Einleitung
Air Berlin war einst die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft und eine feste Größe im europäischen Luftverkehr. Das Unternehmen beförderte jährlich Millionen Passagiere und galt als ernst zu nehmender Konkurrent der Lufthansa. Dennoch folgte ein dramatischer Abstieg, der im August 2017 mit der Insolvenzantragstellung kulminierte. Dieser Artikel analysiert die gescheiterten Sanierungsbemühungen und die Gründe für das Scheitern des einst erfolgreichen Luftfahrtunternehmens.
Historischer Hintergrund und Marktposition
Air Berlin wurde 1978 gegründet und hatte seinen Heimatflughafen in Berlin-Tegel. Über Jahre hinweg etablierte sich die Airline als bedeutender Akteur im deutschen und europäischen Luftverkehr. Als Zweitmarke der Lufthansa und später als eigenständiges Unternehmen mit einer Mischung aus Premium-Angebot und günstigen Preisen, versuchte Air Berlin, verschiedene Kundensegmente zu bedienen.
Die Fluggesellschaft war in Berlin und Düsseldorf stationiert und entwickelte sich zu einem ernstzunehmenden Wettbewerber auf dem deutschen Luftverkehrsmarkt. Ihre Position als zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft verhalf ihr zu erheblicher Marktpräsenz und einer beachtlichen Anzahl an jährlich beförderten Passagieren.
Finanzielle Schwierigkeiten und wirtschaftliche Probleme
Die finanziellen Probleme von Air Berlin zeichneten sich bereits seit mehreren Jahren ab. Im Geschäftsjahr 2013 musste das Unternehmen mit einem Verlust von 315,5 Millionen Euro ins Schwarze schauen. Trotz massiver Restrukturierungsmaßnahmen gelang es nicht, die finanzielle Lage zu verbessern.
Das Jahr 2016 brachte einen weiteren Tiefpunkt mit einem Rekordverlust von 782 Millionen Euro. Bis zu ihrer Insolvenz hatte sich der Schuldenberg der Berliner Fluggesellschaft auf rund 1,2 Milliarden Euro angesammelt. Diese Entwicklung ließ den Aktienkurs stark sinken und verschärfte die finanzielle Not des Unternehmens.
Das Geschäftsmodell von Air Berlin erwies sich als nicht nachhaltig. Die Airline versuchte gleichzeitig, eine Premium-Airline zu sein und günstige Preise anzubieten, was zu hohen Betriebskosten führte. Diese Strategie der "hybriden" Ausrichtung zwischen Vollservice-Anbieter und Billigflieger erwies sich als wirtschaftlich nicht tragfähig.
Restrukturierungsversuche
In Anbetracht der zunehmenden finanziellen Schwierigkeiten initiierte Air Berlin mehrere Restrukturierungsmaßnahmen. Eine der drastischsten war der Abbau der gesamten Flotte – das Unternehmen besaß zuletzt nur noch geleaste Flugzeuge. Diese Maßnahme sollte die Kosten senken und die Flexibilität erhöhen.
Zusätzlich zu der Flottenreduzierung wurden 900 Arbeitsplätze gestrichen. Die verbleibenden Mitarbeiter wurden um einen Gehaltsverzicht gebeten, um zur finanziellen Gesundung des Unternehmens beizutragen. Weitreichende Umstrukturierungen der Flugverbindungen sollten ebenfalls zur Gesundung beitragen.
Diese Maßnahmen unter der Führung von CEO Thomas Winkelmann, der Stefan Pichler abgelöst hatte, erwiesen sich jedoch als nicht ausreichend. Ledige wenige Monate nach seinem Amtsantritt musste Winkelmann den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens stellen.
Der gescheiterte Ferienflieger-Plan
Ein wesentliches Element beim geplanten Umbau der defizitären Fluggesellschaft Air Berlin war die Zusammenarbeit mit Tui zur Gründung eines neuen Ferienfliegers. Dieses Projekt sollte eine strategische Neuausrichtung des Unternehmens ermöglichen und profitablere Geschäftsfelder erschließen.
Die Zusammenarbeit scheiterte jedoch, was einen schweren Rückschlag für die Sanierungsbemühungen darstellte. Nach diesem Misserfolg suchte Air Berlin Unterstützung bei den Landesregierungen in Berlin und Nordrhein-Westfalen in Form von Bürgschaften. Diese öffentliche Rückendeckung sollte es der Fluggesellschaft erleichtern, an neue Kredite zu gelangen.
Luftverkehrsexperte Gerald Wissel spekulierte über mögliche Absprachen auf Regierungsebene: "Wahrscheinlich hat Etihad seine Finanzierungszusagen davon abhängig gemacht, dass sich auch der deutsche Staat an der Rettung beteiligt. Keiner hat Interesse an einer harten Pleite der Air Berlin."
Die Insolvenz und ihre unmittelbaren Folgen
Am 15. August 2017 meldete Air Berlin Insolvenz an. Der Hauptgrund für diesen Schritt war die überraschende Entscheidung des Großaktionärs Etihad Airways, keine weiteren finanziellen Mittel bereitzustellen. Diese Entscheidung kam besonders überraschend, da Etihad dem Unternehmen zuvor finanzielle Unterstützung zugesagt hatte.
Dank einer Bundesbürgschaft in Höhe von 150 Millionen Euro konnte der Flugbetrieb bis Ende Oktober 2017 aufrechterhalten werden. Diese Frist gab den Verantwortlichen Zeit, Teile des Unternehmens zu verkaufen. In dieser Zeit kämpfte Air Berlin nicht nur mit finanziellen Schwierigkeiten, sondern auch mit Personalproblemen. Über 200 Piloten meldeten sich krank, um ihren Unmut über gescheiterte Gespräche auszudrücken.
Für Kunden bedeutete die Insolvenz zahlreiche Flugausfälle und Verspätungen. Seit Ende März 2017, dem Beginn des Sommerflugplans, kam es bei Air Berlin zu erheblichen Störungen im Flugbetrieb. Das Unternehmen hatte die Neuordnung seines Netzes mangelhaft geplant, was zu einem Mangel an Flugzeugen und Kabinenpersonal führte.
Verkauf von Unternehmensanteilen
Nach der Insolvenzanmeldung wurden Teile des Unternehmens verkauft. Die Lufthansa übernahm einige Bereiche, während EasyJet ebenfalls Antile erwarb. Diese Verkäuche sollten die Arbeitsplätze von direkt an den Flugzeugen beschäftigten Mitarbeitern sichern. Experten schätzten die Anzahl dieser Jobs auf etwa 5.500 in Deutschland.
Die Verwaltung von Air Berlin wurde jedoch größtenteils durch Personal von Eurowings, der Billig-Plattform der Lufthansa, ersetzt. Der Luftverkehrsexperte Wissel äußerte sich zur Haltung der Lufthansa gegenüber der Air-Berlin-Marke: "An der Marke Air Berlin hat die Lufthansa nach meiner Einschätzung kein Interesse." Die Jets einer möglichen "Air Berlin neo" wären stattdessen in Eurowings-Farben auf Strecken gestartet, die in der Kölner Eurowings-Zentrale geplant worden wären.
Auch die Air-Berlin-Tochter Niki war von der Insolvenz betroffen. Der geplante Verkauf der Niki-Anteile von Air Berlin an Etihad wurde nach gescheiterten Verhandlungen über einen gemeinsamen Ferienflieger mit Niki- und Tuifly-Maschinen in Frage gestellt. Etihad-Chef Ray Gammell versicherte jedoch, dass die Investition in Niki stehe und die Transaktion in Kürze abgeschlossen werde. Die vereinbarten 300 Millionen Euro für den Deal waren bereits geflossen.
Die Marke Air Berlin nach der Insolvenz
Selbst nach der Insolvenz 2017 blieb die Marke Air Berlin präsent und wertvoll. Hohe Verluste und Managementfehler besiegelten zwar das Aus der Fluggesellschaft, doch der Name hatte noch immer einen merklichen Wert.
Im Sommer 2023 fand sich schließlich ein Käufer für die Markenrechte: Marcos Rossello, der Gründer der Airline Sundair. Er erwarb die Markenrechte für rund 120.000 Euro und ließ die Marke im Handelsregister eintragen. Rossello erklärte gegenüber dem Branchenportal Aerotelegraph, dass noch nicht entschieden sei, wofür die Marke verwendet werden sollte: "Es gibt einige Ideen. Alles ist möglich." Er schloss jedoch aus, mit der Marke Air Berlin seine bestehende Airline Sundair zu ersetzen.
Ende 2023 wurde sogar eine neue Gesellschaft mit dem Namen "Airberlin Luftverkehrsgesellschaft mbH" eingetragen, was die Spekulationen um eine mögliche Rückkehr der Airline neu entfachte.
Lehren aus dem Scheitern von Air Berlin
Der Fall Air Berlin zeigt exemplarisch, wie schnell etablierte Marken in der Luftfahrtbranche ins Straucheln geraten können. Die Kombination aus einem nicht nachhaltigen Geschäftsmodell, hohen Betriebskosten und einer unklaren strategischen Ausrichtung führte zum Scheitern des einst erfolgreichen Unternehmens.
Die Insolvenz von Air Berlin wirft auch Fragen zur Rolle von Staatsbürgschaften bei der Rettung von Unternehmen auf. Die Bundesbürgschaft in Höhe von 150 Millionen Euro ermöglichte zwar eine geordnete Abwicklung, wurde jedoch als umstritten angesehen.
Fazit
Air Berlin war einst eine bedeutende Größe im europäischen Luftverkehr, doch ihr Schicksal zeigt, wie schnell auch etablierte Airlines in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten können. Die Sanierungsversuche des Unternehmens, darunter Flottenabbau, Personalreduzierungen und die geplante Zusammenarbeit mit Tui, erwiesen sich als unzureichend. Die Insolvenz im August 2017 war letztlich die Folge jahrelanger Verluste und eines nicht nachhaltigen Geschäftsmodells.
Trotz des Scheiterns der Fluggesellschaft bleibt die Marke Air Berlin erhalten. Der Verkauf der Markenrechte und die Eintragung einer neuen Gesellschaft mit dem Namen "Airberlin Luftverkehrsgesellschaft mbH" lassen Raum für Spekulationen über eine mögliche Rückkehr der Marke auf den Luftverkehrsmarkt.