Sanierung der Alzbrücke Seebruck: Nachhaltige Modernisierung mit historischem Bezug

Einleitung

Die Alzbrücke in Seebruck stellt ein bedeutendes Infrastrukturprojekt im Landkreis Traunstein dar, dessen erfolgreiche Sanierung die Verbindung zwischen den Ortsteilen sichert und gleichzeitig die Lebensdauer dieses historischen Bauwerks verlängert. Die 85 Jahre alte Brücke, die die Staatsstraße 2095 über die Alz führt – in die der Chiemsee in diesem Bereich mündet – wurde grundlegend erneuert, um ihre weitere Nutzung für mindestens 15 Jahre zu gewährleisten. Dieser Artikel beleuchtet die technischen Aspekte, die Herausforderungen und die besonderen Merkmale dieses anspruchsvollen Bauvorhabens, das Maßstäbe in nachhaltiger Brückensanierung setzt.

Historischer Hintergrund und Ausgangslage

Die Alzbrücke Seebruck war vor ihrer Sanierung das schlechteste Brückenbauwerk auf den Staatsstraßen im Zuständigkeitsbereich des Staatlichen Bauamts Traunstein. Das 85 Jahre alte Bauwerk war ständiger Überwachung unterzogen und drohte sogar vollständig gesperrt zu werden. Die dringende Notwendigkeit einer Sanierung ergab sich aus erheblichen Schäden am Überbau, die eine grundlegende Erneuerung erforderlich machten.

Das Bauwerk hat eine besondere verkehrliche Bedeutung, da es in der näheren Umgebung die einzige Alzquerung auch für Fußgänger und Radfahrer darstellt. Die Brücke liegt in der Ortsdurchfahrt von Seebruck, unmittelbar am nördlichen Ufer des Chiemsees, und verbindet thus wichtige Verbindungen im regionalen Verkehrsnetz.

Die langfristige Planung sah ursprünglich vor, eine Ortsumgehung für die St 2095 zu errichten und die Alzbrücke Seebruck anschließend in eine reine Fuß- und Radwegbrücke umzuwidmen. Bis zur Realisierung dieser Umgehungsplanung musste jedoch eine uneingeschränkte Nutzung als Straßenbrücke aufrechterhalten werden. Dieser zumindest absehbar temporäre Charakter der Erhaltungsmaßnahme eröffnete planerische Wege, die bei Straßenbrücken am Ende ihrer Lebensdauer üblicherweise gar nicht beschritten werden.

Technische Herausforderungen bei der Sanierung

Die Sanierung der Alzbrücke stellte die Ingenieure vor mehrere besondere Herausforderungen, die durch die Lage und die Gegebenheiten des Bauwerks bedingt waren. Eine der größten Schwierigkeiten war die strikte Begrenzung der Bauzeit auf maximal eine Bausaison. Aus verkehrlichen Gründen durfte die Staatsstraße 2095 nur für diesen begrenzten Zeitraum gesperrt werden, was die Planung und Ausführung erheblich erschwerte.

Ein weiteres komplexes Problem stellten die Baugrundverhältnisse dar. Im Bereich der Mündung des Chiemsees in die Alz liegen großmächtige Seetone an, die eine ungünstige Baugrundsituation schaffen. Für eine vollständige Erneuerung des gesamten Bauwerks wären umfangreiche Gründungsmaßnahmen erforderlich gewesen, die innerhalb des vorgegebenen Zeitrahmens als nicht umsetbar erschienen.

Die Lösung dieser Herausforderungen erforderte eine eingehende geotechnische Begutachtung und zerstörungsfreie Prüfungen, die zeigten, dass die vorhandenen Gründungskonstruktionen aus Flachgründungen und tief in den Seeton einbindenden Holzpfählen aus dem Jahr 1933 noch uneingeschränkt tragfähig waren. Diese Erkenntnis war die Grundlage für die Entscheidung, nur den Überbau zu erneuern und die vorhandenen Unterbauten nach geeigneter statisch-konstruktiver Ertüchtigung weiterhin zu nutzen.

Zusätzlich zur technischen Komplexität kam die sensible Lage des Bauwerks hinzu. Die Alzbrücke Seebruck liegt in einem landschaftlich äußerst attraktiven Umfeld, von dem aus sich nach Süden ein malerischer Ausblick über den Chiemsee auf die Alpen bietet. Die Alz und ihre Uferzonen gelten zudem als ökologisch hochwertig und sensibel, was besondere Anforderungen an die Bauausführung stellte.

Konzept der Nutzungsdauerverlängerung

Das zentrale Konzept der Sanierung zielte auf eine nachhaltige Nutzungsdauerverlängerung des Bauwerks aus. Durch die Entscheidung, die vorhandenen Unterbauten nach Ertüchtigung weiter zu nutzen und lediglich den Überbau zu erneuern, konnte eine kosteneffiziente und ressourcenschonende Lösung realisiert werden. Dieses Vorgehen ermöglichte es, mit minimalen Eingriffen eine maximale Wirkung für die Nachhaltigkeit zu erzielen.

Für die Erneuerung des Bauwerks mussten zusätzliche Belastungen bzw. Setzungen der Gründungselemente ausgeschlossen werden. Um die Lasten aus dem neuen Überbau aufnehmen zu können, wurden die Pfeilerköpfe mit vorgefertigten Stahlkonstruktionen ertüchtigt. Gleichzeitig wurden die Auflagerbänke der beiden Widerlager zur Aufnahme der Beanspruchungen aus dem Überbau verstärkt.

Vor dem Hintergrund der gestiegenen Verkehrslasten war eine Minimierung des Gewichts des Teilneubaus erforderlich. Für die Erneuerung des Überbaus wurde daher eine über neun Felder durchlaufende, gewichtssparende Stahlverbundkonstruktion mit hohem Vorfertigungsgrad gewählt. Der Regelquerschnitt besteht aus vier Verbundfertigteilträgern mit Ortbetonergänzung, die eine optimale Balance zwischen Tragfähigkeit und Gewicht herstellen.

Bauausführung und technische Details

Die Bauarbeiten an der Alzbrücke Seebruck fatten im November 2021 begonnen und wurden im Dezember 2022 abgeschlossen, wobei Geländer und weitere Restarbeiten im Frühjahr 2023 folgten. Die Brücke hat eine Breite von 12,20 Metern zwischen den Geländern und eine Stützweite von 115,20 Metern. Der Kreuzungswinkel beträgt 100 gon.

Während der einjährigen Bauphase wurde die Brücke weitgehend erneuert. Zunächst wurde ein Behelfsweg für Fußgänger und Radfahrer errichtet, sodass der Fußgänger- und Radverkehr während der gesamten Bauzeit keine Einschränkungen erfahren hat. Anschließend wurde die alte Brücke zum Großteil abgebrochen, die Pfeilerköpfe saniert und die Widerlager erneuert. Mit einem neuen Überbau in Verbundbauweise wurde die volle Tragfähigkeit der Brücke wieder hergestellt, was bedeutet, dass künftig wieder 40-Tonner zugelassen sind.

Die Besonderheiten der Bauweise liegen in der Kombination von Stahlverbundfertigteilen mit Ortbetonergänzung, die die strukturelle Integrität und Langlebigkeit der Brücke gewährleisten. Die Unterbauten konnten nach Ertüchtigung weiter genutzt werden, während der Überbau vollständig erneuert wurde. Die Kappen und Fertigteilplatten wurden aus Leichtbeton hergestellt, was zur Gewichtsreduktion beitrug.

Die Gesamtkosten der Sanierung werden auf fünf Millionen Euro geschätzt, die vom Freistaat Bayern als Bauträger übernommen wurden. Die gute Zusammenarbeit mit der äußerst kooperativen Gemeinde Seeon-Seebruck wurde von den verantwortlichen Projektbeteiligten besonders hervorgehoben.

Gestaltung und landschaftliche Integration

Bei der Gestaltung der erneuerten Alzbrücke Seebruck lag ein besonderer Fokus auf der harmonischen Integration in die besondere landschaftliche Umgebung. Von der Brücke aus bietet sich nach Süden ein geradezu malerischer Ausblick über den Chiemsee auf die Alpen, der durch eine zu aufdringliche Bauwerksform nicht beeinträchtigt werden sollte.

Die grundlegende Gestaltungsidee war daher, die Brücke selbst möglichst minimalistisch und schlicht zu halten, damit sie hinter den benachbarten Naturschönheiten zurücktritt. Es galt, mit den geometrischen und konstruktiven Randbedingungen, die die Weiternutzung der bestehenden Unterbauten vorgab, den neuen Überbau in seiner Form als schlankes und funktionales Band zu konzipieren.

Bereits die bestehende Brücke hatte gestalterisch den Charakter einer "Hafen- bzw. Pierbrücke". Auch diese Assoziation sollte wegen der Nachbarschaft zum nahen Freizeithafen erhalten bleiben. Trotz der angestrebten großen Überbauschlankheit musste der neue Überbau – zumindest bis zum Nutzungsende als Straßenbrücke – hinsichtlich seiner Tragfähigkeit in der Lage sein, die in den aktuellen Brückenbaunormen vorgegebenen Verkehrslasten aufzunehmen.

Die teilerneuerte Brücke fügt sich heute harmonisch in ihre besondere landschaftliche Umgebung ein und bietet ohne Einschränkungen die Leistungsfähigkeit einer modernen Verkehrsinfrastruktur. Die minimalistische Gestaltung trägt dazu bei, die ökologische und ästhetische Qualität des Gebiets zu erhalten und zu fördern.

Verbesserung der Geh- und Radwegverbindung

Ein wesentlicher Aspekt der Sanierung war die Verbesserung der Infrastruktur für Fußgänger und Radfahrer. Durch die Verbreiterung des Überbaus konnte eine erhebliche Verbesserung der Geh- und Radwegverbindung über die Alz erreicht und eine Lücke im Chiemsee-Rundweg geschlossen werden.

Die Lösung bestand darin, den Radweg künftig separat auf der Nordseite der Brücke zu führen und den Gehweg auf der Seeseite anzuordnen. Auf diese Weise konnte die Interaktion von Fußgänger- und Radverkehr konfliktfreier gestaltet werden. Durch die breitere Ausführung steht nun genügend Platz auf der Brücke zur Verfügung, sodass Fußgänger wie Radfahrer auch an den touristisch hoch frequentierten Wochenenden einmal verweilen können, um von der Brücke aus das großartige See- und Alpenpanorama zu genießen.

Der Radverkehr mündet dann in die Haushoferstraße beziehungsweise führt über diese auf die Brücke. Die Fertigstellung des Radwegs und des Gehwegs sowie eine Ampel bei der Einmündung in die Römerstraße, Geländer und weitere Restarbeiten in den Anschlussbereichen mussten jedoch ins folgende Jahr verschoben werden.

Diese Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur für nicht motorisierten Verkehr tragen wesentlich zur Lebensqualität in der Region bei und fördern nachhaltige Mobilitätsformen.

Zukunftsplanung: Ortsumgehung und langfristige Perspektiven

Die Sanierung der Alzbrücke Seebruck ist nur eine Teillösung im größeren Kontext der Verkehrsplanung in der Region. Langfristig ist vorgesehen, eine Ortsumgehung zu errichten und die Alzbrücke anschließend in eine reine Fuß- und Radwegbrücke umzuwidmen.

Die Planungen für diese sogenannte "Entlastungsspange" Seebruck schreiten voran. Die sogenannte Raumempfindlichkeits-Analyse für das Projekt ist mittlerweile abgeschlossen. Nun wird eine Umweltverträglichkeitsstudie mit Trassen-Vergleichen in Bearbeitung genommen. Die Ergebnisse der Gutachten werden 2023 erwartet. Auf Basis einer Festlegung der Trasse und Erarbeitung einer technischen Planung sind die nächsten Schritte vorgezeichnet, doch muss man sich auf einen langen Planungsprozess einstellen.

Die Entlastungsspange ist jedoch nicht unumstritten. Kritiker warnen vor den negativen Auswirkungen auf die Landschaft und die landwirtschaftlichen Betriebe in der Region. Ein Bauerhof, dessen Wirtschaftsgrundlage bei diesem Projekt unter Teer verschwinden könnte, und der Verlust von Ruhe zugunsten von Straßenlärm werden als negative Konsequenzen genannt. Auch die Sorge besteht, dass eine Umfahrung den Verkehr vom neu gebauten Aubergtunnel in Altenmarkt zum Großteil über Seebruck lenken könnte.

Dennoch wird die Sanierung der Alzbrücke als notwendige Zwischenlösung angesehen, die die Verbindung sicherstellt, bis die langfristige Lösung in Form der Ortsumgehung realisiert werden kann.

Fazit

Die Sanierung der Alzbrücke Seebruck stellt ein vorbildliches Beispiel für nachhaltige Infrastrukturmaßnahmen dar. Durch den innovativen Ansatz, die vorhandenen Unterbauten nach Ertüchtigung weiter zu nutzen und lediglich den Überbau zu erneuern, konnte eine kosteneffiziente und ressourcenschonende Lösung realisiert werden. Die Verbindung von technischer Notwendigkeit und gestalterischer Sensibilität hat zu einem Ergebnis geführt, das funktionalen Anforderungen ebenso gerecht wird wie ästhetischen und ökologischen Aspekten.

Die Verlängerung der Nutzungsdauer des 85 Jahre alten Bauwerks um mindestens 15 Jahre sichert die verkehrliche Erschließung der Region auf nachhaltige Weise. Gleichzeitig wurde die Infrastruktur für Fußgänger und Radfahrer deutlich verbessert, was zur Lebensqualität in der Region beiträgt.

Die Alzbrücke Seebruck ist somit mehr als nur eine Brücke – sie ist ein Symbol für den erfolgreichen Umgang mit dem Erbe der Vergangenheit bei gleichzeitiger Vorbereitung auf die Anforderungen der Zukunft. Die enge Zusammenarbeit zwischen dem Staatlichen Bauamt Traunstein, der Gemeinde Seeon-Seebruck und den Ingenieurbüros hat gezeigt, dass mit gemeinsamer Anstrengung auch komplexe Bauvorhaben erfolgreich realisiert werden können.

Die Sanierung ist eine wichtige Weichenstellung im regionalen Verkehrsnetz und ein wertvoller Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung der Region Chiemsee-Alpenland.

Quellen

  1. Haumann-Fuchs Brückensanierung
  2. Traunsteiner Tagblatt: Gehweg im Zuge der Ufersanierung
  3. UVA Trostberg: Umfahrung Seebruck
  4. WTM Engineers: Projekt Alzbrücke Seebruck
  5. Bayika: Mitgliederprojekt Nutzungsdauerverlängerung
  6. Traunsteiner Tagblatt: Verkehr über die Alzbrücke rollt wieder

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