Die strategische Diversifizierung der HAB Hallen- und Anlagenbau GmbH in Vorpommern

Die HAB Hallen- und Anlagenbau GmbH repräsentiert ein Paradebeispiel für die Transformation eines mittelständischen Familienunternehmens im Kontext der ostdeutschen Industrielandschaft. Mit Sitz in Wusterhusen hat sich das Unternehmen von einem Betrieb, der ursprünglich in der Reparatur von Landmaschinen verwurzelt war, zu einem hochspezialisierten Akteur im Stahlbau und Anlagenbau entwickelt. Diese Entwicklung ist nicht nur ein Resultat von Marktanpassungen, sondern das Ergebnis einer bewussten strategischen Weichenstellung, die darauf abzielt, marktbedingte Amplituden – also die natürlichen Schwankungen der Nachfrage in verschiedenen Bausektoren – durch ein duales Geschäftsmodell auszugleichen. Das Unternehmen agiert heute an zwei wesentlichen Standbeinen: dem klassischen Hallenbau für gewerbliche und industrielle Zwecke sowie einem hochkomplexen Anlagenbau, der globale Lieferketten bedient. Diese Struktur ermöglicht es der Firma, sowohl regionale Bedarfe in Norddeutschland zu decken als auch weltweit agierende Industriezweige mit tonnenschweren Baugruppen zu versorgen. Die Integration von Entwurf, Ausführungsplanung, Fertigung und Montage unter einem Dach führt zu einem Turnkey-Ansatz, bei dem der Kunde ein schlüsselfertiges Gebäude erhält, was die Effizienz in der Projektabwicklung massiv steigert und Schnittstellenverluste minimiert.

Unternehmenshistorie und die Phase der Privatisierung

Die Geschichte der HAB Hallen- und Anlagenbau GmbH ist eng mit der wirtschaftlichen Neuausrichtung nach der deutschen Wiedervereinigung verknüpft. Ein entscheidender Wendepunkt war der Prozess der Privatisierung, der über einen Zeitraum von drei Jahren verlief. Am 27. August 1992 wurde der Kaufvertrag bei der Treuhandanstalt in Hamburg unterzeichnet. Die Übernahme erfolgte durch ein Konsortium bestehend aus Andreas Pörsch, seinem Schwiegervater Wolfgang Liebsch und Hans-Rainer Saß.

Zum Zeitpunkt der Übernahme im Jahr 1992 verfügte das Unternehmen über einen Personalstamm von 43 Mitarbeitern, wovon sieben in einer Ausbildung befanden. Die initiale strategische Entscheidung der neuen Eigentümer war von einer radikalen Abkehr von der bisherigen Ausrichtung geprägt. Anstatt den Betrieb auf der Reparatur von Landmaschinen zu belassen, erkannten die Unternehmer das immense Potenzial im Bereich der Gewerbebauprojekte. In einer Zeit des wirtschaftlichen Aufbruchs bestand ein dringender Bedarf an funktionalen und stabilen Gewerbebauten, was die Firma dazu veranlasste, ihren Fokus vollständig auf diesen Sektor zu verschieben.

Die folgenden Jahrzehnte waren durch kontinuierliche Wachstumsphasen und infrastrukturelle Erweiterungen gekennzeichnet:

  • 1999: Durchführung der ersten signifikanten Erweiterung der Produktionskapazitäten.
  • 2006: Entwicklung und Erfindung der Tauchgondel, deren Prototyp für Zinnowitz auf der Insel Usedom bestimmt war. Dieser Schritt markierte den strategischen Einstieg in das Offshore-Geschäft.
  • 2007: Umsetzung einer weiteren Bauphase zur Kapazitätserweiterung.
  • 2009: Scheiden des Mitgesellschafters Hans-Rainer Saß aus dem Unternehmen aufgrund seines Erreichens des Rentenalters.
  • 2017: Realisierung einer weiteren wichtigen Bauphase zur Optimierung der Produktionsabläufe.

Das duale Geschäftsmodell: Hallen- und Anlagenbau

Das Geschäftsmodell der HAB Hallen- und Anlagenbau GmbH ist darauf ausgelegt, Risiken zu streuen und Synergien zwischen verschiedenen Fertigungsarten zu nutzen.

Hallenbau und schlüsselfertige Gebäude

Im Bereich des Hallenbaus konzentriert sich das Unternehmen auf die Realisierung von Gewerbe-, Industrie- und Gesellschaftsbauten. Die Besonderheit liegt hier in der vollständigen Prozesskette. Das Unternehmen übernimmt nicht nur die Montage, sondern steuert den gesamten Lebenszyklus eines Bauprojekts.

Die Prozesskette umfasst folgende Ebenen:

  • Entwurf: Die erste konzeptionelle Phase, in der die Anforderungen des Kunden in eine architektonische und technische Vision übersetzt werden.
  • Ausführungsplanung: Die detaillierte technische Ausarbeitung, die alle statischen und konstruktiven Anforderungen berücksichtigt.
  • Fertigung: Die Herstellung der Stahlbauteile in den eigenen Werken in Wusterhusen.
  • Montage: Der physische Aufbau der Konstruktion vor Ort.
  • Turnkey-Übergabe: Die Lieferung eines schlüsselfertigen Gebäudes, bei dem alle technischen Installationen integriert sind.

Zu den realisierten Objekten zählen vielfältige Bauformen wie Möbelhäuser, Schwimmhallen und Kaffeeröstereien. Ein besonderes Highlight der technischen Leistungsfähigkeit war die Errichtung einer kilometerlangen Werfthalle, was die Fähigkeit des Unternehmens unterstreicht, auch extrem großdimensionierte Projekte zu bewältigen. Die Zielgruppe umfasst primär expandierende Unternehmen in Norddeutschland, die durch moderne Infrastrukturen ihr Wachstum absichern wollen.

Spezialanlagenbau und globale Distribution

Das zweite Standbein bildet der Anlagenbau, der im Werk bei Greifswald angesiedelt ist. Während der Hallenbau primär regional fokussiert ist, agiert der Anlagenbau global. Hier werden Bauteile gefertigt, die in ihrer Komplexität und ihrem Gewicht stark variieren.

Das Portfolio im Anlagenbau umfasst:

  • Kleinstserien: Flexible Fertigung von Bauteilen in geringen Stückzahlen.
  • Komplexe Baugruppen: Die Konstruktion tonnenschwerer Einheiten, die hohe Präzision erfordern.
  • Spezialanlagen: Entwicklung und Herstellung von Maschinen, die spezifischen industriellen Anforderungen entsprechen.

Die Bandbreite der gefertigten Produkte ist bemerkenswert und reicht von Wildwasserbahnen über Raketenstartrampen bis hin zu Gabelstaplern und Recyclingmaschinen. Diese Diversität zeigt, dass das Unternehmen in der Lage ist, höchste technische Standards aus unterschiedlichen Ingenieursdisziplinen zu vereinen. Besonders hervorzuheben ist die Entwicklung im Offshore-Sektor, die mit der Tauchgondel begann und heute eine tragende Säule bildet, unterstützt durch die regionale Präsenz von Industrieclustern wie dem Offshore-Werk von Liebherr in Rostock.

Investitionen in Technologie und Infrastruktur

Um die Wettbewerbsfähigkeit in einem globalen Markt zu sichern, hat die HAB Hallen- und Anlagenbau GmbH massive Investitionen in ihre technologische Basis getätigt. Ein umfassendes Investitionspaket in Höhe von insgesamt 6,4 Millionen Euro wurde implementiert.

Die Allokation dieser Mittel erfolgte strategisch in drei Hauptbereiche:

  1. Fertigungskapazitäten: Der Bau einer 3.400 Quadratmeter großen Fertigungshalle, in die allein 6,5 Millionen Euro investiert wurden, schafft die physische Basis für größere Baugruppen.
  2. Automatisierung: Die Inbetriebnahme einer hochmodernen Roboterschweißanlage im Wert von über 500.000 Euro steigert die Präzision und die Produktionsgeschwindigkeit erheblich.
  3. Bearbeitungstechnik: Die Anschaffung computergesteuerter Maschinen ermöglicht eine flexiblere Reaktion auf Marktveränderungen und erweitert das Produktionsprofil.

Diese Investitionen dienen nicht nur der Effizienzsteigerung, sondern sind ein Bekenntnis zum Standort Vorpommern. In einer Region, in der Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe oft knapp sind, schafft HAB durch diese Expansion berufliche Perspektiven für junge Menschen vor Ort.

Organisationsstruktur und Personalwesen

Die HAB Hallen- und Anlagenbau GmbH beschäftigt derzeit etwa 70 Mitarbeiter. Die Belegschaft ist eine Mischung aus hochqualifizierten Akademikern und praktischen Experten, was die notwendige Schnittstelle zwischen theoretischer Planung und handwerklicher Ausführung bildet.

Das Team setzt sich aus folgenden Berufsgruppen zusammen:

  • Ingenieure: Verantwortlich für die Statik, Konstruktion und Projektleitung.
  • Techniker und Meister: Sicherung der Qualitätsstandards und Koordination der Fertigung.
  • Schweißer und Monteure: Die handwerkliche Umsetzung der komplexen Stahlbauprojekte.

Die Personalstruktur ist durch eine klare Hierarchie in der Projektleitung und Fertigungssteuerung geprägt, wie die Liste der Ansprechpartner verdeutlicht.

Projektleitung und technische Führung

Die Projektleitung wird durch eine Kombination aus Diplom-Ingenieuren und Bachelor-Absolventen gesteuert, was eine breite Expertise in der Bauleitung garantiert.

Name Position / Qualifikation Funktion
Boris Heinrich Dipl.-Ing. Projektleiter
Marco Theodor B.Eng. Projektleiter
Felix Stamm Junior Projektleiter Projektunterstützung
Andreas Vogel Dipl.-Ing. Projektleiter
Tom Anklam Junior Projektleiter Projektunterstützung
Ronald Baß Staatlich geprüfter Bautechniker Technische Projektleitung

Fertigungs- und Montageleitung

Die operative Umsetzung wird durch erfahrene Meister und Techniker gesteuert, die den Produktionsfluss im Werk und die Montage auf der Baustelle koordinieren.

Name Position / Qualifikation Funktion
René Schmidt Dipl.-Ing. Fertigungsleitung
Matthias Brock Staatlich geprüfter Techniker Fertigungssteuerung
Armin Stark M.Eng Technische Leitung
Thomas Pallack Meister Montageleitung

Verwaltung und Einkauf

Der Bereich Einkauf ist entscheidend für die Sicherung der Materialqualität und die Kostenkontrolle bei Großprojekten.

Name Position / Qualifikation Funktion
Franka Pörsch B.A. Einkauf
Norman Jesske Einkäufer Materialbeschaffung

Ausbildung und Karrierewege

Ein zentraler Aspekt der Unternehmensphilosophie ist die langfristige Sicherung von Fachkräften durch eine eigene Ausbildungsoffensive. HAB investiert systematisch in die nächste Generation von Metallbauern.

Die Ausbildungsschwerpunkte liegen in folgenden Bereichen:

  • Metallbauer Konstruktionstechnik: Eine dreieinhalbjährige Ausbildung, die den Kern der Fertigungskompetenz des Unternehmens bildet.
  • Ingenieurwissenschaften: Das Unternehmen bietet gezielte Einstiegswege für Absolventen des Bauingenieurwesens an.

Die angebotenen Optionen für Akademiker und Studierende umfassen:

  • Praktikumsplätze zur ersten Praxiserfahrung.
  • Themen für Abschlussarbeiten, um Theorie und Praxis zu verzahnen.
  • Direkteinstieg für Absolventen in die Projektleitung.

Die Rekrutierung wird zentral über die Personalabteilung (Kathrin Pörsch) gesteuert, wobei der Fokus auf qualifizierten Technikern, Meistern und Ingenieuren liegt, um das weitere Wachstum des Unternehmens zu unterstützen.

Tochtergesellschaft und Erweiterung der Gewerbebereiche

Im Jahr 2009 erfolgte ein bedeutender Schritt zur weiteren Diversifizierung durch die Neugründung der Tochtergesellschaft HAB Gebäudetechnik GmbH in Wusterhusen. Diese Firma wurde von Klemens Saß übernommen.

Die strategische Zielsetzung der HAB Gebäudetechnik GmbH war die Ergänzung des reinen Stahlbaus durch die Integration der technischen Gebäudeausrüstung (TGA). Im Laufe der 2010er Jahre erfolgte eine gezielte Ausbau- und Spezialisierungsstrategie in vier kritischen Fachbereichen:

  • Elektroinstallationen: Planung und Umsetzung der elektrischen Infrastruktur.
  • Heizungsbau: Installation moderner Wärmesysteme.
  • Sanitärtechnik: Realisierung komplexer Wasser- und Abwassersysteme.
  • Lüftungstechnik: Planung und Bau von Belüftungssystemen für Industriehallen.

Durch diese Erweiterung ist die HAB-Gruppe nun in der Lage, nicht nur die Hülle eines Gebäudes (den Stahlbau), sondern auch die gesamte innere Technik aus einer Hand anzubieten. Dies steigert den Wert des "Turnkey"-Versprechens massiv, da der Kunde nicht mehr separate Firmen für die TGA beauftragen muss, sondern einen Generalunternehmer hat, der die Synergien zwischen Konstruktion und Technik optimieren kann.

Zusammenfassung der Unternehmensdaten

Die folgende Tabelle fasst die wesentlichen Identifikationsmerkmale der HAB Hallen- und Anlagenbau GmbH zusammen.

Merkmal Detail
Firmensitz Greifswalder Straße 14, 17509 Wusterhusen
Rechtsform GmbH
Gerichtliche Registrierung Amtsgericht Stralsund HRB 6163
Mitarbeiterzahl ca. 70
Kernkompetenzen Konzeption, Konstruktion, Herstellung, Errichtung
Fokusbereiche Gewerbebau, Industriebau, Gesellschaftsbau, Spezialmaschinen
Kontakttelefon +49 (0)38354 358-0

Analyse der Marktpositionierung und strategischen Ausrichtung

Die Analyse der Geschäftsstrategie der HAB Hallen- und Anlagenbau GmbH offenbart eine hochresiliente Unternehmensstruktur. Durch die bewusste Entscheidung, sich nicht auf ein einziges Marktsegment zu verlassen, hat das Unternehmen eine Absicherung gegen konjunkturelle Einbrüche geschaffen. Wenn beispielsweise die Nachfrage nach neuen Gewerbehallen in Norddeutschland aufgrund wirtschaftlicher Stagnation sinkt, kann das Unternehmen durch die globale Nachfrage nach spezialisierten Anlagen wie Raketenstartrampen oder Recyclingmaschinen diese Verluste kompensieren.

Die Investitionsstrategie zeigt zudem ein tiefes Verständnis für die industrielle Evolution. Der Übergang von manuellen Schweißprozessen zu einer Roboterschweißanlage im Wert von über einer halben Million Euro ist nicht nur eine Effizienzmaßnahme, sondern eine notwendige Bedingung, um in der globalen Konkurrenz des Anlagenbaus zu bestehen. Die Fähigkeit, sowohl im Bereich der massiven Bauteile (tonnenschwer) als auch in der Präzisionsfertigung (Kleinstserien) zu agieren, macht HAB zu einem flexiblen Partner für diverse Industrien.

Besonders hervorzuheben ist die soziale Komponente der Unternehmensführung. Die bewusste Entscheidung, in Vorpommern zu investieren und junge Menschen durch eine fundierte Ausbildung zum Metallbauer zu fördern, schafft eine lokale Bindung und sichert die Verfügbarkeit von Fachkräften in einer Region, die oft mit Abwanderung zu kämpfen hat. Die Integration der HAB Gebäudetechnik GmbH vervollständigt das Profil und transformiert das Unternehmen von einem reinen Stahlbauunternehmen hin zu einem Full-Service-Anbieter für komplexe Bauvorhaben.

Die strategische Allianz mit dem Offshore-Sektor, initiiert durch die Erfindung der Tauchgondel, zeigt die Innovationskraft des Unternehmens. Die Nähe zu großen Akteuren wie Liebherr in Rostock bietet hierbei ein synergetisches Umfeld, das HAB erlaubt, als spezialisierter Zulieferer in einem hochtechnologischen Wachstumsmarkt zu agieren. Insgesamt ist die HAB Hallen- und Anlagenbau GmbH ein Beispiel für die erfolgreiche Kombination aus traditionellem Handwerk, moderner Ingenieurskunst und weitsichtiger unternehmerischer Planung.

Quellen

  1. HS Wismar - Detailansicht HAB
  2. North Data - Unternehmensdaten HAB
  3. HAB Wusterhusen - Kontakt
  4. HAB Gebäudetechnik - Chronik
  5. Metallbau Magazin - Artikel HAB

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