Sanierung des Vöhlinschlosses in Frickenhausen – ein Modell für nachhaltige Denkmalspflege

Einführung

Das Vöhlinschloss in Frickenhausen, ein mittelalterliches Wohnturmdenkmal im Unterallgäu, wurde in den letzten Jahren durch ein umfassendes Sanierungs- und Umbauprojekt wiederbelebt. Unter der Leitung der Architekten Anna Kern und Sebastian Heinzelmann von Kern Architekten wurde das denkmalgeschützte Gebäude nicht nur restauriert, sondern auch so angepasst, dass es heute als Wohnraum und kulturelle Begegnungsstätte genutzt werden kann. Dieses Projekt steht exemplarisch für eine moderne Denkmalspflege, die traditionelle Handwerkstechniken, regionale Materialien und nachhaltige Bauweise verbindet.

Die Sanierung des Vöhlinschlosses war nicht nur eine Herausforderung aus fachlicher Sicht, sondern auch eine emotionale und kulturelle Aufgabe, da das Schloss ein Wahrzeichen für das Dorf Frickenhausen ist. In diesem Artikel wird die Sanierung des Vöhlinschlosses detailliert beschrieben, mit Fokus auf den historischen Hintergrund, die konkreten Sanierungsmaßnahmen, die verwendeten Materialien und die kulturelle wie architektonische Bedeutung des Projekts.

Historische Entwicklung des Vöhlinschlosses

Das Vöhlinschloss wurde im Jahr 1492 von der Handels- und Patrizierfamilie Vöhlin erbaut. Es ist ein dreigeschossiger Satteldachbau mit zwei Rundtürmen an der Südost- und Nordwestecke. Die Anlage war ursprünglich als wehrhafte, freistehende Wohnanlage konzipiert, was sich in den dicken Mauern und der wehrhaften Architektur widerspiegelt. Im 18. Jahrhundert wurden zwei Zwerchhäuser an die Traufseiten des Hauptgebäudes angebaut, was den Satteldachbau ergänzte und die Nutzungsmöglichkeiten erweiterte.

Im Inneren des Vöhlinschlosses sind besonders historische Elemente wie die Bohlen-Ständerwand im Flur des ersten Obergeschosses und bauzeitliches Fachwerk von großer Bedeutung. Diese Bausubstanz ist bis heute weitgehend erhalten und wurde bei der Sanierung sorgfältig bewahrt.

Die Sanierungsplanung

Die Sanierung des Vöhlinschlosses begann mit der Erwerbung des Gebäudes durch Anna Kern und Sebastian Heinzelmann im Jahr 2019. Die Architekten, die sich bereits aus der Kindheit des Ortes mit dem Schloss vertraut fühlten, sahen in dem Projekt nicht nur eine architektonische Herausforderung, sondern auch eine Chance, ein historisches Bauwerk mit Zukunft zu verbinden.

Ziel der Sanierung war es, das Vöhlinschloss einerseits für die private Nutzung als Wohnraum für das Architektenpaar und ihre Familie zu ermöglichen und andererseits eine halböffentliche Nutzung im Erdgeschoss zu schaffen, die der Gemeinde Frickenhausen als kulturelle Begegnungsstätte dienen sollte. Diese Kombination aus privater und halböffentlicher Nutzung ist ein besonderes Element des Projekts, das die Integration des Denkmals in das Dortleben stärkt.

Die Sanierung erfolgte unter fachlicher Begleitung der Unteren Denkmalschutzbehörde sowie des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Es war von Anfang an klar, dass die Sanierung sensibel, nachhaltig und auf die Erhaltung der historischen Substanz ausgerichtet sein musste.

Materialien und Techniken

Ein zentraler Aspekt der Sanierung war die Entscheidung, ausschließlich natürliche Materialien und traditionelle Handwerkstechniken einzusetzen. Die Architekten verzichteten bewusst auf industriell vorgefertigte Produkte und setzten stattdessen auf regionale Rohstoffe. Die Materialauswahl war sowohl aus konservatorischer als auch aus ökologischer Sicht entscheidend.

Zu den verwendeten Materialien gehörten:

  • Sand aus Frickenhausen: Lokaler Sand wurde für die Herstellung von Kalkputzen genutzt.
  • Selbstgelöschter Sumpfkalk aus Altmannstein: Dieser Kalk wurde für Putzarbeiten verwendet, um die historische Verträglichkeit zwischen alten und neuen Schichten zu gewährleisten.
  • Fichtenholz aus dem Sachsenrieder Forst: Regionales Holz wurde für den Innenausbau eingesetzt.
  • Handgeschlagene Lehmbodenziegel aus Oberbayern: Diese Ziegel wurden für spezielle Anpassungen genutzt.
  • Eichenholz aus den Esterhazyschen Wäldern: Für Türen und Fensterkonstruktionen wurde Eichenholz aus der Region verwendet.
  • Nagelfluh aus Brannenburg: Dieses traditionelle Material wurde für die Sanierung von Holzkonstruktionen eingesetzt.

Die Entscheidung für regionale und natürliche Materialien war nicht nur eine konservatorische, sondern auch eine ökologische. Sie spiegelt den Wunsch nach einer nachhaltigen Bauweise wider, die in der Denkmalsanierung oft übersehen wird. Zudem trugen die Materialien zur Authentizität des Projekts bei, da sie eng mit der lokalen Geschichte und Kultur verbunden sind.

Architektonische und konstruktive Maßnahmen

Die Sanierungsarbeiten am Vöhlinschloss umfassten sowohl die Außen- als auch die Innensanierung. Bei der Außenfassade lag der Fokus auf der Wiederherstellung des historischen Erscheinungsbildes. Dazu gehörte unter anderem die Freilegung vermauerter Öffnungen wie Schießscharten in den Rundtürmen. Diese wurden nach historischem Vorbild wieder geöffnet und durch Glasscheiben geschützt, um den Räumen Schutz vor Witterung zu bieten.

Die Putzsanierung erfolgte mit rein trockengelöschtem Kalkputz, der auf das Vorbild des Bestands abgestimmt war. Dadurch wurde eine Verträglichkeit zwischen alten und neuen Schichten gewährleistet. Auch die Fensteranlagen wurden in traditioneller Weise restauriert. Innenfenster wurden durch vorgesetzte Isolierglasfenster ertüchtigt, wodurch die Energieeffizienz verbessert wurde, ohne die historische Substanz zu beeinträchtigen.

Im Inneren des Schlosses wurden die historischen Elemente so weit wie möglich erhalten. Die Bohlen-Ständerwand im Flur des ersten Obergeschosses blieb unverändert, ebenso das bauzeitliche Fachwerk. Neue additive Elemente wurden sorgfältig integriert, um den Bestand weiterzuentwickeln und in die heutige Zeit zu überführen. Diese Elemente wurden bewusst sichtbar und verliehen dem Schloss einen zeitgemäßen Charakter, der den historischen Grundwert nicht untergriff.

Kulturelle und soziale Dimension

Die Sanierung des Vöhlinschlosses war nicht nur eine architektonische, sondern auch eine kulturelle Aufgabe. Durch die Schaffung einer halböffentlichen Nutzung im Erdgeschoss wurde das Schloss als kulturelle Begegnungsstätte für die Gemeinde Frickenhausen neu entdeckt. Diese Nutzung ist ein entscheidender Faktor für die langfristige Integration des Denkmals in das Dortleben und vermeidet den Abstand, der oft zwischen historischen Bauwerken und der heutigen Bevölkerung entsteht.

Die Architekten betonten, dass sie sich nicht als „Hausherren“ des Vöhlinschlosses sahen, sondern als Gäste, die das Schloss für die Gemeinde erhalten wollten. Dieser Ansatz spiegelt sich auch in der Gestaltung des Erdgeschosses, das mit Kalkstampfböden und offenen Räumen eine warme, einladende Atmosphäre schafft.

Die Sanierung erhielt zudem eine finanzielle Förderung in Höhe von 25.000 Euro, was die symbolische Bedeutung des Projekts für die Gemeinde unterstreicht. Die Förderung war ein Ausdruck des Werts, den Frickenhausen dem Vöhlinschloss zuschreibt und der durch die Sanierung neu belebt wird.

Handwerker und Partner:innen

Ein entscheidender Erfolgsfaktor der Sanierung war die enge Zusammenarbeit mit regionalen Handwerkern und Fachplanern. Der Bauprozess war stark praxisorientiert und experimentell, wobei weniger theoretische Konzepte im Vordergrund standen als vielmehr das direkte Ausprobieren und Anwenden vor Ort. Die Handwerker brachten nicht nur ihre fachliche Expertise ein, sondern auch ihre Erfahrung mit traditionellen Techniken, die in der modernen Bauwirtschaft oft verloren gegangen sind.

Die Architekten hoben in Interviews besonders den Wissenswert, den sie durch diese Zusammenarbeit gewonnen hatten. Anna Kern betonte, dass in der Arbeit mit Denkmälern ein großes Wissen steckt, das auch für innovative Bauweisen von Bedeutung sein kann. Der Ansatz der Sanierung, der auf Wiederverwendung und ressourcenschonenden Methoden beruhte, war in der Vergangenheit selbstverständlich und kann heute als Vorbild für eine nachhaltige Bauweise dienen.

Ökologische und ökonomische Aspekte

Die Sanierung des Vöhlinschlosses zeigt, dass Denkmalspflege nicht nur kulturell und architektonisch bedeutsam ist, sondern auch ökologische und ökonomische Vorteile bietet. Durch die Verwendung von regionalen, natürlichen Materialien und traditionellen Handwerkstechniken wurde nicht nur die historische Substanz erhalten, sondern auch ein ressourcenschonender Umgang mit Materialien praktiziert.

Zudem ist das Projekt ein Beispiel dafür, wie Denkmale in die Zukunft überführt werden können, ohne ihre historische Identität zu verlieren. Die Kombination aus privater Nutzung und kulturell öffentlicher Funktion ist ein Modell, das auch für andere Denkmale in ländlichen Räumen relevant sein könnte.

Auszeichnungen und Anerkennung

Die Sanierung des Vöhlinschlosses wurde mit dem Denkmalpreis Schwaben 2024 und anderen Anerkennungen ausgezeichnet. Diese Auszeichnungen bestätigen die Qualität und das Engagement, die in das Projekt investiert wurden. Sie zeigen auch, dass die Sanierung nicht nur eine fachliche, sondern auch eine gesellschaftliche Bedeutung hat.

Die Anerkennung durch Experten und die Gemeinde ist ein Zeichen dafür, dass das Projekt die Erwartungen erfüllt hat, die an eine moderne Denkmalspflege gestellt werden. Es ist ein Projekt, das nicht nur den historischen Wert des Vöhlinschlosses bewahrt, sondern auch einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung des Ortes Frickenhausen leistet.

Fazit

Die Sanierung des Vöhlinschlosses in Frickenhausen ist ein beeindruckendes Beispiel für moderne Denkmalspflege, die auf Tradition, Nachhaltigkeit und Kreativität setzt. Durch die Kombination aus historischem Respekt, regionalen Materialien und traditionellen Handwerkstechniken entstand ein Gebäude, das sowohl seine Vergangenheit bewahrt als auch in die Zukunft überführt.

Die Sanierung zeigt, dass Denkmalspflege nicht nur die Erhaltung von Bausubstanz bedeutet, sondern auch eine Chance für Innovation und Nachhaltigkeit. Die Arbeit mit Denkmälern kann Wissen und Techniken hervorbringen, die auch für moderne Bauweisen relevant sind. Das Vöhlinschloss ist nicht nur ein architektonisches Wahrzeichen für Frickenhausen, sondern auch ein Modellprojekt, das für andere Gemeinden und Bauherren inspirierend wirken kann.

Quellen

  1. Kern Architekten – Vöhlinschloss
  2. Baunetz ID – Sanierung des Vöhlinschlosses
  3. Kern Architekten – Portfolio Vöhlinschloss
  4. Bauhandwerk – Sanierung und Umbau des Vöhlinschlosses
  5. Allgäuer Zeitung – Förderung für das Vöhlinschloss
  6. ARD Mediathek – Die Rettung des Vöhlin-Schlösschens
  7. Augsburger Allgemeine – Vöhlinschloss in Frickenhausen

Ähnliche Beiträge