Einleitung
Die Unterwelt von Pirmasens, ein unsichtbares aber entscheidendes Netzwerk für die Abwasserentsorgung, zeigt deutliche Alterserscheinungen. Zwei zentrale Stollenbauwerke aus den 1960er Jahren müssen dringend saniert werden, um die Funktionsfähigkeit der gesamten Kanalisation aufrechtzuerhalten. Nachdem der städtische Hauptausschuss grünes Licht für die dringend notwendigen Maßnahmen gegeben hat, beginnen im Herbst 2017 die Arbeiten am Südstollen. Diese Sanierungsmaßnahmen sind nicht nur technisch komplex, sondern auch finanziell erheblich, da sie die Stadt Pirmasens vor eine große Herausforderung stellen: wie marode Infrastruktur kosteneffizient und nachhaltig instandgesetzt werden kann, ohne die finanzielle Stabilität der Kommune zu gefährden.
Der Zustand der Abwasserstollen in Pirmasens
Die beiden Stollenbauwerke in Pirmasens, die in den 1960er Jahren zur Ableitung des Abwassers errichtet wurden, zeigen erhebliche Schäden und benötigen dringend eine Sanierung. Der Südstollen ist 540 Meter lang und wurde im Jahr 1980 fertiggestellt, während der Nordstollen, der vom Zeppelintal bis zur Kläranlage Blümelstal verläuft, deutlich länger ist.
Bei einer eingehenden Begehung der Bauwerke wurden 533 Einzelbeschädigungen festgestellt. Die Schäden sind vielfältiger Natur und beinhalten: - Abplatzen des Betons - Rissbildungen an verschiedenen Stellen - Freiliegen von Bewehrungen
Diese Schäden sind nicht nur ästhetisch bedenklich, sondern stellen eine erhebliche Gefahr für die Standsicherheit der gesamten Bauwerke dar. Wie Tiefbauamtsleiter Michael Maas deutlich machte, drohen die Bauwerke einzustürzen, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden. Die freiliegenden Bewehrungen sind besonders alarmierend, da sie auf eine fortschreitende Zerstörung der Struktur hinweisen.
Die Notwendigkeit der Sanierung wird auch durch das Alter der gesamten Infrastruktur unterstrichen. Pirmasens verfügt über eines der ältesten unterirdischen Kanalsysteme Deutschlands, das teilweise aus der Zeit um 1890 stammt. Das Durchschnittsalter der Anlagen liegt bei 43,5 Jahren, was bedeutet, dass sich ein Großteil des Entwässerungsnetzes am Ende seiner kritischen Nutzungsdauer befindet. Ein erheblicher Teil des Netzes entstand sogar nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen des Wiederaufbaus und ist damit ebenfalls in einem kritischen Zustand.
Die Sanierungspläne für 2017 und die darauffolgenden Jahre
Aufgrund der dringenden Notwendigkeit der Sanierung hat der städtische Hauptausschuss im Jahr 2017 grünes Licht für die Arbeiten gegeben. Die Planung sieht vor, die Sanierung im November 2017 zu vergeben und dann über den Winter mit den Arbeiten im Südstollen zu beginnen. Diese zeitliche Planung hat mehrere Gründe:
- Die Wintermonate eignen sich besonders für solche Baumaßnahmen, da die Belastung durch Verkehr und andere städtische Aktivitäten geringer ist.
- Die Erfahrungen, die bei der Sanierung des Südstollens gesammelt werden, können direkt auf die anschließende Sanierung des längeren und komplexeren Nordstollens übertragen werden.
Die Bauzeit für die Sanierung des Südstollens wird auf vier Monate geschätzt. Nach Abschluss der Arbeiten am Südstollen soll im Jahr 2018 mit der Sanierung des Nordstollens begonnen werden, der wesentlich länger und aufwendiger zu sanieren ist.
Die Kosten für die Sanierung des Südstollens werden auf 550.000 Euro geschätzt. Für den Nordstollen, der einen größeren Unterhaltsbedarf hat, werden Kosten in Höhe von 1,85 Millionen Euro veranschlagt. Diese Summen stellen eine erhebliche finanzielle Belastung für den Haushalt der Stadt Pirmasens dar, insbesondere da sie in einen Kontext eingebettet ist, in dem der Abwasserbeseitigungsbetrieb bereits Verluste schreibt.
Finanzierung und Haushaltsauswirkungen
Die Sanierung der Abwasserstollen ist Teil eines größeren finanziellen Rahmens für die Abwasserbeseitigung in Pirmasens. Der Haushaltsplan des Abwasserbeseitigungsbetriebs für das kommende Jahr weist Ausgaben in Höhe von neun Millionen Euro aus, was etwa der gleichen Höhe wie in den Jahren 2017 und 2018 entspricht.
Dieser Etat deckt nicht nur die Sanierung der Stollen, sondern auch den laufenden Unterhalt und Betrieb des gesamten Kanalnetzes sowie der Kläranlagen ab. Dabei steht der Betrieb des Kanalnetzes und der Kläranlagen vor erheblichen finanziellen Herausforderungen, da der Abwasserbeseitigungsbetrieb der Stadtverwaltung bereits in der Vergangenheit Verluste geschrieben hat. Im Jahr 2017 betrugen diese Verluste 366.000 Euro bei einer Bilanzsumme von insgesamt 95 Millionen Euro.
Für das laufende Jahr war jedoch ein kleiner Gewinn von rund 43.000 Euro geplant, wie Baudezernent Michael Schieler ankündigte. Allerdings wurden auch für die Jahre 2019 und 2020 Verluste prognostiziert, die jedoch durch eine mit 2,3 Millionen Euro gefüllte Rücklage gedeckt sind. Diese Rücklage wurde in den Vorjahren angespart und dient nun als Puffer für die notwendigen Investitionen in die marode Infrastruktur.
Die finanzielle Belastung durch die Sanierung der Stollen ist Teil eines größeren Bildes von Investitionsbedarf in der Pirmasenser Infrastruktur. Zu den größten Einzelprojekten gehört der Umbau der Kläranlagen Felsalbe und Blümelstal für 1,85 Millionen Euro. Hinzu kommen Restarbeiten für den Verbindungssammler Finkengarten, der bereits im Bau ist, für rund eine Million Euro.
Die Strategie der Stadt Pirmasens zur Erhaltung der Abwasserinfrastruktur
Die Stadt Pirmasens hat frühzeitig erkannt, dass ein Großteil ihres Kanalnetzes sich am Ende seiner kritischen Nutzungsdauer befindet und hat daher eine Substanzerhaltungsstrategie entwickelt. Diese Strategie basiert auf der Erhebung vielfältiger Daten und der statistischen Analyse, um die Restnutzungsdauer von Kanälen durch vorausschauendes Handeln optimieren zu können.
Michael Maas, Bürgermeister der Stadt Pirmasens, erläutert: "Nicht zu unterschätzen ist gerade auch die Aufgabe, regelmäßig den Zustand und die Funktionsfähigkeit der Abwasseranlage zu überwachen sowie Wartungen und Instandhaltungsmaßnahmen durchzuführen. Hinzu kommt, dass nicht nur in Pirmasens ein Großteil des Kanalnetzes aus dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg stammt. Rein rechnerisch ist daher die kritische Nutzungsdauer für eine Sanierung weiter Teile des Systems erreicht. Dies haben wir frühzeitig erkannt und gehen diese Mammutaufgabe betont strategisch an."
Die Strategie der Stadt basiert auf der Grundlage von Ist-Aufnahmen über bedrohliche Mängel wie Korrosion und Verschleiß, Risse und Scherbenbildung, undichte Muffen und schadhafte Anbindungen von Hausanschlussleitungen. Auf dieser Grundlage wird prognostiziert und priorisiert, wann welcher Kanal ausfallen wird – und wann der beste Zeitpunkt für vorbeugende Maßnahmen zur Instandhaltung ist.
Diese Vorgehensweise hilft, den Sicherheitsstandard der Abwasserbeseitigung in Pirmasens auch auf lange hochzuhalten und gleichzeitig die anfallenden Kosten zu optimieren. Dabei werden wichtige Schutzziele wie Standsicherheit und Dichtheit in Einklang gebracht mit dem möglichst weitestgehenden Erhalt von Restbuchwerten und den Planungen im Straßenbau.
Ralf Dillmann, Zimmerer-Meister und langjähriger Mitarbeiter im Tiefbauamt, betont die Wichtigheit dieser vorausschauenden Planung: "Je früher man auf Schäden reagiert, desto geringer fallen grundsätzlich die Reparaturkosten aus und desto länger bleibt die Substanz erhalten. Es drohen hier wie dort Systemversagen mit Verstopfungen, Überschwemmungen oder gar Straßeneinbrücken in Folge von Hohlraumbildungen rund um die Schadensstelle."
Die Funktion des Pirmasenser Abwassersystems
Um die Bedeutung der Stollensanierung zu verstehen, ist es wichtig, das gesamte Abwassersystem von Pirmasens zu betrachten. Über 40.000 Menschen leben in den Pirmasenser Haushalten, hinzu kommt eine stattliche Industrie- und Gewerbelandschaft. Sie alle nutzen regelmäßig Frischwasser, das zum allergrößten Teil danach verschmutzt wieder zur Wiederaufbereitung abgeleitet werden muss, damit es zurück in den natürlichen Wasserkreislauf kommen kann.
Das System in Pirmasens besteht aus Mischwasser- und Trennsystemen. An einigen Stellen gibt es separate Trennsysteme, die das Schmutzwasser in die Kläranlage und das Regenwasser direkt in einen Bachlauf leiten. An anderen Stellen wird jedoch Regenwasser über die Straßengullys dem Schmutzwasser zugeführt, was als Mischwasser bezeichnet wird.
Pirmasens verfügt über zwei große und technisch moderne Kläranlagen. In der Blocksbergstraße verläuft die Wasserscheide: Knapp 70 Prozent des Rohrnetzes münden im Blümeltal, die verbleibenden gut 30 Prozent im Felsalbtal. Pro Sekunde kann die Kläranlage Blümeltal rund 400 Liter Schmutzwasser bearbeiten, bei der Kläranlage Felsalbe sind es 200 Liter. Vor Ort installierte Rückhaltestationen sammeln die zu hohen Kapazitäten, wenn mehr Abwasser anfällt als die Anlagen bewältigen können.
In den Kläranlagen wird das Abwasser durch mehrere chemische und biologische Arbeitsgänge gereinigt. Selbst gezüchtete Bakterien helfen dabei, das Wasser so sauber zu bekommen, dass es mit hoher Qualität wieder in Bäche geleitet werden kann. Aus dem Klärschlamm wird in Pirmasens Biogas gewonnen, um daraus Strom und Wärme zu erzeugen. Außerdem werden wertvolle Elemente wie Phosphor aus dem Schlamm zurückgewonnen.
Zukunftsorientierte Projekte und Innovationen
Neben den Sanierungsarbeiten an den Stollen plant die Stadt Pirmasens auch zukunftsorientierte Projekte, um die Effizienz der Abwasserentsorgung zu verbessern. So wurde im Jahr 2017 der Auftrag für eine Machbarkeitsstudie an das Prüf- und Forschungsinstitut (PFI) im Wert von 180.000 Euro erteilt. In dieser Studie sollen die Möglichkeiten zur Kopplung der Kläranlage Felsalbe über einen ein Kilometer langen Anschluss an den Energiepark Winzeln geprüft werden.
Über die Rohre könnte die Kläranlage mit Sauerstoff aus einer noch zu bauenden Elektrolyse bei Winzeln versorgt werden. Auch könnte Abwärme der Elektrolyse in der Kläranlage verwendet werden. Solche Innovationen könnten nicht nur die Effizienz der Kläranlage verbessern, sondern auch die Betriebskosten senken.
Für das Jahr 2020 ist die Sanierung des Nordstollens geplant, die fast zwei Millionen Euro verschlingen wird. Baudezernent Schieler betonte in der Hauptausschusssitzung, dass seit dem Jahr 2003 die Gebühren für die Abwasserbeseitigung stabil gehalten wurden und dass das auch so bleiben werde. Dies zeigt die Bemühungen der Stadt, die finanzielle Belastung für die Bürger trotz der notwendigen Investitionen in marode Infrastruktur zu begrenzen.
Fazit
Die Sanierung der Pirmasenser Abwasserstollen ist ein notwendiges und dringendes Projekt, das die Stadt vor erhebliche technische und finanzielle Herausforderungen stellt. Die maroden Bauwerke aus den 1960er Jahren zeigen 533 Einzelbeschädigungen und drohen ohne Sanierung einzustürzen. Die geplanten Arbeiten am Südstollen ab November 2017 und am Nordstollen ab 2018 sind daher unvermeidlich.
Die Kosten von 550.000 Euro für den Südstollen und 1,85 Millionen Euro für den Nordstollen stellen eine erhebliche finanzielle Belastung dar, die in einen Kontext eingebettet ist, in dem der Abwasserbeseitigungsbetrieb bereits Verluste schreibt. Die Stadt Pirmasens nutzt jedoch eine durchdachte Strategie, um diese Herausforderungen zu meistern: eine Substanzerhaltungsstrategie, die auf vorausschauender Planung und Priorisierung basiert.
Die Stadt erkennt, dass die Abwasserentsorgung eine der wichtigsten, aber auch kniffligsten Aufgaben von Städten und Gemeinden ist. Sie hat frühzeitig erkannt, dass sich ein Großteil ihres Kanalnetzes am Ende seiner kritischen Nutzungsdauer befindet und geht diese Mammutaufgabe strategisch an. Durch diese vorausschauende Planung kann die Stadt nicht nur die Sicherheit des Abwassersystems aufrechterhalten, sondern auch die Kosten optimieren.
Die Sanierung der Stollen ist Teil eines größeren Bildes von Investitionsbedarf in der Pirmasenser Infrastruktur, der auch den Umbau der Kläranlagen und innovative Projekte wie die Kopplung an den Energiepark Winzeln umfasst. Diese Maßnahmen zeigen, dass die Stadt Pirmasens bereit ist, in ihre Zukunft zu investieren, um eine nachhaltige und effiziente Abwasserentsorgung zu gewährleisten.