Einleitung
Das historische Rathaus in Bodenheim steht heute nicht nur als architektonisches Juwel der Renaissance, sondern auch als herausragendes Beispiel für eine sorgfältig geplante und durchgeführte Sanierung. Erbaut im Jahr 1608, ist das Rathaus ein Wahrzeichen der fränkisch-hessischen Fachwerkbauweise und hat über die Jahrhunderte wechselnde Funktionen und Zustände durchlitten. Die letzte umfassende Renovierung, die 2023 abgeschlossen wurde, hat nicht nur den baulichen Zustand des Gebäudes restauriert, sondern auch den Charakter der historischen Baukunst bewahrt. In diesem Artikel wird der Ablauf der Sanierung detailliert beschrieben, der finanzielle Aufwand, die verwendeten Materialien und Techniken sowie die Herausforderungen, die sich während des Projekts stellten, beleuchtet. Zudem werden die historischen Hintergründe und die architektonische Bedeutung des Rathauses im Kontext der rheinhessischen Baukunst erläutert.
Historische Bedeutung und Architektur
Das Rathaus in Bodenheim wurde 1608 unter dem damaligen Ortsherrn, Probst Anton Walpot von Bassenheim, als Gerichtsgebäude des Mainzer Ritterstifts St. Alban errichtet. Es ist ein zweigeschossiges Fachwerkgebäude, das im Stil der Renaissance gestaltet wurde, was um 1555 begann. Der Bau ist reich an Schnitzereien und architektonischen Details, die den Zeitgeist des 17. Jahrhunderts widerspiegeln. Ein zentrales Element des Rathauses ist der Erker, der in der Mittelachse der Giebelseite liegt und ohne Unterbau konstruiert wurde. Das Satteldach des Erkers ist mit einem gewellten Fachwerkgiebel versehen, was einen hohen ästhetischen Wert verleiht.
Im Obergeschoss finden sich typische Motive der Zeit, wie der „Wilde Mann“, Schriftbänder, geschnitzte Dreiviertelsäulen und Masken. Besonders auffallend ist das Holzkopfrelief auf der Rückseite, das mit einer herausgestreckten Zunge versehen ist. Auf der Ostseite des Rathauses, also der Rheinseite, sind die Namen des Schultheißen und der Schöffen aus dem Jahr 1608 zu lesen. Der Eingang zum Kellergewölbe, das einst als Gefängnis genutzt wurde, liegt ebenfalls an dieser Seite.
Die Bauweise des Erdgeschosses war ursprünglich eine offene Halle mit Rundbogenöffnungen, wovon freigelegte Reste im nördlichen Teil noch zu erkennen sind. Die „gestörte Fachstruktur“ an der Westseite lässt auf eine ein- oder zweiarmige Außentreppe zum ersten Obergeschoss schließen. Der Erker trägt in seinem Brüstungsfeld das in Holz geschnitzte Wappen des Ritterstifts St. Alban, das auf den sogenannten „Albansgulden“ zurückgeht und in den heutigen Ortwappen von Bodenheim übernommen wurde.
Bauliche Herausforderungen und Vorgeschichte der Sanierungen
Trotz seiner architektonischen Schönheit und seiner historischen Bedeutung erforderte das Rathaus in den letzten Jahrzehnten mehrfach umfangreiche Sanierungsarbeiten. Im Jahr 1999 wurde eine gründliche Bestandsaufnahme durchgeführt, die ergab, dass eine erneute Generalsanierung notwendig war. Der Ortsgemeinderat beauftragte daraufhin das Architekturbüro Kockmann+Best+Rathgeber mit der Erstellung eines Maßnahmekonzeptes in Zusammenarbeit mit einem Statikbüro. Dieses Konzept wurde in enger Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege erstellt und diente als Grundlage für die Planung und Finanzierung der Sanierung.
Die Maßnahmen wurden jedoch zunächst aus finanziellen Gründen zurückgestellt, da die Ortsgemeinde aufgrund ihrer angespannten Haushaltslage nicht in der Lage war, die erforderlichen Mittel bereitzustellen. Erst im Jahr 2006 wurde die Untersuchung wiederholt, und es stellte sich heraus, dass die Bausubstanz sich weiter verschlechtert hatte. Dies machte einen sofortigen Eingriff erforderlich, und das Maßnahmekonzept wurde entsprechend überarbeitet.
Ablauf der Sanierung
Die Sanierung des Rathauses begann im Juli 2007 und dauerte insgesamt etwa ein Jahr, wobei der Baubeginn am 23. Juli 2007 erfolgte. Um die Arbeiten nicht durch das Verweilen der Gemeindeverwaltung im Gebäude zu behindern, wurde die Verwaltung vorübergehend in das Gebäude der Verbandsgemeinde am Dollesplatz verlegt. Dies ermöglichte es, die Sanierungsarbeiten ohne Störung durchzuführen und den ursprünglichen Plan, die Arbeiten rechtzeitig zum 400-jährigen Jubiläum des Rathauses im Jahr 2008 abzuschließen, weitgehend einzuhalten.
Die Sanierungsarbeiten umfassten eine Vielzahl von Maßnahmen, die sowohl den äußeren als auch den inneren Bereich des Rathauses betrafen. Zunächst wurde der schadhafte Sockelputz an der Fassade entfernt, um die Fundamente freizulegen. Im Gewölbekeller wurde ein Sickerschacht erstellt, und der Keller selbst saniert, um die Hauptursachen für die Feuchtigkeitsschäden zu minimieren. Anschließend wurde der Fundamentbereich wieder verfüllt, um die Baufreiheit für die Gerüstbauarbeiten herzustellen. Das Gerüst wurde am 20. August 2007 gestellt.
Parallel dazu wurde die haustechnische Rohinstallation erneuert. Dabei wurde entschieden, die alten Nachtspeicheröfen durch eine wirtschaftlichere Gasheizung mit Bauteiltemperierung zu ersetzen. Diese Maßnahme diente nicht nur der Energieeinsparung, sondern auch dem Schutz der Bausubstanz vor aufsteigender Feuchte, die zu weiteren Schäden geführt hatte.
Im nächsten Schritt erfolgten die Ausbaugewerke im Inneren, darunter der Innenputz aus Lehm und Kalk sowie die Anstriche, Trockenbauarbeiten und Tapezierungen. Im nächsten Frühjahr, nach Abschluss dieser Arbeiten, wurde das Wetterschutzdach abgebaut, um die Baufreiheit für die restlichen Arbeiten im Außenbereich zu erhalten. Danach folgten die Sanierung des Außenputzes, der Außenanstrich und die Fertiginstallation der haustechnischen Gewerke.
Die Sanierungsarbeiten wurden schließlich im Jahr 2023 abgeschlossen, wobei das Rathaus erneut in neuem Glanz erstrahlte. Es gelang, die historische Substanz des Gebäudes zu erhalten und gleichzeitig energetische Verbesserungen vorzunehmen.
Kosten und Finanzierung
Die Sanierung des Rathauses war mit erheblichen Kosten verbunden. Laut Angaben des Ortsbürgermeisters Thomas Becker-Theilig beliefen sich die Gesamtkosten auf etwa eine Million Euro. Ein erheblicher Teil dieser Kosten entfiel auf Handwerkerleistungen, da 90 Prozent der Arbeiten Handarbeit erforderten. Insbesondere die Arbeiten an den Holzkonstruktionen und dem Fachwerk stellten eine besondere Herausforderung dar. Ein Zimmermann betonte, dass für die Herstellung der Kleinteile für das Fachwerk unzählige Stunden nötig waren.
Zusätzlich zu den hohen Handwerkerkosten entstanden Kosten für die Erneuerung der Haustechnik, insbesondere der Heizung. Der Austausch der alten Nachtspeicheröfen durch eine Gasheizung war eine notwendige Maßnahme, um den Energiebedarf zu senken und die Bausubstanz besser zu schützen. Die finanzielle Belastung der Gemeinde war erheblich, da einige der Firmen, die bei der letzten Sanierung tätig waren, mittlerweile nicht mehr existierten, was die Gemeinde gezwungen hat, alle Kosten alleine zu tragen.
Verwendung von Materialien und Techniken
Bei der Sanierung des Rathauses wurde großer Wert auf die Verwendung von Naturstoffen und historisch passenden Materialien gelegt. Beispielsweise wurden bei der Außen- und Innenverputzung Lehm und Kalk eingesetzt, was nicht nur zur Authentizität des Gebäudes beitrug, sondern auch positive Auswirkungen auf die Energiebilanz hatte. Die Farbgestaltung der Fassade und der Innenräume wurde an historische Vorgaben angepasst, um die ursprüngliche Optik des Rathauses wiederzubeleben.
Die Holzkonstruktionen wurden sorgfältig restauriert, wobei filigrane Holzstücke in die Lücken eingefügt wurden, um die Kontinuität der Fachwerkbauweise wiederherzustellen. In einigen Bereichen wurden die ursprünglichen Schnitzereien freigelegt und in die neue Gestaltung eingebunden, um den historischen Charakter des Rathauses hervorzuheben. Einige Wände im ersten Obergeschoss wurden sogar bewusst offen gelassen, um die ursprüngliche Bauweise sichtbar zu machen und das historische Erbe zu dokumentieren.
Herausforderungen während der Sanierung
Die Sanierung des Rathauses war mit zahlreichen Herausforderungen verbunden. Eines der ersten Probleme trat auf, als Teile der Fassade auf die Straße fielen und dadurch Personen in Gefahr geraten konnten. Dies führte dazu, dass das gesamte Rathaus eingerüstet werden musste. Ein weiteres Problem entstand, als ein Trägerbalken im Vorzimmer des ersten Stockes fast durchgebrochen war. Dies war ein Moment, der zur sofortigen Einsetzung von Statikern und Bauspezialisten führte, die den Zustand des Gebäudes begutachteten und erforderliche Maßnahmen vorschlugen.
Die Herausforderungen bei der Sanierung waren nicht nur baulicher Natur, sondern auch organisatorischer. Die vorübergehende Unterbringung der Gemeindeverwaltung in der Turnhalle war eine notwendige, aber unkomfortable Maßnahme, die den Arbeitsablauf beeinträchtigte. Zudem war es notwendig, eng mit der Denkmalschutzbehörde zusammenzuarbeiten, um sicherzustellen, dass alle Maßnahmen den Anforderungen der Denkmalpflege entsprachen.
Energetische Aufwertung
Neben der Restauration der baulichen Substanz war auch eine energetische Aufwertung Teil der Sanierungsmaßnahmen. Die Erneuerung der Haustechnik, insbesondere der Heizung, spielte hierbei eine zentrale Rolle. Die alten Nachtspeicheröfen wurden durch eine wirtschaftlichere Gasheizung ersetzt, wodurch der Energiebedarf des Gebäudes reduziert werden konnte. Gleichzeitig trug die Verwendung von Lehm- und Kalkputzen dazu bei, die thermischen Eigenschaften des Gebäudes zu verbessern.
Die energetische Aufwertung war jedoch nicht nur auf Kostenersparnis ausgerichtet, sondern auch auf den Schutz der Bausubstanz. Die alte Heiztechnik hatte beispielsweise dazu beigetragen, dass Feuchtigkeit in das Gebäude eindrang, was die Bausubstanz weiter geschädigt hatte. Die neue Heizung sorgte dafür, dass diese Probleme minimiert wurden und die Bausubstanz langfristig geschützt werden konnte.
Ausblick und Fazit
Die Sanierung des historischen Rathauses in Bodenheim ist nicht nur ein Meilenstein in der Geschichte der Denkmalspflege in Rheinhessen, sondern auch ein Beweis für die Bedeutung von sorgfältiger Planung, qualifizierter Handwerkerarbeit und der Einbindung historisch passender Materialien. Der Ortsbürgermeister Thomas Becker-Theilig zeigte sich nach Abschluss der Arbeiten erfreut über das Ergebnis und betonte, dass das Rathaus nun wieder in neuem Glanz erstrahlt und als zentraler Ort der Gemeindeverwaltung dienen kann.
Die Sanierung hat nicht nur den baulichen Zustand des Rathauses verbessert, sondern auch dessen Funktion als kulturelles und historisches Wahrzeichen gestärkt. Die Fotos von der Sanierung, die während der Arbeiten dokumentiert wurden, sollen in Zukunft ausgestellt werden, um das Publikum über den Prozess und die Hintergründe der Renovierung zu informieren.
Für Bauherren, Architekten und Handwerker bietet die Sanierung des Bodenheimer Rathauses wertvolle Einsichten in die Planung und Durchführung großer Renovierungsprojekte historischer Gebäude. Sie unterstreicht die Notwendigkeit, auf die historische Substanz zu achten, gleichzeitig aber auch moderne Techniken und Materialien einzusetzen, um die Funktion und den Wert des Gebäudes langfristig zu sichern.