Sanierung der AVUS-Tribüne: Vom verfallenen Bauwerk zum multifunktionalen Eventzentrum

Einleitung

Die AVUS-Tribüne am Autobahndreieck Funkturm in Berlin steht seit fast einem Jahrhundert als symbolträchtiges Bauwerk, das die bewegte Geschichte des Automobils in Deutschland widerspiegelt. Errichtet im Jahr 1936 an der legendären Rennstrecke, die einst als schnellste der Welt galt, verfiel das denkmalgeschützte Bauwerk nach dem letzten Rennen in den 1990er-Jahren zusehends. Heute, nach einer aufwändigen Sanierung, kehrt neues Leben in dieses architektonische Erbe ein. Mit Investitionen von neun Millionen Euro, die der Eigentümer Hamid Djadda aufwandte, verwandelte sich die einstige "Schandfleck Berlins" in einen multifunktionalen Veranstaltungsraum, der Platz für bis zu 330 Personen bietet. Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte, die technische Sanierung, die neuen Nutzungskonzepte sowie die zukünftigen Herausforderungen im Spannungsfeld zwischen Denkmalschutz und moderner Verkehrspolitik.

Historischer Hintergrund

Die Geschichte der AVUS-Tribüne untrennbar mit der Entwicklung der Automobilkultur in Deutschland verbunden. Die Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße (AVUS) wurde 1921 als erste Berliner Straße eröffnet, die ausschließlich für Autos konzipiert war und damit als Vorläufer der deutschen Autobahnen gilt. Die ursprüngliche Renn- und Teststrecke durch den Grunewald im Südwesten Berlins war Schauplatz zahlreicher Geschwindigkeitsrekorde und zog Motorsportbegeisterte aus aller Welt an.

Entlang dieser Rennstrecke entstand bis 1936 die markante Zuschauertribüne, die mit ihrer Länge von 240 Metern und einer Breite von nur fünf Metern ein beeindruckendes Beispiel für die damalige Ingenieurskunst darstellte. Das Gebäude wurde in Stahlbetonrahmen-Bauweise mit einem Achsraster von 4,0 Metern errichtet und prägte das Stadtbild am heutigen Autobahndreieck Funkturm entscheidend.

Nach dem letzten Rennen in den 1990er-Jahren begann der schleichende Verfall des Bauwerks. Jahrzehntelang mangelte es an Pflege und Instandhaltung, bis die Tribüne 2006 an einen privaten Investor verkauft wurde, der zwar Pläne zur Sanierung vorlegte, diese jedoch zunächst nicht umsetzte. Die Wende kam im Jahr 2015, als der Berliner Unternehmer Hamid Djadda das Gebäude erwarb und die umfassende Sanierung in Angriff nahm. Das Ziel: pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum der AVUS im Jahr 2021 sollte das historische Bauwerk wieder erstrahlen.

Die Sanierung: Technische Aspekte und Herausforderungen

Die Sanierung der denkmalgeschützten AVUS-Tribüne stellte die beteiligten Architekten und Ingenieure vor erhebliche technische Herausforderungen. Das Bauwerk aus den 1930er-Jahren war nicht nur sanierungsbedürftig, sondern musste auch den Anforderungen einer modernen Nutzung angepasst werden. Zwei Architekturbüros, Janiesch und Velde, waren für die Planung und Umsetzung verantwortlich.

Die größte Herausforderung bestand darin, das ursprüngliche Erscheinungsbild des Bauwerks zu bewahren, gleichzeitig aber eine zeitgemäße und funktional Nutzung zu ermöglichen. Besonders problematisch war das dunkle Erdgeschoss, das durch die massive Stufenkonstruktion der ehemaligen Zuschauertribüne kaum natürliches Licht erhielt. Um dieses Problem zu lösen, wurden gezielt Teilbereiche der bestehenden Stufenkonstruktion geöffnet, um Licht in die Innenräume zu leiten.

Zusätzlich erhielt die Fassade hin zum Messedamm neue Öffnungen, die für eine bessere Belichtung sorgten. Ein weiteres Merkmal der Sanierung ist die sogenannte "Kanzel" – eine nachträglich aufgesetzte Glaskonstruktion, die als dreiseitig verglaster Veranstaltungsbereich mit Blick auf die Autobahn gestaltet wurde. Dabei wurde eine tragende Rahmenkonstruktion geschaffen, die die neuen Fassadenlasten und die zusätzlichen Windlasten sicher in den Bestand ableiten kann. Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass trotz dieser umfangreichen Umbauten die charakteristische äußere Form des Bauwerks erhalten blieb.

Die Bauweise des Originals aus den 1930er-Jahren erwies sich dabei als Vorteil. Der Stahlbetonrahmen mit seinem Achsraster von 4,0 Metern bot eine stabile Grundlage, auf der die neuen Elemente sicher aufgesetzt werden konnten. Die Gesamtkonstruktion, die auf einer Grundfläche von 240 x 10 Metern errichtet wurde, zeigte sich trotz ihres Alters als solide Basis für die Sanierung.

Neue Nutzungskonzepte

Nach Abschluss der Sanierung dient die AVUS-Tribüne nicht länger als reines Baudenkmal, sondern wurde in ein multifunktionales Gebäude mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten verwandelt. Die Konzepte für die Neunutzung spiegeln die Flexibilität des Bauwerks wider und machen es zu einem lebendigen Teil des städtischen Lebens.

Im Erdgeschoss entstanden Büronutzungen, die durch die bodentiefen Fenster am Messedamm eine offene und helle Atmosphäre bieten. Diese Gestaltung sorgt dafür, dass von beiden Seiten Licht in die neu entstandenen Gewerbe- und Gastronomieflächen fällt und eine ansprechende Arbeitsumgebung schafft. Besonders hervorzuheben ist die Integration des regionalen Fernsehsenders Hauptstadt.tv als Hauptmieter, der in den Räumen unter den Sitzreihen ein Studio einrichtete und auf der Tribüne einen Veranstaltungsraum mit Blick auf die Autobahn betreibt.

Das Herzstück der neuen Nutzung ist der dreiseitig verglaste Veranstaltungsbereich in der Mitte des Bauwerks. An der Stelle der ehemaligen Kommentatorenkanzel und Stehplätze entstand ein Raum, der bis zu 330 Personen Platz bietet und für vielfältige Veranstaltungen genutzt werden kann. Die große Glasfassade in der Tribünenmitte ist jedoch blickdicht gestaltet, da das Bundesfernstraßenverkehrsamt das Betreten der Tribüne verbietet, um den Straßenverkehr vor Ablenkung zu schützen.

Trotz dieser Einschränkung bietet die neue Konzeption der AVUS-Tribüne eine beeindruckende Verbindung von Historie und Moderne. Die charakteristische äußere Form des Bauwerks blieb erhalten, während das Innere vollständig den Anforderungen einer zeitgemäßen Nutzung angepasst wurde. Dieser Ansatz macht die AVUS-Tribüne zu einem lebendigen Beispiel dafür, wie historische Baudenkmale erfolgreich einer neuen Nutzung zugeführt werden können.

Zukunftsaussichten: Konflikte mit Verkehrsplänen

Trotz der gelungenen Sanierung steht die Zukunft der AVUS-Tribüne vor erheblichen Herausforderungen, die sich aus den geplanten Umbauten am Autobahndreieck Funkturm ergeben. Der Verkehrsknotenpunkt, der täglich von rund 230.000 bis 250.000 Fahrzeugen passiert, gilt als Nadelöhr und ist dringend sanierungsbedürftig. Das Bauwerk, das größtenteils in den 1960er Jahren errichtet wurde und seit über 55 Jahren in Betrieb ist, entspricht nicht mehr den aktuellen Sicherheitsstandards.

Die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (Deges), das federführende Unternehmen für die Neuplanung, hat erhebliche Mängel am bestehenden Bauwerk festgestellt. Besonders besorgniserregend ist der Zustand der 25 Brücken des Bauwerks, von denen fünf bereits Einschränkungen unterliegen und bei vier weiteren zeitnah ähnliche Maßnahmen geplant sind. Diese maroden Strukturen stellen ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar und machen eine umfassende Sanierung unumgänglich.

Die geplanten Maßnahmen für das Autobahndreieck Funkturm könnten jedoch das historische Panorama rund um die AVUS-Tribüne unwiederbringlich verändern. So sollen hohe, undurchsichtige Lärmschutzwände errichtet werden, die sowohl die Sicht auf die Tribüne als auch auf den Zielrichterturm verdecken. Darüber hinaus plant der Berliner Senat in Zusammenarbeit mit der Messe Berlin die Errichtung einer großen Logistikfläche – im Wesentlichen einem riesigen Lkw-Parkplatz – direkt vor der denkmalgeschützten Tribüne.

Diese Pläne stoßen auf erheblichen Widerstand, insbesondere seitens des Eigentümers Hamid Djadda und des beteiligten Architekten Christoph Janiesch. Sie haben eine Alternativplanung vorgelegt, die den Verkehrsraum vor der Tribüne unter die Erde legen soll, um die Fläche für vielfältige Nutzungen zu öffnen und das historische Panorama zu bewahren.

Auch Denkmalschützer und Anwohner stehen den aktuellen Plänen kritisch gegenüber. Der Landesdenkmalrat hat bereits im Juni empfohlen, dass die Fahrbahn vor der Tribüne bis zur ehemaligen Nordkurve am Motel ein wichtiger Bestestandteil des Stadtraums am Dreieck Funkturm sei. Die Verkehrsverwaltung und die Messe Berlin sind sich jedoch bereits einig, dass das Land Berlin die Flächen vom Bund erwerben sollte, um dort einen Lkw-Parkplatz oder eine Logistikfläche für den Messeverkehr zu schaffen.

Fazit

Die Sanierung der AVUS-Tribüne stellt einen gelungenen Kompromiss zwischen Denkmalschutz und moderner Nutzung dar. Mit Investitionen von neun Millionen Euro gelang es, das historische Bauwerk aus den 1930er-Jahren vor dem endgültigen Verfall zu bewahren und gleichzeitig eine zeitgemäße Nutzung zu ermöglichen. Die Transformation vom "Schandfleck Berlins" zu einem multifunktionalen Eventzentrum zeigt eindrucksvoll, wie historische Baudenkmale erfolgreich einer neuen Nutzung zugeführt werden können.

Die technischen Herausforderungen bei der Sanierung waren erheblich, doch die beteiligten Architekten und Ingenieure fanden innovative Lösungen, die das charakteristische Erscheinungsbild des Bauwerks bewahrten. Die Öffnung der Stufenkonstruktion und die neuen Fassadenelemente sorgen für eine helle und freundliche Atmosphäre in den Innenräumen, während die neue Glaskonstruktion als Veranstaltungsbereich eine beeindruckende Verbindung von Historie und Moderne schafft.

Dennoch steht die Zukunft der Tribüne im Spannungsfeld zwischen Denkmalschutz und den Anforderungen des modernen Verkehrs. Die geplanten Umbauten am Autobahndreieck Funkturm könnten das historische Panorama unwiederbringlich verändern und die Attraktivität des Bauwerks als Veranstaltungsort beeinträchtigen. Die Alternative, den Verkehrsraum vor der Tribüne unter die Erde zu legen, könnte eine Lösung bieten, die sowohl den Denkmalschutz berücksichtigt als auch die Verkehrsbelange der Stadt erfüllt.

Unabhängig von der zukünftigen Entwicklung des Verkehrsknotens bleibt die Sanierung der AVUS-Tribüne ein bemerkenswertes Beispiel für den Umgang mit historischer Bausubstanz in Berlin. Sie zeigt, dass es möglich ist, die Erinnerung an eine bewegte Vergangenheit zu bewahren und gleichzeitig neue Lebensräume zu schaffen, die die Stadt bereichern. Die AVUS-Tribüne ist mehr als nur ein Baudenkmal – sie ist ein lebendiger Teil der Berliner Stadtgeschichte, der auch in Zukunft eine wichtige Rolle im kulturellen Leben der Hauptstadt spielen wird.

Quellen

  1. cmib.de - AVUS Tribüne
  2. entwicklungsstadt.de - Westend sieht so die Zukunft der historischen AVUS-Tribüne aus
  3. christophjaniesch.de - AVUS Tribüne
  4. berliner-morgenpost.de - AVUS-Tribüne wird im Oktober an Mieter übergeben
  5. mein-berlin.net - Umstrittener Umbau am Funkturm: AVUS-Tribüne vor einschneidenden Veränderungen
  6. tagesspiegel.de - Aus für die Avus: Berlin plant Lkw-Parkplätze vor historischer Kulisse

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