Das Mineralbad Berg in Stuttgart, das älteste Bad der Stadt und ein historisches Wahrzeichen, stand in den Jahren 2016 bis 2020 im Fokus einer umfangreichen Generalsanierung. Diese Sanierung war nicht nur eine technische Herausforderung, sondern auch ein komplexes Projekt in der Balance zwischen Denkmalschutz, modernen baulichen Anforderungen und der Erhaltung des charakteristischen Stuttgarter Stadtbildes. Der Bauherr, die Bäderbetriebe Stuttgart, setzte in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro 4a Architekten auf eine strategische Kombination aus Erhaltung, Sanierung und Neubau, um das 163 Jahre alte Bad in den 21. Jahrhundert zu überführen, ohne seine historische Identität zu verlieren.
Hintergrund und Projektziele
Das Mineralbad Berg wurde erstmals 1856 eröffnet und war damals als Badeanlage im städtischen Raum einzigartig. Über die Jahrzehnte entwickelte sich das Bad zu einem Wahrzeichen Stuttgarts, das nicht nur durch seine Heilwirkung, sondern auch durch seinen stimmungsvollen Retrocharakter bekannt war. Der ursprüngliche Plan für die Sanierung sah eine Modernisierung des Bestandsgebäudes vor. Doch bereits im Sommer 2016 stellte sich heraus, dass eine reine Sanierung nicht machbar war: bauliche und betriebliche Mängel ließen keinen Stabilisierungsversuch zu. Stattdessen wurde entschieden, das Bestandsgebäude zu entkernnen und in Teilen abzureißen. Die Generalsanierung wurde schließlich mit einem Budget von rund 34 Millionen Euro genehmigt und in den Jahren 2016 bis 2020 umgesetzt.
Ein zentrales Ziel war, den charakteristischen 50er-Jahre-Charme des Bades zu bewahren. Dies war nicht nur aus ästhetischen Gründen wichtig, sondern auch, um den Stammgästen und der Stuttgarter Bevölkerung ein vertrautes und emotional verankertes Angebot zu präsentieren. Die Sanierung sollte daher sowohl technisch als auch gestalterisch auf das historische Erbe Rücksicht nehmen.
Architektonische Herausforderungen und Planung
Die Generalsanierung des Mineralbad Berg stellte die Architekten und Planer vor mehrere Herausforderungen. Der L-förmige Baukörper mit Nord- und Ostflügel, in dem das quadratische Außenbecken mit Seecharakter eingebettet liegt, wurde in seiner ursprünglichen Form weitgehend erhalten. Allerdings musste das Bewegungsbad im Osten der Anlage abgerissen und durch einen Anbau ersetzt werden. Der neue Baukörper integrierte sich architektonisch in den Ostflügel und übernahm die charakteristische Gebäudestruktur, um die historische Kontinuität zu sichern.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Gestaltung des Foyers, das als zentraler Knotenpunkt des Bades fungiert. Die neue Eingangshalle wurde offen und transparent gestaltet, um den Blick zum Außenbecken und in den Parkbereich zu ermöglichen. Die Badehalle selbst wurde sowohl im Erdgeschoss als auch im Obergeschoss erweitert, wobei eine Holzlamellendecke als gestaltgebendes Element eingesetzt wurde. Diese Decke schwingt sich in sanften Formen von der Wand bis zur Glasfassade und unterstreicht den warmen und natürlichen Charakter des Bades.
Erhalt und Wiederherstellung historischer Elemente
Ein besonderes Augenmerk galt bei der Sanierung der Erhaltung historischer Details. So wurden die Holzliegen um das Außenbecken, die Holzkabinen und die kippartigen Mineralwasserkaltduschen gesichert, restauriert und in das neue Konzept integriert. Der charakteristische Baumbestand des parkähnlichen Außenbereichs blieb weitgehend erhalten, was den ursprünglichen Charakter des Bades bewahrte.
Auch die Glaskunst im Gebäude, insbesondere die restaurierte Kunst des Künstlers Hundhausen, spielte eine wichtige Rolle. Die Sichtbetonwände und die Farbgebung trugen dazu bei, eine angenehme und entspannende Atmosphäre im Bad zu schaffen. Die restaurierten Hängeleuchten in der Kaltbadehalle, die Holzliegen und die Sommerumkleiden wurden nach der Schließung des Bades eingelagert, aufbereitet und in das neue Konzept eingebunden.
Technische Modernisierung und Energieeffizienz
Neben der architektonischen Gestaltung lag ein weiterer Schwerpunkt der Generalsanierung auf der technischen Modernisierung. Alle Gebäude- und Betriebsteile des Bades, mit Ausnahme der Außengastronomie, wurden saniert. Dies umfasste die Sanierung der Quellen, die Generalsanierung der technischen Anlagen und die Erneuerung der Oberflächen. Die sechs Heilwasserquellen des Bades wurden geophysikalisch untersucht und weitgehend in Ordnung befunden, wobei besondere Materialien aufgrund der aggressiven Zusammensetzung des Mineralwassers eingesetzt wurden.
Ein besonderes Augenmerk galt auch der Energieeffizienz. Obwohl der Plan, erneuerbare Energien in das Konzept einzubinden, verworfen wurde – aus Gründen des Denkmalschutzes –, wurden dennoch energieeffiziente Technologien und Materialien eingesetzt, um den Energieverbrauch zu reduzieren. So wurde das gesamte Lüftungssystem überarbeitet und auf moderne Standards gebracht, was auch die Luftqualität im Innenbereich verbesserte.
Barrierefreiheit und Nutzbarkeit
Ein weiterer Aspekt der Generalsanierung war die Schaffung von barrierefreien Zugängen. Durch Rampen im Eingangsbereich und drei Aufzugsanlagen konnten alle Bereiche des Bades für Menschen mit eingeschränkter Mobilität nutzbar gemacht werden. Diese Maßnahmen entsprachen nicht nur den gesetzlichen Vorgaben, sondern trugen auch dazu bei, das Bad für eine breite Bevölkerungsgruppe zugänglicher zu machen.
Betriebskonzept und soziale Aspekte
Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten eröffnete das Mineralbad Berg am 5. Oktober 2020 erneut. Das neue Betriebskonzept betonte die Positionierung des Bades als Heil- und Gesundheitsbad ohne spezielle kindgerechte Einrichtungen. Diese Ausrichtung unterscheidet das Mineralbad Berg von anderen städtischen Bädern und zielt auf eine spezifische Zielgruppe ab.
Die Preissstruktur wurde bewusst gestaltet, um sowohl kurze Besuche als auch ausgiebige Nutzung zu ermöglichen. So kostete ein Einzeleintritt mit unbegrenzter Badezeit 12,00 Euro (ermäßigt 9,60 Euro), während der Eintritt für zwei Stunden 9,00 Euro (ermäßigt 7,20 Euro) betrug. Diese Staffelung ermöglichte eine flexible Nutzung des Bades, die auf die Bedürfnisse der Besucher abgestimmt war.
Ein weiteres wichtiges Element des Betriebskonzepts war die geschlechtergetrennte Sauna-Nutzung, die mit dem historischen Charakter des Bades übereinstimmte und traditionelle Kundenwünsche erfüllte. Die Saunaanlage im Obergeschoss blieb geschlechtergetrennt, wobei je zwei Schwitzkabinen sowie Ruhe- und Aufenthaltsflächen zur Verfügung standen.
Eröffnung und gesellschaftliche Akzeptanz
Die Eröffnung des sanierten Mineralbad Berg im Oktober 2020 war ein Ereignis, das sowohl bei der Stuttgarter Bevölkerung als auch bei den Medien auf großes Interesse stieß. Oberbürgermeister Fritz Kuhn betonte in seiner Eröffnungsrede die Bedeutung des Bades für Stuttgart als „Mineralwasserstadt“ und hob die historische und kulturelle Bedeutung des Bades hervor. Der Technische Bürgermeister Dirk Thürnau hob hervor, dass das große Außenbecken mit naturbelassenem Heilwasser ein Alleinstellungsmerkmal sei, das das Bad auch nach der Sanierung weiterhin auszeichne.
Trotz der langen Bauzeit – die Sanierung dauerte insgesamt vier Jahre, zwei Jahre länger als geplant – zeigten sich die Besucher nach der Wiedereröffnung begeistert. Die neuen Anlagen, die restaurierten Elemente und die modernisierte Technik trugen dazu bei, das Bad zu einer attraktiven Einrichtung zu machen, die sowohl den historischen Charakter bewahrte als auch moderne bauliche Standards erfüllte.
Fazit
Die Generalsanierung des Mineralbad Berg in Stuttgart war ein komplexes Projekt, das nicht nur architektonische, sondern auch technische, soziale und rechtliche Herausforderungen mit sich brachte. Die Planung und Ausführung der Sanierung zeigten, wie historische Gebäude in eine moderne Zeit überführt werden können, ohne ihre Identität zu verlieren. Durch die sorgfältige Erhaltung historischer Elemente, die technische Modernisierung und die Schaffung barrierefreier Zugänge gelang es, das Bad in den 21. Jahrhundert zu überführen und gleichzeitig seine traditionelle Funktion zu bewahren.
Das Projekt unterstreicht die Bedeutung von Denkmalschutz in der Städtebau- und Bausanierungspolitik und zeigt, dass auch bei der Sanierung historischer Gebäude innovative Lösungen und moderne Technologien eingesetzt werden können. Die Sanierung des Mineralbad Berg kann daher als ein Vorbild für zukünftige Projekte im Bereich der Bädersanierung und Denkmalschutz betrachtet werden.