Einleitung
Die Sanierung der Stuttgarter Oper steht vor gewaltigen Herausforderungen und entwickelt sich zu einem der größten und komplexesten Bauprojekte in der Geschichte Baden-Württembergs. Was ursprünglich als dringend notwendige Modernisierung eines historischen Baudenkmals aus dem Jahr 1912 geplant war, ist zu einem milliardenschweren Unterfangen geworden, das nicht nur die Finanzhaushalte von Stadt und Land stark belastet, sondern auch die kulturelle Landschaft der Region für Jahrzehnte prägen wird. Die aktuelle Planung sieht vor, dass das Projekt ein Jahrzehnt länger dauern wird als ursprünglich angenommen, und deutliche Kostensteigerungen sind unausweichlich. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe, die Herausforderungen und die aktuellen Entwicklungen dieses ehrgeizigen Kulturprojekts.
Historischer Hintergrund und Dringlichkeit der Sanierung
Das Stuttgarter Opernhaus, ein denkmalgeschützter Bau aus dem Jahr 1912 nach Plänen von Max Littmann, ist mehr als nur ein Gebäude – es ist das Herzstück der kulturellen Identität der Region und ein international anerkanntes Zentrum für Oper und Ballett. Die Stuttgarter Oper und das Ballett genießen Weltrang und sind international von herausragender kultureller Bedeutung. Mit der Sanierung und Erweiterung soll dieses Aushängeschild Baden-Württembergs weiterhin arbeits- und konkurrenzfähig bleiben.
Die letzte umfassende Sanierung des Opernhauses liegt bereits 35 Jahre zurück und beschränkte sich im Wesentlichen auf die Rekonstruktion des Zuschauerraums nach den Originalplänen. Die technische Ausstattung des Hauses stammt größtenteils aus den 1980er Jahren und ist heute vollkommen veraltet. Die veraltete Bühnen- und Haustechnik stellt nicht nur ein künstlerisches Hindernis dar, sondern auch ein erhebliches Sicherheitsrisiko. Für viele der 1.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Württembergischen Staatstheater – dem größten Drei-Sparten-Theater weltweit mit den Sparten Oper, Ballett und Schauspiel – sind die Arbeitsbedingungen, insbesondere in den Werkstätten sowie im Bühnen- und Orchesterbereich, so unzureichend, dass sie heute nicht mehr neu genehmigt würden.
Der Betrieb des Hauses wird nur noch mit Blick auf die anstehende Sanierung geduldet. Ohne eine zeitnahe Sanierung droht eine Betriebsschließung, die nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich katastrophal wäre. Die Stuttgarter Staatstheater beschäftigen rund 1.400 Menschen und sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Region.
Das Ausmaß des Projekts: Drei Teilprojekte in einem
Die Sanierung der Stuttgarter Oper ist kein einzelnes Bauprojekt, sondern setzt sich aus drei komplexen Teilprojekten zusammen, die eng miteinander verknüpft sind:
Die Interimsspielstätte: Während der Sanierungszeit des historischen Littmann-Baus muss eine provisorische Spielstätte für Oper, Ballett und Schauspiel geschaffen werden. Geplant ist ein Standort an den Wagenhallen auf dem C1-Areal, wo mehr als die Hälfte der entstehenden Gebäude dauerhaft nachgenutzt werden sollen. Nach der Nutzung durch die Württembergischen Staatstheater sollen diese Gebäude ihrer ursprünglichen Bestimmung in der Maker City als Büros, Werk- und Kulturstätten sowie Wohnräume zur Verfügung gestellt werden. Die eigentliche Interimsspielstätte soll in Modulbauweise erstellt werden, um nach der Nutzung verkauft werden zu können.
Die neuen Werkstätten an der Zuckerfabrik: Ein zentraler Bestandteil des Projekts ist der Bau moderner Produktionswerkstätten an der ehemaligen Zuckerfabrik. Diese Werkstätten sind für die Requisiten-, Kostüm- und Kulissenproduktion unentbehrlich und müssen vor der eigentlichen Sanierung des Opernhauses fertiggestellt werden, um den Spielbetrieb während der Bauarbeiten aufrechterhalten zu können.
Die Generalsanierung des Littmann-Baus: Das Herzstück des Projekts ist die umfassende Sanierung und Erweiterung des denkmalgeschützten Opernhauses. Diese Maßnahme beinhaltet nicht nur die Modernisierung der Technik und die Anpassung an moderne Sicherheitsstandards, sondern auch den Bau einer Kreuzbühne, die den künstlerischen und produktiven Betrieb erheblich verbessern würde.
Die Kostenfrage: Vom Milliardenbudget zur ungewissen Zukunft
Die Kosten für das gesamte Projekt werden bisher auf rund eine Milliarde Euro veranschlagt, allerdings handelt es sich dabei um eine Berechnung aus dem Jahr 2019. Inzwischen deutet alles darauf hin, dass dieser Kostenrahmen nicht zu halten sein wird. Kritiker befürchten, die Sanierung könnte nach der Kostenexplosion beim benachbarten Stuttgart 21-Tiefbahnhof zu einem weiteren Milliardengrab werden.
Die Kostenplanung basiert auf realistischen Annahmen, die nicht künstlich auf dem Papier günstig berechnet wurden. Im Wissen, dass die Summe später nicht mehr zu halten sein wird, haben die Planer von Anfang an mit steigenden Kosten gerechnet. Vergleichbare Projekte in anderen Städten bestätigen diese Erfahrung:
Bei den Städtischen Bühnen Köln, einem Dreispartenhaus mit rund 700 Beschäftigten, waren die reinen Baukosten anfangs mit 253 Millionen Euro veranschlagt. Aktuell rechnet man dort mit Kosten zwischen 618 und 644 Millionen Euro (Baukosten, inklusive Baunebenkosten und aller bekannter Risiken).
Die Deutsche Oper am Rhein am Standort Düsseldorf soll für über 700 Millionen Euro einen Neubau bekommen, was die Stadt Ende 2021 beschlossen hat.
Für die Stuttgarter Oper wurde auch ein fiktiver Neubau berechnet, um die Kosten besser einordnen zu können. Dieser könnte realistisch auf dem S21-Gelände hinter dem neuen Bahnhof errichtet werden. Mit einem Baubeginn wäre erst nach Inbetriebnahme des neuen Hauptbahnhofs und dem Rückbau des Gleisvorfelds zu rechnen – also etwa ab 2028. Aus den bekannten Kosten von Opernhausprojekten in Kopenhagen, Oslo und Linz wurde ein Mittelwert errechnet, erweitert um die im Jahr 2019 zu erwartenden Baukostensteigerungen für die Bauzeit von 2029 bis 2034. Dieser Mittelwert für einen Opernneubau betrug 642 Millionen Euro im Jahr 2019.
Nachdem dieser Neubau errichtet worden und Oper, Ballett und die Produktionsstätten umgezogen wären, könnte erst mit der Sanierung des Littmann-Baus und dem Umbau des Kulissengebäudes begonnen werden. Auf eine Kreuzbühne könnte verzichtet werden, da im Littmann-Bau dann nur noch Ballett-Aufführungen vorgesehen sein würden.
Zeitplan und Verzögerungen: Ein Jahrzehnt länger als geplant
Die Sanierung der Stuttgarter Oper verzögert sich um Jahre und wird voraussichtlich ein Jahrzehnt länger dauern als ursprünglich geplant. Durch den späteren Start der Interimsspielstätte muss der Littmann-Bau – das bestehende Bühnenhaus für Oper und Ballett – mindestens bis 2033 in Betrieb bleiben, also vier Jahre länger als ursprünglich geplant. Erst danach soll die eigentliche Generalsanierung starten, die sich über zehn Jahre ziehen dürfte.
Die Ursachen für diese Verzögerungen sind vielfältig. Einerseits haben sich die Baukosten in Deutschland seit den ersten Planungen deutlich erhöht. Andererseits hat sich die Haushaltslage von Kommunen und Land dramatisch verschlechtert, insbesondere angesichts der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung mit zurückgehenden Steuereinnahmen. Dies führt dazu, dass auch Kulturprojekte zunehmend unter Spardruck geraten.
Die Projektgesellschaft ProWST, die für die Planung und Umsetzung der Sanierung zuständig ist, hat nach Möglichkeiten gesucht, den Bau der Interimsspielstätte zu beschleunigen. Das Ergebnis dieser Prüfung war jedoch "ernüchternd". Selbst der aktuelle – ohnehin schon grob gefasste – Zeitplan gilt als äußerst ambitioniert.
Die Kreuzbühne: Ein Schlüsselelement für die Zukunftsfähigkeit
Ein zentrales Element der Sanierungsplanung ist der Bau einer Kreuzbühne. Ohne eine Kreuzbühne ist ein Wechsel von Auftritten der Sparten Oper und Ballett und zwischen verschiedenen Aufführungen sehr aufwändig. Auch bei der künstlerischen Gestaltung sind teils Grenzen gesetzt. Mit einer Kreuzbühne könnten Bühnenbilder in Zukunft schneller gewechselt werden, und es wären damit mehr Aufführungen, beispielsweise für das stark nachgefragte Stuttgarter Ballett, möglich.
Die Kreuzbühne ist jedoch kein reiner Luxus, sondern eine Notwendigkeit für die Zukunftsfähigkeit des Hauses. Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) hat jedoch klargestellt, dass sie bei den aktuellen Überlegungen zu einer Kostensenkung "die Kreuzbühne der Oper für mich nicht gesetzt" sieht. Dies deutet darauf hin, dass dieses wichtige Element möglicherweise gestrichen oder zumindest drastisch vereinfacht werden könnte, um Kosten zu sparen.
Die Projektgesellschaft ProWST: Organisation und Verantwortung
Um die komplexe Sanierung zu koordinieren, haben die Stadt und das Land Baden-Württemberg die gemeinsame Projektgesellschaft ProWST gegründet, die am 10. Januar 2023 ihre Arbeit aufgenommen hat. Durch die Planung und Umsetzung der drei Teilprojekte Interim, Zuckerfabrik und Oberer Schlossgarten durch die ProWST soll eine effiziente Planung und Umsetzung der Gesamtmaßnahme aus einer Hand gewährleistet werden.
Die ProWST hat nicht von Anfang an die Führung der Planungen übernommen, sondern diese in einem begleiteten Prozess von Stadt und Land schrittweise übernommen. Zunächst war der Aufbau eines Personalkörpers eine der wichtigen Zielsetzungen, bevor die Verantwortung für die Teilprojekte vollständig an die Projektgesellschaft übertragen wurde.
Angesichts der wachsenden Probleme und Kosten hat die Wissenschaftsministerin gemeinsam mit Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) die Verantwortung für die Realisierung des Gesamtprojekts übernommen. "Das Kind ist jetzt noch nicht in den Brunnen gefallen", sagte Olschowski und betonte, dass das Ziel sei, den Zeitrahmen zu halten.
Kostensenkung und Richtungsänderung: Neue Wege für das Projekt
Angesichts der eskalierenden Kosten und Verzögerungen haben die Verantwortlichen eine "deutliche Richtungsänderung" und "spürbare Veränderungen" angekündigt. Oberbürgermeister Nopper betonte: "Wir müssen vor allem auf die Kostenbremse treten. Alles muss ohne Tabus auf den Prüfstand."
Die Ministerin kündigte an, dass geprüft werden soll, ob auch andere Räume in der Stadt wie etwa Probestätten genutzt werden können. An Büros, Garderoben, Proberäumen, Logistikflächen und "Standards" soll gespart werden. Die Projektgesellschaft ProWST soll nun prüfen, wie die Pläne entsprechend angepasst werden können.
Der geschäftsführende Intendant der Staatstheater Stuttgart, Marc-Oliver Hendriks, zeigte sich trotz der Herausforderungen optimistisch: "Wirklich entscheidend sei weniger, unter welchen Umständen in der rund zehnjährigen Übergangszeit gespielt werden müsse. 'Das, was dann am Ende entsteht nach der Sanierung in den 40er Jahren und was die nächsten Jahrzehnte Heimstatt sein wird für Theater, Oper und Ballett, das hat für uns Priorität. Wir schauen in die Zukunft.'"
Fazit
Die Sanierung der Stuttgarter Oper ist ein Jahrhundertprojekt von enormer komplexität und Bedeutung. Es geht nicht nur um die Rettung eines denkmalgeschützten Baus, sondern um die Zukunftsfähigkeit einer der renommiertesten kulturellen Institutionen Deutschlands. Die Herausforderungen sind gewaltig: explodierende Baukosten, drastische Verzögerungen und die Notwendigkeit, während der Bauarbeiten den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten.
Das Projekt ist ein Spiegelbild der aktuellen Herausforderungen im deutschen Bauwesen – steigende Kosten, knappe Haushalte und der Balanceakt zwischen Denkmalschutz und Modernisierung. Die Lösung wird nicht darin bestehen, das Projekt zu stoppen oder massiv zu kürzen, sondern darin, intelligente Kompromisse zu finden, die die künstlerische Qualität und die Zukunftsfähigkeit des Hauses sichern, ohne die öffentlichen Haushalte übermäßig zu belasten.
Die Kreuzbühne als zentrales Element der Modernisierung steht dabei zur Disposition, könnte aber langfristig die Effizienz und Produktivität des Hauses erheblich steigern. Die Entscheidung der Ministerin, dieses Element nicht "gesetzt" zu sehen, wird weitreichende Konsequenzen für die künstlerische Arbeit am Haus haben.
Unabhängig von den aktuellen Herausforderungen bleibt eines klar: Die Stuttgarter Oper ist ein unverzichtbares Kulturgut von internationalem Rang. Ihre Sanierung ist eine Investition in die Zukunft der Kultur in Baden-Württemberg – eine Investition, die trotz aller Schwierigkeiten notwendig und lohnend ist.