Sanierungsmaßnahmen bei 3MRGN E. coli: Fakten, Empfehlungen und Praxisauswirkungen

Einleitung

Multiresistente gramnegative Stäbchen (MRGN) stellen eine der größten Herausforderungen in der modernen Infektionsmedizin dar. Besonders problematisch sind Erreger wie Escherichia coli (E. coli), die sich durch eine Resistenz gegen mehrere Antibiotikagruppen auszeichnen. E. coli ist ein häufiger Erreger von Harnwegs- und Darminfektionen. In jüngster Zeit hat sich die Resistenz gegen Antibiotika wie Penicilline, Cephalosporine und Fluorchinolone stark verbreitet, sodass von 3MRGN (dreifach multiresistente gramnegative Stäbchen) gesprochen wird.

Ein zentrales Thema in der Debatte um 3MRGN E. coli ist die Frage, ob und in welcher Form Sanierungsmaßnahmen in der Praxis durchgeführt werden sollten. Sanierung bezeichnet hierbei Maßnahmen zur Beseitigung oder Reduktion von Erregerbesiedelung, insbesondere im Rahmen von Präventionsstrategien in medizinischen Einrichtungen. Aufbauend auf den Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) des Robert Koch-Instituts (RKI) wird in diesem Artikel eine detaillierte Analyse der aktuellen Stellungnahmen, Risikobeurteilungen und Handlungsempfehlungen vorgestellt.

Einführung in 3MRGN E. coli

Definition und Klassifikation

Die Abkürzung MRGN steht für multiresistente gramnegative Stäbchen, wobei die Resistenz auf mehrere Antibiotikagruppen zurückzuführen ist. Die Klassifikation erfolgt anhand der Anzahl der Antibiotikagruppen, gegen die der Erreger resistent ist:

  • 2MRGN: Resistenz gegen Penicilline mit erweitertem Spektrum (ESBL).
  • 3MRGN: Resistenz gegen Penicilline mit erweitertem Spektrum, Cephalosporine der 3./4. Generation und Fluorchinolone.
  • 4MRGN: Resistenz gegen alle vier genannten Antibiotikagruppen inklusive Carbapeneme.

E. coli ist ein typischer Vertreter der gramnegativen Bakterien und kann sich im Darm ansiedeln. Unter bestimmten Umständen verursacht E. coli Symptome wie Harnwegsinfektionen, Magen-Darm-Entzündungen oder Blutvergiftungen. Eine Besiedelung mit 3MRGN E. coli ist oft asymptomatisch, kann aber im Falle einer Infektion schwerwiegende Folgen haben, da die Behandlungsoptionen stark eingeschränkt sind.

Ursachen der Resistenzentwicklung

Die Resistenzentwicklung bei E. coli, insbesondere bei 3MRGN, ist eng mit der Verbreitung von ESBL (Beta-Lactamase mit erweitertem Spektrum) verbunden. ESBL wird durch spezielle Resistenzgene verursacht, die nicht auf dem chromosomalen Erbgut der Bakterien, sondern auf Plasmiden liegen. Diese Plasmide können zwischen verschiedenen Bakterienstämmen und sogar zwischen verschiedenen Arten übertragen werden, was die Resistenz weiter verbreitet.

Ein weiterer Faktor ist die übermäßige oder unsachgemäße Anwendung von Antibiotika, die in der ambulanten und stationären Medizin sowie im Veterinär- und Agrarsektor vorkommt. In vielen Fällen wird eine Resistenz erst nach wiederholter Anwendung oder einer langfristigen Antibiotikatherapie offensichtlich.

Sanierungsmaßnahmen: Fakten und Empfehlungen

Aktuelle Stellungnahmen der KRINKO

Die KRINKO (Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention) hat im Rahmen ihrer Empfehlungen klare Aussagen zum Umgang mit 3MRGN E. coli getroffen. Laut den Empfehlungen der KRINKO ist ein aktives Screening auf 3MRGN E. coli in der sogenannten endemischen Situation (also bei allgemeiner Verbreitung des Erregers) nicht durchzuführen, da dies sich in der Praxis nicht als effektiv erwiesen hat. Dies gilt insbesondere in Einrichtungen, in denen 3MRGN E. coli bereits etabliert ist.

Ein Screening ist jedoch in bestimmten Fällen sinnvoll, beispielsweise:

  • als Grundlage für kalkulierte empirische Antibiotika-Therapien in der Neonatologie,
  • bei Patienten mit Langzeitaufenthalten in Risikobereichen wie Intensivstationen oder bei Immunsuppression,
  • bei Patienten mit stationären Krankenhausaufenthalten in Hochendemiegebieten (z. B. Indien).

Was sagt die Praxis?

Die Empfehlungen der KRINKO basieren auf umfangreichen Studien und Praxiserfahrungen. Eine systematische Auswertung zeigte, dass ein Screening auf 3MRGN E. coli in der Allgemeinstation oft nicht effektiv ist, da die Verbreitung bereits so weit fortgeschritten ist, dass Isolationsmaßnahmen und Kontrollprogramme keine signifikanten Vorteile bieten.

In einer Studie wurde festgestellt, dass nach 2–3 Monaten bei etwa 50 % der betroffenen Patienten und nach einem Jahr bei 80 % der Betroffenen der Erreger nicht mehr nachweisbar war. Allerdings fehlen noch genaue Daten über die Verläufe von 3MRGN- oder 4MRGN-Erregern. Es wird aber vermutet, dass diese sich ähnlich verhalten.

Therapeutische Maßnahmen (Sanierung)

Eine Sanierung, also die gezielte Beseitigung der Erreger, ist laut den Empfehlungen nicht grundsätzlich empfohlen. Die KRINKO betont, dass eine reine Kolonisation ohne Symptome keine Indikation für eine Antibiotikatherapie darstellt. Dies gilt insbesondere, da die Anwendung von Antibiotika den Selektionsdruck auf die Bakterien erhöht und somit das Risiko von noch resistenteren Erregern steigt.

In Fällen, in denen ein symptomatischer Infekt vorliegt, ist eine kalkulierte Therapie nach Vorlage eines Antibiogramms notwendig. Bei 3MRGN-Erregern sind jedoch oft nur noch wenige Antibiotika einsetzbar. Bei 4MRGN-Erregern bleibt oftmals nur noch Colistin als wirksames Medikament übrig, obwohl Colistin aufgrund seiner toxischen Wirkung nur eingeschränkt eingesetzt werden kann.

Effektivität von Sanierungsmaßnahmen

Die KRINKO-Untersuchungen zeigen, dass es keine verifizierte Studie gibt, die einen positiven Effekt einer Antibiotikatherapie auf die Beseitigung von 3MRGN-Erregern nachweist. In einer Studie an ESBL-besiedelten Patienten wurde festgestellt, dass nach Beendigung der Behandlung die Erreger nach kurzer Zeit wieder nachweisbar waren. Dies deutet darauf hin, dass die Erreger nicht vollständig eliminiert werden können oder sich rasch neu ansiedeln.

Ein weiterer Aspekt ist die Frage, ob prophylaktische Maßnahmen, beispielsweise die topische Anwendung von Antiseptika, sinnvoll sind. In einigen Studien wurden antiseptische Ganzkörperwaschungen mit Chlorhexidin untersucht, insbesondere bei Patienten mit 4MRGN-Erregern wie Acinetobacter baumannii. In einer Studie aus Israel zeigten sich positive Effekte, allerdings sind diese Ergebnisse aufgrund der spezifischen epidemiologischen Lage dort nicht direkt auf die deutsche Situation übertragbar.

Hygienemaßnahmen und Prävention

Basishygienemaßnahmen

Die KRINKO betont, dass die strikte Einhaltung der Basishygienemaßnahmen eine zentrale Rolle bei der Vermeidung der Verbreitung von 3MRGN E. coli spielt. Diese umfassen vor allem:

  • Händedesinfektion nach jedem Patientenkontakt,
  • Kontaktvermeidung mit kontaminierten Gegenständen,
  • Isolationsmaßnahmen bei Bedarf.

Besonders wichtig ist die Händedesinfektion, da die Übertragung von MRGN-Erregern häufig über die Hände erfolgt. Schutzkleidung wie Schutzkittel ist in der Regel nur bei erhöhtem Kontaminationsrisiko erforderlich.

Isolationsmaßnahmen

Bei Patienten mit 4MRGN-Erregern wird unabhängig vom Risikobereich eine Isolierung empfohlen. Dies kann in Form einer Einzelzimmerisolation oder einer Kohortenisolation erfolgen. Bei 3MRGN-Erregern hingegen sind in der normalen klinischen Versorgung außerhalb von Risikobereichen nur Basishygienemaßnahmen empfohlen.

Einheitliche Vorgehensweisen sind jedoch abhängig von der individuellen Risikobeurteilung der Einrichtung. In besonderen epidemiologischen Situationen können zusätzliche Maßnahmen notwendig sein.

Rolle von Screening-Programmen

Screening-Programme sind in der KRINKO-Empfehlung explizit aufgeführt. In Risikobereichen wie der Neonatologie oder der Intensivmedizin sind regelmäßige Screenings sinnvoll, um die Verbreitung von MRGN-Erregern zu kontrollieren. In der Allgemeinstation hingegen ist ein aktives Screening auf 3MRGN E. coli in der endemischen Situation nicht durchzuführen, da dies sich in der Praxis nicht als effektiv erwiesen hat.

Die KRINKO empfiehlt, Screening-Richtlinien basierend auf der Patientenstruktur zu entwickeln und diese regelmäßig zu aktualisieren. Als Screeningproben sind Rektalabstriche und gegebenenfalls Urinproben oder Wundproben zu verwenden. In der Neonatologie sind zusätzlich Rachenabstriche sinnvoll, da MRGN-Erreger auch die Atemwege besiedeln können.

Ausblick und Empfehlungen für die Praxis

Empfehlungen für medizinische Einrichtungen

  1. Strikte Einhaltung der Basishygienemaßnahmen – Händedesinfektion, Desinfektion von Gegenständen und Räumen.
  2. Isolationsmaßnahmen bei 4MRGN-Erregern – Einzelzimmerisolation oder Kohortenversorgung.
  3. Regelmäßige Risikobeurteilungen – Anpassung der Maßnahmen an die lokalen epidemiologischen Bedingungen.
  4. Aktualisierung von Screening-Richtlinien – Basierend auf der aktuellen Patientenstruktur und Risikoprofilen.
  5. Ausbildung und Sensibilisierung des Personals – Aufklärung über die Gefahren von MRGN und die Bedeutung der Hygienemaßnahmen.

Empfehlungen für die Patientenversorgung

  1. Keine prophylaktische Antibiotikagabe – Bei asymptomatischer Kolonisation ist eine Antibiotikatherapie nicht indiziert.
  2. Individuelle Therapie bei Infektionen – Kalkulierte Therapie nach Antibiogramm.
  3. Nachverfolgung von Infektionsherden – Mikrobiologische Untersuchungen bei Verdacht auf Infektion.

Empfehlungen für das öffentliche Gesundheitswesen

  1. Förderung von Forschung zu 3MRGN und 4MRGN-Erregern – Um Verläufe und Therapieoptionen besser zu verstehen.
  2. Verbesserung der Surveillance-Systeme – Um die Verbreitung von MRGN-Erregern zu überwachen.
  3. Kooperation zwischen Kliniken und Gesundheitsbehörden – Für eine einheitliche und effektive Prävention.

Fazit

3MRGN E. coli stellt eine erhebliche Herausforderung in der modernen Medizin dar. Die Resistenzentwicklung dieser Erreger begrenzt die Behandlungsoptionen erheblich und macht eine sorgfältige Anwendung von Antibiotika notwendig. Die KRINKO-Empfehlungen betonen, dass in der endemischen Situation ein aktives Screening auf 3MRGN E. coli nicht durchzuführen ist, da dies sich in der Praxis nicht als effektiv erwiesen hat. Sanierungsmaßnahmen, insbesondere in Form einer prophylaktischen Antibiotikagabe, sind hingegen nicht empfohlen, da sie den Selektionsdruck auf die Bakterien erhöhen können und keine nachweisbaren Vorteile bringen.

Die Schwerpunkte der Prävention liegen vielmehr in der Einhaltung der Basishygienemaßnahmen, der Isolierung von 4MRGN-Erregern und der regelmäßigen Risikobeurteilung in medizinischen Einrichtungen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Klinikpersonal, Gesundheitsbehörden und Forschungsinstituten ist entscheidend, um die Verbreitung multiresistenter Erreger einzudämmen und die Therapieoptionen zu verbessern.

Quellen

  1. Hygienemaßnahmen bei Infektionen oder Besiedlung mit multiresistenten gramnegativen Stäbchen. Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut (RKI)
  2. Ergänzung zu den "Hygienemaßnahmen bei Infektionen oder Besiedlung mit multiresistenten gramnegativen Stäbchen" (2012) im Rahmen der Anpassung an die epidemiologische Situation
  3. Praktische Umsetzung sowie krankenhaushygienische und infektionspräventive Konsequenzen des mikrobiellen Kolonisationsscreenings bei intensivmedizinisch behandelten Früh- und Neugeborenen
  4. FAQ zu MRGN (Multiresistente gramnegative Erreger) auf der Website des Landesgesundheitsamts Bayern
  5. Informationen zu E. coli und MRGN auf der Website des Landesgesundheitsamtes Nordrhein-Westfalen

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