums von Bodenbelägen. Bewertung in den Gruppen V4 bis V10.
  • Anhang D: Prüfverfahren zur Bewertung der Rutschgefahr unter Betriebsbedingungen (Vor-Ort-Prüfung).

Das Verfahren nach Anhang D ist besonders relevant für die laufende Sicherheitsüberwachung bereits verlegter Bodenbeläge. Es ermöglicht die Ermittlung der Rutschhemmung unter realen Betriebsbedingungen. Hierbei wird ein mit Gleitern ausgerüstetes Messgerät mit konstanter Geschwindigkeit über den Bodenbelag gezogen. Die erforderliche Zugkraft über die Messstrecke wird gemessen, und der Gleitreibungskoeffizient µ (Verhältnis zwischen Zugkraft und vertikal wirkender Kraft) wird berechnet. Die Gleiter können mit verschiedenen Schuhsohlenbelägen ausgestattet werden, und es können auch die betriebsbedingt auftretenden gleitfördernden Medien (z. B. Öle, Verschmutzungen) in die Prüfung einbezogen werden. Die Bewertung erfolgt für das Gesamtsystem aus Fußboden, Schuh und gleitförderndem Stoff. Diese Vor-Ort-Prüfung ist essentiell für die Durchführung von Korrektur- und Präventionsmaßnahmen.

Weitere Prüfverfahren und internationale Standards

Neben der DIN EN 16165 gibt es eine Vielzahl weiterer Prüfverfahren und Normen, die je nach Anwendungsfall und internationalem Bezug herangezogen werden können. Zu diesen gehören unter anderem:

  • DIN EN 13845: Beschreibt das Prüfverfahren für die Gleitreibung von elastischen Bodenbelägen aus PVC.
  • BS 7976: Parts 1-3 (UK) und HSE Guidelines: Britische Standards zur Bewertung der Rutschhemmung von Bodenbelägen.
  • DIN 51130: Eine ehemals gängige deutsche Norm zur Bewertung der Rutschhemmung mit V-Klassen. Diese Norm und die dazugehörige DIN 51131 (für den Gleitreibungskoeffizienten) sowie DIN 51097 (für A-B-C-Klassen) sind inzwischen zurückgezogen und ihre Inhalte wurden in die DIN EN 16165 überführt.
  • SRT-Messungen (Stuttgarter Reibungstest): Ein Verfahren zur Bestimmung der Griffigkeit von Bodenbelägen, z. B. nach EN 13036-4, TP Griff-.StB oder FGSV407. Dies ist ein anderes Prüfprinzip als das Begehungsverfahren.
  • EN 1341: Norm für die Prüfung der Griffigkeit von Bodenbelägen.

Die Wahl des geeigneten Prüfverfahrens hängt stark vom konkreten Anwendungsfall, den zu erwartenden Gefährdungen und den geltenden Vorschriften ab. Eine fachkundige Beratung kann hierbei hilfreich sein.

Die Rolle von Prüfinstituten und Zertifizierungen

Die Durchführung von standardisierten Prüfungen und die Ausstellung von Zertifikaten erfolgt durch spezialisierte Prüfinstitute. Diese Institute bieten ein breites Spektrum an Dienstleistungen an, das über die reine Prüfung hinausgeht:

  1. Eignungstests und Schmutztests: Standardisierte Tests zur Prüfung der Reinigungseigenschaften von Bodenbelägen in Bezug auf die Anforderungen der späteren Nutzung.
  2. Fachvorträge und Schulungen: Zum Thema Rutschhemmung, Trittsicherheit, Prüfverfahren, Vorschriften und angewandte Normen. Schulungen für Vertriebspersonal und Anwender.
  3. Beratungsleistungen: Unterstützung bei der Entwicklung rutschhemmender Materialien und Oberflächen, Auswahl des richtigen Prüfverfahrens, Optimierung von Eigenschaften und Planung.
  4. Gerichtsgutachten: Erstellung von Sachverständigengutachten zur Beurteilung von Bodenbelägen im Kontext von Stolper-, Rutsch- oder Sturzunfällen.
  5. Zertifizierungen: Die Prüfung kann als Orientierungsprüfung oder als Baumusterprüfung mit Ausstellung eines Prüfzeugnisses und eines DGUV Test-Zertifikats durchgeführt werden. Das Institut für Arbeitsschutz (IFA) erstellt jährlich eine Liste von geprüften Bodenbelägen, die einer Bewertungsgruppe für Rutschhemmung und Verdrängungsraum zugeordnet wurden und für die ein gültiger Prüfbericht einer Baumusterprüfung des IFA vorliegt.

Bewertung der Rutschgefahr unter betrieblichen Bedingungen

Die DGUV Information 208-041 „Bewertung der Rutschgefahr unter betrieblichen Bedingungen“ ist eine zentrale Handlungsanleitung für die Praxis. Sie hilft bei der systematischen Bewertung von Rutschgefahren in konkreten Arbeitsumgebungen. Die Bewertung basiert auf der Prüfung nach DIN EN 16165 Anhang D (Gleitreibungskoeffizient) und berücksichtigt das Zusammenspiel von Bodenbelag, Schuh und den vor Ort auftretenden gleitfördernden Medien.

Eine grundlegende Bewertung der Rutschgefahr basiert auf folgenden Kriterien (laut ASR A1.5 und DIN EN 16165):

  • Art der Beanspruchung: Ist der Bodenbelag trocken, nass, ölig oder mit anderen Verschmutzungen belastet?
  • Neigungen und Steigungen: Weist der Boden oder die Fläche eine Neigung auf?
  • Verkehr und Nutzung: Wie viele Personen bewegen sich auf dem Boden, und mit welcher Geschwindigkeit?
  • Arbeitsprozesse: Werden schwere Gegenstände transportiert, werden Maschinen bedient, die Vibrationen verursachen?
  • Arbeitskleidung: Welche Art von Schuhwerk wird getragen (glatt, profiliert, spezielle Schutzsohlen)?

Je höher die Rutschgefahr aufgrund von arbeits- oder witterungsbedingten Verunreinigungen ist, desto höher müssen die Anforderungen an die Rutschhemmung (Bewertungsgruppe R) und den Verdrängungsraum (Bewertungsgruppe V) des Bodenbelags sein.

Fazit

Die Sicherheit auf Bodenbelägen ist ein komplexes Thema, das eine systematische Herangehensweise erfordert. Die europäische Norm DIN EN 16165 bildet den rechtlichen und technischen Rahmen für die Prüfung und Bewertung der Rutschhemmung und des Verdrängungsraums von Bodenbelägen. Sie ersetzt ältere, nationale Normen und bietet ein anwendungsorientiertes Prüfsystem mit verschiedenen Verfahren für unterschiedliche Einsatzbereiche (Arbeitsbereiche, Nassbereiche, Betriebsbedingungen).

Für die Planung und Auswahl von Bodenbelägen ist die Baumusterprüfung (Laborprüfung) unverzichtbar, da sie die grundsätzlichen Eigenschaften des Materials bewertet. Für die praktische Anwendung und die Gewährleistung der Sicherheit über die Lebensdauer des Bodens ist jedoch die Vor-Ort-Prüfung unter Betriebsbedingungen (DGUV Information 208-041, EN 16165 Anhang D) entscheidend. Sie berücksichtigt die realen Einflüsse wie Verschmutzung, Abnutzung und Schuhwerk.

Die Wahl des richtigen Bodenbelags und die regelmäßige Überprüfung seiner Eigenschaften sind somit zentrale Maßnahmen zur Unfallprävention. Die Zusammenarbeit mit spezialisierten Prüfinstituten, die über die erforderliche Expertise und Ausrüstung verfügen, kann dabei unterstützen, fundierte Entscheidungen zu treffen und die Sicherheit in allen Bereichen des Lebens und Arbeitens zu gewährleisten.

Quellen

  1. MPI Prüfinstitut - Leistungen
  2. KAN - Prüfung der Rutschhemmung von Bodenbelägen
  3. DGUV - Prüfung von Bodenbelägen

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