Die Hyparschale in Magdeburg ist ein architektonisches Meisterwerk der Nachkriegsmoderne und zugleich eine technische Herausforderung in der Baukunst. Errichtet im Jahr 1969 nach den Entwürfen des Ingenieurs Ulrich Müther, zählt das Gebäude zu den bedeutenden Schalendachkonstruktionen Europas. Nach einer langen Zeit der Brache und drohenden Einsturzgefahr wurde es zwischen 2019 und 2024 umfassend saniert. Ziel war es, das Bauwerk denkmalgerecht zu restaurieren und gleichzeitig seine funktionalen Möglichkeiten als moderner Veranstaltungsort zu erweitern.
Dieser Artikel gibt einen detaillierten Überblick über die Sanierung der Hyparschale: von den historischen Hintergründen über die technischen Herausforderungen bis hin zu den architektonischen und kulturellen Aspekten der Wiedereröffnung.
Historischer Hintergrund: Von der Errichtung zum Denkmalschutz
Die Hyparschale wurde 1969 nach dem Entwurf des Bauingenieurs Ulrich Müther realisiert. Sie besteht aus vier sogenannten hyperbolischen Paraboloiden – also Schalen mit einer doppelten Krümmung –, die eine Fläche von 48 × 48 Metern stützenfrei überspannen. Das Dach ist aus selbstspannendem Beton gefertigt und ist bis zu 16 Meter hoch, wobei die Dachschichten nur 7 Zentimeter stark sind. Diese filigrane Konstruktion machte die Hyparschale zu einem Pionierwerk der Leichtbaukunst und zum Wahrzeichen der DDR-Modernität.
In den 1990er Jahren, nach dem politischen Wandel, kam es zu erheblichen Verfallserscheinungen. 1997 musste die Halle geschlossen werden, da sie als einsturzgefährdet galt. Ein geplanter Abriss wurde durch öffentlichen Protest verhindert. Im Jahr 1998 wurde die Hyparschale unter Denkmalschutz gestellt, was den Erhalt des Bauwerks sicherte. Allerdings blieb das Gebäude für mehr als zwei Jahrzehnte ungenutzt.
Sanierungsbeginn und Planung: Von der Idee zur Realität
Im Jahr 2017 erhielt das Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner (gmp) den Auftrag zur Sanierung. Bereits 2017 hatte der ehemalige Magdeburger Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper bekanntgegeben, dass die Stadt die Sanierung übernehmen werde. Dies war ein entscheidender Schritt, um die Hyparschale zu retten. Im Oktober 2019 erhielt das Projekt die Förderzusage des Bundes in Höhe von fünf Millionen Euro, und am 3. Dezember 2019 begannen die Bauarbeiten. Das Richtfest wurde am 12. Oktober 2021 gefeiert, wobei prominente Vertreter aus Politik, Architektur und Bauwirtschaft anwesend waren.
Technische Herausforderungen: Denkmalgerechte Sanierung des Daches
Der zentrale Fokus der Sanierung lag auf der Sicherung des Dachsystems. Das Dach, bestehend aus vier hyperbolischen Paraboloiden, war stark verwittert, und die Bewehrung war an vielen Stellen korrodiert. Eine konventionelle Verstärkung mit herkömmlichem Beton hätte die Dachkonstruktion beschädigt und die charakteristische Schlichtheit zerstört.
Die Lösung lag in der Anwendung von Carbonbeton. Dieses Material ist im Vergleich zu Stahl fünfmal zügiger und trägt dennoch die erforderliche Statische Sicherheit. Im Rahmen der Sanierung wurden 1 cm Altbeton von der Ober- und Unterseite der Schalen entfernt und Carbonfasermatten in Fertigmörtelschichten eingebettet. Dies ermöglichte die Stabilisierung der Dachkonstruktion ohne Verlust der ursprünglichen Dicke.
Zudem wurden die sogenannten Lichtbänder wieder geöffnet. Diese über Kreuz zwischen den Schalen verlaufenden Bänder lassen Tageslicht ins Innere und tragen zur einzigartigen Lichtatmosphäre der Halle bei. Die Verkleidung der Fassade wurde zudem mit Klarglas ersetzt, um Transparenz und Tageslichtnutzung zu optimieren.
Innenausbau: Von der Brache zur multifunktionalen Halle
Neben der Sanierung des Dachsystems war der Innenausbau ein weiteres zentrales Projekt. Ziel war es, die Hyparschale in einen multifunktionalen Veranstaltungsort umzuwandeln, der flexibel genutzt werden kann. Im Inneren wurden Galerieebenen und begehbare Brücken integriert, die es ermöglichen, den Raum in bis zu vier separate Einheiten aufzuteilen. Jede dieser Einheiten kann für verschiedene Anlässe wie Ausstellungen, Kongresse oder private Feiern genutzt werden. Die Halle fasst bis zu 500 Personen.
Im Herbst 2021 begannen die Arbeiten an der Fassade und den Stahlträgern für die neue Verglasung. Im Mai 2023 startete schließlich der Innenausbau. Die Innenräume wurden mit Möbeln des Unternehmens Brunner ausgestattet, was einen harmonischen Übergang zwischen historischem Charakter und moderner Funktionalität ermöglichte.
Kostenentwicklung und Verzögerungen: Herausforderungen im Sanierungsprozess
Die ursprünglich geplanten Baukosten betrugen rund 17 Millionen Euro. Aufgrund von Verzögerungen, gestiegenen Materialkosten und unerwarteten Problemen wie dem Austausch der Bodenplatte stiegen die Kosten auf insgesamt 22 Millionen Euro. Der Projektleiter, Andreas Geiger, bestätigte, dass die Sanierung besonders durch die Corona-Pandemie, den Materialmangel und die Inflation beeinträchtigt wurde. Die ursprünglich für Ende 2023 geplante Fertigstellung wurde auf den Juli 2024 verschoben.
Zu den größten Überraschungen gehörte der Austausch der Bodenplatte, der nicht im ursprünglichen Plan vorgesehen war. Dies führte zu weiteren Verzögerungen und Kostensteigerungen. Zudem gab es in der Planungsphase Streit um die Gestaltung der Inneneinrichtung und die technischen Anschlüsse.
Kulturelle Wiederbelebung: Von der Brache zum Veranstaltungsort
Die Hyparschale war bereits in der DDR ein wichtiger kultureller Treffpunkt. Nach ihrer Wiedereröffnung im Jahr 2024 wurde sie zum Aushängeschild der modernen Kulturpolitik Magdeburgs. Im Rahmen der Eröffnung wurde eine Banksy-Ausstellung gezeigt, die die Halle als neues kulturelles Zentrum unterstrich. Ab dem 1. Juli 2024 übernimmt die Magdeburger Veranstaltungsgesellschaft (MVGM) als Betreiberin die Hyparschale.
Im Podiumstalk vor der Eröffnung betonte ehemaliger Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper die Bedeutung des Projekts nicht nur für die Architekturgeschichte, sondern auch für die kulturelle Identität der Stadt. Stephan Schütz von gmp betonte, dass die Sanierung ein Meilenstein in der Bewahrung der Nachkriegsmoderne sei.
Architektonische und technische Besonderheiten
Die Hyparschale ist nicht nur ein Denkmal der Architekturgeschichte, sondern auch ein technisches Meisterwerk. Die Verwendung des Carbonbetons als Stabilisierungsmaterial ist ein bahnbrechendes Beispiel dafür, wie moderne Technologien genutzt werden können, um historische Bauwerke zu erhalten. Zudem ist die Anwendung von Klarglas an der Fassade ein weiterer Schritt in Richtung Transparenz und Tageslichtnutzung.
Die Schalendächer selbst – vier hyperbolische Paraboloiden – sind bis heute technisch beeindruckend. Sie ermöglichen eine Stützenfreiheit, die in ihrer Zeit revolutionär war und die bis heute in der Leichtbaukunst bewundert wird. Die Sanierung hat diese Technik nicht nur bewahrt, sondern auch auf den neuesten Stand gebracht.
Denkmalschutz und Zukunft: Ein Modell für den Erhalt der Nachkriegsmoderne
Die Sanierung der Hyparschale ist ein Meilenstein in der Bewahrung der Nachkriegsmoderne. Das Projekt zeigt, dass es möglich ist, historische Bauwerke ohne Verlust ihrer ursprünglichen Struktur und Funktion zu sanieren und gleichzeitig modernen Anforderungen gerecht zu werden.
Die Zusammenarbeit zwischen gmp, dem Ingenieurbüro Prof. Rühle, Jentzsch und Partner sowie der Carbocon GmbH war entscheidend für den Erfolg. Die Anwendung von Carbonbeton und die denkmalgerechte Sanierung des Daches sind nicht nur technisch herausfordernd, sondern auch ein Vorbild für zukünftige Sanierungsprojekte.
Die Hyparschale ist heute nicht nur ein kulturelles Wahrzeichen Magdeburgs, sondern auch ein lebendiges Beispiel für die Integration von Architektur, Technologie und Denkmalschutz. Sie steht für die Vielfalt und die Leistungsfähigkeit der Baukunst und beweist, dass historische Bauten auch in der Gegenwart eine Zukunft haben.
Fazit
Die Sanierung der Magdeburger Hyparschale ist ein beeindruckendes Beispiel für den Erhalt und die Modernisierung historischer Bauwerke. Mit einer Dauer von fünf Jahren und einem Budget von 22 Millionen Euro gelang es, ein Gebäude zu retten, das ansonsten einem Abriss zum Opfer gefallen wäre. Die Anwendung von Carbonbeton und die denkmalgerechte Sanierung des Dachs haben nicht nur die Stabilität des Bauwerks gesichert, sondern auch seine architektonische Identität bewahrt.
Die Hyparschale ist heute ein multifunktionaler Veranstaltungsort, der sowohl historische Werte als auch moderne Anforderungen erfüllt. Sie steht für die Zukunft der Nachkriegsmoderne und zeigt, dass Technik und Kultur Hand in Hand gehen können. Die Wiedereröffnung im Jahr 2024 markiert nicht nur das Ende einer langen Sanierungsphase, sondern auch den Beginn einer neuen Ära für Magdeburgs kulturelles Leben.
Quellen
- Stadthalle und Hyparschale – Umbau und Sanierung Magdeburg
- Sanierung der Hyparschale Magdeburg von Ulrich Müther durch gmp
- Moderne neu gedacht: Die Sanierung der Hyparschale Magdeburg
- Hyparschale Magdeburg: Sanitierte Veranstaltungsstätte mit architektonischer Geschichte
- Anerkennung: Denkmalsgerechte Sanierung der Hyparschale in Magdeburg
- Magdeburg: Hyparschale-Sanierung – Kosten massiv gestiegen
- Eröffnung der Hyparschale Magdeburg
- Hyparschale Magdeburg wiedereröffnet: Denkmalgerechter Umbau und Sanierung von gmp