Sanierung und Umnutzung von alten Bauerhöfen im Landkreis Ostallgäu – Chancen und Vorbilder für die Dorferneuerung

Die Sanierung und Umnutzung alter Bauerhöfe hat sich in den letzten Jahren als zentraler Baustein der Dorferneuerung etabliert. Im Landkreis Ostallgäu, der sich im Rahmen der bayerischen Dorferneuerung aktiv engagiert, zeigen verschiedene Projekte, wie historische Bausubstanz erhalten, modernisiert und mit neuen Funktionen ausgestattet werden kann. Besonders im Projekt Unterthingau und in anderen Gemeinden im Landkreis sind Vorbilder entstanden, die zeigen, wie die Kombination von Baukultur, Nachhaltigkeit und sozialem Zusammenhalt gelingen kann.

In diesem Artikel werden die Erfahrungen aus konkreten Sanierungsprojekten vorgestellt, mit dem Fokus auf den Unterthingauer Schlossumfeld-Neubau, das Wirtshaus in Reichertshausen, und die Sanierungen historischer Stadel und Vierseithöfe. Dabei wird aufgezeigt, welche konstruktiven und gestalterischen Maßnahmen angewandt wurden, wie Tradition und Moderne aufeinander abgestimmt wurden, und welche ökonomischen und sozialen Vorteile solche Projekte mit sich bringen.

Altbausanierung als Teil der Dorferneuerung – Der Landkreis Ostallgäu als Modellregion

Im Landkreis Ostallgäu ist die Sanierung und Umnutzung historischer Bausubstanz kein isoliertes Vorhaben, sondern ein strukturell verankertes Prinzip der Dorferneuerung. Die Region setzt auf die Wertschöpfung von Bestandsbauten, um Leerstand zu vermeiden, neue Arbeitsplätze zu schaffen und kulturelle Identität zu bewahren.

Die Beispiele aus Unterthingau, Reichertshausen und Kruppach zeigen, wie durch die Sanierung von Bauerhöfen nicht nur kulturell wertvolle Gebäude erhalten bleiben, sondern auch neue soziale und wirtschaftliche Impulse in die Dörfer kommen. Besonders hervorzuheben ist die Kombination aus Traditionserhalt, moderner Wohn- und Nutzungsqualität und ökologischer Nachhaltigkeit, die in diesen Projekten stets betont wird.

Die Dorferneuerung in Unterthingau: Von Schlossumfeld zu Dorfgemeinschaftshaus

Ein herausragendes Projekt im Landkreis Ostallgäu ist die Sanierung des Schlossumfeldes in Unterthingau. Das historische Rote Schloss, das traditionell als Rathaus genutzt wurde, wurde durch die Neugestaltung des öffentlichen Raums um ein Dorfgemeinschaftshaus ergänzt. Dieses neue Gebäude dient nicht nur als Zusammentreffen für die Dorfgemeinschaft, sondern auch als Kultur- und Bildungsstätte mit Ortsbücherei, Musikräumen und multifunktionalen Räumen.

Gestaltung des Freiraums und des Neubaus

Die Neugestaltung des Schlossumfelds war zentraler Bestandteil des Projekts. Die Dorfmitte wurde durch gegliederte Freiräume neu strukturiert, die sowohl tägliche wie auch besondere Anlässe abdecken. Der Dorfplatz, der durch den Neubau erschaffen wurde, ist zugänglich und einladend, wodurch die Aufenthaltsqualität deutlich gestiegen ist. Besonders erwähnenswert ist die Materialwahl des Neubaus, die auf niedrigschwellige und natürliche Materialien setzt, wodurch sich das Gebäude harmonisch in die Landschaft einfügt.

Integration in die Dorfstruktur

Die zweigeschossige Struktur des Neubaus ermöglicht es, den öffentlichen Raum im Erdgeschoss und den kulturellen Raum im Obergeschoss zu trennen, ohne dass die beiden Ebenen voneinander getrennt sind. Der verschattete Freiraum in der Ortsmitte ist ein zentraler Anlaufpunkt für Einwohner und Gäste. Zudem wurde der Innenhof des Schlosses durch die Entsiegelung und die Wiederherstellung alter Gredplatten aus Naturstein in eine attraktive Aufenthaltszone verwandelt.

Soziale und kulturelle Wirkung

Durch die Sanierung des Schlossumfelds entstand ein Impuls für die Dorferneuerung, der über die bloße Bausubstanz hinausgeht. Der Neubau fördert soziale Begegnung, kulturelle Veranstaltungen und ökonomische Tätigkeit im Dorf. Zudem entstanden durch die Kleinstunternehmerförderung neue wirtschaftliche Potenziale, die es ermöglichen, beschränkte Mittel effektiv zu nutzen.

Wirtshaus in Reichertshausen: Harmonie aus Tradition und Moderne

Ein weiteres herausragendes Projekt ist die Sanierung des Wirtshauses in Reichertshausen. Das historische Gebäude wurde so renoviert, dass die Tradition bewahrt bleibt, aber gleichzeitig moderne Wohn- und Nutzungsmöglichkeiten entstanden. Besonders beeindruckend ist die Umnutzung des Stadels in einen multifunktionalen Veranstaltungsraum.

Substanterhaltende Sanierung

Das Wohnteil mit der ehemaligen Gaststube wurde substanterhaltend restauriert. Dabei wurden Abbruchziegel und Solnhofener Bodenplatten wiederverwendet, um Ressourcen zu sparen und die kulturelle Identität des Ortes zu bewahren. Die Wiederverwendung historischer Materialien ist hier ein zentraler Aspekt der Sanierung und zeigt, wie ökologische Nachhaltigkeit mit kulturell wertvollen Bauten verbunden werden kann.

Integration erneuerbarer Energien

Ein weiterer Schwerpunkt der Sanierung war die Einbindung von erneuerbaren Energien. Eine Photovoltaikanlage auf dem Satteldach sorgt für umweltfreundliche Energie, wodurch das Gebäude nicht nur funktionell, sondern auch ökologisch vorteilhaft ausgestattet ist.

Soziale und kulturelle Funktion

Das Wirtshaus dient heute nicht nur als Wohn- und Nutzungsraum, sondern auch als Anziehungspunkt für die Dorfgemeinschaft. Der historische Vordachbereich wurde wiederhergestellt und dient als überdachter Freibereich, der für soziale Treffen und kulturelle Veranstaltungen genutzt werden kann. Zudem wurde der Haupteingang im Zentrum des Hauses gelegt, wodurch der Eingangsbereich mit der Küche im ehemaligen Pferdestall eine stimmige und einladende Atmosphäre erzeugt.

Der Vierseithof in Kruppach: Umnutzung im Einklang mit der Dorfstruktur

Ein weiteres interessantes Beispiel für die Sanierung alter Bauerhöfe ist der Vierseithof in Kruppach. Dieser Hof wurde so umgenutzt, dass die historische Bausubstanz erhalten blieb, aber gleichzeitig neue Funktionen integriert wurden. Der Vierseithof besteht aus vier Gebäuden, die sich um einen Innenhof gruppieren, was in der ländlichen Architektur eine typische Form darstellt.

Erhalt der Bausubstanz

Die Sanierung des Vierseithofs betonte den Erhalt der Kubatur und der strukturellen Integrität der historischen Gebäude. Besondere Details wie originale Essen, restaurierte Fenstergewände und Holzfenster wurden bewahrt, um die kulturelle Identität der Anlage zu bewahren. Zudem wurde die Holzverkleidung am Stadel so ausgewählt, dass ein harmonisches Zusammenspiel aus Alt und Neu entstand.

Schaffung von neuen Arbeitsplätzen

Der Vierseithof wurde nicht nur zu einem Wohnobjekt, sondern auch in eine Praxis für Osteopathie und Physiotherapie umgenutzt. Dies zeigt, wie historische Bausubstanz auch zu neuen wirtschaftlichen Impulsen beitragen kann. Die Umnutzung ermöglicht es, lokale Arbeitsplätze zu schaffen, was besonders in ländlichen Räumen von großer Bedeutung ist.

Freiflächen und soziale Funktion

Ein weiterer Aspekt der Sanierung war die Nutzung der Freiflächen. Durch die Entsiegelung des Innenhofes entstand ein natürlicher Aufenthaltsbereich, der für soziale und kulturelle Aktivitäten genutzt werden kann. Die Natursteinplatten im Innenhof unterstreichen den dörflichen Charakter des Projekts und vermitteln kulturelle Werte.

Technische und gestalterische Aspekte der Sanierung

Die Sanierungsprojekte in Unterthingau, Reichertshausen und Kruppach haben sich auch technisch und gestalterisch als Vorbilder erwiesen. Besonders hervorzuheben sind die handwerklich hochwertigen Ausführungen, die ökologischen Maßnahmen und die integration moderner Technologien.

Handwerkliche Qualität und historische Wiederaufnahme

In allen Projekten wurde Wert darauf gelegt, historische Bauteile wie Fenster, Türen und Verkleidungen wiederherzustellen. Dabei wurden originalgetreue Vorbilder herangezogen, um die ästhetische und kulturelle Integrität zu bewahren. Besonders beeindruckend ist die Wiederaufnahme verlorener Bauteile, die in Anlehnung an bauzeitliche Vorbilder handwerklich perfekt wiederhergestellt wurden.

Energetische Ertüchtigung

Ein weiterer Schwerpunkt der Sanierungen war die energetische Ertüchtigung. Dies betraf nicht nur die Isolationsmaßnahmen, sondern auch die Einbindung erneuerbarer Energien. So wurden in den Projekten Photovoltaikanlagen und wiederverwendete Materialien genutzt, um ökologische Nachhaltigkeit zu gewährleisten.

Materialwahl und Gestaltung

Die Materialwahl war in den Projekten stets darauf ausgerichtet, die Tradition zu bewahren, aber auch moderne Anforderungen zu erfüllen. So wurden Holz, Naturstein und Ziegel bevorzugt, was zu einer harmonischen Einfügung in die Landschaft führte. Die Materialien wurden so gewählt, dass sie sich optisch und akustisch gut einfügen und gleichzeitig dauerhaft und wirtschaftlich sind.

Wirtschaftliche und soziale Vorteile der Sanierung

Neben den kulturellen und ökologischen Vorteilen der Sanierungen haben die Projekte auch ökonomische und soziale Vorteile mit sich gebracht. Besonders in ländlichen Räumen, in denen Leerstand und Abwanderung oft Probleme sind, ist die Sanierung historischer Bausubstanz eine wertvolle Strategie, um neue Impulse in die Gemeinden zu bringen.

Schaffung von Arbeitsplätzen

Die Sanierungen haben gezeigt, dass historische Bausubstanz nicht nur kulturell wertvoll ist, sondern auch wirtschaftlich vorteilhaft genutzt werden kann. So wurden in den Projekten neue Arbeitsplätze in der Bauwirtschaft geschaffen, aber auch lokale Betriebe profitierten von den Sanierungsarbeiten.

Förderung der Dorfgemeinschaft

Ein weiterer Vorteil der Sanierungen ist die Förderung der Dorfgemeinschaft. Durch die Schaffung von öffentlichen Räumen, wie z. B. das Dorfgemeinschaftshaus in Unterthingau, entstanden Anlaufpunkte, an denen sich Einwohner und Gäste begegnen können. Dies fördert soziale Begegnung und kulturelle Aktivitäten, was in ländlichen Räumen oft fehlt.

Erhalt von kulturellen Werten

Durch die Sanierungen wird nicht nur Baukultur bewahrt, sondern auch kulturelle Identität gestärkt. Die Tradition der ländlichen Architektur wird durch die Wiederverwendung historischer Materialien und Formen bewahrt und in den modernen Kontext integriert.

Fazit

Die Sanierung und Umnutzung alter Bauerhöfe im Landkreis Ostallgäu zeigt, wie Baukultur, Nachhaltigkeit und soziale Werte miteinander verbunden werden können. Die Projekte in Unterthingau, Reichertshausen und Kruppach haben gezeigt, dass historische Bausubstanz nicht nur erhalten, sondern auch funktionell und wirtschaftlich genutzt werden kann.

Durch die Kombination von substanterhaltender Sanierung, ökologischen Maßnahmen und sozialer Integration entstanden neue Impulse für die Dorferneuerung. Die ökonomischen Vorteile, wie neue Arbeitsplätze und wirtschaftliche Impulse, zeigen, dass solche Projekte nicht nur kulturell wertvoll sind, sondern auch ökonomisch sinnvoll.

Die Erfahrungen aus diesen Projekten können Vorbilder für andere Gemeinden sein, die sich mit der Sanierung und Umnutzung historischer Bausubstanz beschäftigen. In Zeiten, in denen Leerstand und Abwanderung in ländlichen Räumen zunehmen, ist die Sanierung alter Bauerhöfe ein wichtiger Baustein für die Zukunft.

Quellen

  1. Staatspreise 2025 – Die Gewinner
  2. Landkreis Ostallgäu

Ähnliche Beiträge