Einleitung
Die ehemaligen Heilstätten Hohenlychen in der Uckermark erleben derzeit eine bemerkenswerte Transformation. Das historische Ensemble, das seit 1993 leerstand, wird schrittweise in eine moderne Wohnanlage umgewandelt. Das ambitionierte Projekt, das unter strengen Denkmalschutzauflagen durchgeführt wird, zeigt, wie vergessene Bausubstanz erfolgreich neu belebt werden kann. Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte des Areals, die Sanierungsprozesse sowie die Vision hinter der Umwandlung zur "Parkresidenz Lychen".
Historische Entwicklung der Heilstätte Hohenlychen
Die Geschichte der Heilstätten Hohenlychen beginnt im Jahr 1902, als der Mediziner Gotthold Pannwitz, Chef des Volksheilstätten-Vereins des Deutschen Roten Kreuzes, eine Kindereinrichtung zur Bekämpfung der Tuberkulose gründete. Die direkte Lage am Zenssee bot ideale Bedingungen für die Heilung der Patienten. Ein Großteil der Finanzierung für diese damals wegweisende Einrichtung kam vom Deutschen Roten Kreuz.
In den folgenden Jahren wurde das Areal kontinuierlich erweitert. Kurz nach der Gründung der Kinderheilstätte kam ein Frauensanatorium hinzu. Das Konzept der Anlage war für damalige Verhältnisse außergewöhnlich fortschrittlich. Die Gebäude dienten nicht nur als reine Behandlungsstätte bei Tuberkulose, sondern boten auch weitreichende Unterstützung für den Wiedereinstieg in den Alltag nach der Genesung. Dazu gehörten eine Badeanstalt sowie eine Haushaltsschule und eine Gartenbauschule, die den Patienten zur Verfügung standen. Wie zur damaligen üblich, waren die Abteilungen für Männer sowie Frauen und Kinder streng getrennt.
Dies weitblickende Konzept trug entscheidend dazu bei, Lychen zum Luftkurort zu erheben. Diese Statusänderung ging einher mit der Verlegung von Wasser- und Elektrizitätsleitungen sowie dem Ausbau befestigter Straßen, was die Infrastruktur der gesamten Region verbesserte.
In den 1930er Jahren veränderte sich der medizinische Fokus der Anlage. Sport- und Arbeitsschäden wurden zu neuen Schwerpunkten. Die deutsche Nationalmannschaft soll sich vor und nach der Berliner Olympiade 1936 in Hohenlychen aufgehalten haben. Die Einrichtung entwickelte sich im Bereich der Behandlung von Meniskus-Verletzungen sogar zu einer weltführenden Institution.
Während der NS-Zeit wurde die Anlage um Sportanlagen und ein Sportsanatorium erweitert, da die deutsche Sportelite nicht nur gefördert, sondern auch gesund gehalten werden sollte. Hohenlychen entwickelte sich zu einem beliebten Aufenthaltsort für die NS-Elite. Zu den Gästen zählten neben Heinrich Himmler und Rudolf Hess auch Albert Speer und Adolf Hitler selbst.
Während des Zweiten Weltkrieges diente die Heilstätte als Krankenhaus und Lazarett. Nach Kriegsende übernahm die sowjetische Armee das Gelände und nutzte es als Militärhospital. Nach dem Abzug der russischen Streitkräfte im Jahr 1993 standen die Gebäude leer und begannen zu verfallen. Die villenähnlichen Gebäude inmitten der großen Parkanlage am Ufer des Zenssees strahlten mit rotem Efeu bewachsenen, verwitterten Holzgiebeln und -balkonen sowie verwaschenen gelben Fassaden einen morbiden Charme aus.
Das Sanierungsprojekt Parkresidenz Lychen
Die Wende für das verfallene Areal kam im Jahr 2009, als der Dresdner Bauingenieur Michael Neumann das Ensemble entdeckte. Er kaufte einen Teil davon – zwölf Hektar mit neun Gebäuden – vom Land Brandenburg. Neumann, der bereits in Sachsen eine vergessene denkmalgeschützte Immobilie neuerschlossen hatte, sah in Hohenlychen eine neue Herausforderung. Sein Konzept für das Areal der Heilanstalten trug den Namen "Parkresidenz Lychen" und richtete sich an Frührentner oder rüstige Senioren, die hier ein neues Zuhause finden sollten. Dabei war die Idee, dass die Ferienwohnungen auch von der Verwandtschaft genutzt werden könnten.
Nachdem Neumann die Banken von seinem Vorhaben überzeugen konnte, begann die Sanierung des Areals. Heute beherbergt das ehemalige Sanatorium 44 barrierefreie Mietwohnungen, von denen fast alle bereits bezogen sind. Ebenfalls erfolgreich umgewandelt wurden das Haus des früheren ärztlichen Direktors sowie das ehemalige Operationszentrum, die nun zehn Ferienwohnungen plus ein Bistro beherbergen.
Die geschichtsträchtige Anlage steht aufgrund ihrer städtebaulichen, historischen und baukünstlerischen Bedeutung auf der Denkmalliste, was besondere Anforderungen an die Sanierungsarbeiten stellt.
Bauabschnitte und Umsetzung
Die Umwandlung der Heilstätte Hohenlychen zur Parkresidenz erfolgt in mehreren Bauabschnitten, die alle unter strengen denkmalschutzrechtlichen Auflagen stehen. Derzeit sind bereits 40 Prozent der denkmalgeschützten Gebäude saniert.
Ein zentrales Projekt ist die Sanierung des ehemaligen Kaiserin-Auguste-Viktoria-Sanatoriums in der Martin-Bachhuber-Straße. Der Komplex umfasst drei miteinander verbundene Gebäudeteile, die in drei Bauabschnitte unterteilt sind. Die ersten beiden Bauabschnitte sind bereits geplant und genehmigt. Hier entstehen 31 Mietwohnungen mit Größen zwischen 60 und 120 Quadratmetern. Zu den Wohnungen gehören auch Parkplätze auf dem Gelände. Die Parkresidenz Lychen GmbH tritt selbst als Vermieter in Erscheinung.
Die Fertigstellung der ersten beiden Bauabschnitte ist für Ende des Jahres 2027 geplant. Die Planung für den dritten Bauabschnitt befindet sich in der Endphase. In diesem Gebäude sollen weitere 26 Wohnungen entstehen, deren Fertigstellung für 2028/29 anvisiert ist. Insgesamt fließt laut Maximilian Siegmann, Geschäftsführer der Parkresidenz Lychen GmbH, "ein niedriger zweistelliger Millionenbetrag" in das gesamte Bauvorhaben.
Ein weiterer wichtiger Bauabschnitt wird von der Firma phase 10 betreut. Die Architekten und Ingenieure stiegen zum 3. Bauabschnitt in das Projekt ein und haben soeben die Tektur für diesen Abschnitt eingereicht. In dem historischen Wohn- und Geschäftshaus entstehen 21 Wohneinheiten und eine Gewerbeeinheit. Dabei handelt es sich um Eigentumswohnungen, die ein- bis zweigeschossig geplant sind. Im Zuge der Tektur optimierte phase 10 die Wohnungsgrundrisse, erweiterte den Entwurf um einen Dachgeschossausbau und ergänzte die Gewerbefläche im Untergeschoss.
In den nächsten Schritten werden die Bauteile 4 bis 6 behandelt sowie ein Masterplan für die komplette Parkresidenzanlage entworfen. Auch hierbei übernimmt phase 10 die Objekt- sowie TGA-Planung (technische Gebäudeausrüstung).
Herausforderungen bei der Sanierung
Die Sanierung des Areals stellt besondere Herausforderungen dar, die sowohl denkmalschutzrechtlicher als auch praktischer Natur sind.
Denkmalschutzrechtliche Auflagen
Wie alle bereits sanierten Gebäude auf dem ehemaligen Heilstättengelände muss auch der Komplex in der Bachhuber-Straße denkmalschutzgerecht erneuert und ausgebaut werden. Dies bedeutet, dass bei der Sanierung die bauhistorische Substanz erhalten und in die neue Nutzung integriert werden muss. Die Fassaden, die charakteristischen Giebel und die historische Bausubstanz werden dabei sorgfältig restauriert, während die Innenräume modernen Wohnstandards angepasst werden.
Planungsrechtliche Anpassungen
Für die Umwandlung des Areals war ein umfangreicher Planungs- und Genehmigungsprozess notwendig. Es gab bereits einen Bebauungsplan für das betreffende Areal, der nach den Vorstellungen von Vorbesitzer Dr. Michael Neumann entwickelt worden war. Demnach war in dem sogenannten textlichen Bebauungsplan ein "Sondergebiet Gesundheitspflege, Fremdenverkehr, Beherbergung" vorgesehen, von einem Hotel und Ferienwohnungen war unter anderem die Rede.
Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sei heute beides nicht mehr darstellbar, so der Immobilienentwickler Maximilian Siegmann. Für neue Wohnungen hingegen gebe es in Lychen einen großen Bedarf. Daher musste der bestehende Textbebauungsplan um dauerhaftes Wohnen ergänzt werden, um die Entwicklung zur Wohnanlage zu ermöglichen.
Technische Herausforderungen
Die Gebäude, die seit 1993 leerstanden, weisen erhebliche bauliche Mängel auf. Die Sanierungsarbeiten umfassen daher nicht nur die Restaurierung historischer Elemente, sondern auch die Modernisierung der technischen Infrastruktur. Dazu gehören die Installation neuer Heizungs-, Wasser- und Elektroleitungen sowie die Schaffung barrierefreier Zugänge und Wohnungen.
Besonders bei den historischen Gebäuden ist eine Balance zu finden zwischen dem Erhalt der Bausubstanz und der Anpassung an moderne Wohnstandards. Dies erfordert eine sorgfältige Planung und hochwertige Handwerksarbeit.
Neue Nutzungskonzepte
Die Sanierung der Heilstätte Hohenlychen verfolgt ein vielschichtiges Nutzungskonzept, das sowohl denkmalschutzrechtlichen Anforderungen als auch aktuellen Wohnbedürfnissen Rechnung trägt.
Wohnnutzung
Der Schwerpunkt des Projekts liegt auf der Schaffung von Wohnraum. Im ehemaligen Sanatorium entstanden bereits 44 barrierefreie Mietwohnungen, die fast alle bereits bezogen sind. In den aktuellen Bauabschnitten entstehen weitere Miet- und Eigentumswohnungen verschiedener Größenordnungen. Die Wohnungen zwischen 60 und 120 Quadratmetern sollen laut Angaben des Immobilienentwicklers "zu vernünftigen Mietkonditionen" angeboten werden. Schon jetzt gebe es erste Interessenten, die sich allerdings bis zur Fertigstellung gedulden müssen.
Gewerbliche Nutzung
Neben der reinen Wohnnutzung wird auch gewerbliche Flächen geschaffen. Im dritten Bauabschnitt von phase 10 ist eine Gewerbeeinheit im Untergeschoss vorgesehen. Ebenfalls wurde im Haus des früheren ärztlichen Direktors sowie dem ehemaligen Operationszentrum ein Bistro eingerichtet, das die Bewohner und Gäste der Anlage versorgt.
Kulturelle Nutzung
Die Helenenkapelle, die sich auf dem Gelände befindet, soll als kulturelles Zentrum erhalten und genutzt werden. Die evangelische und katholische Kirche nutzten die Kapelle bis 1944 im 14-tägigen Wechsel zu Gottesdiensten. Es wurden auch Taufen und Trauungen vorgenommen.
Nach der Besetzung des Heilstättengeländes durch die sowjetische Armee 1945 wurde die Kapelle zweckentfremdet und als Treibstofflager genutzt. Dabei wurde die passend zur Gebäudearchitectur gearbeitete Ausstattung (Altar, Kanzel, Gestühl und die Orgel) zerstört und ging unwiederbringlich verloren ebenso die kunstvoll gearbeiteten Fenster.
Das vorrangige Ziel des "Fördervereins Helenenkapelle Hohenlychen e.V." ist die Sanierung der Kapelle, um sie als wertvolles Kulturgut Lychens zu erhalten. Dabei bildet die sinnvolle Nutzung des Gebäudes eine wesentliche Rolle. Der Verein möchte die kulturelle Landschaft Lychens mitprägen und regelmäßig Veranstaltungen in der Helenekapelle durchführen.
Wirtschaftliche und soziale Bedeutung
Die Sanierung der Heilstätte Hohenlychen hat weitreichende wirtschaftliche und soziale Bedeutung für die Region Uckermark.
Wirtschaftliche Bedeutung
Das Projekt stellt eine erhebliche Investition in die Region dar. Laut Angaben des Entwicklers fließt "ein niedriger zweistelliger Millionenbetrag" in das Bauvorhaben. Dies sichert nicht nur Arbeitsplätze in der Bauphase, sondern auch danach durch die Gewerbeeinheiten und den Betrieb der Anlage.
Die Umwandlung der leerstehenden Gebäude in nutzbaren Wohnraum trägt zur Belebung der Infrastruktur der Gemeinde Lychen bei. Neue Bewohner bedienen Geschäfte, Dienstleistungen und kulturelle Einrichtungen der Region.
Soziale Bedeutung
Die Schaffung von Wohnraum, insbesondere barrierefreien Wohnungen, trägt zur Verbesserung der Wohnsituation im ländlichen Raum bei. Die Zielgruppe der "rüstigen Senioren" findet hier eine altersgerechte und dennoch unabhängige Wohnform, die auch den Kontakt zur Familie ermöglicht (durch die Nutzung der möglichen Ferienwohnungen).
Die Bewahrung der historischen Bausubstanz erhält das kulturelle Erbe der Region und schafft einen Identifikationspunkt für die Bevölkerung. Die Kombination aus historischer Architektur und moderner Nutzung macht die Anlage zu einem besonderen Beispiel für gelungene Stadtentwicklung im ländlichen Raum.
Fazit
Die Sanierung der Heilstätte Hohenlychen ist ein beeindruckendes Beispiel für die erfolgreiche Wiederbelebung eines historischen Gebäudeensembles. Das Projekt zeigt, wie unter strengen Denkmalschutzauflagen moderne Wohn- und Nutzungskonzepte entwickelt werden können. Die Umwandlung der ehemaligen Tuberkulose- und Sportklinik in die Parkresidenz Lychen schafft nicht nur neuen Wohnraum, sondern erhält auch das bauhistorische Erbe der Region.
Die Herausforderungen bei der Sanierung – von den denkmalschutzrechtlichen Auflagen bis zur technischen Ertüchtigung der verfallenen Bausubstanz – wurden professionell gemeistert. Die schrittweise Vorgehensweise in verschiedenen Bauabschnitten ermöglicht eine sorgfältige Planung und Umsetzung.
Das Projekt hat positive Auswirkungen auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Region Uckermark. Die Kombination aus Wohnnutzung, gewerblicher Flächen und kultureller Nutzung schafft ein lebendiges Quartier, das neue Impulse für die gesamte Gemeinde gibt.
Die Helenenkapelle als kulturelles Zentrum rundet das Konzept ab und zeigt, wie auch kleinere Baudenkmale in die neue Nutzung integriert werden können.
Die Sanierung der Heilstätte Hohenlychen steht als Vorbild dafür, wie vergessene Bausubstanz erfolgreich wiederbelebt und zu einem Mehrwert für die Gesellschaft umgewandelt werden kann. Das Projekt zeigt den Weg, wie historische Gebäude nicht nur erhalten, sondern für zukünftige Generationen nutzbar gemacht werden können.
Quellen
- Nordkurier - Herausforderung: Hier entstehen über 30 neue Wohnungen
- Phase 10 - Vom verfallenen Sanatorium zur attraktiven Parkresidenz
- Neues Deutschland - Hohenlychen Heilanstalten verwandeln sich in exklusive Wohnanlage
- Kapelle Hohenlychen - Geschichte
- Urbex Sneeker - Die verlassene Heilstätte Hohenlychen
- Märkische Oderzeitung - Lost Place in der Uckermark: Wie die Heilstätten Hohenlychen wiederbelebt werden