Vitamar in Kleinostheim: Zwischen Sanierung und Neubau - Eine Analyse der baulichen Herausforderungen

Einleitung

Das Freizeitbad Vitamar in Kleinostheim steht seit Jahren vor einer wichtigen Weichenstellung: Soll das über 50 Jahre alte Gebäude generalsaniert oder komplett neu gebaut werden? Diese Frage beschäftigt nicht nur die lokale Politik, sondern auch die Bürger der Gemeinde. Nach jahrelangen Debatten und Gutachten hat der Gemeinderat in einer knappen Abstimmung (11:9 Stimmen) für die Generalsanierung statt für einen Neubau votiert. Dieser Artikel beleuchtet die technischen, finanziellen und politischen Aspekte dieser Entscheidung und die damit verbundenen Herausforderungen für die Zukunft des Bades.

Aktueller Stand des Vitamar

Das Vitamar in der Kirchstraße 58 ist ein fester Bestandteil der Infrastruktur Kleinostheims. Das Freizeitbad wird von einem Förderkreis, dem "PRO VITAMAR" e.V., unterstützt, der sich bereits im Jahr 2004 während des Bürgerbegehrens zur langfristigen Erhaltung des Schwimmbades gründete. Dieser Verein setzt sich explizit für die Benutzung, Sanierung und Erhaltung des Vitamars ein.

Die Öffnungszeiten des Bades sind: - Montag, Mittwoch - Freitag: 06:15 - 09:00 Uhr - Montag – Freitag: 12:00 - 22:00 Uhr - Samstag: 12:00 - 19:00 Uhr - Sonn- und Feiertag: 09:00 - 18:00 Uhr

Trotz dieser etablierten Struktur und der positiven Wahrnehmung durch viele Bürger (wie in einem Interview mit einem Passanten erwähnt), steht das Bad vor großen baulichen Herausforderungen, die eine zukunftsorientierte Lösung erfordern.

Die Debatte: Sanierung versus Neubau

Die zentrale Frage, die den Gemeinderat beschäftigt, ist, ob das Vitamar generalsaniert oder komplett neu gebaut werden soll. Beide Optionen haben spezifische Vor- und Nachteile, die sorgfältig abgewogen werden müssen.

Die Argumente für die Generalsanierung

Die Befürworter einer Sanierung argumentieren, dass das Vitamar als Teil der Gemeindeidentität erhalten bleiben sollte. Ein Abriss und Neubau würde bedeuten, dass während der Bauzeit auf das Bad verzichtet werden müsste. Bei einer Sanierung könnte das Bad eventuell in Teilen weiterbetrieben werden, auch wenn dies mit Einschränkungen verbunden wäre.

Die Kosten für eine Sanierung liegen nach einem Gutachten eines unabhängigen Beratungsbüros bei etwa 4,2 Millionen Euro. Im Vergleich zu den Kosten eines Neubaus, die bei etwa 15 Millionen Euro (ohne Mehrwertsteuer) für eine Variante mit 50-Meter-Becken liegen, wäre die Sanierung die kostengünstigere Option kurzfristig betrachtet.

Die Argumente für einen Neubau

Die Befürworter eines Neubaus betonen, dass ein neues Gebäude den Anforderungen der Zeit besser entsprechen würde. Ein Neubau könnte barrierefrei gestaltet werden, auf dem neuesten Stand der Technik sein und alle energetischen Anforderungen erfüllen. Insbesondere die Energieeffizienz wäre bei einem Neubau deutlich höher, was sich langfristig in den Betriebskosten niederschlagen würde.

Das TÜV Süd-Gutachten (vorgelegt in der Sitzung des Werkausschusses am 20. Juli 2020) kommt zu dem Ergebnis, dass selbst eine umfassende Sanierung die Probleme des Brandschutzes, der "Ausnahmegenehmigungen" erfordern würde, die Hemmnisse bei der Vermietung des Untergeschosses wegen des veralteten Raumkonzepts und die Energiekosten nur teilweise lösen könnte. Daher tendiert der TÜV Süd unter Berücksichtigung all dieser Aspekte eher zu einem Neubau als zu einer umfassenden Bestandssanierung.

Technische Herausforderungen der Sanierung

Eine Generalsanierung des Vitamar stößt auf erhebliche technische Herausforderungen, die sorgfältig bedacht werden müssen:

Brandschutz und Raumkonzept

Das bestehende Gebäude weist erhebliche Mängel im Brandschutz auf, die selbst nach einer Sanierung noch "Ausnahmegenehmigungen" erfordern würden. Zudem ist das Raumkonzept veraltet, was die Vermietung des Untergeschosses erschwert. Diese strukturellen Probleme können durch eine Sanierung nicht vollständig gelöst werden.

Energieeffizienz

Die Energiekosten des Vitamar sind bereits jetzt ein signifikanter Faktor im Betrieb. Laut Vergleichsanalysen schneidet das Vitamar bei Energie- und Stromkosten im Vergleich zu anderen Schwimmbädern ähnlicher Größe schlechter ab. Eine energetische Sanierung könnte diese Kosten zwar senken, doch laut Gutachten bleiben die jährlichen Betriebskosten bei den meisten Sanierungsvarianten in etwa gleich hoch.

Einschränkungen bei zukünftigen Modernisierungen

Ein weiteres Problem ist, dass das Gebäude aufgrund fehlender Statik keine Photovoltaikanlage auf dem Dach tragen kann. Diese Einschränkung bei zukünftigen Modernisierungsmaßnahmen ist ein wesentlicher Nachteil des bestehenden Baus.

Erfahrungen aus Teilsanierungen

Die Erfahrungen aus der Teilsanierung vor etwa 15 Jahren geben Anlass zur Vorsicht. Damals traten unerwartete, teure und bauzeitverzögernde Probleme auf. Die Befürchtung, dass sich bei einer umfassenden Sanierung ähnliche Probleme wiederholen könnten, wird von Gegnern der Sanierung immer wieder geäußert.

Finanzielle Aspekte

Die finanziellen Überlegungen spielen bei der Entscheidung zwischen Sanierung und Neubau eine entscheidende Rolle. Ein Vergleich der verschiedenen Optionen zeigt deutliche Unterschiede:

Kostenvergleich

Wie bereits erwähnt, liegen die Kosten für eine Sanierung bei etwa 4,2 Millionen Euro. Die Kosten für einen Neubau variieren je nach Ausführung:

  • Neubau mit 25m-Becken: Keine genauen Kosten genannt, aber diese einzige Variante, die niedrigere Betriebskosten verspricht
  • Neubau mit 37,5m-Becken plus Lehrschwimmbecken: Etwa 15 Millionen Euro (ohne Mehrwertsteuer)
  • Neubau mit 50m-Becken: Etwa 15 Millionen Euro (ohne Mehrwertsteuer)

Lebenszykluskosten

Ein Berechnung eines Büros zu den Lebenszykluskosten kam zu dem Ergebnis, dass nur mit einem Neubau auf lange Sicht eine Reduzierung der laufenden erreicht werden kann. Der hohe Unterschied in den berechneten Lebenszykluskosten war dabei unerwartet.

Betriebskosten

Die jährlichen Betriebskosten sind bei fast allen Sanierungsvarianten in etwa gleich hoch. Lediglich bei der Variante eines Neubaus mit 25m-Becken wurden niedrigere Betriebskosten erwartet. Dies ist ein wesentlicher Faktor für die langfristige Wirtschaftlichkeit des Betriebs.

Einnahmen und Preisstruktur

Verglichen mit anderen Schwimmbädern ähnlicher Größe schneidet das Vitamar bei den Einnahmen schlechter ab. Um dieses Problem zu lösen, wird über eine neue Struktur der Eintrittspreise, insbesondere bei den Jahreskarten, nachgedacht.

Zeitplan und Umsetzungsherausforderungen

Neben den technischen und finanziellen Aspekten spielen auch der Zeitplan und die Umsetzung der Maßnahme eine wichtige Rolle:

Bauzeiten und Betriebsunterbrechung

Bei einer Sanierung ist mit einer langen Betriebsunterbrechung zu rechnen. Beispiele aus anderen Orten wie Hösbach und Stockstadt zeigen, dass solche Unterbrechungen durchaus mehrere Jahre dauern können. Dies stellt ein erhebliches Problem für die Bürger dar, die auf das Bad angewiesen sind.

Politische Entscheidungsprozesse

Die Entscheidungsfindung im Gemeinderat ist von Verzögerungen geprägt. So wurde beispielsweise die Entscheidung zur Zukunft des Vitamars bereits mehrmals vertagt. In der jüngsten Sitzung wurde die Entscheidung erneut vertagt, weil die vorgelegte Wirtschaftlichkeitsuntersuchung von Teilen des Rates als derart umfangreich eingestuft wurde, dass sie sich zur Beratung noch einmal zusammensetzen wollten.

Aktuelle Planungsschritte

Um das Sanierungsziel konkreter zu beschreiben, soll im Rahmen eines Workshops "Wie soll das VITAMAR zukünftig genutzt werden?" der künftige Bedarf ermittelt werden. Dieser Zielfindungsworkshop soll jedoch mit einem begrenzten Teilnehmerkreis aus Gemeinderat, Mitarbeitern aus der Verwaltung und Projektplanern durchgeführt werden, nicht mit interessierten Bürgern. Dieser Umstand wird von der Grünen Fraktion kritisiert, die eine stärkere Einbindung der Bürger fordert.

Politische Perspektiven im Gemeinderat

Die Entscheidung zwischen Sanierung und Neubau wird im Gemeinderat kontrovers diskutiert. Die verschiedenen Fraktionen haben unterschiedliche Positionen:

Positionen der Fraktionen

  • Die Freien Wähler beklagen, dass bei einer Sanierung das Ziel verfolgt wird, den Kleinostheimern für die nächsten Generationen ein Schwimmbad zu erhalten, sehen dies aber als stark gefährdet an. Sie weisen auf die Risiken bei Sanierungen hin: "Die Erfahrungen aus anderen Orten zeigen, dass regelmäßig weitere Probleme aufkommen, es zu mehreren Kostensteigerungen kommt und immer wieder Bauzeitverzögerungen auftreten."

  • Die SPD-Fraktion stellt sich der schwierigen Aufgabe und will sich aktiv in die Diskussion einbringen. Sie betonen, dass der Gemeinderat bei seiner Entscheidung die Aspekte 50m-Bahn - ja oder nein -, energetische Erfordernisse sowie die finanziellen Möglichkeiten und den Bedarf an anderer Stelle der Gemeinde berücksichtigen muss.

  • Die FDP-Gemeinderatsfraktion ist besonders an der Meinung der Bürger interessiert und ruft diese auf, ihre Vorstellungen einzubringen: "Sprechen Sie mich an und bringen Sie Ihre Vorstellungen ein!"

  • Die Grünen kritisieren die langsame Umsetzung des beschlossenen Projekts und vermuten, dass bei einer Entscheidung pro Neubau das Engagement in der Sache wesentlich stärker ausgeprägt wäre. Sie weisen auf andere Projekte hin, die schneller umgesetzt wurden, wie die zweite Kinderkrippe, die schnelle Sanierung des Laurenzicenters zum "Kids-Camp" oder der neue Spielplatz "TakaTukaLand".

Kritik an der Umsetzung

Die Grünen Fraktion kritisiert, dass das beschlossene Sanierungsprojekt "so zurückhaltend behandelt wird" und vermutet, dass bei einer Entscheidung pro Neubau das Engagement in der Sache wesentlich stärker ausgebildet wäre. Sie beziehen sich dabei auf andere kommunale Projekte, die schneller realisiert wurden.

Zukunftsperspektiven und Bürgerbeteiligung

Die zukünftige Entwicklung des Vitamar hängt nicht nur von technischen und finanziellen Faktoren ab, sondern auch von der Bürgerbeteiligung und der klaren Ausrichtung auf die zukünftigen Bedürfnisse:

Workshop zur Bedarfsermittlung

Geplant ist ein Workshop zur Ermittlung des zukünftigen Bedarfs. Dieser Workshop soll mit einem begrenzten Teilnehmerkreis aus Gemeinderat, Mitarbeitern aus der Verwaltung und Projektplanern die Aufgabenstellung für einen Architektenwettbewerb beschreiben. Die Beschränkung auf diesen kleinen Kreis stößt auf Kritik, da eine breitere Einbindung der Bürger und Badegäste als wünschenswert erachtet wird.

Bürgerinitiative "PRO VITAMAR"

Der Förderkreis "PRO VITAMAR" e.V., der sich 2004 aus einer Initiative engagierter Bürger heraus gegründet hat, setzt sich weiterhin für die Erhaltung des Schwimmbades ein. Dieser Verein könnte eine wichtige Rolle bei der Bürgerbeteiligung und der Vermittlung zwischen Gemeinde und Bürgern spielen.

Langfristige Nutzungsstrategie

Unabhängig von der Entscheidung Sanierung oder Neubau ist eine klare Nutzungsstrategie für die Zukunft des Bades wichtig. Dazu gehören Fragen nach der Beckengröße (25m, 37,5m oder 50m), der Einrichtung eines Lehrschwimmbeckens, die Gestaltung der Nebenräume und die Ausrichtung der Gastronomie.

Fazit

Die Entscheidung für die Generalsanierung des Vitamar in Kleinostheim ist ein Kompromiss, der viele Herausforderungen birgt. Einerseits wird das historische Bad erhalten, andererseits müssen erhebliche technische Mängel behoben werden, die eine Sanierung komplex und teuer machen.

Das TÜV Süd-Gutachten hatte eher zu einem Neubau tendiert, da eine Sanierung die strukturellen Probleme nur teilweise lösen kann. Die politische Entscheidung zugunsten der Sanierung basiert vermutlich auf den kurzfristig geringeren Kosten, birgt aber langfristig höhere Risiken in Bezug auf Betriebskosten, technische Machbarkeit und zukünftige Modernisierbarkeit.

Die nun anstehende Planungsphase wird zeigen, ob die Sanierung gelingt und die Erwartungen der Bürger erfüllt werden können. Eine stärkere Einbindung der Bürger in den Planungsprozess und eine transparente Kommunikation der weiteren Schritte wären wünschenswert, um das Vertrauen der Bevölkerung in dieses wichtige Projekt zu stärken.

Unabhängig vom Ausgang der Sanierung wird das Vitamar eine wichtige Rolle als sozialer Treffpunkt und sportlicher Ort in Kleinostheim spielen. Die Qualität dieser Einrichtung wird maßgeblich von der sorgfältigen Planung und Umsetzung der anstehenden Maßnahmen abhängen.

Quellen

  1. Entscheidung in Kleinostheim: Vitamar wird generalsaniert
  2. Förderkreis Pro Vitamar Kleinostheim e.V.
  3. Diskussion um Vitamar geht weiter: Gemeinderat Kleinostheim vertagt Entscheidung
  4. Das Vitamar soll saniert werden: Ein Neubau wurde abgelehnt
  5. Werkausschuss mit Ergebnis baulicher Zustand Vitamar
  6. Vitamar: Es ist noch nichts passiert - oder doch?
  7. Wie soll das Vitamar saniert werden?
  8. Generalsanierung oder Neubau des Freizeitbads Vitamar: Entscheidung leider vertagt

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