Einleitung
Die Entscheidung zwischen Sanierung und Neubau bei maroden Schulgebäuden stellt für viele Gemeinden eine komplete Herausforderung dar. Im Fall des Alstergymnasiums in Henstedt-Ulzburg hat die Gemeindevertretung nach jahrelanger Diskussion nun den Grundsatzbeschluss für einen Neubau gefasst. Dieser Artikel beleuchtet die Gründe für diese Entscheidung, die technischen und wirtschaftlichen Aspekte des Projekts sowie den aktuellen Stand der Planungen. Die Analyse zeigt, warum ein Neubau in diesem Fall die wirtschaftlichere und zukunftsfähigere Lösung darstellt und welche Herausforderungen bei solchen Großprojekten zu beachten sind.
Das Problem: Das marode "Kasseler Modell"
Das Alstergymnasium in Henstedt-Ulzburg ist ein typisches Beispiel für Bauten nach dem sogenannten "Kasseler Modell". In den 1970er Jahren wurde dieses Konzept bundesweit angewendet, um schnell und kostengünstig Schulen nach einem standardisierten Einheitskonzept zu errichten. Das Ziel war, den damaligen Mangel an Bildungseinrichtungen zu beheben.
Mittlerweile zeigen diese Gebäude landesweit erhebliche, extrem teure Sanierungsbedarfe. Das Alstergymnasium bildet hier keine Ausnahme. Die Konstruktion aus dieser Zeit weist heute gravierende Mängel auf, die sich nicht nur auf die Bausubstanz, sondern auch auf die Wirtschaftlichkeit der Nutzung auswirken.
Ein Arbeitskreis der Gemeinde zusammen mit einem externen Planungsbüro hat den Sanierungsbedarf ermittelt und dabei eine bemerkenswerte Erkenntnis gewonnen: Die jährlichen Unterhaltskosten des alten Alstergymnasiums liegen um mehr als 50% über denen eines Neubaus. Diese Erkenntis war ein entscheidender Faktor für die Entscheidung der Gemeindevertretung.
Wirtschaftliche Vergleich: Sanierung vs. Neubau
Die Wirtschaftlichkeitsberechnungen für das Alstergymnasium wurden in verschiedenen Varianten durchgeführt. Die Kostenschätzungen basieren auf der Vorlage VO/2013/0317-02 zur Sitzung des Bildungs-, Jugend-, Kultur- und Sportausschusses:
| Variante | Kosten in Mio. EUR | Anmerkung |
|---|---|---|
| Variante 0 – Instandsetzung (Minimalsanierung) | 24,5 | Beibehaltung der Bausubstanz mit minimalen Eingriffen |
| Variante 2 (Umbau) | 37,1 | Umgestaltung des Bestands mit Nutzungsänderungen |
| Variante 1 (Umfassende Sanierung) | 43,6 | Komplette Sanierung aller technischen und baulichen Anlagen |
| Neubau (Außenbereich des Bestandsschulgeländes) | 40-42 | Neubau auf dem bestehenden Gelände außerhalb der aktuellen Bebauung |
| Neubau (neuer Standort) | 50 | Kompletter Neubau an einem anderen Standort |
Die aktuellen Planungen sehen einen Neubau auf dem bestehenden Schulgelände vor, mit geschätzten Kosten von mehr als 60 Millionen Euro. Spätere Quellen nennen einen Betrag von rund 58 Millionen Euro.
Die Kritik der CDU an diesen Berechnungen ist bemerkenswert. Sie führt an, dass in den Vergleichsrechnungen Rechenfehler vorhanden seien und Äpfel mit Birnen verglichen würden. Insbesondere wurde eine Minimalsanierung der Schule einem Neubau gegenübergestellt, was dazu führte, dass die Restnutzungsdauer des heutigen Gymnasiums sich nach den statistischen Erwartungen nur unwesentlich verlängerte, während bei einem Neubau von einer Nutzungsdauer laut Verwaltung von 80 Jahren ausgegangen wird.
Die von der Gemeinde vertretene Position betrachtet jedoch eine umfassende Sanierung als wirtschaftlich nicht sinnvoll, da die jährlichen Unterhaltskosten des Altbaus um mehr als 50% über denen eines Neubaus liegen würden. Zudem würde eine Sanierung die grundlegenden baulichen und pädagogischen Mängel des Altbaus nicht beheben können.
Politische Entscheidung und Prozess
Die Entscheidung für den Neubau des Alstergymnasiums wurde in einer gemeinsamen Sitzung des Planungs- und Bauausschusses sowie des Ausschusses für Bildung, Kultur, Jugend und Sport getroffen. Die Mehrheit der Parteien und Wählergemeinschaften – SPD, FDP, BfB und Grüne – stimmte für den Grundsatzbeschluss.
Die FDP, die den Neubaubeschluss seit Jahren vehement fordert, sieht darin ein wichtiges Signal für die Zukunft des Bildungsstandorts Henstedt-Ulzburg. Stephan Holowaty, Vorsitzender des Planungs- und Bauausschusses und Landtagsabgeordneter, hatte bereits vor sieben Jahren erstmals einen Abriss und Neubau des maroden Gymnasiums gefordert, damals noch auf Widerspruch von allen Seiten.
Die CDU und die Wählergemeinschaft WHU (WHU) hatten jedoch weiter eine Sanierung des Gebäudes erwogen. In einem Antrag schlugen sie vor, den "unhaltbaren Zustand" des Gebäudes nicht durch einen Neubau, sondern durch Sanierung zu beheben. Dieser Vorschlag wurde jedoch von der Mehrheit der Gemeindevertretung abgelehnt.
Ein entscheidender Punkt in der politischen Diskussion war das Argument der FDP, dass ein klarer Grundsatzbeschluss für den Neubau notwendig sei, um die Planungsprozesse einzuleiten. Bereits die Planungskosten seien dann förderfähig, und wenn sich herausstellen sollte, dass ein Neubau am Ende nicht finanziert werden kann, gäbe es immer noch Ausstiegspunkte. Ohne diesen klaren Beschluss, so die Argumentation, werde sich niemand engagieren, und die jährlichen Reparatur- und Instandsetzungskosten würden weiter ungebremst ansteigen.
Die FDP warnte davor, dass ohne klaren Neubaubeschluss die Gemeinde am Ende nicht nur die Sanierung, sondern kurz darauf auch nochmal den Neubau bezahlen müsse.
Planungskonzept für den Neubau
Der geplante Neubau des Alstergymnasiums sieht ein modernes Raumkonzept vor, das die Anforderungen des 21. Jahrhunderts erfüllt. Die Schule soll Platz für rund 1.300 Schülerinnen und Schüler sowie 100 Lehrkräfte bieten.
Architektonische Gestaltung
Der viergeschossige Neubau besteht aus fünf Baukörpern: - Vier Klassenhäuser, von denen eines als Fachklassenhaus definiert ist - Ein zentraler Baukörper in der Mitte, der als verbindendes Element zwischen den vier Klassenhäusern dient
Diese Anordnung ermöglicht eine moderne pädagogische Raumstruktur, die flexibles Lernen und Zusammenarbeit unterstützt. Durch die Anordnung des Neubaus auf dem bisherigen Sportplatz im Nordosten des Schulcampus orientiert sich der neue Schulhof nach Süden und Südwesten, was zu optimalen Lichtverhältnissen im Schulgebäude führt.
Bauphasen und Zeitplan
Die Bauaufgabe ist in mehrere Bauabschnitte untergliedert: 1. Neubau eines Schulgebäudes auf dem bisherigen Sportplatz 2. Vollumfänglicher Rückbau des Bestandsgebäudes 3. Teilsanierung der bestehenden Sporthallen 4. Neue Gestaltung der Freiflächen
Der Bau soll im Februar 2027 starten. Im Sommer 2029 soll die Schule dann in das neue Gebäude umziehen. Die anschließende Bauzeit wird drei Jahre dauern, sodass im Jahr 2030 mit der Eröffnung gefeiert werden könnte. Im Anschluss wird das bisherige Gebäude abgerissen, was sicherstellt, dass es während der Bauphase einen problemlosen Unterricht gibt.
Bürgerbeteiligung
Die Gemeinde Henstedt-Ulzburg legt Wert auf Bürgerbeteiligung beim Großprojekt. Eine Informationsveranstaltung fand am 8. Oktober 2025 in der Aula des Alstergymnasiums statt. Bei dieser Veranstaltung konnten die Bürgerinnen und Bürger den aktuellen Planungsstand sowohl zum Hochbau als auch zum Bebauungsplan Nummer 154 erfahren und im zweiten Teil der Veranstaltung mit der Verwaltung und den beauftragten Fachplanern ins Gespräch kommen.
Die Planungsunterlagen lagen vom 6. Oktober 2025 bis einschließlich 7. November 2025 zur Einsicht auf, und die Bürger hatten die Möglichkeit dazu Stellung zu nehmen. Die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung werden dokumentiert und öffentlich bereitgestellt.
Auswahl der Architekten
Für die Planung des neuen Alstergymnasiums wurden neun Teilnahmeanfragen zur Ausschreibung eingereicht. Letztlich haben vier Büros ihre Vorstellungen für das neue Gymnasium in Henstedt-Ulzburg eingereicht.
Eines der beteiligten Büros ist PPP Architekten aus Lübeck, nach Aussage von Lars Möller, Fachbereichsleiter Grundstücks- und Gebäudemanagement, hat dieses Büro eine umfangreiche Expertise bei der Sanierung und dem Neubau von Schulgebäuden und zeichnet sich durch "architektonisch interessante Projektlösungen mit modernen pädagogischen Ansätzen" aus.
PPP Architekten hat bereits mehrere Schulprojekte realisiert: - Den Neubau der Ostsee-Grundschule Scharbeutz in Ostholstein (fertiggestellt im Dezember 2023) - Die Sanierung des Schulzentrums Mühlenredder in Reinbek (Kreis Stormarn, abgeschlossen 2022) - Den Erweiterungsneubau der Eider-Nordsee-Schule in Wesselburen (Dithmarschen)
Diese Referenzen sprechen für die Expertise des Büros und die Fähigkeit, sowohl bei Neubauten als auch bei Sanierungen erfolgreich zu agieren.
Fazit
Die Entscheidung für einen Neubau des Alstergymnasiums in Henstedt-Ulzburg statt einer Sanierung basiert auf einer wirtschaftlichen Gesamtbetrachtung, die die hohen jährlichen Unterhaltungskosten des Altbaus berücksichtigt. Das Gebäude aus den 1970er Jahren nach dem "Kasseler Modell" weist gravierende strukturelle und funktionale Mängel auf, die sich nicht wirtschaftlich sanieren lassen.
Die Kostenschätzungen zeigen, dass eine umfassende Sanierung teurer wäre als ein Neubau, zudem würde eine Sanierung die pädagogischen Anforderungen an eine moderne Schule nicht erfüllen. Der geplante Neubau bietet die Möglichkeit, ein zeitgemäßes Raumkonzept zu realisieren und die unlösbaren Probleme des Bestandsgebäudes nicht weiter verwalten zu müssen.
Das Projekt zeigt exemplarisch die Herausforderungen, die bei der Entscheidung zwischen Sanierung und Neubau bei öffentlichen Gebäuden entstehen. Es unterstreicht die Bedeutung einer sorgfältigen Wirtschaftlichkeitsprüfung und die Notwendigkeit, langfristige Unterhaltungskosten in die Überlegungen einzubeziehen. Gleichzeitig verdeutlicht der Fall die Bedeutung einer frühzeitigen Bürgerbeteiligung und transparenten politischen Entscheidungsprozesse bei Großprojekten dieser Größenordnung.
Der geplante Neubau des Alstergymnasiums stellt somit nicht nur eine notwendige Investition in die Bausubstanz dar, sondern auch eine Investition in die Bildungsinfrastruktur und die Zukunft der Gemeinde Henstedt-Ulzburg.
Quellen
- Alstergymnasium: Neubau statt Sanierung
- Das Alstergymnasium braucht ein neues Gebäude
- Kostenschätzungen Sanierung/Neubau Alstergymnasium
- Unterlagen für neuen Alstercampus liegen aus
- Informationsveranstaltung zum Neubauprojekt Alstergymnasium
- CDU zum Alstergymnasium: Neubau-Beschluss auf einer dünnen Faktenlage
- Alstergymnasium Henstedt-Ulzburg: So geht es weiter