Sanierung des Forggensee-Staudamms: Herausforderungen, Kosten und Auswirkungen auf Tourismus und Infrastruktur

Der Forggensee-Staudamm bei Roßhaupten ist ein zentrales Baudenkmal in der Region Füssen und zählt zu den wichtigsten touristischen Anziehungspunkten im Allgäu. Erbaut zwischen 1950 und 1954, ist der Staudamm nun nach 64 Jahren in eine Phase der intensiven Sanierung geraten. Die notwendigen Baumaßnahmen – getrieben von Sicherheitsbedenken und der Aufrechterhaltung der Funktionstüchtigkeit – werfen nicht nur technische, sondern auch wirtschaftliche und touristische Fragen auf. Dieser Artikel gibt einen detaillierten Überblick über den Hintergrund, den Ablauf der Sanierungsarbeiten, die finanziellen Aspekte sowie die damit verbundenen Konsequenzen.


Hintergrund: Warum war eine Sanierung notwendig?

Der Forggensee-Staudamm, der das Wasser des Lechs reguliert und die Region vor Überschwemmungen schützt, ist bereits seit mehreren Jahrzehnten in Betrieb. Nachweislich seit 2015 wurden kontinuierliche Messungen an insgesamt 50 Überwachungsstellen durchgeführt, die die Stabilität und Leistungsfähigkeit des Damms analysierten. Im Januar 2018 wurde der Betreiber Uniper Kraftwerk GmbH aufgrund der Ergebnisse dieser Beobachtungen zu einer dringenden Sanierung gezwungen.

Ursachen der Schäden

Laut den Angaben der Betreiberfirma sind die Schäden auf natürliche Risse im Fels zurückzuführen, auf dem der Damm erbaut wurde. Diese Risse wurden beim Bau mit Zement verfüllt. Im Laufe der Jahre hat das Wasser jedoch den Zement herausgewaschen, wodurch die Dichtung des Dammes beeinträchtigt wurde. Die Folge: Es kam zu einer zunehmenden Wasserabgabe unterhalb des Dammes, was die Stabilität der gesamten Anlage bedrohte.

Sicherheit als Priorität

Uniper betonte in mehreren Verlautbarungen, dass die Sicherheit die zentrale Priorität war. Ein Wiederaufstau des Sees sei ohne Sanierungsmaßnahmen nicht mehr möglich, da die Dichtung nicht mehr sicher funktioniere. „Ein Wiederaufstau im Sommer und eine Dammsanierung im laufenden Betrieb des Sees zu ermöglichen, haben wir uns als Herausforderung gestellt“, erklärte Carsten Gollum, Leiter der Kraftwerksgruppe Lech.


Sanierungsplan: Zwei Phasen und eine Investition von über 30 Millionen Euro

Die Sanierungsmaßnahmen erfolgten in zwei Phasen, wobei jede Phase spezifische Ziele verfolgte. Insgesamt wurden bis zur Fertigstellung Kosten in Höhe von 30 Millionen Euro investiert, was deutlich über den ursprünglichen Schätzungen von 20 Millionen Euro liegt.

Phase 1: Stabilisierung zur Wiederaufstauung

Die erste Phase begann Mitte 2018 und beinhaltete die Injektion von Zement in die Felsrisse, um eine vorübergehende Stabilisierung des Dammes zu ermöglichen. Ziel war es, den Forggensee bereits im Sommer 2018 wieder aufzustauen – idealerweise bis zum traditionellen Datum vom 1. Juni. Die Injektionsarbeiten sollten den Damm vorübergehend wasserdicht machen, sodass der Stausee nicht aufgrund von Undichtigkeiten leer laufen würde.

Trotz der Priorität auf zeitgerechten Wiederaufstau gab es Verzögerungen. Nach Angaben von Uniper hing der genaue Zeitpunkt des Wiederaufstaus von den Ergebnissen der Injektionsarbeiten ab. „Abhängig vom Baufortschritt in Phase eins und dem Wasserdargebot rechnen wir mit Verzögerungen von mehreren Wochen“, hieß es.

Phase 2: Dauerhafte Abdichtung mit Betonschlitzwand

Die zweite Phase begann nach der ersten Sanierungsphase und umfasste die Errichtung einer Betonschlitzwand. Diese Wand sollte über die gesamte Länge des Damms (320 Meter) errichtet werden, mit einer Dicke von ca. 80 Zentimetern und einer Tiefe bis zu 75 Metern. Die Schlitzwand sollte sich bis zu 40 Meter tief in den Untergrund erstrecken, um eine langfristige Abdichtung zu gewährleisten.

Diese Maßnahme war technisch aufwendig und erforderte moderne Geräte wie Schlitzwandgeräte, die Kerben in die Dichtung schneiden und diese mit Beton füllen. Die Stabilität des Dammkerns sollte so nachhaltig gesichert werden.

Erneuerung der Fahrbahn

Neben den technischen Sanierungsarbeiten wurde auch die Fahrbahn über dem Damm komplett erneuert. Während des gesamten Sanierungszeitraums war die Straße für Kraftfahrzeuge gesperrt. Fußgänger und Radfahrer konnten über eine provisorische Passage durchqueren, um die touristischen Wege nicht vollständig zu unterbrechen.


Auswirkungen auf Tourismus und lokale Wirtschaft

Die Sanierungsarbeiten hatten weitreichende Auswirkungen auf die Region, insbesondere auf den Tourismus. Der Forggensee zählt zu den beliebtesten Freizeitzielen im Allgäu und zieht jedes Jahr tausende Besucher an. Die mögliche oder tatsächliche Leere des Sees in den Sommermonaten führte zu erheblichen Unsicherheiten und wirtschaftlichen Einbußen.

Tourismus: Verzögerungen und Kurswechsel

Die Betreiberin der Schifffahrt, Helmut Schauer, berichtete, dass der Umsatz der Schifffahrten um mehr als eine Million Euro gesunken sein könnte, sollte der See im Sommer 2018 leer bleiben. Zudem wurden Reservierungen für Juni abgesagt, und es wurden Alternativen gesucht. Schauer betonte, dass die kurzfristige Information die Planung erschwerte, insbesondere für Personal und Sonderveranstaltungen.

Auch der Segelverein Füssen-Forggensee litt unter den Auswirkungen. Laut Vorsitzendem Jürgen Jentsch standen über 500 Boote still, die nicht zu Wasser gelassen werden konnten. Dies führte zu Einnahmeverlusten von bis zu 40 Prozent, was den Trainingsbetrieb – insbesondere in der Jugend – stark beeinträchtigte.

Infrastruktur: Verkehrsprobleme und Umleitungen

Die Sperrung der Straße über den Damm hatte auch erhebliche Auswirkungen auf den regionalen Verkehr. Die Regionalverkehr Allgäu GmbH organisierte Umleitungen über Lechbruck, was den normalen Linienverkehr nach Halblech unterbrach. Die Anrainergemeinschaften, insbesondere Händler und Kioskbetreiber, erlitten Einnahmeausfälle, da der Durchgangsverkehr nachließ.

Agrarproduzenten, die ihre Felder direkt an der Baustelle hatten, konnten ebenfalls nicht mehr die üblichen Transportwege nutzen. Umleitungen über Lechbruck oder Füssen erwiesen sich als zeitintensiv und logistisch schwierig.


Technische Aspekte der Sanierung: Sicherheit und Stabilität im Vordergrund

Die Sanierungsarbeiten standen unter dem Motto „Sicherheit an erster Stelle“. Uniper betonte, dass alle Entscheidungen – insbesondere die Entscheidung, den See aufzustauen – an Sicherheitskriterien orientiert wurden. „Wir werden deshalb über den Aufstau allein nach Sicherheitsgesichtspunkten entscheiden“, erklärte ein Sprecher. Sollten die Experten aufgrund der Injektions- und Erkundungsarbeiten eine negative Einschätzung abgeben, würde der Aufstau abgebrochen oder nicht erfolgen.

Die Sicherheitsphilosophie führte auch zu notwendigen Straßensperrungen während der Bauzeit. Da die Arbeiten von der Dammkrone aus durchgeführt wurden und große Baumaschinen zum Einsatz kamen, wurde ein Umleitungskonzept für Autos und Lkws erarbeitet. Dieses wurde rechtzeitig und umfassend kommuniziert, um die Auswirkungen auf die Bevölkerung zu minimieren.


Fazit

Die Sanierung des Forggensee-Staudamms war ein Mammutprojekt, das sowohl technisch als auch wirtschaftlich eine große Herausforderung darstellte. Mit Investitionen von über 30 Millionen Euro und einer Bauzeit von etwa einem Jahr wurde der Damm saniert, um seine Funktionstüchtigkeit für die nächsten Jahrzehnte zu gewährleisten.

Die Arbeiten betrafen nicht nur die technischen Aspekte, sondern auch die touristischen und wirtschaftlichen Strukturen der Region. Zwar war die Sanierung notwendig, doch sie führte zu erheblichen Störungen, insbesondere im Sommer 2018. Die Erfahrung zeigt, wie eng verbunden die Infrastruktur mit der regionalen Wirtschaft und dem Tourismus ist.

Dank der engagierten Planung und Durchführung war der Staudamm am Ende wieder sicher und funktionsfähig. Der Forggensee, der 2019 nach Abschluss der Sanierung wieder gefüllt wurde, kann seine Erfolgsgeschichte weiter schreiben – und nicht mit 65 Jahren in den Ruhestand gehen, wie es im schlimmsten Fall hätte geschehen können.


Quellen

  1. Kreisbote – Staudamm muss saniert werden
  2. Allgäuer Zeitung – 20 Millionen Euro Sanierung
  3. Allgäuer Zeitung – Sanierung abgeschlossen
  4. Allgäuer Zeitung – Touristische Auswirkungen
  5. Kreisbote – Kein Abstau 2018
  6. Allgäuer Zeitung – Staudamm mit Neuschwanstein vergleichbar

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