Das Freizeitbad Aquatoll in Neckarsulm war einst ein Synonym für modernes Erlebnis- und Wellnessangebot in der Region. Als europaweit einzigartige Anlage mit markanter Glaskuppel und Wildwasserkanal zog es in den 90er-Jahren bis zu 450.000 Besucher pro Jahr an. Heute steht die Zukunft des Aquatolls in den Schlagzeilen – nicht wegen großer Erweiterungspläne oder einer bahnbrechenden Sanierung, sondern wegen der Entscheidung, das Gebäude komplett abzubrechen und an seiner Stelle einen Bürgerpark zu errichten.
Doch wie kam es dazu? Warum wurde eine Sanierung abgelehnt, obwohl Experten von kostengünstigeren Alternativen sprachen? Und welche Faktoren spielten in der Entscheidung der Stadt Neckarsulm eine Rolle? In diesem Artikel werden die Hintergründe, Kosten, kritische Stimmen und die Konsequenzen der Entscheidung für die Sanierung beziehungsweise den Abriss des Aquatolls detailliert ausgearbeitet.
Hintergrund: Geschichte und Funktion des Aquatolls
Das Aquatoll wurde im Jahr 1990 eröffnet und war damals ein Meilenstein der Erlebnisbäderlandschaft in Deutschland. Das Projekt, das von Architekt Ulrich Bechler als „geistiger Vater“ begleitet wurde, war mit seiner markanten Glaskuppel und dem weitläufigen Erlebnisbereich einzigartig. Die Anlage bot nicht nur einen Wellnessbereich mit Sauna, sondern auch Rutschen, Sprudelbecken und ein Solebad.
Die Anlage war auf eine lange Lebensdauer ausgelegt, doch mit der Zeit zeigten sich erste Schwächen: Die Technik alterte, Wartungskosten stiegen, und die Besucherzahlen sanken. In den letzten Jahren war das Aquatoll immer wieder Gegenstand von Diskussionen, ob es sinnvoll sei, in eine Sanierung zu investieren oder ob der Schritt zum Abriss gerechtfertigt sei.
Die Sanierungspläne und Kostenproblematik
Die Stadt Neckarsulm stellte 2020/2021 verschiedene Sanierungspläne in Betracht, die letztlich alle aufgrund von Kostenproblemen abgelehnt wurden. Nach Angaben der Stadt lagen die Sanierungskosten für eine umfassende Modernisierung bei etwa 37,5 Millionen Euro. Diese Summe war für den Gemeinderat nicht tragbar, insbesondere in einem Zeitraum, in dem andere kommunale Investitionen Priorität hatten.
Ein alternativer Vorschlag sah eine Sanierung im Rahmen einer Privatfinanzierung vor, die bis zu 20 Millionen Euro kosten sollte. Dieser Ansatz wurde von externen Experten und einigen Betroffenen wie Heiko Schulz (DLRG) unterstützt. Nach Ansicht von Jürgen Kannewischer, einem Ingenieur für Bäderbetriebe, war die Wassertechnik in Ordnung, außer dem Solebecken, das renoviert werden müsste. Die Kosten könnten durch einen externen Investor finanziert werden, was für die Stadt eine kostenneutrale Lösung darstellte.
Allerdings sprachen sich mehrere Mitglieder des Gemeinderats gegen jede Sanierung aus. Oberbürgermeister Steffen Hertwig betonte, dass ein zweites Freibad in Neckarsulm aus betriebswirtschaftlichen und klimapolitischen Gründen nicht mehr realisierbar sei. Die Kosten für Sanierung, Betrieb und Personal seien in der heutigen Zeit nicht mehr tragbar.
Kritik an der Sanierungskalkulation und der Finanzpolitik
Obwohl die Stadt mehrere Sanierungsvarianten in Betracht zog, blieben die Kritiker der Auffassung, dass zu wenig in das Aquatoll investiert wurde, um eine langfristige Sanierung sinnvoll zu gestalten. Dieter Mörlein, ehemaliger Werkleiter, warf der Stadt vor, dass man jährlich lediglich 2 % der Investitionskosten als Betriebsmittel in die Rücklage einstellen hätte müssen, um die Technik auf dem neuesten Stand zu halten. Das wären etwa 400.000 Euro pro Jahr.
Die Stadt betonte, dass in den Vorjahren durchschnittlich 500.000 Euro pro Jahr in die Unterhaltung investiert wurden, allerdings ohne Personalkosten. Im Jahr 2020 waren es 318.000 Euro, und 2021 sogar nur noch 185.000 Euro. Ein Rathaussprecher stellte klar, dass diese Investitionen „im Vergleich zu den Vorjahren nicht repräsentativ“ seien.
Diese Kritik fand auch im öffentlichen Raum Echo. Einige Bürger sprachen von einem „kaputtgesparten Aquatoll“, was als strategische Entscheidung interpretiert wurde, um eine Sanierung nicht durchzuführen.
Die Rolle des Ernst-Freyer-Bades
Ein weiterer Aspekt der Diskussion war die Sanierung des Ernst-Freyer-Bades, das sich in Obereisesheim befindet. Dieses Bad ist älter und liegt in einem Überschwemmungsgebiet, was die Planung erschwert. Dennoch sprach sich der Gemeinderat in mehreren Sitzungen dafür aus, das Ernst-Freyer-Bad grundsätzlich zu sanieren. Die Sanierungskosten sollten auf maximal 5 Millionen Euro begrenzt werden. Ziel war es, die Badewassertechnik höher zu legen, um das Bad besser vor Hochwasser zu schützen.
Zugleich blieb die Alternative eines Freibades auf dem Aquatoll-Gelände geöffnet. Stadtrat Gerald Friebe (FDP) betonte, dass das Aquatoll-Gelände der „einzig plausible Alternativstandort“ für ein Freibad sei. Allerdings war die Planung für ein Freibad auf dem Gelände mit zehn bis 25 Millionen Euro verbunden, was ebenfalls vom Gemeinderat abgelehnt wurde.
Der endgültige Entscheid: Abriss und Bürgerpark
Im Jahr 2024 gab die Stadt Neckarsulm schließlich den endgültigen Beschluss für den Abriss des Aquatolls. Die Sauna und der Freizeitbereich wurden am 15. Mai 2024 das letzte Mal geöffnet. Nur zwei von 27 Stadträten votierten gegen diese Entscheidung, einer enthielt sich. Die Stadt betonte, dass sie dennoch nach einem privaten Investor suche, um das Gelände einer neuen Nutzung zuzuführen.
Der Oberbürgermeister Steffen Hertwig sprach sich für einen naturnahen Freizeitbereich aus, der ein Wasser- und Matschangebot für Kinder beinhalten soll. Allerdings blieb unklar, wann der Umbau beginnen und wann der Bürgerpark fertiggestellt werden soll.
Architekt Ulrich Bechler, der das Aquatoll in den 90er-Jahren gestaltet hatte, betonte, dass die markante Glaskuppel erhalten geblieben sei und dass eine andere Nutzung, beispielsweise für Events, möglich wäre. Eine Fachfirma hatte im Sommer 2024 bestätigt, dass die Glaskuppel stabil sei und einzelne Scheiben ausgetauscht werden könnten.
Finanzierungsengpässe und Investitionsbedarf in Neckarsulm
Ein weiterer entscheidender Faktor für die Ablehnung der Sanierung war die Finanzlage der Stadt. Neckarsulm hat in den letzten Jahren einen hohen Investitionsbedarf, unter anderem für die kommunale Wärmeplanung, den Neubau der Franz-Binder-Verbundschule und die Sanierung der Hermann-Greiner-Realschule. Nach Angaben des Kämmerers Jürgen Kaufmann summieren sich diese Investitionen auf etwa 180 Millionen Euro.
Der Kämmerer betonte, dass die Stadt „eine super Infrastruktur“ habe, die aber auch unterhalten werden müsse. Alle neuen Investitionen würden aus den Rücklagen finanziert, was in den letzten Jahren bereits zu einem „jährlichen Defizit im zweistelligen Millionenbereich“ geführt habe.
Die Kritik an der Sanierung des Aquatolls lautete daher auch, dass die prioritäre Nutzung von Ressourcen in anderen Projekten stärker gewichtet wurde. Eine Sanierung des Aquatolls wäre in dieser Situation finanzpolitisch nicht durchführbar.
Fazit
Der Abriss des Aquatolls in Neckarsulm war das Ergebnis einer langfristigen Diskussion über die Zukunft der kommunalen Bäderlandschaft. Obwohl Experten und Betroffene kostengünstigere Sanierungsvarianten vorschlugen, stimmten die Mehrheit der Stadträte dafür, das Erlebnisbad zu schließen und das Gelände in einen Bürgerpark umzuwandeln.
Die Kosten der Sanierung – mit Schätzungen zwischen 5 und 37,5 Millionen Euro – wurden als zu hoch beurteilt, insbesondere vor dem Hintergrund der anderen Investitionspflichten der Stadt. Zudem argumentierte die Stadt mit betriebswirtschaftlichen und klimapolitischen Aspekten, die eine Sanierung in der heutigen Zeit als nicht mehr tragbar erscheinen ließen.
Kritiker sahen in der Entscheidung einen bewussten Schritt, das Aquatoll kaputt zu sparen, um die Kosten für eine Sanierung zu vermeiden. Diese Kritik spiegelt sich in Leserbriefen und öffentlichen Debatten wider.
Zwar bleibt die Sanierung des Ernst-Freyer-Bades geplant, doch auch hier gilt: Die Finanzierung und die klimatische Lage spielen eine entscheidende Rolle. Die Zukunft der Neckarsulmer Bäderlandschaft ist damit weiterhin in der Diskussion – und möglicherweise wird der Bürgerpark auf dem Aquatoll-Gelände ein neues Symbol der Stadt werden.
Quellen
- Aquatoll-Sanierung zu teuer
- Gemeinderat gegen Sanierung: Neckarsulms Erlebnisbad macht dicht
- Option für mögliche Freibad auf Aquatoll-Gelände bleibt offen
- Aquatoll-Sanierung steht auf der Kippe
- Freizeitbad Aquatoll geschlossen: Sauna auf dem Gelände abgerissen
- Neckarsulm-Aquatoll: Droht der Abriss des Vorzeigebades?
- Aquatoll endgültig geschlossen: Bürgerpark kommt auf Riesen-Areal