Der HVB-Tower in München ist nicht nur ein ikonisches Wahrzeichen der Münchner Skyline, sondern auch ein Pionierprojekt der deutschen Hochhausarchitektur der 1980er Jahre. Erbaut von den Architekten Walther und Bea Betz, ist das Gebäude seit seiner Fertigstellung im Jahr 1981 mehrfach umgebaut und adaptiert worden. Im Jahr 2006 wurde der HVB-Tower schließlich in die Denkmalliste aufgenommen, was die Herausforderungen bei der Sanierung und Modernisierung erheblich erhöhte.
Die Sanierung, die unter der Leitung des Architekturbüros HENN durchgeführt wurde, stand unter dem Ziel, das historische Erscheinungsbild des Gebäudes zu bewahren, zugleich aber die Anforderungen moderner Energieeffizienz und Nachhaltigkeit zu erfüllen. Der Prozess umfasste zwei Bauabschnitte, wobei sowohl das Hochhaus als auch die angrenzenden Flachbauten – Flachbau Nord und Flachbau Süd – umfassend modernisiert wurden.
Im Folgenden wird die Sanierung des HVB-Towers detailliert beschrieben, mit Schwerpunkten auf den architektonischen, technischen und energieeffizienten Maßnahmen. Zudem werden die organisatorischen Herausforderungen, die Zusammenarbeit mit der Denkmalschutzbehörde und die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele thematisiert.
Die Herausforderung der Sanierung eines denkmalgeschützten Hochhauses
Die Sanierung des HVB-Towers begann mit einer gründlichen Analyse der baulichen, funktionalen und energetischen Zustände des Gebäudes. Der HVB-Tower war bereits in seiner ursprünglichen Form ein architektonisches Unikum, das sich durch eine futuristische Formensprache und eine innovative Fassadenkonstruktion auszeichnet. Die sogenannte „Entmaterialisierung“ der Fassade, wie sie von den ursprünglichen Architekten angestrebt wurde, war ein zentraler Aspekt des Gebäudecharakters. Dieser Charakter durfte sich im Zuge der Sanierung nicht verlieren, obwohl die baulichen Voraussetzungen für eine moderne Energieeffizienz nicht ausreichten.
Eine besondere Herausforderung lag darin, dass das Gebäude bereits mehrfach umgebaut worden war – beispielsweise der Umbau des Händlerzentrums im Flachbau Nord von 1998 bis 2000 und die Sanierung des Casinos sowie des Flachbaus Süd im Jahr 2001. Diese Umbauten führten dazu, dass kaum noch Materialien aus der Entwurfsphase des HVB-Towers erhalten waren. Somit blieb dem Architekturbüro HENN eine gewisse Freiheit, den Innenraum neu zu gestalten, während die äußere Fassade in ihrer ursprünglichen Form bewahrt werden musste.
Die Zusammenarbeit mit der Denkmalschutzbehörde war daher von großer Bedeutung. Jede Maßnahme wurde detailliert geprüft, um sicherzustellen, dass die baulichen Interventionen dem Denkmalschutzrecht entsprachen. Zudem wurde im Dialog mit Oliver Betz, dem Sohn der ursprünglichen Architekten, gesorgt, dass die ursprüngliche Vision des HVB-Towers in der Sanierung berücksichtigt wurde.
Architektonische Konzepte und Fassadentwicklung
Die äußere Fassade des HVB-Towers war ein entscheidender Fokus der Sanierung. Ursprünglich handelte es sich um eine einschalige Fassade, die in ihrer ursprünglichen Ausführung nicht mehr den heutigen Anforderungen an Wärmedämmung und Energieeffizienz entsprach. Um die äußere Form und das optische Erscheinungsbild zu bewahren, entschied man sich für eine zweischalige Elementfassade, die sich nach innen aufbaute. Diese neue Fassadenkonstruktion ermöglichte es, die ursprüngliche Architektur beizubehalten, während gleichzeitig die Wärmebrücken minimiert und die Energiebilanz verbessert wurden.
Die ehemals vorhandenen Fassadenelemente wurden sorgfältig demontiert und einer sortenreinen Trennung unterzogen. Während die nicht umnutzbaren Teile weitgehend recycelt werden konnten, wurden die Aluminium-Brüstungspaneele gereinigt und in die neue äußere Schale integriert. Ein besonderes Detail ist die Integration der Perforation der Elemente für die Frischluftzufuhr, die unmerklich in die Fassade eingearbeitet wurde.
Die innere Schale besteht aus einem akustisch wirksamen Brüstungspaneel und einem elektromotorisch bewegten Dreh-/Kipp-Öffnungsflügel mit Isolierverglasung. Diese Technik ermöglicht den Nutzern, die Fenster individuell zu regulieren, was den Komfort erhöht und gleichzeitig die Energieeffizienz durch natürliche Belüftung unterstützt.
Die Sanierung der Fassade war nicht nur eine architektonische Herausforderung, sondern auch ein Meilenstein in der Wiederverwendung und dem Recycling von baulichen Materialien. Der HVB-Tower demonstriert somit, wie die Sanierung von denkmalgeschützten Gebäuden mit modernen Technologien und Nachhaltigkeitszielen vereinbart werden kann.
Energetische Sanierung und technische Modernisierung
Ein zentrales Ziel der Sanierung war es, die Energieeffizienz des HVB-Towers zu verbessern. Dazu wurden alle technischen Anlagen und die Gebäudehülle einer gründlichen Überprüfung unterzogen. Eine entscheidende Maßnahme war die Einführung einer Geothermie-Heiz- und Kühlanlage, die in Kombination mit der Fernwärmeversorgung der Stadtwerke München arbeitet.
Die Geothermieversorgung erfolgt über eine Grundwasser-Wärmepumpen-Anlage. In der kalten Jahreszeit wird das geförderte Grundwasser über Wärmeübertrager auf ein höheres Temperaturniveau gebracht, während in den warmen Monaten direkt über das Grundwasser gekühlt wird. Der Anteil der Geothermienutzung an der Wärmeversorgung beträgt im Heizfall über 50 Prozent und im Kühlfall nahezu 40 Prozent.
Die Fernwärmeversorgung wird hauptsächlich für die Spitzlastabdeckung verwendet. Der reduzierte Fernwärme-Anschlusswert ermöglichte zudem den Einbau leistungsangepasster Fernwärmestationen. Die objektspezifisch gefertigten Wärmeübergabestationen stammen von der Firma YADOS.
Durch diese Kombination aus Geothermie und Fernwärme ist es gelungen, den Energieverbrauch des Gebäudes erheblich zu senken. Prognostiziert wird eine CO2-Einsparung von über 50 Prozent für die Heizenergie und über 25 Prozent für die Stromversorgung. Die Sanierung hat somit nicht nur den Energieverbrauch reduziert, sondern auch den ökologischen Fußabdruck des HVB-Towers verringert.
Modernisierung der Flachbauten – Ein komplexes Projekt bei laufendem Betrieb
Neben dem Hochhaus selbst standen auch die Flachbauten – Flachbau Nord und Flachbau Süd – im Fokus der Sanierung. Insbesondere der Flachbau Nord, der den Wertpapierhandel beherbergt, wurde in einer Bauzeit von knapp drei Jahren umfassend modernisiert. Die Modernisierung erfolgte in mehreren Phasen, wobei alle Arbeitsplätze im Gebäude während der Sanierung belegt bleiben konnten. Dies war eine organisatorische Herausforderung, da etwa 23.000 Quadratmeter Fläche bei laufendem Betrieb umgebaut wurden – eine Fläche, die etwa vier bis fünf Fußballplätze umfasst.
Die Sanierung des Flachbau Nord umfasste die Entkerung des Gebäudes, die Installation moderner Heiz-Kühl-Decken, eine zonale Steuerung der Beleuchtung und Belüftung sowie die Einrichtung von individuell regelbaren Sonnenschutz- und Temperaturregelsystemen. Die gesamte Beleuchtung wurde auf LED umgestellt, und der Strombedarf wird über Öko-Strom der Stadtwerke München gedeckt. Zudem wurde das Dach begrünt, um Wärmeinseleffekte zu vermeiden.
Ein weiteres Highlight der Sanierung ist die Einrichtung von Duschanlagen für die Mitarbeiter:innen, was eine Motivation für den umweltfreundlichen Arbeitsweg mit dem Fahrrad bietet. Die Modernisierung war somit nicht nur technisch, sondern auch sozial und umweltfreundlich ausgerichtet.
Die Sanierung des Flachbau Nord war der letzte Bauabschnitt des Gesamtprojekts. Im Jahr 2022 konnten die Räume schließlich an die Nutzer:innen übergeben werden. Zudem wurde im Januar 2024 eine Ganztageskrippe eröffnet, die ebenfalls höchsten Nachhaltigkeitsstandards entspricht und Teil des Ensembles ist.
Organisatorische Herausforderungen und Projektmanagement
Die Sanierung des HVB-Towers war ein komplexes Projekt, das sowohl architektonische als auch technische, organisatorische und rechtliche Herausforderungen mit sich brachte. Ein zentraler Aspekt war die Koordination der Bauarbeiten bei laufendem Betrieb. Insbesondere im Flachbau Nord, in dem der Wertpapierhandel stattfindet, war es notwendig, die Arbeitsabläufe so zu planen, dass sie nicht durch die Baumaßnahmen beeinträchtigt wurden.
Dazu kam die Notwendigkeit, alle baulichen Maßnahmen unter Berücksichtigung der Denkmalschutzauflagen durchzuführen. Jede Anpassung an der Fassade, an der Gebäudehülle oder an den technischen Anlagen wurde detailliert geprüft, um sicherzustellen, dass sie den gesetzlichen Vorgaben entsprach. Zudem war eine intensive Kommunikation mit den Behörden und den ursprünglichen Architekten erforderlich, um die ursprüngliche Architekturvision in die heutige Zeit zu übertragen.
Ein weiteres Projektmanagementelement war die Sicherstellung der Nachhaltigkeitsziele. Die Sanierung wurde nach LEED Platinum zertifiziert und erfüllte damit die strengen Anforderungen an umweltfreundliche Gebäude. Die Recyclingrate der Bauabfälle lag bei 90 Prozent, und die Bauausführung war schadstofffrei. Diese Maßnahmen trugen dazu bei, dass die Sanierung nicht nur baulich, sondern auch ökologisch ein Vorbild darstellt.
Fazit
Die Sanierung des HVB-Towers ist ein beeindruckendes Beispiel für die Revitalisierung eines denkmalgeschützten Hochhauses. Sie zeigt, wie architektonische Kreativität, moderne Technik und umweltfreundliche Konzepte miteinander verbunden werden können. Das Projekt war nicht nur ein technisches, sondern auch ein organisatorisches Meisterwerk – insbesondere durch die Sanierung des Flachbau Nord bei laufendem Betrieb.
Die Sanierung hat es ermöglicht, das ikonische Erscheinungsbild des HVB-Towers zu bewahren, während gleichzeitig die Energieeffizienz und Nachhaltigkeit erheblich verbessert wurden. Der HVB-Tower ist heute nicht nur ein Wahrzeichen Münchens, sondern auch ein Vorbild für die Sanierung historischer Gebäude im Zeichen der Klimaziele.