Dharavi in Mumbai: Kontroverse Sanierung eines Slums und die Herausforderungen der Stadtentwicklung

Einleitung

Dharavi in Mumbai ist nicht nur der größte Slum Asiens – es ist auch ein kulturell, wirtschaftlich und sozial hochgradig differenziertes Viertel. Inmitten der Metropole, die als Wirtschaftsmotor Indiens gilt, ist Dharavi ein lebendiges Beispiel für die Widerstandsfähigkeit und Innovationskraft der Bewohner. Gleichzeitig ist es aber auch ein Mikrokosmos der Herausforderungen, die sich bei der Sanierung von Slums auftun: fehlende Rechte an Eigentum, mangelnde Infrastruktur, politische Interessen, wirtschaftliche Ungleichheit und der Verlust von kulturellen Identitäten.

Seit mehreren Jahren wird die Sanierung Dharavis diskutiert und von der Regierung von Maharashtra und dem indischen Milliardär Gautam Adani vorangetrieben. Ziel ist, das Gebiet in einen modernen, integrierten Stadtteil zu verwandeln. Doch die Realität ist komplexer. Die geplante Sanierung stößt nicht nur auf Widerstand aus der Bevölkerung, sondern auch auf kritische Stimmen aus Oppositionsparteien und unabhängigen Experten.

In diesem Artikel analysieren wir die Hintergründe, die Planung und die Kontroversen um die Sanierung Dharavis. Die Diskussion um die Umgestaltung dieses Slums ist nicht nur ein lokales Projekt, sondern ein Symbol für die Zukunft der Stadtentwicklung in Indien – und für die Rolle, die die Bewohner in dieser Entwicklung spielen.


Dharavi – mehr als ein Slum

Dharavi ist ein einzigartiger Ort, der nicht einfach als Slum klassifiziert werden kann. Obwohl die Infrastruktur oft prekär ist und die Lebensbedingungen unter den internationalen Standards liegen, ist Dharavi ein Zentrum für industrielle, kulturelle und wirtschaftliche Aktivitäten. Es ist inoffiziell das Herzstück der Recyclingindustrie Mumbais und beherbergt zehntausende von kleineren Betrieben, die Textilien, Leder, Metalle und Kunststoffe verarbeiten. Täglich werden Tausende Tonnen Müll sortiert, gereinigt und wiederverwertet.

Die Arbeit in Dharavi ist unentbehrlich für die Stabilität der lokalen Industrien und das Funktionieren der städtischen Infrastruktur. Etwa 250.000 bis einer Million Menschen leben in Dharavi. Viele von ihnen sind Tagelöhner, die in der Recyclingwirtschaft oder in den kleinen Industriezweigen beschäftigt sind. Andere arbeiten in der Gastronomie, in Handwerksbetrieben oder in der Bildungsbranche. Dharavi ist ein dynamisches Viertel, das sich aus der Not heraus entwickelt hat, und dessen Bewohner ihre Existenz auf unkonventionelle Weise sichern.

Diese soziale und wirtschaftliche Struktur ist jedoch bedroht durch die geplante Sanierung. Die Bewohner, die meist Mieter sind, haben kaum Chancen auf einen Stimmrechtsanteil oder auf einen Anspruch auf neuen Wohnraum. Und die kulturelle Identität des Viertels – wie das lokale Tonstudio, das von jungen Rappern genutzt wird – könnte verlorengehen.


Die Sanierungspläne: Ziele und Ausmaße

Im Juli 2024 gab die Regierung von Maharashtra bekannt, den Masterplan für die Sanierung Dharavis genehmigt zu haben. Der Plan ist ein Teil eines umfassenderen Projekts, das von Navbharat Mega Developers Private Limited (NMDPL) entwickelt wurde. NMDPL ist eine Tochtergesellschaft des Dharavi Redevelopment Project Private Limited (DRPPL), das seinerseits ein Joint Venture zwischen der Slum Rehabilitation Authority (SRA) der Landesregierung und Adani Properties Private Limited (APPL) ist. Adani hält 80 Prozent der Anteile an diesem Unternehmen.

Der Masterplan sieht die Entwicklung von 58.532 Wohn- und 13.468 Gewerbe- und Industrieeinheiten vor. Die 108,99 Hektar des Gebiets werden dabei wie folgt aufgeteilt:

  • 47,20 Hektar für die Wohnrehabilitation der Dharavi-Mieter
  • 10,88 Hektar für Museen, Gemeindezentren und andere öffentliche Einrichtungen
  • 2,96 Hektar für Versorgungsunternehmen
  • 47,95 Hektar für den Marktverkauf durch NMDPL

Zusätzlich hat die Landesregierung 1.200 Morgen Land in anderen Teilen Mumbais an NMDPL vergeben. Diese Flächen erstrecken sich von Malad im Westen bis Mulund im Osten, mit dem Ziel, die Entwicklung von Dharavi nach außen fortzusetzen.

Ein weiteres Ziel des Projekts ist, die industrielle Struktur Dharavis zu erhalten. Der Masterplan schlägt fünf Industriecluster vor: Textilien, Töpferwaren, Leder, Lebensmittel und Recycling. Diese Clustern sollen im rehabilitierten Bereich angesiedelt werden, um die lokale Wirtschaft fortzuentwickeln.

Die Regierung betont, dass die Sanierung in umweltfreundlicher und integrierter Weise erfolgen soll. Der stellvertretende Ministerpräsident Maharashtra, Eknath Shinde, und andere Regierungsvertreter haben sich für das Projekt ausgesprochen, wobei der Schwerpunkt auf der Schaffung von Wohnraum für die "geborenen" Einwohner liegt. Die Behörden versichern, dass jeder Einwohner Dharavis, der seit Längerem im Gebiet lebt, einen Anspruch auf Wohnraum haben wird.


Kritik und Widerstand: Die Sorgen der Bewohner

Trotz der Versprechen der Regierung und des Projekts stößt die Sanierung auf heftigen Widerstand. Viele Bewohner fürchten, dass sie verdrängt werden und ihre Existenzgrundlagen verlorengehen.

Ein zentraler Kritikpunkt ist die Frage, wer als berechtigter Mieter gilt. Laut Rajendra Korde, Präsident der Dharavi Sanierung Samiti, gibt es etwa eine Lakh (100.000) Erdgeschosshäuser, die zur Rehabilitation berechtigt sind. Allerdings leben viele Mieter im ersten oder zweiten Stock, und es ist unklar, ob sie in den Genuss der neuen Wohnungen kommen. Korde fragt, ob eine umfassende Erhebung unter den Mietern durchgeführt wurde und warum der Masterplan bereits genehmigt wurde, bevor die Erhebung abgeschlossen ist.

Ein weiteres Problem ist der Wohnflächenmangel. Der Lehrer Anand Salvi, der in einem zweistöckigen Haus lebt und unterrichtet, hat bereits in eine Sanierung umziehen müssen, die in den 90er Jahren stattfand. In seinem neuen Hochhaus hat er nur ein Zimmer und kann seinen Unterricht nicht mehr fortsetzen. Sein Fall ist kein Einzelfall. Viele Bewohner befürchten, dass die neue Wohnbebauung nicht den Anforderungen der Bewohner entsprechen wird.

Ein weiterer Sorgepunkt ist die Frage, ob Dharavi wirklich verbessert wird oder ob die Sanierung lediglich eine Umsiedlung ist, um den Boden für Kommerz freizumachen. Dharavi liegt nur 5,5 Kilometer vom Bandra Kurla Complex (BKC), Mumbais Geschäfts-Hauptquartier, entfernt. Viele Bewohner vermuten, dass sie in andere Bezirke verlegt werden, um Dharavi in einen Anhang des BKC zu verwandeln.

Die Kritik ist nicht nur von den Bewohnern, sondern auch von politischen Parteien und Gewerkschaften. Mitglied des Parlaments und Mumbai-Kongresschef Varsha Gaikwad bezeichnet den Masterplan als „Beute von Mumbais wertvollem Land“. Sie berechnet, dass nach dem Plan nur 70.000 Einheiten für die Rehabilitation vorgesehen sind – das entspricht weniger als 50 Prozent der Mieterzahl. Die Opposition plant daher, ihre Proteste gegen die Sanierung zu intensivieren.


Die Rolle von Adani: Kritik an der Transparenz

Die Entscheidung, Adani mit der Sanierung zu beauftragen, ist umstritten. Adani ist einer der reichsten Männer Indiens, aber er hat keine große Erfahrung mit Stadterneuerungsprojekten. Seine Verbindungen zu Premierminister Narendra Modi sind jedoch unbestritten.

Im November 2022 gab Modi den Auftrag, Adani mit der Sanierung zu beauftragen. Adani verteidigt das Projekt mit dem Argument, dass die Sanierung ein globales Modell für Slum-Entwicklung darstellen könnte. Er betont, dass das Projekt im Rahmen eines fairen und offenen Ausschreibungsverfahrens vergeben wurde.

Trotz dieser Erklärungen gibt es Verdächtigungen, dass Adani vorteilhaft behandelt wurde. Konkurrenten wie die Dubai-basierte Seclink Technologies behaupten, dass der Vertrag nicht transparent vergeben wurde. Adani wurde mit Hafeez Contractor, einem Architekten mit Erfahrung im sozialen Wohnungsbau, sowie mit dem US-Designbüro Sasaki und dem britischen Beratungsunternehmen Buro Happold kooperiert.

Die Kritik ist nicht nur politisch, sondern auch finanziell. Adani bekam 80 Prozent der Anteile an NMDPL, und es wird geschätzt, dass er etwa 14 crore Quadratfuß baubare Fläche erhalten wird – fast sechs Mal die Gesamtfläche Dharavis. Dies hat viele Bewohner und Politiker beunruhigt, da die Flächen weit über das hinausgehen, was für eine Sanierung notwendig ist.


Fazit

Die Sanierung Dharavis ist ein Mammutprojekt mit weitreichenden Konsequenzen. Es ist nicht nur ein technisches oder wirtschaftliches Vorhaben, sondern auch ein politisches und soziales. Die Bewohner, die meist Mieter sind, stehen vor der Unsicherheit, ob sie überhaupt einen Anspruch auf neuen Wohnraum haben. Die Industrie- und Recyclingstruktur des Viertels könnte verlorengehen. Und die politischen und wirtschaftlichen Interessen, die hinter dem Projekt stehen, sind nicht transparent.

Dharavi ist mehr als ein Slum – es ist eine lebende, pulsierende Gemeinschaft. Die Sanierung muss so erfolgen, dass sie nicht nur den Bewohnern dient, sondern auch die kulturelle und wirtschaftliche Identität bewahrt. Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen, dass eine Sanierung oft nicht den Erwartungen entspricht. Es bleibt abzuwarten, ob das Projekt in der Praxis den Versprechungen gerecht wird oder ob es eine weitere Wiederholung der Vergangenheit wird.


Quellen

  1. Dharavis Rolle im BMC-Kampf: Sanierung oder Verschiebung?
  2. Mumbais Stadtteil Dharavi: Ein Slum als Lebens- und Arbeitsplatz
  3. Hip-Hopper wehren sich gegen Sanierung des Slums in Mumbai
  4. Indisches Unternehmen Adani stellt globales Team für Slum-Sanierung in Mumbai ein
  5. Klamm.de: Das ehrgeizige Dharavi-Transformationsprojekt
  6. Hip-Hopper wehren sich gegen Sanierung des Slums in Mumbai
  7. Dharavi Slums Mumbai: Fotografien von Jennifer Alka

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