Einleitung
Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) sind seit den 1960er-Jahren eine etablierte Methode zur Dämmung von Gebäudefassaden. Sie bestehen aus mehreren Schichten, die eng miteinander verbunden und aufeinander abgestimmt sind: Dämmplatten, Armierungsgewebe, Armierungsmörtel, Fassadenputz und Fassadenfarbe. Ziel der Dämmung ist es, Wärmeverluste zu reduzieren, Wärmebrücken zu minimieren und die Energieeffizienz des Gebäudes zu verbessern.
Doch WDVS haben eine begrenzte Lebensdauer. Die durchschnittliche Haltbarkeit eines Wärmedämmverbundsystems wird auf etwa 35 Jahre geschätzt. Im Laufe der Zeit können Witterungseinflüsse, altersbedingte Verschleißerscheinungen oder konstruktive Mängel Schäden verursachen, die die Dämmleistung und das Erscheinungsbild der Fassade beeinträchtigen. Die Sanierung von WDVS ist daher ein zentrales Thema in der Gebäudeenergieeffizienz und -modernisierung.
In diesem Artikel werden die gängigen Sanierungsverfahren, die Anforderungen an die Sanierung sowie die Vorteile und Grenzen der einzelnen Methoden detailliert erläutert. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei den historischen WDVS der 1970er- und 80er-Jahre gewidmet, da diese oft aufgrund von „Kinderkrankheiten“ wie Rissbildung, Abplatzen oder Algenbewuchs sanierungsbedürftig sind.
Das Wärmedämmverbundsystem – Aufbau und Funktion
Ein Wärmedämmverbundsystem besteht aus mehreren technisch aufeinander abgestimmten Schichten:
- Dämmplatten: In der Regel aus EPS (Expandiertes Polystyrol), XPS (Extrudiertes Polystyrol) oder anderen Dämmmaterialien.
- Armierungsgewebe: Dient der Verstärkung der Putzschicht und der Haftung des Putzes an der Dämmung.
- Armierungsmörtel: Verbindet Dämmplatten, Armierungsgewebe und Putzschicht.
- Fassadenputz: Schützt die Dämmung und Armierung vor Witterungseinflüssen.
- Fassadenfarbe: Gibt der Fassade das optische Erscheinungsbild.
Alle Komponenten müssen aufeinander abgestimmt und bauaufsichtlich zugelassen sein. Ein WDVS kann nicht aus willkürlich zusammengemischten Materialien bestehen, da dies die Funktion und Haltbarkeit beeinträchtigen kann. Besonders wichtig ist auch die Diffusionsfähigkeit der Materialien, da ein „atmendes“ WDVS verhindert, dass Feuchtigkeit im System aufsteigt und Schäden verursacht.
Schäden an Wärmedämmverbundsystemen
WDVS sind zwar robust, aber nicht unverwundbar. Im Laufe der Jahre können verschiedene Schadensbilder auftreten, die eine Sanierung erforderlich machen:
1. Putzschäden
- Rissbildung und Abplatzungen sind typische Erscheinungen an WDVS, insbesondere bei alten Systemen. Risse können von der Putzschicht in die Armierungsschicht hineinreichen.
- Putzblasen entstehen meist aufgrund von fehlerhafter Anbringung oder Undichtigkeiten.
- Salzausblühungen sind oft ein Hinweis auf eindringende Feuchtigkeit im System.
2. Dämmungsschäden
- Eindringendes Wasser kann die Dämmplatten so stark beschädigen, dass sie ihre Dämmfunktion verlieren. Ursachen können Risse im Putz, konstruktive Fehler oder fehlende Dichtigkeit sein.
- Dauerfeuchte kann im Mauerwerk auftreten, wenn das WDVS nicht mehr ausreichend austrocknen kann.
3. Konstruktive Mängel
- Alte WDVS-Systeme der 1970er- und 80er-Jahre weisen oft mangelhafte Dämmstärken und dichte Schichten auf, die heute nicht mehr den aktuellen Anforderungen entsprechen.
4. Optische Mängel
- Algenbewuchs, Schmutzablagerungen oder Farbverfälschung können das Erscheinungsbild der Fassade stark beeinträchtigen.
Sanierungsmöglichkeiten
Die Sanierung von WDVS hängt stark vom Schadensbild und vom Zustand des bestehenden Systems ab. Grundsätzlich gibt es drei Hauptverfahren: Putzsanierung, Aufdopplung und Abriss der alten Dämmung.
1. Putzsanierung
Wenn die Dämmplatten intakt sind und keine konstruktiven Mängel vorliegen, reicht oft eine Sanierung der Putzschicht aus. Typische Schäden wie Abplatzungen oder Risse im Oberputz können durch das Abtragen der beschädigten Schichten und das Aufbringen eines neuen Sanierputzes behoben werden.
- Bei kleineren Schäden genügt eine lokale Ausbesserung.
- Bei großen oder tiefgreifenden Schäden muss die Putzschicht komplett abgetragen und durch eine neue Armierungsschicht ersetzt werden.
- Voraussetzung ist, dass die alte Armierungsschicht oder die Schlussbeschichtung ausreichende Tragfähigkeit besitzt.
2. Aufdopplung
Bei intaktem WDVS, das aber nicht mehr den heutigen Dämmstandards entspricht, bietet die Aufdopplung eine effektive Lösung. Dabei wird ein zweites WDVS auf das bestehende System aufgebracht, wodurch die Dämmleistung erheblich verbessert wird. Der Vorteil dieser Methode ist, dass die alte Dämmung nicht abgerissen werden muss, was Zeit und Kosten spart und umweltfreundlicher ist.
- Voraussetzung für die Aufdopplung ist, dass das alte WDVS noch ausreichend Standfestigkeit und Tragfähigkeit besitzt.
- Die Dämmstärkung kann so weit getrieben werden, dass der U-Wert auf Werte von bis zu 0,20 W/(m²·K) gebracht wird – also den aktuellen Anforderungen nach GEG oder BEG entspricht.
- Bei WDVS mit einer ursprünglichen Dämmstärke von 6 cm reicht beispielsweise eine zusätzliche Schicht von 10 cm Dämmung aus, um den U-Wert auf den gewünschten Wert zu senken.
Ein weiterer Vorteil der Aufdopplung ist, dass die Fassade optisch neu gestaltet werden kann. Der neue Putz kann in einer anderen Farbe oder Textur aufgebracht werden, wodurch das Gebäude optisch aufgefrischt wird.
3. Abriss und Neuanbringung
Bei stark durchfeuchteten WDVS, bei denen die Dämmplatten stark beschädigt sind, ist eine Sanierung durch Putz- oder Aufdopplung nicht mehr ausreichend. In diesen Fällen muss das WDVS komplett abgerissen und durch ein neues System ersetzt werden.
- Gründe für den Abriss sind vor allem stark beschädigte Dämmplatten, Dauerfeuchte und dauerhafte Schäden am Mauerwerk.
- Bei dieser Methode wird die alte Dämmung komplett entfernt und durch eine neue Schicht ersetzt. Dabei können auch aktuelle Dämmmaterialien wie Mineralwolle oder Vakuumdämmplatten eingesetzt werden.
- Ein Nachteil ist, dass der Abriss aufwendig und teuer ist, da die alte Dämmung entsorgt werden muss und die Fassade von Grund auf neu aufgebaut wird.
Spezielle Sanierungsverfahren
1. Retec-Verfahren
Für stark durchfeuchtete WDVS, insbesondere die ersten Generationen mit Kunstharzputz, bietet das Retec-Verfahren eine spezielle Sanierungsmöglichkeit. Das bauaufsichtlich zugelassene System wurde von Saint-Gobain Weber entwickelt und ist besonders geeignet für WDVS mit Algenbewuchs, Salzausblühungen oder Dauerfeuchte.
Verfahrensablauf:
- Detaillierte Untersuchung der Fassade.
- Reinigung der alten Fassade mit Dampfstrahlgeräten.
- Rasterförmiges Schlitzen der Dämmschicht, um Feuchtigkeit abzutransportieren.
- Auftrag eines mineralischen Klebe- und Armierungsmörtels, der auf Kunstharzputzen haftet.
- Aufbringen eines diffusionsoffenen Armierungsgewebes.
- Edelputz als abschließende Schicht.
Der Vorteil dieses Verfahrens ist, dass das alte WDVS erhalten bleibt, aber seine Funktion wiederhergestellt wird. Zudem wird die Diffusionsfähigkeit verbessert, was die Feuchtigkeitsprobleme reduziert.
- Nach Abschluss des Retec-Verfahrens kann eine zusätzliche Dämmschicht aufgebracht werden, um die Dämmleistung weiter zu verbessern.
2. Sanierungskit VHF
Rockwool bietet mit dem Sanierungskit VHF eine spezielle Lösung für die Sanierung vorgehängter Hinterlüfteter Fassaden (VHF). Dieses Kit ist besonders für Gebäude gedacht, die Ende der 70er- und 80er-Jahre mit WDVS ausgestattet wurden.
- Ziel des Sanierungskits ist es, die Dämmleistung und den Wärmeschutz der Fassade zu verbessern.
- Typische WDVS-Fassaden aus dieser Zeit weisen oft U-Werte von 0,5 bis 0,7 W/(m²·K) auf, was den aktuellen Anforderungen (GEG: 0,24 W/(m²·K), BEG: 0,20 W/(m²·K)) deutlich unterlegen ist.
- Durch die Anbringung eines zweiten WDVS oder durch das Sanierungskit kann der U-Wert auf den gewünschten Wert gebracht werden.
- Zudem wird der Wärmeschutz verbessert, und der Brandschutz kann durch den Einsatz moderner Dämmmaterialien optimiert werden.
Vorteile und Nachteile der Sanierungsverfahren
1. Putzsanierung
- Vorteile: Geringe Kosten, schnelle Durchführung, geringe Umweltbelastung.
- Nachteile: Keine Verbesserung der Dämmleistung, nur begrenzte Sanierungstiefe.
2. Aufdopplung
- Vorteile: Bessere Dämmleistung, optische Neugestaltung, geringere Umweltbelastung durch Erhalt der alten Dämmung.
- Nachteile: Erhöhte Kosten im Vergleich zur Putzsanierung, Voraussetzungen an die Tragfähigkeit des alten WDVS.
3. Abriss und Neuanbringung
- Vorteile: Komplett neue Dämmung, optimale Dämmleistung, keine Begrenzung durch altes WDVS.
- Nachteile: Hohe Kosten, hoher Zeitaufwand, Umweltbelastung durch Entsorgung der alten Dämmung.
4. Retec-Verfahren
- Vorteile: Speziell für durchfeuchtete WDVS geeignet, Erhalt der alten Dämmung, Verbesserung der Diffusionsfähigkeit.
- Nachteile: Spezialisierte Ausrüstung erforderlich, etwas aufwendiger als Putzsanierung.
5. Sanierungskit VHF
- Vorteile: Komplexe Sanierung inklusive Dämmverbesserung, optimiert Wärmeschutz, bauaufsichtlich zugelassen.
- Nachteile: Erfordert spezifische Planung und Ausführung, etwas teurer als einfache Putzsanierung.
Wichtige Aspekte bei der Sanierung
1. Tragfähigkeit und Stabilität
Bevor mit der Sanierung begonnen wird, muss der Zustand des alten WDVS genau beurteilt werden. Die Dämmplatten müssen intakt sein, und die Armierungsschicht darf nicht abgeblättert oder beschädigt sein. Ist die Tragfähigkeit nicht ausreichend, kann die Sanierung durch Aufdopplung nicht durchgeführt werden.
2. Feuchtigkeitskontrolle
Feuchtigkeit ist einer der größten Feinde eines WDVS. Vor der Sanierung muss sichergestellt werden, dass keine Dauerfeuchte vorliegt. Bei stark durchfeuchteten Systemen ist eine Trocknung oft nicht ausreichend, da die Feuchtigkeit sich im Mauerwerk festsetzen kann. In solchen Fällen ist eine Sanierung durch Retec-Verfahren oder Abriss erforderlich.
3. Dämmleistung und Energieeffizienz
Heute gelten strengere Anforderungen an die Dämmleistung von WDVS. Die Energienachweisverordnung (EnEV) und das Gebäudeenergiegesetz (GEG) fordern U-Werte, die deutlich niedriger sind als bei alten WDVS. Eine Sanierung durch Aufdopplung kann die Dämmleistung auf den aktuellen Stand bringen.
4. Optische Gestaltung
Neben der technischen Sanierung ist auch die optische Gestaltung der Fassade ein wichtiger Aspekt. Eine neue Putzschicht kann Farbe und Textur verändern, wodurch das Gebäude optisch modernisiert wird. Dies ist besonders dann relevant, wenn die Sanierung im Zuge einer Fassadengestaltung erfolgt.
Fazit
Die Sanierung von Wärmedämmverbundsystemen ist eine notwendige Maßnahme, um die Energieeffizienz, die Dämmleistung und das Erscheinungsbild der Fassade zu verbessern. Je nach Zustand des alten WDVS stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung: Putzsanierung, Aufdopplung, Abriss und Neuanbringung, Retec-Verfahren und Sanierungskit VHF.
Die Wahl des richtigen Verfahrens hängt von mehreren Faktoren ab: vom Schadensbild, von der Tragfähigkeit des alten WDVS, von der gewünschten Dämmleistung und von der optischen Gestaltung. Besonders bei alten WDVS der 1970er- und 80er-Jahre, die oft mangelhafte Dämmstärken und Feuchtigkeitsprobleme aufweisen, ist eine sorgfältige Beurteilung des Zustands vor der Sanierung unerlässlich.
Durch die richtige Auswahl des Sanierungsverfahrens und die Einhaltung der aktuellen bauaufsichtlichen Vorgaben kann ein WDVS nicht nur wieder fit für die Zukunft gemacht, sondern auch seine Funktion über viele weitere Jahrzehnte aufrechterhalten werden.
Quellen
- Energie-Fachberater: Sanierung von Wärmedämm-Verbundsystemen (WDVS)
- Energie-Fachberater: Sanierung für alte Wärmedämm-Verbundsysteme (WDVS)
- Haus.de: Wärmedämmverbundsysteme
- SAKRET: Verarbeitungshinweise – Sanierung von Armierungs- und Putzschicht auf WDVS
- Rockwool: WDVS-Sanierung mit Sanierungskit VHF
- verdaenergy.de: Was tun mit alter Fassadendaemmung – WDVS aufdoppeln statt abreissen
- Energie-Experten.org: WDVS aufdoppeln