Der Fliegerhorst Wittmundhafen, seit Jahrzehnten einer der zentralen Standorte der Luftwaffe in Deutschland, ist derzeit Gegenstand einer der umfassendsten Sanierungs- und Umbaumaßnahmen in der Geschichte der Bundeswehr. Aufgrund der Anforderungen an die Sicherheit, die Infrastruktur und die Effizienz moderner Flugbetriebe, insbesondere für den Eurofighter, wird der Flugplatz komplett erneuert. Ziel ist, Wittmundhafen bis 2032 in den modernsten militärischen Flughafen Deutschlands zu verwandeln.
Die Arbeiten umfassen zahlreiche Hoch- und Tiefbaumaßnahmen, darunter die Erneuerung der Start- und Landebahn, der Rollbahnen, der Abwasser- und Wärmeversorgung sowie der Errichtung neuer Gebäude wie Waffenkammern, Wachgebäude, Luftfahrzeug-Instandsetzungshallen und Bereitschaftsgebäude. Die Projektumsetzung erfolgt in enger Kooperation zwischen dem Staatlichen Baumanagement Region Nord-West, Planungsbüros, Bauunternehmen und der Bundeswehr.
In diesem Artikel werden die wichtigsten Aspekte der Sanierung, die technischen Anforderungen, die organisatorischen Hintergründe und die Auswirkungen auf die Umgebung und den Flugbetrieb detailliert vorgestellt.
Die Sanierung im Überblick
Die Sanierungsarbeiten auf dem Fliegerhorst Wittmundhafen sind Teil eines umfangreichen Projekts, das sich über mehrere Jahre erstreckt und sowohl die technische Ausrüstung als auch die physische Infrastruktur des Flugplatzes umfasst. Die zentrale Aufgabe ist es, den Fliegerhorst für den Einsatz moderner Flugzeuge wie dem Eurofighter fit zu machen.
Eine der ersten und wichtigsten Maßnahmen war die Sanierung der Start- und Landebahn. Die alte Bahn wurde bis 2024 vollständig zurückgebaut und durch eine neue Bahn mit einer Länge von 3 Kilometern und einer Breite von 30 Metern ersetzt. Gleichzeitig wurden die Entwässerungs- und Befeuerungsanlagen komplett erneuert. Diese Arbeiten fanden im Zeitraum von Anfang 2022 bis voraussichtlich 2024 statt und kosteten rund 107 Millionen Euro.
Zusätzlich wurden die Rollbahnen und andere Flugbetriebsflächen erneuert, um den Anforderungen der Eurofighter-Flugzeugtypen zu entsprechen. Insgesamt handelt es sich hierbei um eine der größten Sanierungsmaßnahmen im Bereich der militärischen Flughafentechnik in Deutschland.
Neubau der zentralen Gebäude
Ein weiterer zentraler Aspekt der Sanierung ist die Errichtung neuer Gebäude, die die Sicherheit, Effizienz und Funktionalität des Flugbetriebs verbessern. Dazu gehören:
Neubau des Wachgebäudes und der zentralen Waffenkammer: Die alten Gebäude, die in ihrer baulichen und technischen Ausstattung den heutigen Anforderungen nicht mehr entsprachen, wurden durch moderne Neubauten ersetzt. Das neue Wachgebäude beherbergt künftig die Zutrittskontrolle, eine Ausweisstelle und ein Materiallager. Bei der Gestaltung des Gebäudes wurde auf eine freundliche, einladende Architektur Wert gelegt, die sich durch die Verwendung von Klinkersteinen in die Umgebung einpasst. Die zentrale Waffenkammer wurde ebenfalls neu gebaut und beinhaltet Räume für die Reinigung, Lagerung und Wartung von Waffen sowie eine Werkstatt.
Neubau der Luftfahrzeug-Instandsetzungshalle: Diese Halle ist der zentrale Ort für die Wartung und Instandsetzung der Eurofighter. Sie ist mit direkt angegliederten Werkstätten, Büroräumen, technischen Räumen und einem Unterrichtsbereich ausgestattet. Die Halle wurde zwischen Juli 2021 und voraussichtlich Dezember 2024 errichtet und kostete rund 62 Millionen Euro.
Neubau der Luftfahrzeughalle: Diese Halle beherbergt die sogenannte Alarmrotte, bei der Eurofighter und Personal in Dauerbereitschaft sind, um bei Bedarf schnell einsatzfähig zu sein. Der Neubau dieser Halle wurde im Zeitraum von April 2020 bis September 2025 durchgeführt und kostete etwa 33 Millionen Euro.
Diese Neubauten sind Teilmaßnahmen einer umfassenden Sanierung, die darauf abzielt, den Fliegerhorst Wittmundhafen für die Zukunft fit zu machen.
Tiefbauarbeiten und Infrastruktur
Neben den sichtbaren Neubauten und Sanierungen ist ein weiterer Schwerpunkt der Sanierung die Erneuerung der Tiefbau- und Infrastrukturmaßnahmen. Die alten Systeme für Wasser, Abwasser, Strom, IT und Wärmeversorgung wurden komplett ausgetauscht, um sie auf moderne Standards zu bringen.
Ein zentraler Aspekt der Tiefbaumaßnahmen war die Verlegung einer Druckrohrleitung im Wittmunder Stadtgebiet, die den Fliegerhorst an die Kläranlagen in Ardorf und Wittmund anbindet. Die Arbeiten erfolgten in mehreren Abschnitten entlang der Bundesstraße B 210 und weiterer Straßenzüge. Die Rohrleitung wurde in vier Abschnitten verlegt, wobei ein erster Abschnitt bereits in der Langeoogstraße abgelegt wurde.
Die Abwasseranbindung ist von großer Bedeutung, da der Fliegerhorst künftig nicht mehr über eine eigene Kläranlage verfügen wird. Das meiste Abwasser wird nach Ardorf geleitet, während ein Teil, der nochmals gefiltert werden muss, in Wittmund behandelt wird.
Umweltgerechter Rückbau und Wiederverwertung
Der Rückbau der alten Materialien erfolgte unter besonderer Berücksichtigung der Umwelt. Fast alle Materialien konnten wiederverwertet werden, was den ökologischen Fußabdruck der Sanierung deutlich reduzierte. Dieses Vorgehen entspricht den aktuellen Vorgaben zur Nachhaltigkeit in der Baubranche und ist auch in der Bundeswehr ein fester Bestandteil der Projektleitungen.
Flugbetrieb und temporäre Umverlegung
Im Zeitraum von 2022 bis 2024, in dem die Sanierung intensiv voranschritt, war kein regulärer Flugbetrieb auf dem Fliegerhorst Wittmundhafen möglich. Die Eurofighter des Taktischen Luftwaffengeschwaders 71 „Richthofen“ wurden deshalb temporär auf den Flugplatz Rostock-Laage verlegt. Diese Maßnahme war notwendig, um die Arbeiten an der Start- und Landebahn durchzuführen und die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen zu treffen.
Die Verlegung erfolgte in Rekordgeschwindigkeit, was auf die gute Zusammenarbeit zwischen dem Staatlichen Bau- und Liegenschaftsamt Rostock (SBL), dem Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr (BAIUDBw), dem Bundeswehrdienstleistungszentrum (BWDLZ) in Rostock sowie den beauftragten Planern und Baufirmen zurückzuführen ist.
Zivile Nutzung und Trainingsflüge
Zusätzlich zu der militärischen Nutzung des Fliegerhorstes ist der Flugplatz auch zivil genutzt. Seit 2015 betreibt die Firma Top Aces dort Trainingsflüge mit Jets vom Typ A-4N und Alpha Jet, um die Luftwaffe bei der Luftkampfausbildung zu unterstützen. Der Vertrag mit dem kanadischen Anbieter läuft bis 2027. Diese zivile Nutzung ist ein weiteres Beispiel dafür, wie der Flugplatz sowohl für militärische als auch zivile Zwecke genutzt wird und wie er sich in das regionale Flugverkehrsgeschehen einfügt.
Projektmanagement und Kooperationen
Die Projektleitung für die Sanierung liegt beim Staatlichen Baumanagement Region Nord-West. Für die Umsetzung ist das Kompetenzzentrum Baumanagement Hannover zuständig. Die Bauarbeiten werden in mehreren Phasen durchgeführt, wobei der Fokus auf den für den Flugbetrieb relevantesten Maßnahmen liegt.
Die Sanierung wird in enger Kooperation mit dem Münchner Unternehmen Hitzler Ingenieure durchgeführt, das bereits im Jahr 2019 mit dem Projektmanagement beauftragt wurde. Nach eigenen Angaben des Ingenieurbüros verläuft das Projekt bislang erfolgreich im Zeit- und Kostenrahmen.
Zeitplan und Fertigstellung
Der Flugbetrieb auf dem Fliegerhorst Wittmundhafen wurde Anfang 2022 vorübergehend eingestellt, um die Sanierungsarbeiten durchzuführen. Im Juli 2025 kehrte das Taktische Luftwaffengeschwader 71 „Richthofen“ mit den ersten Flugzeugen zurück an den Standort. Nach Abschluss aller Bauarbeiten, voraussichtlich im Jahr 2032, wird Wittmundhafen der modernste militärische Flughafen Deutschlands sein.
Bereits ab Januar 2025 plant die Bundeswehr, mit einer Reihe von Interimsmaßnahmen erste Flüge wieder zuzulassen. Dies bedeutet, dass der Flugbetrieb schrittweise wieder aufgenommen werden soll, wobei der Charakteristik des „Sound of Wittmund“ – also der Geräuschkulisse startender und landender Eurofighter – wieder auf dem Flugplatz zu hören sein wird.
Kosten der Sanierung
Die Gesamtkosten der Sanierung belaufen sich auf mehrere hundert Millionen Euro. Einzelne Baumaßnahmen sind mit folgenden Kosten veranschlagt:
- Sanierung der Start- und Landebahn: ca. 107 Millionen Euro
- Neubau der Lärmschutzhalle: ca. 18,5 Millionen Euro
- Neubau der Luftfahrzeug-Instandsetzungshalle: ca. 62 Millionen Euro
- Neubau der Luftfahrzeughalle (QRA): ca. 33 Millionen Euro
- Neubau des Wachgebäudes: ca. 4 Millionen Euro
- Sanierung der Flugzeug-Shelter: ca. 60 Millionen Euro
- Neubau der Waffenkammer: ca. 4 Millionen Euro
Diese Kalkulationen basieren auf den Angaben der Projektbeteiligten und spiegeln die komplexen Anforderungen wider, die an moderne Flughafentechnik und -infrastruktur gestellt werden. Die Investitionen sind in diesem Zusammenhang als notwendig und sinnvoll einzustufen, um die Sicherheit, Effizienz und Langfristigkeit des Flugbetriebs auf dem Fliegerhorst Wittmundhafen zu gewährleisten.
Strategische Bedeutung des Standorts
Wittmundhafen ist einer von nur vier Eurofighter-Standorten in Deutschland und für den Norden militärisch besonders relevant. Hier war lange Zeit die Alarmrotte für Norddeutschland stationiert, die im Ernstfall innerhalb weniger Minuten aufsteigen muss. Die Nähe zur Nordsee, aber auch zur NATO-Kommandostruktur, macht den Stützpunkt strategisch bedeutsam.
Außerdem ist der Fliegerhorst Wittmundhafen für die NATO von großer Bedeutung, da er Teil der nordatlantischen Verteidigungsstruktur ist. Die Modernisierung des Flugplatzes trägt daher nicht nur der nationalen Sicherheitspolitik Rechnung, sondern auch den internationalen Verpflichtungen Deutschlands im Rahmen der NATO.
Fazit
Die Sanierung und der Umbau des Fliegerhorstes Wittmundhafen sind ein beeindruckendes Beispiel für die Komplexität und Skalierung moderner Baumaßnahmen in der militärischen Infrastruktur. Mit einem Budget im hohen Millionenbereich und einem Zeitrahmen von mehreren Jahren wird ein Flughafen in den modernsten militärischen Flughafen Deutschlands verwandelt.
Die Arbeiten betreffen nicht nur die Flugbetriebsflächen, sondern auch die zivilen und militärischen Gebäude, die Tiefbau- und Infrastrukturmaßnahmen sowie die Sicherheits- und Logistiksysteme. Die Zusammenarbeit zwischen dem Staatlichen Baumanagement, Ingenieurbüros, Bauunternehmen und der Bundeswehr ist dabei entscheidend.
Wittmundhafen wird nach Abschluss aller Arbeiten ein zentraler Stützpunkt für die Luftwaffe und die NATO in Norddeutschland bleiben. Die Investitionen sind nicht nur technisch notwendig, sondern auch strategisch wichtig für die nationale und internationale Sicherheit.
Quellen
- Flugplatz Wittmundhafen: Modernisierung führt zu Straßen- und Bauarbeiten
- Richtfest auf dem Fliegerhorstgelände Wittmundhafen
- Aus- und Umbau des NATO-Flugplatzes Wittmundhafen
- Flugplatz Wittmundhafen – Alle Baumaßnahmen im Überblick
- Eurofighter-Flughafen wird fit gemacht
- Superschnelles Bauprojekt für die Verlegung von 19 Eurofightern von Wittmundhafen nach Rostock-Laage
- Das macht den Fliegerhorst Wittmundhafen so besonders