Schloss Wittenberg: Sanierung als Vorbild für denkmalgerechte Bauweise und moderne Nutzung

Einführung

Die Sanierung des Schlosses Wittenberg, ein UNESCO-Weltkulturerbe, hat sich im Rahmen des 500-jährigen Reformationsjubiläums 2017 als wegweisendes Projekt herausgestellt. Das Gebäudeensemble aus Schloss und Schlosskirche, eng verknüpft mit der lutherischen Reformation und der Fürstengeschichte Mitteldeutschlands, wurde sorgfältig saniert und in die heutige Zeit integriert. Der Umbau schuf neue Funktionen wie eine Forschungsbibliothek, Räume für das Evangelische Predigerseminar sowie ein Besucherzentrum, ohne die historische Substanz zu zerstören.

Die Planung und Umsetzung der Sanierung stand unter der Federführung des Architekturbüros Bruno Fioretti Marquez und fand in enger Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie statt. Besondere Aufmerksamkeit wurde der Erhaltung der Ziegelgewölbe und der historischen Wendelsteine gewidmet. Gleichzeitig wurden moderne Anforderungen wie Brandschutz, Barrierefreiheit und Technik berücksichtigt. Die Sanierung wurde durch EU-Fördermittel und Gelder des Landes Sachsen-Anhalt ermöglicht und hat mehrere renommierte Architekturpreise gewonnen.

Dieser Artikel beleuchtet die historische Entwicklung des Schlosses, die Herausforderungen der Sanierung, die eingesetzten Bau- und Restaurierungsmethoden sowie die neuen Funktionen, die das Schloss heute trägt. Dabei werden auch die besonderen architektonischen Merkmale und die Rolle der Denkmalschutzbehörden im Projekt hervorgehoben.

Historische Entwicklung und Bedeutung des Schlosses

Das Schloss Wittenberg entstand auf der Grundlage einer mittelalterlichen Burganlage der Askanier, die ab dem 13. Jahrhundert als Herrschaftsmittelpunkt diente. Nachdem die askanische Dynastie 1422 ausgestorben war, übernahmen die Wettiner die Burg Wittenberg und den sächsischen Kurkreis. Mit der Teilung des Adelsgeschlechts in die Ernestiner und Albertiner im Jahr 1485 rückte Wittenberg verstärkt in das Zentrum fürstlicher Aufmerksamkeit.

Kurfürst Friedrich III., genannt Friedrich der Weise (1463–1525), begann ab 1489 mit dem Ausbau der Burg zu einem Renaissanceschloss, das bis 1508 fertiggestellt wurde. Das neue Schloss bestand aus drei Stockwerken und war mit zwei Türmen ausgestattet. Es spielte eine zentrale Rolle in der Geschichte der Reformation, als Reformator Martin Luther hier Schutz fand und seine Ideen verteidigte.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Schloss mehrfach umgenutzt, etwa als preußische Kaserne und im wilhelminischen Stil umgebaut. Die mehrfachen Umbauten und Zerstörungen führten dazu, dass das Gebäude im 20. Jahrhundert stark sanierungsbedürftig war. Insgesamt sind vier historische Zeitschichten in der Sanierung freigelegt worden: askanische Reste, die Zeit als kurfürstliche Residenz, die Nutzung als preußische Kaserne und wilhelminische Umbauten.

Sanierungsziele und Herausforderungen

Die Sanierung des Schlosses Wittenberg stand unter dem Ziel, das Gebäude für die Zukunft fitzumachen, ohne seine historische Substanz zu zerstören. Die Architekten Bruno Fioretti Marquez stellten sich die Herausforderung, eine moderne Nutzung zu ermöglichen, ohne die historischen Strukturen zu übertünchen. Dazu entwickelten sie das Konzept des „Palimpsests“, bei dem verschiedene historische Schichten sichtbar bleiben, aber gleichzeitig neue Funktionen integriert werden.

Ein zentrales Anliegen war es, die historischen Räume wieder zugänglich zu machen und durchgängige Erschließungen zu schaffen. So wurden die Kasernenartigen Räume in drei Geschossen zu sogenannten „Enfiladen“ umgestaltet, die den Sälen optimal zugänglich sind. Zudem wurden die historischen Ziegelgewölbe, die unter anderem im Lesesaal der Reformationsgeschichtlichen Forschungsbibliothek zu finden sind, erhalten und als architektonische Kuppeln über den Räumen belassen.

Die Sanierung musste zudem technische und rechtliche Anforderungen erfüllen, wie Brandschutz, Barrierefreiheit und Energieeffizienz. Dazu wurden neue Zugänge geschaffen, und historische Treppenhäuser wurden in quaderförmige Hohlräume integriert. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der lichttechnischen Gestaltung, bei der die Beleuchtung vollständig in die Architektur integriert wurde.

Denkmalschutz und Architekturmethoden

Die Sanierung des Schlosses Wittenberg war stark von den Anforderungen des Denkmalschutzes geprägt. Die Architekten und Denkmalschützer standen vor der Herausforderung, historische Strukturen zu erhalten, aber gleichzeitig moderne Anforderungen an Sicherheit und Barrierefreiheit zu berücksichtigen. Dazu war ein intensiver Abstimmungsprozess mit dem Landesamt für Denkmalpflege erforderlich, der über einen Zeitraum von einem Jahr andauerte.

Ein zentrales Element der Sanierung war das Prinzip des „Editing“, bei dem überlappende historische Schichten herausgearbeitet und in Einklang mit den neuen Funktionen gebracht wurden. So wurden beispielsweise die originalen Ziegelgewölbe sichtbar gemacht und erhalten, während gleichzeitig neue Räume wie die Winterkirche und die Ausbildungsräume des Predigerseminars in monolithisch konstruierten Leichtbetonkuben integriert wurden.

Ein weiteres Verfahren war das sogenannte „Deleting“, bei dem unvermeidliche Eingriffe in den historischen Bestand durchgeführt wurden, um moderne Anforderungen zu erfüllen. So wurden beispielsweise veraltete Materialien entfernt und neue Techniken und Materialien eingesetzt, die jedoch diskret in das Gebäude integriert wurden.

Architektonische Highlights und Besonderheiten

Ein besonderes architektonisches Highlight der Sanierung ist die Erhaltung der historischen Ziegelgewölbe im Lesesaal der Reformationsgeschichtlichen Forschungsbibliothek. Diese Gewölbe, die zu den frühesten ihrer Art in Europa zählen, wurden restauriert und über den Räumen belassen. Sie stammen aus der Zeit um 1490 und sind als Zeugnisse europäischer Schlossbaukunst von besonderem Interesse.

Ein weiteres architektonisches Highlight sind die beiden Wendelsteine, die als Zugänge zum Schloss dienen. Der südliche Wendelstein, der einst den Zugang zur kurfürstlichen Wohnung bot, ist deutlich feiner gearbeitet als sein nördliches Pendant. Besonders auffallend sind die Wappentafeln, die vom Hof aus ins Auge fallen. Der innere Handlauf der Treppe, der sich rechts und links geschwungen, zeigt eine aufwendige Netz- und Zellengewölbe-Struktur, die vor der Sanierung verdeckt war.

Auch der äußere Handlauf des Wendelsteins verrät ein früheres statisches Problem: Ein Teil des Treppenhauses hatte sich gesenkt, wodurch sich die steinerne Griffleiste schräg nach oben verlief, bevor sie plötzlich waagerecht wurde. Solche Details verdeutlichen, dass das Schloss nicht nur eine historische Stätte, sondern auch ein lebendiges Gebäude ist, das durch die Jahre immer wieder verändert wurde.

Neue Funktionen und Einrichtung

Die Sanierung des Schlosses Wittenberg führte zur Erschaffung neuer Funktionen, die das Gebäude für die Zukunft fitmachen. So entstanden im Schloss Räume für das Evangelische Predigerseminar im Dachgeschoss sowie eine Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek mit Freihandbereich und Depots. Zudem wurde eine Winterkirche eingerichtet, die heute als Teil des Predigerseminars dient.

Ein weiterer Schwerpunkt der Sanierung lag auf der Schaffung eines Besucherzentrums, das den Zugang zur Schlosskirche und zu begleitenden Ausstellungen ermöglicht. Die Räume sind so gestaltet, dass sie sowohl für Besucher als auch für die kirchliche Nutzung genutzt werden können. Die Architekten integrierten die neuen Räume diskret in das historische Gebäude, sodass die neuen Elemente nicht überladen, sondern harmonisch in das Gesamtgefüge passen.

Energieeffizienz und Nachhaltigkeit

Obwohl das Schloss Wittenberg als historisches Gebäude nicht primär auf Energieeffizienz ausgelegt war, wurden bei der Sanierung verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die Energieverbräuche zu reduzieren. So wurde beispielsweise ein modernes Beleuchtungskonzept entwickelt, das die Lichttechnik vollständig in die Architektur integriert. Dadurch entstand ein homogenes Lichtbild, das sowohl die historischen Strukturen betont als auch Energie spart.

Ein weiterer Aspekt der Nachhaltigkeit lag in der Verwendung von Materialien, die in Einklang mit den denkmalpflegerischen Anforderungen standen. So wurden beispielsweise Leichtbetonkuben für die neuen Räume genutzt, die monolithisch konstruiert wurden und sich in das Gebäude harmonisch einfügten. Zudem wurden begrünte Innenhöfe integriert, die nicht nur optisch ansprechend sind, sondern auch zur Verbesserung der Energiebilanz beitragen.

Auszeichnungen und Anerkennung

Die Sanierung des Schlosses Wittenberg wurde von der Fachwelt stark bewundert und hat mehrere renommierte Architekturpreise gewonnen. So erhielt das Projekt den Deutschen Architekturpreis 2019, den Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2019 sowie den ECOLA-Award 2019. Zudem war das Projekt nominiert für den Mies van der Rohe Award 2019 und erhielt eine ehrenwerte Erwähnung beim Deutschen Städtebaupreis 2018.

Die Jury war sich einig: „Die Summe der Interventionen – Wegnahme, Aufwertung, Ergänzung, Veredlung – machen aus einem sperrigen Problemdenkmal außen wie innen ein einmaliges Architekturkunstwerk.“

Fazit

Die Sanierung des Schlosses Wittenberg ist ein beeindruckendes Beispiel für denkmalgerechte Bauweise und moderne Nutzung. Durch die sorgfältige Planung und Umsetzung der Architekten Bruno Fioretti Marquez und in enger Zusammenarbeit mit den Denkmalschutzbehörden wurde ein historisches Gebäude nicht nur restauriert, sondern auch für die Zukunft fitgemacht. Die Integration moderner Techniken und Materialien, ohne die historische Substanz zu übertünchen, hat das Schloss in ein lebendiges Kultur- und Bildungscenter verwandelt.

Die Sanierung hat gezeigt, dass es möglich ist, historische Gebäude in die heutige Zeit zu integrieren, ohne deren Werte zu zerstören. Das Schloss Wittenberg ist nicht nur ein Wahrzeichen der Reformation, sondern auch ein Vorbild für zukünftige Sanierungsprojekte, die sich mit der Balance zwischen Erhaltung und Modernisierung beschäftigen.

Quellen

  1. Sanierung Schloss Wittenberg
  2. Umbau und Sanierung des Schlosses Wittenberg
  3. Schloss Wittenberg
  4. Sanierung des Wittenberger Schlosses
  5. Schloss Wittenberg
  6. Sanierung und Erweiterung Schloss Wittenberg

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