Die Schweiz steht vor einer dringenden Herausforderung im Bereich der energetischen Sanierung. Rund 1,5 Millionen Immobilien, insbesondere Vorkriegsbauten und Bauten aus den 60er und 70er Jahren, entsprechen nicht den heutigen energetischen Standards. In dieser Zeit wurde aufgrund der günstigen Heizölpreise sorglos gebaut und in vielen Fällen mit unzureichender oder falscher Dämmung gearbeitet. Die Sanierungsquote liegt derzeit bei lediglich 1 Prozent pro Jahr. Bei diesem Tempo würde es 100 Jahre dauern, bis alle Gebäude den langfristig nachhaltigen Standard erreicht haben.
Diese Problematik ist nicht nur ein technisches, sondern auch ein politisches und ökologisches Thema. Die Gebäude verbrauchen rund 41 Prozent der gesamten Energie in der Schweiz, wobei 56 Prozent aller Wohngebäude weiterhin mit Öl oder Gas beheizt werden, 8 Prozent mit Strom. Zudem verursachen Gebäude etwa 23 Prozent der Treibhausgasemissionen in der Schweiz. Es besteht ein großes Potenzial, den CO₂-Ausstoß zu verringern und bis 2050 das Ziel von Netto-Null-Emissionen zu erreichen.
Die Sanierung von Gebäuden ist also nicht nur eine Frage des Energieverbrauchs, sondern auch ein zentraler Schritt auf dem Weg zur Klimaneutralität. Zudem hat eine sorgfältige Sanierung zahlreiche Vorteile für den Eigentümer: sie senkt die Heiz- und Stromkosten, verbessert das Wohnklima, steigert den Wert der Liegenschaft und trägt so zum Klimaschutz bei.
Der Zustand des Schweizer Gebäudebestandes
Die durchschnittliche Altersstruktur der Schweizer Gebäude ist ein weiteres entscheidendes Problem. Fast die Hälfte aller Gebäude ist über 40 Jahre alt, und ein beträchtlicher Teil stammt aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. In diesen Gebäuden ist oft die Dämmung fehlerhaft, unvollständig oder fehlend. Das führt zu erheblichen Wärmeverlusten und einem hohen Energieverbrauch. Zudem sind viele dieser Gebäude mit fossil befeuerten Heizsystemen ausgestattet.
Die Energiestrategie der Schweiz setzt auf eine stärkere Nutzung erneuerbarer Energien und auf die Modernisierung des Gebäudebestandes. In diesem Zusammenhang spielen Wärmepumpen und Fernwärme eine immer wichtigere Rolle. So werden bei 98 Prozent aller im Jahr 2023 bewilligten Wohnungen bereits Wärmepumpen oder Fernwärme vorgesehen. Einfamilienhäuser haben in der Vergangenheit oft Vorreiterfunktionen übernommen, doch in den letzten Jahren haben auch Mehrfamilienhäuser an Tempo gewonnen.
Die Kosten einer energetischen Sanierung
Die Kosten einer Sanierung hängen stark vom Umfang der Maßnahmen ab. Für einzelne Teilsanierungen, wie z. B. die Dämmung der Fassade oder des Daches, müssen oft mehrere Zehntausend Franken eingeplant werden. Kernsanierungen, bei denen mehrere Bereiche gleichzeitig verbessert werden, können jedoch auch mit sechsstelligen Beträgen verbunden sein.
Einige konkrete Beispiele für Kosten:
Fenstersanierung:
- Kunststofffenster: ca. 475 CHF pro Quadratmeter
- Holzfenster: ca. 900 CHF pro Quadratmeter
- Holz-Metall-Fenster: ca. 1000 CHF pro Quadratmeter
- Förderbeiträge in Basel-Stadt: 50 CHF pro Quadratmeter
Fassadendämmung: 180–450 CHF pro Quadratmeter
- Dachdämmung: 180–330 CHF pro Quadratmeter
Diese Schätzungen sind abhängig von der Gebäudegröße, den Materialien und der Komplexität der Arbeiten. Zudem müssen oft auch andere Bereiche berücksichtigt werden, wie z. B. der Schornstein oder der Heizungskeller, die ebenfalls Energieverluste verursachen können.
Finanzierung und Förderbeiträge
Um die hohen Kosten einer Sanierung zu stemmen, gibt es zahlreiche Finanzierungs- und Förderoptionen. So kann es sinnvoll sein, eine Hypothek aufzunehmen, um die Investition zu refinanzieren. Die Basler Kantonalbank bietet z. B. eine sogenannte "Nachhaltigkeitshypothek", die durch eine attraktive Zinsreduktion zusätzliche Vorteile bietet.
Zudem gibt es zahlreiche staatliche Förderbeiträge, die bis zu 15 Prozent der Investitionskosten abdecken können. Insgesamt bieten die Schweizer Kantone und Gemeinden über 2000 Förderbeiträge für energetische Sanierungen an. Diese reichen von Beiträgen für die Dämmung einzelner Bauteile bis hin zu Gesamtsanierungsboni. Besonders in Basel-Stadt gibt es zusätzliche Programme, wie den Gesamtsanierungsbonus, der gezahlt wird, wenn das Gebäude nach der Sanierung die GEAK-Klasse A oder B erreicht.
Ein weiterer Vorteil ist die steuerliche Abzugsfähigkeit. Energetische Sanierungsmaßnahmen sind in der Schweiz abzugsfähig vom steuerbaren Einkommen. Das bedeutet, dass sie zur Senkung der Steuerlast beitragen. Dies gilt sowohl für Maßnahmen, die die Energiebilanz verbessern, als auch für werterhaltende Arbeiten, sofern diese den Wert der Liegenschaft erhalten.
Beratung und Planung
Ein entscheidender Schritt vor Beginn einer Sanierung ist die professionelle Beratung und Planung. Viele Online-Tools, wie z. B. das Tool eVALO, bieten eine erste Einschätzung des energetischen Zustandes eines Gebäudes. Diese Tools sind meist für Laien bedienbar und liefern innerhalb kurzer Zeit Empfehlungen zu möglichen Sanierungsmaßnahmen.
Doch diese Online-Beratungen reichen oft nicht aus, um eine umfassende Planung vorzunehmen. Hier kommt die Expertise von Fachpersonen ins Spiel. Expertinnen und Experten der GEAK (Gemeinschaft für Energieeinsparung und Klimaschutz) analysieren die Ist-Situation und erstellen drei auf den Eigentümer zugeschnittene Varianten zur energetischen Modernisierung. In Basel-Stadt kann für diese Beratung sogar Förderung beantragt werden.
Ein guter Berater kann auch helfen, die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Sanierungsmaßnahmen zu berücksichtigen und Fehlentscheidungen zu vermeiden. Oliver Schwarz, Geschäftsführer des Energieberatungsunternehmens Wing Consulting GmbH, betont: „Wer bei der Sanierung zuerst einzelne Gewerke wie Heizung oder Elektroinstallation betreut, riskiert, die Wechselwirkungen zu übersehen und Fehlentscheidungen zu treffen. Sinnvoll ist der Start mit einer ganzheitlichen Beratung.“
Die Rolle der politischen Vorgaben
Neben den finanziellen Anreizen spielen auch politische Vorgaben eine große Rolle bei der Sanierungsplanung. Die Schweizer Kantone verschärfen zunehmend die Vorschriften, um die Ziele der Energiestrategie zu erreichen. So sollen z. B. ab 2020 die Subventionen durch Lenkungsabgaben ersetzt werden, um das Sanierungstempo zu erhöhen.
In den vergangenen Jahren wurden im Rahmen des Gebäudeprogramms 1,5 Milliarden Franken an Förderbeiträgen ausbezahlt. Der größte Teil davon wurde für die Wärmedämmung von Einzelbauteilen (60 Prozent) und für die Installation effizienter Haustechnik (20 Prozent) verwendet.
Diese Vorgaben zeigen, dass es nicht nur um individuelle Vorteile geht, sondern auch um gesamtgesellschaftliche Ziele. Die Sanierung alter Gebäude ist ein Schritt, der nicht nur den Eigentümer, sondern auch die Umwelt und die Zukunft der Gemeinschaft unterstützt.
Die ökologische und wirtschaftliche Rendite
Eine sorgfältige Sanierung bringt nicht nur ökologische Vorteile, sondern auch klare wirtschaftliche Vorteile. So können durch eine energieeffiziente Sanierung die Heizkosten in einem typischen Einfamilienhaus jährlich um rund 1'800 Franken gesenkt werden. Zudem steigt der Wert der Liegenschaft, was sich insbesondere bei einem Verkauf positiv auswirkt.
Langfristig müssen Ökologie und Ökonomie zusammenarbeiten, um nachhaltige Lösungen zu schaffen. Dies gilt nicht nur für die Sanierung, sondern auch für den allgemeinen Unterhalt der Bausubstanz. Wer sich frühzeitig mit der Sanierung beschäftigt, kann langfristig Kosten sparen und den Wert seines Eigenheims sichern.
Fazit
Die energetische Sanierung in der Schweiz ist ein Thema von großer Bedeutung. Mit rund 1,5 Millionen energetisch sanierungsbedürftigen Gebäuden ist es dringend notwendig, die Sanierungsquote zu erhöhen. Zwar liegt sie derzeit bei nur 1 Prozent pro Jahr, doch mit den richtigen Anreizen und professioneller Beratung kann sie gesteigert werden.
Die Kosten einer Sanierung sind hoch, aber die langfristigen Vorteile sind beträchtlich: geringere Energiekosten, ein besseres Wohnklima, ein höherer Wert der Liegenschaft und ein Beitrag zum Klimaschutz. Zudem gibt es zahlreiche Finanzierungs- und Förderoptionen, die die Investitionen abfedern können.
Es ist also nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen sinnvoll, sich mit der Sanierung zu beschäftigen. Ob Einfamilienhaus oder Mehrfamilienhaus – eine sorgfältige Planung und Beratung sind der erste Schritt, um langfristige Vorteile zu erzielen.