Rutschhemmung von Bodenbelägen: Messverfahren, Normen und Geräte für die Praxis

Die Sicherheit auf Fußböden ist ein kritischer Faktor in der Bau- und Immobilienbranche, sowohl für private Wohnbereiche als auch für gewerbliche und industrielle Anwendungen. Rutschunfälle können schwere Verletzungen verursachen und zu erheblichen Haftungsfragen führen. Die systematische Bewertung der Rutschhemmung von Bodenbelägen ist daher nicht nur eine Frage der Komfort, sondern vor allem eine der Sicherheit und Compliance. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die grundlegenden Prinzipien, die relevanten Normen und die für die Messung der Rutschhemmung eingesetzten Geräte, basierend auf technischen Produktbeschreibungen und Anwendungshinweisen. Er richtet sich an Bauherren, Renovierungsexperten und Fachplaner, die fundierte Entscheidungen über Bodenmaterialien treffen müssen.

Grundlagen der Rutschhemmung und Reibungsmessung

Die Rutschhemmung einer Oberfläche wird durch den Gleitreibungswiderstand bestimmt, der die Kraft beschreibt, die erforderlich ist, um einen Gegenstand (z.B. einen Schuh) über die Oberfläche zu bewegen. Ein niedriger Reibungswiderstand erhöht das Rutschrisiko, insbesondere wenn die Oberfläche feucht, verschmutzt oder ölig ist. Die Messung dieser Eigenschaft ist komplex, da sie von vielen Faktoren abhängt: der Beschaffenheit des Bodenbelags, der Art des Verschmutzungsgrads, der Oberflächentemperatur und der Umgebungstemperatur.

Zur quantitativen Bestimmung der Rutschhemmung werden verschiedene Messverfahren und Geräte eingesetzt. Ein zentrales Prinzip ist die Simulation von Reibungskontakten, wie sie bei einem Ausrutschen auftreten. Dazu werden spezielle Prüfkörper, meist aus gummierten Materialien, mit definierter Kraft und Geschwindigkeit über die zu prüfende Oberfläche gezogen. Das Ergebnis ist ein dimensionsloser Koeffizient (μ), der den Gleitreibungswiderstand beschreibt. Ein höherer Wert bedeutet eine bessere Rutschhemmung.

Die Auswahl des richtigen Messgeräts hängt stark vom Anwendungsfall ab. Für Laboruntersuchungen an kleinen Proben sind präzise, oft stationäre Geräte erforderlich. Für Bewertungen vor Ort, etwa auf bereits verlegten Böden in Gewerbeimmobilien oder öffentlichen Einrichtungen, sind mobile und robuste Geräte unerlässlich. Die folgenden Abschnitte stellen die wichtigsten Gerätearten und ihre spezifischen Einsatzgebiete vor, wie sie in den vorliegenden Quellen beschrieben werden.

Mobile Messgeräte für die Bewertung vor Ort

Für die direkte Bewertung von Rutschhemmung auf bereits verlegten Bodenbelägen sind mobile Messgeräte entscheidend. Sie ermöglichen eine schnelle und repräsentative Bewertung unter realen Bedingungen. Ein prominentes Beispiel aus den Quellen ist das Gleitmessgerät GMG-200.

Das Gleitmessgerät GMG-200

Dieses Gerät wurde in Zusammenarbeit mit dem Berufsgenossenschaftlichen Institut für Arbeitsschutz (BIA) entwickelt und ist speziell für die mobile Anwendung konzipiert. Seine Hauptfunktion ist die Bestimmung des Gleitreibungs-Koeffizienten von Bodenbelägen gemäß den Normen DIN EN 16165 Anhang D (früher DIN 51131) und DIN EN 13893. Die DIN EN 16165 ist eine europäische Norm zur Bewertung der Rutschhemmung von Böden und deckt verschiedene Prüfverfahren ab.

Der Ablauf der Messung mit dem GMG-200 ist standardisiert: 1. Festlegung der Messstellen: Zunächst werden kritische Bereiche im Betrieb begutachtet, um repräsentative Messstellen zu identifizieren. 2. Reinigung und Benetzung: Der zu prüfende Bereich muss, falls erforderlich, gereinigt und anschließend vollständig mit einem Gleitmittel benetzt werden. Als Gleitmittel wird beispielsweise eine Natriumlaurylsulfat-Lösung (NaLS) verwendet. Die Reinigung sollte nach den Herstellerangaben des Bodens oder der Reinigungsmittel erfolgen; alternativ kann eine Lösung aus 50 % Wasser und 50 % Ethanol gemäß DIN 51131 verwendet werden. 3. Durchführung der Messung: Die Messungen werden in Richtung der geringsten Rutschhemmung durchgeführt. Für jede Messreihe sind mindestens 5 gleiche Messungen erforderlich, aus denen ein ausschlaggebender Mittelwert berechnet wird. 4. Umweltbedingungen: Das zu prüfende Bodensystem wird im vorherrschenden Klima getestet. Das Messgerät und die verwendeten Gleitmittel müssen mindestens 30 Minuten an die Umgebungstemperatur angepasst werden, um Messfehler zu vermeiden.

Wichtig ist, dass während der Messungen der Gleitmittelfilm nicht austrocknet. Zur gleichmäßigen Verteilung kann eine grobe Bürste verwendet werden, die möglichst selbst kaum Gleitmittel aufnimmt. Die Notierung von Reinigungs- und Pflegemitteln, Reinigungsverfahren und -zyklen ist für die spätere Ursachenfindung oder die Festlegung von Maßnahmen von Bedeutung.

Das Bodenrutschfestigkeitsprüfgerät Quali-FSRT™ 303

Ein weiteres mobiles Gerät ist das Quali-FSRT™ 303, ein vielseitiges Instrument zur Bestimmung der Rutschfestigkeit von Böden. Es misst den Reibungswiderstand zwischen einem an einem Pendelarm befestigten Gummigleiter und verschiedenen Testoberflächen. Das Gerät liefert präzise und reproduzierbare Messwerte und eignet sich für Labortests sowie Vor-Ort-Bewertungen in Fußgängerbereichen, Industrieanlagen und auf Straßen.

Das Quali-FSRT™ 303 simuliert realitätsnahe Unfallszenarien wie Ausrutschen und Stürze. Sein Pendel-Gleitprüfmechanismus ist nach anerkannten Normen wie ASTM E-303 und BS 7976 kalibriert. Die ASTM E-303 ist eine Norm zur Bestimmung der Rutschfestigkeit von Oberflächen mit einem Pendelrutschtester, während die BS 7976 eine britische Norm für die Bewertung von Bodenrutschfestigkeit ist. Das Gerät unterstützt nicht nur die Sicherheitsbewertung, sondern auch die Entwicklung rutschfester Bodenbeläge und hilft bei der Aufklärung von Unfällen. Es zeichnet sich durch eine robuste Bauweise und Portabilität aus.

Labor- und Spezialgeräte für detaillierte Analysen

Für detaillierte Analysen, Materialentwicklung oder die Überprüfung von spezifischen Anforderungen, wie den Polished Stone Value (PSV) für Straßenbeläge, werden oft spezialisiertere oder laborbasierte Geräte eingesetzt.

Der Skid Tester nach EN 1097-8 und EN 13036-4

Das beschriebene Griffigkeits- und Reibungsprüfgerät (Skid tester) ist ein solches Spezialgerät. Es wird nach den Normen EN 1097-8 und EN 13036-4 geliefert. Die EN 1097-8 beschreibt Verfahren zur Bestimmung der Rutschfestigkeit von Gesteinskörnungen (Schlacken, Kies, Sand) für Straßenbeläge. Die EN 13036-4 bezieht sich auf die Bestimmung der Rutschfestigkeit von Straßenoberflächen. Dieses Gerät ist somit primär für die Bewertung von Zuschlagstoffen und Straßenbelägen konzipiert.

Das Gerät wird komplett mit Zubehör geliefert, darunter eine Zusatzskala für die Prüfung von Proben aus poliertem Stein, ein Thermometer zur Messung der Oberflächentemperatur, eine Waschflasche zur Oberflächenbenetzung und ein Werkzeugsatz für den Zusammenbau. Das Gewicht inklusive Koffer beträgt ca. 34,0 kg, was auf eine robuste, aber transportable Bauweise hindeutet. Wichtig ist, dass Gummigleiter für den Labor- und Baustelleneinsatz nicht im Lieferumfang enthalten sind und separat bestellt werden müssen. Verschiedene Gummigleiter (z.B. mit TRL-Gummi oder 4S-Gummi, 32 mm oder 76 mm breit) sind als Zubehör verfügbar, was auf eine Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Prüfbedingungen hinweist.

Der Reibungsprüfgerät Modell 2260

Das Modell 2260 ist ein "High-End Reibungs- und Abzugsprüfgerät" nach einer Vielzahl von Normen, darunter ASTM D 1894, ASTM D 4521, ASTM D 3330, DIN EN ISO 8295, TAPPI T-816, BS 2782 und FINAT 1, 2, 3, 9. Es eignet sich zur Bestimmung des Haft- und Gleitreibungswertes sowie zur Bestimmung von Schälkräften an Folien, Papier, Vliesstoffen, Textilien und anderen Bahnmaterialien. Obwohl die Quellen es nicht explizit für Bodenbeläge nennen, sind die genannten Normen (insbesondere DIN EN ISO 8295) auch für die Reibungsmessung an Kunststoffen und damit möglicherweise auch an bestimmten Bodenbelägen relevant.

Das Gerät bietet Prüfgeschwindigkeiten zwischen 25 und 500 mm/min (oder bis zu 2750 mm/min in der High-Speed-Version) und ermöglicht Messungen bei erhöhten Temperaturen (bis 204 °C mit optionaler Heizplatte). Es ist ein Stand-alone Instrument mit einem LCD-Display, das den statischen und dynamischen Reibungskoeffizienten direkt anzeigt. Die Speicherfunktion für bis zu 128 Prüfungen und die Anbindung an USB und RS-232-Schnittstellen erleichtern die Dokumentation und Datenübertragung.

Der COF-2000 Reibungsprüfgerät

Das COF-2000 ist ein weiteres Reibungsprüfgerät, das sich zur schnellen Bestimmung von statischen und dynamischen Reibungskoeffizienten eignet. Es ist für flächige Materialien mit einer Länge von bis zu 15 cm ausgelegt. Die Geschwindigkeit ist von 3-60 cm/Min einstellbar. Das Gerät ist robust gebaut und kann als Stand-alone Gerät verwendet werden. Optional ist eine Software (EZ-Data) zur Datenverarbeitung erhältlich. Es arbeitet nach den Industrienormen ASTM D 1894 und ISO 8295, was auf seine Eignung für die Prüfung von Folien und ähnlichen Materialien hinweist.

Bedeutung der Normen und der Prüfprozedur

Die Anwendung der genannten Geräte ist untrennbar mit der Einhaltung spezifischer Normen verbunden. Die Normen definieren nicht nur die zu verwendenden Geräte und Messparameter, sondern auch die Vorbereitung der Prüfungen und die Bewertung der Ergebnisse.

Die DIN EN 16165 ist eine zentrale Norm zur Bewertung der Rutschhemmung von Böden. Sie beschreibt verschiedene Prüfverfahren, um die Rutschsicherheit zu gewährleisten. Die DIN EN 13893 befasst sich speziell mit der Bestimmung des Gleitreibungskoeffizienten von Bodenbelägen unter trockenen und nassen Bedingungen. Die Einhaltung dieser Normen ist für die Planung und Bewertung von Bodenbelägen in öffentlichen und gewerblichen Bereichen entscheidend, um den Anforderungen an Arbeitsschutz und Unfallverhütung zu genügen.

Die ASTM E-303 und BS 7976 sind Normen für die Rutschfestigkeitsprüfung mit Pendelrutschtestern. Sie sind besonders relevant für die Bewertung von Straßen- und Gehwegoberflächen, aber auch für andere Bereiche, in denen eine hohe Rutschfestigkeit erforderlich ist.

Die EN 1097-8 und EN 13036-4 sind spezifisch für die Straßenbautechnik und die Bewertung von Zuschlagstoffen und Straßenoberflächen. Sie sind weniger für Innenböden relevant, aber wichtig für die Gesamtbeurteilung der Verkehrssicherheit.

Die korrekte Durchführung der Messungen ist ebenso wichtig wie die Wahl des Geräts. Wie aus der Beschreibung des GMG-200 hervorgeht, müssen die Umgebungsbedingungen (Temperatur), die Oberflächenzustände (Reinigung, Benetzung) und die Anzahl der Messwerte (mindestens 5 pro Reihe) genau kontrolliert werden. Die Verwendung des richtigen Gleitmittels (z.B. NaLS-Lösung) ist zwingend, um vergleichbare Ergebnisse zu erzielen. Eine fehlerhafte Vorbereitung kann zu falschen Messwerten führen, die eine falsche Bewertung der Sicherheit zur Folge haben.

Fazit

Die Bewertung der Rutschhemmung von Bodenbelägen ist ein komplexer Prozess, der spezialisierte Geräte und die Einhaltung von Normen erfordert. Für die Praxis vor Ort, insbesondere in bereits genutzten Immobilien, sind mobile Geräte wie das Gleitmessgerät GMG-200 oder das Bodenrutschfestigkeitsprüfgerät Quali-FSRT™ 303 unverzichtbar. Sie ermöglichen eine schnelle und repräsentative Bewertung unter realen Bedingungen und helfen, Risikobereiche zu identifizieren.

Für detaillierte Laboranalysen, die Prüfung von Zuschlagstoffen oder die Entwicklung neuer Materialien stehen Geräte wie der Skid Tester nach EN 1097-8 oder hochpräzise Reibungsprüfgeräte wie das Modell 2260 oder der COF-2000 zur Verfügung. Diese Geräte bieten eine hohe Präzision und die Möglichkeit, Messungen unter kontrollierten Bedingungen durchzuführen.

Die Auswahl des richtigen Geräts und die korrekte Anwendung der Messprozedur nach den relevanten Normen (z.B. DIN EN 16165, ASTM E-303) sind entscheidend für die Qualität der Ergebnisse. Eine fundierte Entscheidung über Bodenbeläge basiert nicht nur auf Ästhetik und Kosten, sondern auch auf objektiven Sicherheitsdaten. Die Investition in eine professionelle Rutschhemmungsbewertung kann langfristig Unfälle verhindern und rechtliche Risiken minimieren.

Quellen

  1. World of Test - Skid Resistance and Friction Tester
  2. Antislide - Messungen
  3. Karg Industrietechnik - Reibungsprüfgeräte
  4. Bepete - Griffigkeits- und Reibungsprüfgerät Skid Tester
  5. All4Test - Reibungsprüfgerät

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