Die deutsche Immobilienwirtschaft und der Gebäudebestand stehen vor einer tiefgreifenden Herausforderung: Der Sanierungsstau in Deutschland hat inzwischen kritische Ausmaße angenommen. Laut einer aktuellsten Analyse von Purpose Green sind fast 60 Prozent der in den Immobilienportalen gelisteten Gebäude dringend sanierungsbedürftig. Besonders in westdeutschen Städten wie Stuttgart, Wuppertal und Bonn weisen über 70 Prozent der Immobilien eine schlechte Energieeffizienzklasse (E bis H) auf. Gleichzeitig verfehlt der Gebäudebereich seit Jahren die Klimaziele der Bundesregierung. Laut der Studie „Aufbruch Klimaneutralität“ der Deutschen Energie-Agentur (dena) müssten jährlich mindestens 1,7 Prozent der Wohngebäude saniert werden, um bis 2045 klimaneutral zu sein. Tatsächlich lag die Sanierungsquote im Jahr 2024 bei nur 0,69 Prozent, während die Zielquote für 2030 bei 2 Prozent liegt.
In diesem Artikel beleuchten wir die Ursachen des Sanierungsstaus, die Auswirkungen auf die Umwelt, die Wirtschaft und die Bevölkerung sowie die politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen, die notwendig sind, um den Gebäudebestand in Deutschland zu modernisieren und gleichzeitig den Klimaschutzzielen gerecht zu werden.
Der aktuelle Stand: Wie viele Gebäude müssen saniert werden?
Laut einer Untersuchung von Purpose Green, die 7.056 Immobilienangebote in 30 deutschen Städten analysierte, weisen fast 60 Prozent der Gebäude dringenden Sanierungsbedarf auf. Besonders betroffen sind Städte wie Stuttgart (74,81 Prozent), Wuppertal (73,91 Prozent) und Bonn (72,46 Prozent), in denen über 70 Prozent der Immobilien in den Energieklassen E bis H liegen. Insgesamt weisen zwei Drittel aller Wohngebäude in Deutschland eine Energieeffizienzklasse D bis H auf, was bedeutet, dass sie mehr als 100 kWh/qm im Jahr verbrauchen. Gebäude in den schlechtesten Klassen G und H sind für 50 Prozent des gesamten Energieverbrauchs des Gebäudebestands verantwortlich.
Die aktuelle Sanierungsquote liegt deutlich unter dem Zielwert. Laut der Marktdatenstudie des Bundesverbands energieeffiziente Gebäudehülle e.V. (BuVEG) lag die Quote im Jahr 2024 bei 0,69 Prozent. Dies ist weit unter dem Wert von 0,88 Prozent im Jahr 2022 und 0,70 Prozent im Jahr 2023. Um die Klimaziele bis 2030 zu erreichen, müssten laut denen Studien jährlich mindestens 2 Prozent der Gebäude saniert werden. Aktuell ist das jedoch nicht der Fall.
Auswirkungen auf den Klimaschutz und die Energiepolitik
Der Gebäudebereich ist für etwa 30 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland verantwortlich. Laut den Studien des Münchner Beratungsunternehmens „S&B Strategy“ und der Deutschen Energie-Agentur (dena) ist das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 unter der aktuellen Sanierungsrate nicht zu erreichen. Die Hauptgründe dafür sind der Fachkräftemangel, die langsam wachsende Sanierungsquote und der hohen Investitionsbedarf.
Christoph Blepp, Managing Partner bei S&B, betont, dass die Sanierungsziele bis 2045 „meilenweit“ davon entfernt sind, erreicht zu werden. Insbesondere bei Dächern und Fassaden fehlt es an der nötigen Dynamik, um den erforderlichen Energieverbrauchsabbau herbeizuführen. Der Investitionsbedarf für die Sanierung des Gebäudebestands wird auf rund 1,2 Billionen Euro geschätzt, verteilt auf die wichtigsten Sanierungsgewerke Heizung, Fenster, Dach und Fassade.
Ein zentraler Hebel, um die Sanierungsquote zu steigern, ist die Erhöhung der Produktivität im Handwerk. Laut Experten könnten fertige Module, Vorkonfektionierung und effizientere Prozesse die Arbeitszeit deutlich reduzieren. Allerdings fehlt es an der nötigen Personalbasis. Viele Handwerker werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen, und es fehlt an Nachwuchs, um die Lücken zu schließen.
Die Rolle der Energieeffizienzklasse und der Heiztechnik
Die Energieeffizienzklasse spielt eine entscheidende Rolle bei der Bewertung des Sanierungsbedarfs. Gebäude in den Klassen E bis H haben einen besonders hohen Energieverbrauch und tragen somit erheblich zu den CO₂-Emissionen bei. Laut den Daten von Purpose Green ist die Gasheizung mit 54,55 Prozent die am häufigsten genutzte Heiztechnik, gefolgt von der Ölheizung mit 15,7 Prozent. Die Luft-/Wasser-Wärmepumpe kommt auf 12,58 Prozent. Diese Zahlen zeigen, dass der Wechsel zu klimafreundlicheren Heiztechniken wie Wärmepumpen entscheidend ist, um die CO₂-Emissionen im Gebäudebereich zu reduzieren.
Zudem ist die Sanierungsquote in den Städten mit den schlechtesten Energieeffizienzklassen besonders niedrig. Dies hat zur Folge, dass die Sanierungspflicht für viele Immobilienbesitzer in den nächsten Jahren immer wahrscheinlicher wird. Insbesondere mit der Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) und dem Gebäudeenergiegesetz (GEG) rücken energetische Sanierungen stärker in den Fokus. Eigentümer müssen sich darauf einstellen, dass Gebäude mit schlechter Energieeffizienz zukünftig strengen Vorgaben unterliegen und verpflichtende Maßnahmen notwendig sein könnten.
Wirtschaftliche Auswirkungen: Kosten, Investitionen und Arbeitsmarkt
Die Sanierung des Gebäudebestands in Deutschland bringt nicht nur klimatische, sondern auch wirtschaftliche Herausforderungen mit sich. Die Kosten für umfassende Sanierungen sind hoch, und die Inflation sowie die steigenden Baupreise haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass viele Eigentümer Investitionen verschoben haben. Zwar hat sich das Interesse an energetischen Sanierungsmaßnahmen erhöht, doch die tatsächliche Umsetzung verlief bislang zurückhaltend.
Die Studie des Bundesverbandes Deutscher Industrie (BDI) weist darauf hin, dass in den nächsten zehn Jahren zusätzliche Investitionen in Höhe von 56 Milliarden Euro nötig sind, um den Wohnungsbau zu stimulieren und klimaneutral zu bauen. Zudem müssen Bildungseinrichtungen wie Kindergärten, Schulen und Universitäten saniert und digitalisiert werden, was einen Finanzierungsbedarf von mindestens 100 bis 130 Milliarden Euro schätzt.
Die Arbeitswelt im Sanierungsbereich steht vor ähnlichen Herausforderungen. Der Fachkräftemangel im Handwerk begrenzt die Kapazitäten, um die erforderlichen Sanierungsarbeiten in den nächsten Jahren durchzuführen. Gleichzeitig wird der Arbeitsmarkt durch die Digitalisierung und Automatisierung verändert, was sowohl Chancen als auch Risiken birgt. Insbesondere für Handwerker, die in traditionellen Berufen tätig sind, ist der Übergang zu neuen Technologien und Arbeitsmodellen oft schwierig.
Politische und gesellschaftliche Herausforderungen
Die politische Debatte um die Sanierungspflicht und die Umsetzung der Klimaschutzziele ist in den letzten Jahren zunehmend intensiver geworden. Insbesondere mit der Einführung des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) und der Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) haben sich die Anforderungen an Immobilienbesitzer verschärft. Zwar ist eine generelle Sanierungspflicht für alle Bestandsgebäude bislang nicht in Kraft, doch die Vorgaben werden kontinuierlich verschärft.
Eigentümer müssen sich daher darauf einstellen, dass Gebäude mit schlechter Energieeffizienz zukünftig strengen gesetzlichen Vorgaben unterliegen. Insbesondere bei Eigentümerwechseln oder bei der Erstellung von Energieausweisen könnten verpflichtende Nachrüstungen erforderlich sein. Zudem könnte es in den nächsten Jahren zu neuen Anforderungen an die Energieeffizienz kommen, die die Sanierungspflicht in bestimmten Fällen bereits ab 2026 betreffen könnten.
Gesellschaftlich sind die Auswirkungen des Sanierungsstaus ebenfalls beträchtlich. Die steigenden Mietpreise, vor allem in Städten wie München, haben dazu geführt, dass Normalverdiener sich Wohnraum zunehmend nicht mehr leisten können. Arbeitgeber, die keine Spitzengehälter zahlen, müssen oft Werkswohnungen anbieten, um Arbeitskräfte zu gewinnen. Zudem hat die Energiekrise und die Unsicherheit in Bezug auf zukünftige Energiekosten dazu geführt, dass viele Eigentümer Investitionen in den Sanierungssektor zurückhaltend planen.
Finanzierung und Förderung: Wie können Sanierungen unterstützt werden?
Die Sanierung des Gebäudebestands in Deutschland erfordert nicht nur eine höhere Sanierungsquote, sondern auch eine verbesserte Finanzierung. Die Bundesregierung hat in den letzten Jahren mehrere Förderprogramme ins Leben gerufen, darunter das Programm der KfW-Bank für energetische Sanierungen und das BAFA-Programm für Wärmepumpen. Diese Programme bieten Zuschüsse und günstige Kredite, um die Kosten für Sanierungsmaßnahmen abzusichern.
Laut Experten ist die Finanzierung jedoch nicht ausreichend. In der Diskussion um die Haushaltsplanung für 2025 waren 5 Milliarden Euro für Sanierungsmaßnahmen vorgesehen, doch diese Summe wird von vielen als unzureichend angesehen. Experten fordern höhere Investitionen in den Sanierungsbereich, um den Klimaschutzzielen gerecht zu werden und gleichzeitig die wirtschaftliche Stabilität zu sichern.
Zudem ist die Finanzierung durch Private und Investoren von großer Bedeutung. Der Bundesverband energieeffiziente Gebäudehülle e.V. (BuVEG) betont, dass durch energetische Sanierungen nicht nur CO₂-Emissionen reduziert, sondern auch Wertschöpfung entsteht. Sanierungstätigkeiten tragen zur Stabilisierung der Binnenwirtschaft und der Schaffung von Arbeitsplätzen bei.
Fazit
Der Sanierungsstau in Deutschland ist eine Herausforderung, die sowohl klimatische als auch wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Auswirkungen hat. Der aktuelle Stand zeigt, dass der Gebäudebestand in vielen Städten einen hohen Sanierungsbedarf aufweist, während die Sanierungsquote weit unter dem Zielwert liegt. Die Klimaschutzziele bis 2030 und 2045 sind ohne eine deutliche Steigerung der Sanierungsquote nicht zu erreichen.
Die Ursachen für den Sanierungsstau sind vielfältig: vom Fachkräftemangel über die hohen Sanierungskosten bis hin zur Unsicherheit im gesetzlichen Rahmen. Gleichzeitig bieten energetische Sanierungen Chancen, die Umweltbelastung zu reduzieren, den Wert von Immobilien zu steigern und die wirtschaftliche Stabilität zu sichern. Politische Maßnahmen, Investitionen und Förderprogramme sind entscheidend, um den Sanierungsstau zu überwinden und die Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen.
Quellen
- t-online.de: EU-Gebäuderichtlinie – In diesen Städten muss dringend saniert werden
- tagesschau.de: Gebäudebereich und Klimaziele – Sanierung auf Sicht
- gevestor.de: Sanierungspflicht bei Bestandsgebäuden – Ein Thema in 2026?
- buveg.de: Sanierungsquote in Deutschland
- dw.com: Kritik an der Infrastruktur – Deutschland lebt auf dem Buckel