Einleitung
In den letzten Jahren hat Russland ein umfassendes Programm zur Sanierung des Wohnraums eingeführt, insbesondere in Moskau. Dieses Programm, das als „Renovazija“ bezeichnet wird, zielt darauf ab, die Chruschtschowki – Plattenbauten aus der Ära Nikita Chruschtschow – zu renovieren oder abzureißen und durch modernere Gebäude zu ersetzen. In Moskau, wo das Programm 2017 erstmals vorgestellt wurde, ist es bereits weit fortgeschritten. Die Erfahrungen aus Moskau dienen nun als Vorbild für einen Ausbau des Programms auf die gesamte Föderation. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede zwischen dem moskauer und dem föderalen Ansatz in Bezug auf Finanzierung, Beteiligung der Bürger und technische Vorgehensweise. Dieser Artikel analysiert die Hintergründe, Ziele und Herausforderungen der Wohnraumsanierung in Russland mit Schwerpunkt auf der sogenannten „stolitschnaja praktika“ – dem moskauer Modell, das als Politikinstrument zur Rezentralisierung der Macht eingesetzt wird.
Stolitschnaja Praktika: Das moskauer Modell als politische Technologie
Das moskauer Sanierungsprogramm, welches als „stolitschnaja praktika“ bezeichnet wird, ist nicht nur eine Baumaßnahme, sondern auch ein politisches Instrument. Es dient dazu, die Macht des Zentralstaates zu stärken und die Rolle Moskaus als Vorbild für die Regionen zu betonen. Die Moskauer Regierung sieht sich als Innovatorin in der Wohnraumsanierung und versucht, ihre Praxis auf die gesamte Föderation zu übertragen.
Die Moskauer Bürgermeisterin, Galina J. Kusnezowa (bis 2020), und ihr Nachfolger Sergej Sobjanin haben den Sanierungsprozess als eine Form der sozialen Fürsorge positioniert. Zentral ist dabei die Idee, dass der Staat – in Anlehnung an die sowjetische Vergangenheit – den Bürgern eine bessere Lebensqualität schenkt. Die Chruschtschowki, die als symbolische Errungenschaften des sowjetischen Wohlfahrtsstaates gelten, werden nicht nur als Problem, sondern auch als historischer Schatz betrachtet, der renoviert und modernisiert werden muss.
Die Botschaft des Programms lautet: Der Staat nimmt die finanzielle Last des Wohnraums von den Bürgern ab, die diesen nach dem Zerfall der Sowjetunion in Besitz genommen haben. Dieses Bild eines fürsorglichen, paternalistischen Staates wird durch die Darstellung gestützt, dass die Sanierung nicht nur eine bauliche Notwendigkeit ist, sondern auch ein „zweites Geschenk“ der Behörden.
Die Wirkung dieses Narrativs ist, dass das Vertrauen in die staatliche Hand gestärkt wird. Moskau wird dabei als Hort der Ordnung und des Fortschritts dargestellt, während die Regionen als chaotisch oder rückständig abgebildet werden. Dieser Diskurs trägt dazu bei, die Rezentralisierung der Macht in Russland voranzutreiben, indem Moskau als Modell einer effizienten und innovativen Stadtregierung gefeiert wird.
Moskauer Programm vs. Föderales Programm: Unterschiede in der Praxis
Die moskauer Praxis der Sanierung unterscheidet sich stark vom föderalen Vorschlag. Das moskauer Programm sieht vor, dass die Chruschtschowki abgerissen und durch neue, meist größere Gebäude ersetzt werden. In der Praxis bedeutet dies, dass ganze Siedlungen umgestaltet werden, und Bewohner in neue Wohnungen umziehen. Dieser Prozess ist oft mit erheblichen sozialen und organisatorischen Herausforderungen verbunden, beispielsweise bei der Umsiedlung oder der Koordination mit den Bürgern.
Das föderale Programm, das im September 2018 von den Abgeordneten Galina Chowanskaja und Sergej Mironow (Partei Gerechtes Russland) in die Staatsduma eingebracht wurde, verfolgt einen anderen Ansatz. Laut diesem Vorschlag liegt der Schwerpunkt nicht primär auf Abriss und Neubau, sondern auf der Erneuerung und Modernisierung bestehender Gebäude. Der Begriff „Renovazija“ wird hier breiter definiert und umfasst sowohl Sanierung als auch Ersatz. Im Gegensatz zum moskauer Programm ist das föderale Programm flexibler und weniger zentralisiert.
Ein weiterer Unterschied liegt in der Zielsetzung. Das moskauer Programm konzentriert sich auf Chruschtschowki und eine kleine Anzahl spezifischer Gebäude, während der föderale Gesetzentwurf keine klaren Kriterien für die Auswahl der Gebäude nennt. Dies könnte zu regionalen Ungleichheiten führen, da die Durchsetzung des Programms stark von der lokalen Verwaltung abhängt.
Ein weiteres zentrales Element ist die Finanzierung. Das moskauer Programm wird überwiegend aus staatlichen Mitteln finanziert, während der föderale Vorschlag eine Kombination aus staatlicher Unterstützung und möglicher Bürgerbeteiligung vorsieht. In Moskau ist die Beteiligung der Bürger in der Planung und Umsetzung geringer als im föderalen Vorschlag. In einigen Regionen könnte dies jedoch zu Konflikten führen, da die Bürger möglicherweise nicht ausreichend in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden.
Die Politik hinter der Sanierung: Macht und Modernisierung
Die Sanierungsprogramme in Moskau und auf föderaler Ebene sind nicht nur technische oder soziale Projekte, sondern auch politische Instrumente. Das moskauer Programm wird oft als Vorbild für die Regionen dargestellt, was Moskau eine symbolische Überlegenheit einräumt. Die Botschaft lautet: Moskau ist effizient, innovativ und in der Lage, die Herausforderungen moderner Städte zu meistern. Dies stärkt nicht nur die Position Moskaus in der Föderation, sondern auch die des Zentralstaates in der gesamten Republik.
Ein weiteres Ziel ist die Rezentralisierung der Macht. Die Moskauer Praxis wird als eine Form der „Modernisierung“ dargestellt, die auf die Regionen ausgedehnt werden soll. Dieser Diskurs betont die Wichtigkeit der Moskauer Expertise und untergräbt gleichzeitig die Rolle der regionalen Verwaltungen. Die Regionen werden als weniger kompetent und weniger in der Lage dargestellt, solche Projekte eigenständig umzusetzen. Dies stärkt den Einfluss des Zentralstaates und reduziert die Autonomie der Regionen.
Zudem wird die Sanierung als Teil einer größeren Narration der Stabilität und Sicherheit verstanden. In Anlehnung an die sowjetische Vergangenheit wird der Staat als eine starke, fürsorgliche Hand dargestellt, die die Bürger:innen unterstützt und für Ordnung sorgt. Dieses Bild ist insbesondere in einer Zeit wichtig, in der die Regionen oft als chaotisch oder unruhig dargestellt werden. Die Sanierung wird somit nicht nur als bauliche Maßnahme, sondern auch als gesellschaftspolitisches Statement verstanden.
Herausforderungen und Kritik an der Wohnraumsanierung
Trotz der hohen politischen Priorität und der finanziellen Mittel, die in die Sanierung investiert werden, gibt es zahlreiche Herausforderungen und Kritikpunkte. Eine der größten Herausforderungen ist die Umsiedlung der Bewohner. In Moskau mussten bereits über eine Million Menschen umziehen, was oft mit Streitigkeiten, Verzögerungen und unklaren Prozessen verbunden war. In einigen Fällen wurden die Bewohner ohne ausreichende Informationen über die neuen Wohnungen informiert, was zu Frustration und Unzufriedenheit führte.
Ein weiteres Problem ist die Finanzierung. Obwohl Moskau über erhebliche Mittel verfügt, ist die Sanierung in den Regionen oft weniger gut ausgestattet. In einigen Fällen gibt es keine klare Finanzplanung oder die Mittel werden nicht effizient genutzt. Dies kann zu Verzögerungen und mangelhafter Ausführung führen.
Zudem ist die Beteiligung der Bürger ein Streitpunkt. In Moskau ist die Bürgerbeteiligung gering, während der föderale Vorschlag eine stärkere Einbindung vorsieht. In einigen Regionen gibt es jedoch keine ausreichende Infrastruktur oder keine Erfahrung mit solchen Prozessen, was die Umsetzung erschwert. Zudem wird oft kritisiert, dass die Bewohner nicht ausreichend in die Planung einbezogen werden und dass Entscheidungen von oben getroffen werden.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Diskrepanz zwischen dem moskauer Modell und der Realität in den Regionen. Die Chruschtschowki in Moskau sind oft gut erhaltene Gebäude, während in anderen Regionen die Sanierungsbedürftigkeit weitaus größer ist. In einigen Fällen sind die Gebäude so marode, dass eine Sanierung kaum sinnvoll ist. Dies führt zu der Frage, ob das moskauer Modell überhaupt übertragbar ist oder ob ein anderer Ansatz notwendig ist.
Die Zukunft der Wohnraumsanierung in Russland
Die Zukunft der Wohnraumsanierung in Russland hängt stark davon ab, wie erfolgreich das moskauer Modell auf die Regionen übertragen werden kann. Ein entscheidender Faktor ist die Finanzierung. Wenn die Regionen über ausreichende Mittel verfügen und diese effizient nutzen können, wird die Sanierung einen größeren Erfolg haben. Zudem ist die Beteiligung der Bürger ein zentrales Element. Nur wenn die Bewohner in die Planung einbezogen werden und ihre Bedürfnisse berücksichtigt werden, kann die Sanierung als erfolgreich gelten.
Ein weiterer Faktor ist die politische Stabilität. Die Sanierung ist nicht nur ein bauliches Projekt, sondern auch ein politisches Instrument. Wenn die Regionen die Sanierung als Chance sehen, um die Lebensqualität zu verbessern, wird das Programm mehr Akzeptanz finden. Wenn es jedoch als eine Form der Rezentralisierung wahrgenommen wird, kann es zu Widerstand führen.
Zudem ist die Rolle Moskaus in der Föderation von großer Bedeutung. Wenn Moskau seine Rolle als Innovator und Vorbild stärkt, wird das Programm in den Regionen mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung erfahren. Gleichzeitig muss Moskau jedoch auch die regionalen Besonderheiten berücksichtigen und nicht einfach das moskauer Modell übertragen, ohne die lokalen Bedingungen zu berücksichtigen.
Fazit
Die Wohnraumsanierung in Russland ist ein komplexes und vielschichtiges Projekt, das sowohl technische als auch politische Dimensionen hat. In Moskau ist das Programm bereits weit fortgeschritten, und die Erfahrungen aus der Hauptstadt dienen als Vorbild für die Regionen. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede zwischen dem moskauer und dem föderalen Ansatz, insbesondere in Bezug auf Finanzierung, Beteiligung der Bürger und technische Vorgehensweise.
Die moskauer Praxis, die als „stolitschnaja praktika“ bezeichnet wird, ist nicht nur ein bauliches Projekt, sondern auch ein politisches Instrument zur Rezentralisierung der Macht. Moskau wird dabei als Vorbild und Innovator dargestellt, was die Position der Hauptstadt in der Föderation stärkt. Gleichzeitig wird die Rolle der Regionen relativiert, was zu Kritik und Unzufriedenheit führen kann.
Zukünftig wird entscheidend sein, wie erfolgreich das moskauer Modell auf die Regionen übertragen werden kann. Dazu ist eine ausreichende Finanzierung, eine stärkere Beteiligung der Bürger und eine Anpassung an die regionalen Bedingungen erforderlich. Nur so kann die Sanierung als Erfolg gelten und die Lebensqualität in den Städten der Föderation nachhaltig verbessern.
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