Die Sanierung der Fichtenberg-Oberschule in Berlin-Steglitz ist ein herausragendes Beispiel für den denkmalgerechten Umbau im Bildungsbereich. Das historische Gebäude, das 1911 im Stil der Reformarchitektur errichtet wurde, ist im Rahmen der Berliner Schulbauoffensive (BSO) einer umfassenden Sanierung unterzogen worden. Die Maßnahme, die unter der Leitung von SSP Rüthnick Architekten durchgeführt wurde, ist als Pilotprojekt für das Konzept „Bauen im Bestand“ bekannt. Ziel war es, die Schule modern zu machen, ohne dabei das historische Erbe zu zerstören. Besondere Aufmerksamkeit fand das Thema Inklusion, insbesondere bei der Anpassung an die Bedürfnisse von Schüler:innen mit Sehbehinderungen.
Historische Grundlagen und Architektur
Die Fichtenberg-Oberschule wurde 1911 von Hans Heinrich Müller entworfen. Müller war ein bedeutender Architekt der Reformarchitektur, der vor allem durch seine ziegelsichtigen Umspannwerke für die Berliner Elektrizitätswerke (Bewag) bekannt war. Für die Fichtenberg-Oberschule wählte er einen Stil, der sich bewusst vom damals vorherrschenden Historismus abwandte, aber gleichzeitig die handwerkliche Präzision betonte. Die Reformarchitektur, der Müller angehörte, war geprägt durch Vertreter wie Peter Behrens, Hermann Muthesius und Heinrich Tessenow. Sie setzte sich für eine funktionale und klare Architektur ein, ohne den traditionellen Baustil komplett zu verlassen.
Die Schule, die heute als 4-zügiges Gymnasium mit Inklusionsschwerpunkt „Sehen“ genutzt wird, war ursprünglich als höhere Mädchenschule konzipiert. Die historische Bedeutung des Gebäudes spiegelt sich auch in Details wie dem restaurierten historischen Brunnen im Obergeschoss oder der Rabitzdecke in der Aula wider. Diese Elemente wurden in den Sanierungsarbeiten sorgfältig erhalten und restauriert.
Die Sanierungsmaßnahmen: Kombination aus Erhalt und Modernisierung
Die Sanierung der Fichtenberg-Oberschule erfolgte in mehreren Bauabschnitten und unter Einhaltung des laufenden Schulumfeldes. Die Sanierungsarbeiten begannen 2017 im Rahmen der Berliner Schulbauoffensive (BSO) und fanden bis 2026 statt. Die Gesamtkosten der Sanierung belaufen sich auf 35 Millionen Euro, wobei 8 Millionen Euro aus dem Sondervermögen „Infrastruktur Wachsende Stadt“ (SIWA) stammen. Diese Finanzierung wurde vom Bezirk Steglitz-Zehlendorf angemeldet und von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen bewilligt.
Sanierung der Gebäudehülle und technischen Anlagen
Ein zentraler Aspekt der Sanierung war die Instandsetzung der Gebäudehülle. Die historischen Wände, Dächer und Fassaden wurden so restauriert, dass sie ihrer Funktion als Schutzschicht für das Gebäude gerecht wurden, ohne dabei den historischen Charakter zu verlieren. Gleichzeitig erfolgte eine komplett neue Errichtung der technischen Anlagen – darunter Heizung, Lüftung, Sanitär und Brandschutz –, die den heutigen Standards entsprechen.
Die Sanierungsarbeiten an der Gebäudehülle umfassten auch die Behebung von Schäden an der Baukonstruktion. In einigen Bereichen war die Substanz durch Witterungseinflüsse stark beansprucht, sodass eine umfassende Ertüchtigung notwendig war. Besondere Aufmerksamkeit wurde dabei auf die Energieeffizienz gelegt, was zur Erhöhung des energetischen Standards beitrug.
Brandschutz und Barrierefreiheit
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Ertüchtigung des Brandschutzes. Die historischen Gebäudeteile wurden so angepasst, dass sie den heutigen Vorschriften entsprechen. Ein besonderes Augenmerk galt auch der Barrierefreiheit. Die Schule wurde so umgestaltet, dass sie für alle Schüler:innen, unabhängig von ihren individuellen Bedürfnissen, nutzbar ist.
Die DIN 18040-1, die die bauliche Barrierefreiheit regelt, wurde bei der Sanierung strikt berücksichtigt. Besonders die Inklusion von Schüler:innen mit Sehbehinderungen war ein zentraler Aspekt. Hier wurde ein spezifisches Ausstattungskonzept entwickelt, das sowohl die räumliche wie auch die technische Infrastruktur berücksichtigt.
Clusterbildung und Lernlandschaften
Ein weiteres Innovationselement der Sanierung war die Umsetzung des Konzepts Clusterbildung. Statt der klassischen Flurschule wurde die Schule zu einem flexibleren Lernumfeld erweitert. Die breiten Flure und Wandelhallen wurden möbliert und als Lernbereiche genutzt. Diese Entwicklung ist vor allem durch das Brandschutzkonzept ermöglicht worden.
Die Clusterbildung erlaubt es, dass Schüler:innen in kleinen Gruppen oder in größeren Lernräumen arbeiten können. Dies fördert nicht nur das gemeinschaftliche Lernen, sondern auch individuelle Lernprozesse. Die neuen Räumlichkeiten, wie die Bibliothek, der Kunst- und Informatikraum, sowie die sanierte Turnhalle im Untergeschoss, ergänzen das pädagogische Angebot der Schule.
Instandsetzung der Aula und der Turnhalle
Die Aula, die seit 2015 gesperrt war, wurde 2024 nach umfangreichen Sanierungsarbeiten feierlich eröffnet. Sie bietet Platz für ca. 150 Schüler:innen und ist mit moderner Technik ausgestattet, darunter Scheinwerfer, ein Mischpult und neue Technologie. Die restaurierte Wandvertäfelung ist ein besonderes Aushängeschild der Aula. Die Aula wurde in der Sanierung auch um die Rabitzdecke ergänzt, wodurch der historische Charakter des Raums unterstrichen wird.
Die innere Turnhalle, die sich ebenfalls im Untergeschoss befindet, wurde komplett saniert und modernisiert. Sie ist in den Alltag der Schule integriert und wird regelmäßig genutzt. Die Turnhalle ist ein weiterer Schwerpunkt der Sanierung, der sowohl auf funktionale Nutzbarkeit als auch auf ästhetische Werte abzielt.
Nachhaltigkeit und Erhalt des historischen Kontextes
Die Sanierung der Fichtenberg-Oberschule ist ein herausragendes Beispiel für nachhaltiges Bauen im historischen Kontext. Die Architekten setzten bewusst auf Erhalt und Aufwertung der bestehenden Bausubstanz, anstatt sie vollständig zu ersetzen. Gleichzeitig wurden die modernen technischen Anforderungen berücksichtigt, um die Schule für die Zukunft fit zu machen.
Die Zusammenarbeit mit Fachplanern in den Bereichen Tragwerksplanung, Bauphysik, Haustechnik und Brandschutz war entscheidend für den Erfolg der Sanierung. Insbesondere die restauratorischen Arbeiten wurden unter Berücksichtigung der historischen Bedeutung durchgeführt, was zu einer gelungenen Symbiose aus Alt und Neu führte.
Inklusion und pädagogische Neuerungen
Die Fichtenberg-Oberschule ist heute eine Inklusionsschule mit Schwerpunkt „Sehen“. Die Sanierungsmaßnahmen wurden mit diesem Ziel abgeleitet, sodass die Räumlichkeiten und Technologien auf die Bedürfnisse von Schüler:innen mit Sehbehinderungen abgestimmt sind. Die Schule fördert ein gemeinschaftliches Lernen, in dem alle Schüler:innen gleichermaßen berücksichtigt werden.
Die Neugestaltung der Fachräume unterstreicht den Fokus auf praxisnahe Bildung. Hier spiegelt sich der Grundgedanke der Reformpädagogik wider, der auf experimentelles Lernen und flexible Lernformen abzielt. Diese pädagogischen Konzepte sind in die Architektur eingebettet, sodass sie nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch umgesetzt werden können.
Fazit: Ein Vorbild für den zukünftigen Schulbau
Die Sanierung der Fichtenberg-Oberschule ist ein Musterbeispiel für die Kombination von Denkmalschutz, Inklusion und Nachhaltigkeit. Sie zeigt, wie historische Gebäude durch sorgfältige Planung und moderne Technik zu leistungsfähigen und zukunftsorientierten Lernstätten umgestaltet werden können.
Das Projekt hat nicht nur die baulichen, sondern auch die pädagogischen Voraussetzungen für eine moderne Schule geschaffen. Es ist ein Pilotprojekt, das in der Berliner Schulbauoffensive als Vorlage für andere Sanierungsmaßnahmen dienen kann.
Mit der Fertigstellung des gesamten Projekts im Jahr 2026 wird die Fichtenberg-Oberschule nicht nur in architektonischer, sondern auch in pädagogischer Hinsicht ein Beispiel für den zukünftigen Schulbau sein.
Quellen
- Fichtenberg-Oberschule: Ein Denkmal im Wandel
- Fichtenberg-Gymnasium frisch saniert
- Fichtenberg-Oberschule, Berlin, Gesamtsanierung, 2018–2025
- Schulsanierung in Berlin
- Pressemitteilung: Fichte-Oberschule feiert Eröffnung
- Altdoernfeld: Pressemitteilung zur Fichte-Oberschule
- Sanierung der denkmalgeschützten Fichtenberg-Oberschule in Fachmagazin