Einleitung
Der AquaDom in Berlin galt als eine der bedeutendsten Touristenattraktionen der Hauptstadt und als das größte freistehende zylindrische Aquarium der Welt. Das 16 Meter hohe und 11,5 Meter breite Acrylglasbehausung beherbergte knapp 1.500 tropische Fische und eine Million Liter Wasser. Nach 15 Jahren ununterbrochenen Betriebs wurde das Aquarium einer aufwendigen Sanierung unterzogen, die im Oktober 2019 begann und Sommer 2020 abgeschlossen wurde. Wenig später, im Dezember 2022, zerplatzte die beeindruckende Konstruktion in der Hotellobby des Radisson Collection Berlin. Dieser Beitrag analysiert die Sanierungsmaßnahmen, den Zusammenbruch und die in dem Gutachten genannten möglichen Ursachen des Unglücks.
Der AquaDom: Eine technische Meisterleistung
Der AquaDom wurde am 11. Mai 2004 eröffnet und ist Teil des DomAquarée-Ensembles in Berlin-Mitte. Das Gebäudeensemble, entworfen vom Architekturbüro nps tchoban voss GbR, gehört zum Portfolio eines Offenen Immobilienfonds von Union Investment und verfügt über eine Gesamtfläche von 71.428 Quadratmetern. Neben dem AquaDom beherbergt das Quartier Hotel- (Radisson Blu Hotel DomAquarée), Büro- und Wohnflächen sowie diverse Geschäfte, Gastronomie und touristische Attraktionen wie das Sea Life Berlin und das DDR Museum Berlin.
Die technische Konstruktion des AquaDoms war beeindruckend: Der 16 Meter hohe Acrylglaszylinder fasste eine Million Liter Wasser und wies eine Gesamthöhe von 25 Metern auf. Besonders bemerkenswert war die Aufzugsanlage, die sich im inneren Hohlraum des Zylinders befand und Besuchern die ermöglichte, durch die Unterwasserwelt zu fahren. Die Stärke des Acrylglases betrug etwa 20 Zentimeter, was für eine solide Konstruktion sorgen sollte.
Die Sanierung 2019-2020: Notwendigkeit und Durchführung
Nach 15 Jahren Dauerbetrieb wurde deutlich, dass der AquaDom einer Sanierung bedurfte. Laut Projektleiter Diplom-Ingenieur Markus Ghazi vom zuständigen Ingenieurbüro Abraham waren leichte Undichtigkeiten im unteren Bereich des Aquariums aufgetreten, die eine Erneuerung erforderlich machten. In einem Interview erklärte Ghazi die Gründe für die Sanierung: "Durch das hohe Gewicht des Wassers entsteht ein 'enormer Druck' am Boden des Aquariums. Und auch der Salzgehalt des Wassers von 3,5 Prozent macht die Sanierung nach den vielen Jahren notwendig. Da ist nach 15 Jahren Dauerbetrieb eine gewisse Materialermüdung völlig normal."
Die Sanierungsarbeiten umfassten mehrere Maßnahmen:
- Erneuerung der Abdichtung des Sockels: Es wurde eine zusätzliche Dichtungsebene eingefügt, um die Undichtigkeiten zu beheben.
- Instandsetzung der gläsernen Aufzugsanlage: Der Aufzug, der sich im inneren Hohlraum des Zylinderraquariums befindet, wurde umfangreich repariert.
- Schutz des Acrylzylinders: Industriekletterer befestigten eine Schutzfolie am Acrylzylinder, um das Material vor dem Austrocknen zu schützen.
- Vollständige Entleerung des Wassers: Im Rahmen der Arbeiten wurde das gesamte Wasser aus dem Aquarium abgelassen.
- Umsiedlung der Fische: Die 1.500 tropischen Fische wurden vorübergehend in Aquarien im Untergeschoss des DomAquarée umgesiedelt, die von der Berliner Gesellschaft für Großaquarien (BGG) betrieben werden. Die dortige Aufzucht- und Pflegestation wurde für die Zeit der Sanierung mit zusätzlichen Aquarien erweitert. Der gesamte Prozess wurde von erfahrenen Biologen und Aquaristen begleitet.
Besonders hervorzuheben war die Erneuerung der Silikondichtung durch einen Spezialisten aus den USA. Zudem wurde eine Sekundärdichtung installiert, die laut Flyer zur Sanierung als "Weltneuheit, die extra für diesen Zweck von einer deutschen Spezialfirma entwickelt wurde" beworben wurde. Diese "Doppeldichtung" sollte besonders langlebig sein und wurde in den Unterlagen als "langlebige Doppeldichtung" bezeichnet.
Die Kosten für die Sanierung beliefen sich auf 2,6 Millionen Euro. Nach Abschluss der Arbeiten und einer coronabedingten Pause wurde der AquaDom im Sommer 2020 wiedereröffnet. Die Wiedereröffnung war ursprünglich für das zweite Quartal 2020 vorgesehen, verzögerte sich aber aufgrund der Pandemie.
Der Zusammenbruch im Dezember 2022
Am 16. Dezember 2022, nur etwa zweieinhalb Jahre nach der aufwendigen Sanierung, platzte der AquaDom mit katastrophalen Folgen. Die gewaltige Wassermenge ergoss sich in die Hotellobby des Radisson Collection Berlin. Nach dem Zusammenbruch wurde das Gebäude vom Technischen Hilfswerk begutachtet, das keine weitere Gefahr vor Ort feststellte.
Der Zusammenbruch des AquaDoms war umso überraschender, da das Aquarium erst kürzlich für 2,6 Millionen Euro saniert und grundgereinigt worden war. Berlins Innensenatorin Iris Sprander (SPD) äußerte in einem Interview erste Vermutungen, wonach Materialermüdung die Ursache für das geplatzte Aquarium gewesen sein könnte.
Das Gutachten: Drei mögliche Ursachenhypothesen
Knapp zehn Monate nach dem Unglück, im Mai 2023, wurde das Gutachten des Kunststoffexperten Dr. Christian Bonten vorgestellt. Laut Bonten war das Unglück "ein plötzliches und unerwartetes Ereignis". Der Experte identifizierte drei ernsthaft in Betracht kommende Ursachen, die sowohl in der Herstellungsphase als auch in der Sanierungsphase liegen könnten:
Hypothese 1: Versagen einer Klebenaht
Die erste mögliche Ursache ist das Versagen einer Klebenaht. Bei diesen Stellen handelt es sich um die Verbindungen, an denen die einzelnen Teile des Aquariums während des Baus zusammengesetzt wurden. Im Laufe der Zeit könnte es an diesen Verbindungen zu Materialermüdung gekommen sein, die letztlich zum Zusammenbruch führte.
Hypothese 2: Beschädigung während der Sanierung
Die zweite Hypothese besagt, dass das Wasserbecken bei der Sanierung zwischen 2019 und 2020 durch eine Kerbe im Sockelbereich des Aquariums beschädigt worden sein könnte. Solche Kerben können als Spannungskonzentratoren wirken und Risse verursachen oder begünstigen. Bonten vermutet, dass möglicherweise während der Sanierungsarbeiten eine Kerbe in den Sockel des Zylinders geritzt wurde, was zu strukturellen Schwächungen geführt haben könnte.
Hypothese 3: Übermäßige Austrocknung der Wände
Die dritte Hypothese betrifft den Trocknungsprozess während der Sanierung. Im Zuge der Arbeiten wurde das Becken vollständig entleert und möglicherweise zu spät wieder mit Wasser befüllt. Laut Bonten: "Die Wand wurde im Übermaße ausgetrocknet", wodurch Spannungen im Acrylglas entstanden sein könnten, die Risse verursachen oder begünstigen können. Der Experte äußerte hierzu: "Aus meiner Sicht ist das nicht fachmännisch gemacht worden."
Unklare Ursachenzusammenhänge
Trotz intensiver Untersuchungen konnte Bonten keine eindeutigen Belege für eine der drei Hypothesen liefern. "Aus den vorhandenen Dokumentationen und den vielen aufwändigen forensischen Untersuchungen lassen sich jedoch keine eindeutigen Belege für eine der möglichen Schadensursachen ableiten", sagte der Experte bei der Vorstellung der Ergebnisse in Berlin. Das Gutachten konstatiert: "Wir haben während und nach der Zusammensetzung der vielen Scherben in alle Richtungen ermittelt, mehrere Schadenshypothesen aufgestellt und sind diesen mit teils aufwendigen Analyse- und Prüfmethoden nachgegangen."
Die Tatsache, dass keine eindeutige Ursache identifiziert werden konnte, macht den Fall besonders komplex und unterstreicht die Bedeutung gründlicher Dokumentation und sorgfältiger Durchführung von Sanierungsarbeiten an technischen Bauwerken.
Technische Analyse möglicher Versagensursachen
Materialeigenschaften von Acrylglas
Für das Verständnis des Zusammenbruchs ist es wichtig, die Materialeigenschaften von Acrylglas zu kennen. Acrylglas (PMMA) ist ein transparenter, thermoplastischer Kunststoff, der durch seine hohe Lichtdurchlässigkeit und Witterungsbeständigkeit bekannt ist. Im Vergleich zu Glas ist Acrylglas deutlich leichter, aber auch weicher und anfälliger für Kratzer und Spannungsrisse.
Bei Aquarien wird Acrylglas oft verwendet, da es eine höhere Bruchzähigkeit aufweist als Glas und bei Beschädigung nicht in scharfe Splitter zerfällt. Allerdings ist Acrylglas anfällig für Spannungsrisse, insbesondere wenn es über längere Zeit mechanischen Spannungen ausgesetzt ist oder wenn es ungleichmäßig austrocknet.
Spannungsrissbildung
Die dritte im Gutachten genannte Hypothese betrifft die mögliche übermäßige Austrocknung der Acrylwände. Wenn Acrylglas mit Wasser in Kontakt steht, nimmt es eine gewisse Menge Wasser auf, was seine dimensionsstabilen Eigenschaften verbessert. Wird das Material über längere Zeit getrocknet, kann es zu Spannungen im Material kommen, die zu Rissen führen können.
Diese Art von Versagensmechanismus ist bei Acrylglas bekannt und wird als "Environmental Stress Cracking" (ESC) bezeichnet. Besonders problematisch ist es, wenn das Material während des Trocknens auch mechanischen Spannungen ausgesetzt ist oder wenn es ungleichmäßig trocknet, was zu differentellen Spannungen führt.
Klebverbindungen bei Acrylglas
Die erste Hypothese betrifft das Versagen von Klebverbindungen. Bei der Herstellung des AquaDoms wurden wahrscheinlich mehrere Acrylglaselemente miteinander verklebt. Die Qualität solcher Verbindungen hängt von vielen Faktoren ab:
- Oberflächenvorbehandlung: Acrylglas muss vor dem Verkleben speziell vorbereitet werden, um eine gute Haftung zu gewährleisten.
- Klebstoffwahl: Es werden spezielle Acrylklebstoffe verwendet, die eine hohe Beständigkeit gegen Wasser und Chemikalien aufweisen.
- Klebebedingungen: Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Sauberkeit während des Klebprozesses sind entscheidend.
- Aushärtung: Der Klebstoff muss unter kontrollierten Bedingungen aushärten, um seine volle Festigkeit zu entwickeln.
Wenn eine dieser Phasen während der Herstellung nicht optimal durchgeführt wurde, könnte dies zu einer Schwachstelle in der Konstruktion geführt haben, die sich über die Jahre verschlechterte und letztlich zum Versagen führte.
Einfluss von Kerben
Die zweite Hypothese betrifft mögliche Beschädigungen während der Sanierung. Kerben in Acrylglas können als Spannungskonzentratoren wirken, d.h. sie können lokale Spannungen im Material erhöhen und so die Bildung von Rissen begünstigen.
Besonders kritisch ist es, wenn solche Kerben im Bereich von bereits bestehenden Spannungen oder Verbindungen auftreten. Im Sockelbereich des AquaDoms, wo der höchste Wasserdruck lastet, wären solche Beschädigungen besonders problematisch.
Folgen des Zusammenbruchs
Der Zusammenbruch des AquaDoms hatte erhebliche Konsequenzen:
Personenschäden: Glücklicherweise gab es keine Personenschäden, da das Aquarium in einer Hotellobby platzte, die zu dieser Zeit nicht stark frequentiert war.
Bauschäden: Das Wasser verursachte erhebliche Schäden im Gebäude, insbesondere in der Hotellobby.
Versicherung: Der Zusammenbruch wurde als Versicherungsfall eingestuft. Die infolge der Havarie entstandenen Beschädigungen am Gebäude, der schadensbedingte Rückbau und die Wiederherstellung sowie die gerechtfertigten Mietminderungen der Mietflächen sind im Rahmen einer Sachversicherungspolice versichert. Die Regulierung der Schäden hat bereits begonnen.
Nicht-Wiederaufbau: Das Aquarium wird nicht wieder aufgebaut. Dies bedeutet einen dauerhaften Verlust einer bedeutenden Touristenattraktion und ein Symbol für Berlin.
Lehren aus dem AquaDom-Zusammenbruch
Der Fall des AquaDoms bietet wichtige Lehren für die Bau- und Sanierungspraxis:
Dokumentation: Die fehlende eindeutige Ursachenzuordnung im Gutachten unterstreicht die Bedeutung umfassender und präziser Dokumentation während aller Phasen eines Bauprojekts – von der Planung über die Ausführung bis zur Sanierung.
Fachgerechte Durchführung von Sanierungen: Die Kritik von Experten an der Durchführung der Sanierung (insbesondere bezüglich der möglichen übermäßigen Austrocknung) zeigt, dass Sanierungsarbeiten an technischen Bauwerken von spezialisierten Fachkräften durchgeführt werden müssen.
Qualitätskontrolle: Bei Sanierungen sollten sorgfältige Qualitätskontrollen durchgeführt werden, um sicherzustellen, dass alle Arbeiten den Anforderungen entsprechen.
Materialkunde: Das Beispiel zeigt die Bedeutung tiefgehender Materialkkenntnisse, insbesondere bei unkonventionellen Bauwerken wie Großaquarien. Die spezifischen Eigenschaften von Acrylglas und deren Verhalten unter verschiedenen Bedingungen müssen berücksichtigt werden.
Langzeitüberwachung: Bei technischen Bauwerken, die über lange Zeiträume betrieben werden, sollten regentliche Inspektionen und Überwachungen durchgeführt werden, um frühzeitig auf mögliche Schwachstellen hinzuweisen.
Fazit
Der Zusammenbruch des AquaDoms in Berlin ist ein tragisches Beispiel dafür, wie selbst aufwendige Sanierungsmaßnahmen nicht immer den erwarteten Erfolg bringen können. Trotz einer sorgfältig geplanten und teuren Sanierung, die modernste Technologien wie die "Doppeldichtung" einsetzte, zerplatzte das Aquarium nur zweieinhalb Jahre später.
Das Gutachten von Dr. Christian Bonten identifizierte drei mögliche Ursachenhypothesen: das Versagen einer Klebenaht, Beschädigungen während der Sanierung und übermäßige Austrocknung der Wände. Da keine eindeutige Ursache festgestellt werden konnte, bleibt das Unglück ein bedauerlicher Vorfall, der auf die Komplexität technischer Bauwerke und die Bedeutung sorgfältiger Planung, Ausführung und Überwachung hinweist.
Der Fall des AquaDoms sollte als Lehre für zukünftige Sanierungsprojekte dienen und die Bedeutung fachgerechter Durchführung, umfassender Dokumentation und tiefgehender Materialkkenntnisse unterstreichen. Für den Berliner Tourismus und die Stadtlandschaft bedeutet der dauerhafte Verlust des AquaDoms einen symbolischen Verlust, der kaum zu kompensieren ist.
Quellen
- immobilien-aktuell-magazin.de
- t-online.de
- rnd.de
- hogapage.de
- [tophotel.de](https://www.tophotel.de/aquadom-in-berlin-was-sagt