Einführung
Der Arendsee, die "Blaue Perle" der Altmark, befindet sich in einer kritischen ökologischen Lage. Die hohe Phosphorbelastung führt regelmäßig zu Algenblüten und gefährdet das fragile Gleichgewicht des Sees. Nach dem massenhaften Fischsterben im vergangenen Jahr rückt die Sanierung des Gewässers in den Fokus der öffentlichen Diskussion. Dennoch sind die Pläne für eine Rettung des Sees trotz Dringlichkeit in eine endlose Behördenroutine geraten. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe der ökologischen Krise, die vorgeschlagenen Lösungsansätze und die Hürden, die einer Sanierung im Wege stehen.
Das Problem: Ökologische Belastung des Arendsees
Der Arendsee leidet unter einer massiven Überdüngung, die sich in mehreren Problemäußerungen zeigt. Professor Michael Hupfer vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), der den See seit 30 Jahren erforscht, betont: "Die negativen Überdüngungseffekte wie Algenblüten und Fischsterben lassen sich nur durch ein starkes Absenken der Phosphorkonzentration mindern. Seit Jahrzehnten liegen die Werte vier bis fünf Mal über den Werten, die dem natürlichen Zustand dieses Sees entsprechen würden."
Die konkreten Folgen dieser Belastung sind bereits spürbar. Im vergangenen kam es zu einem massenhaften Fischsterben, wie Fischer Wilfried Kagel berichtet: "So etwas gab es noch nie", sagt Kagel, der seit 1969 auf dem See fischt. Die Kombination aus hohen Temperaturen und zu vielen Nährstoffen im See führte zu einer sauerstofffreien Wasserschicht, was zum Tod zahlreicher Fische beitrug. Auch im Sommer 2019 mussten aufgrund von Blaualgenblüten Badeverbote ausgesprochen werden.
Die wirtschaftlichen Folgen für den Tourismus wären kaum absehbar. Der Arendsee bildet mit fast 80 Prozent die Hauptfläche des Landschaftsschutzgebiets Arendsee und ist als Schutzgebiet unter der Fauna-Flora-Habitatrichtlinie auch an die Europäische Union gemeldet. Die Attraktivität des Sees als touristisches Ziel steht somit direkt auf dem Spiel.
Europarechtliche Vorgaben und Dringlichkeit
Der Arendsee unterliegt mehreren europarechtlichen Vorgaben, die eine Sanierung zwingend erforderlich machen. Gemäß der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie müssen natürliche Gewässer bis 2027 in einen guten ökologischen Zustand gebracht werden. Diese Frist rückt unaufhaltsam näher, während die Sanierungspläne auf sich warten lassen.
Die Linke-Landtagsabgeordnete Kerstin Eisenreich hat im Juli 2024 eine Kleine Anfrage zum Zustand des Arendsees an die Landesregierung gestellt. An erster Stelle ging es ihr um den aktuellen Stand des Genehmigungsverfahrens für eine mögliche Seesanierung. Die Antwort aus dem Umweltministerium war wenig beruhigend: "Die Prüfung ist noch nicht abgeschlossen."
Dr. Dörthe Bethge-Steffens, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft "Der Arendsee", bestätigt die lange Dauer des Prüfverfahrens: "Im Jahr 2018 wurde angekündigt, dass der Antrag 2019 eingereicht werden soll, seitdem wird geprüft." Gut sechs Jahre dauert die Prüfung bereits an, ein Ende ist nicht in Sicht.
Die Ursachen der Phosphorbelastung
Die Ursachen für die hohe Phosphorkonzentration im Arendsee sind historisch gewachsen. Wie das Umweltministerium auf Anfrage erklärt, "stammt die Belastung des Sees mit Phosphor zum großen Teil aus langjährigen, historischen Einträgen. Quelle war lange Zeit das häusliche Abwasser aus Arendsee, das lange Zeit über Klärgruben ohne wesentlichen Stoffabbau in den Untergrund gelangte und von dort dem See zufloss."
Eine weitere Quelle der Belastung war die landwirtschaftliche Verwertung von Klärschlamm. "Von 1972 bis 1993 wurde dann das in der Kläranlage Arendsee gereinigte Abwasser auf landwirtschaftlichen Flächen verrieselt. In den Wintermonaten musste es dafür in Stapelbecken zwischengelagert werden", so das Ministerium.
Diese historischen Einträge haben zu einer Kumulation von Phosphor im Seensediment geführt, der kontinuierlich in das Wasser freigesetzt wird und den Nährstoffkreislauf dauerhaft stört.
Der vorgeschlagene Lösungsansatz: Chemische Phosphatfällung
Aus Forschungssicht ist laut den Experten des IGB eine Kombination aus Restaurierung und Sanierung notwendig, um sowohl eine schnelle als auch eine langfristige und nachhaltige Wirkung zu erzielen. Ein erster empfehlenswerter Schritt sei der Einsatz eines gewässerökologisch geeigneten Fällmittels, mit dem der Phosphor aus dem Freiwasser gebunden und in das Tiefenwasser absinken würde.
Konkret sieht das vorgeschlagene Verfahren den Einsatz von Polyaluminiumchlorid vor. Dabei handelt es sich um ein kombiniertes Flockungs- und Fällungsmittel, das auch für die Trinkwasseraufbereitung eingesetzt wird. Laut den vor Jahren vorgestellten Plänen soll das Mittel vom Boot aus im See verteilt werden. Der dauerhaft gebundene Phosphor könnte dann nicht mehr als Nahrungsgrundlage für Algen dienen.
Ein Konzept zur "Sanierungsuntersuchung/Sanierungskonzept externe Phosphorquellen Einzugsgebiet Arendsee" liegt bereits seit einigen Jahren vor, erarbeitet unter anderem vom Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft Sachsen-Anhalt (LHW). Dieses Konzept bildet die Grundlage für die geplante Maßnahme.
Die Kostenfrage: Von acht Millionen zu zweistelligen Millionenbeträgen
Die Sanierung des Arendsees wäre eines der teuersten Projekte, die es seit langem im Bereich Arendsee gegeben hätte. Die Kosten für die Seesanierung sollen inzwischen von einst acht Millionen Euro in den zweistelligen Bereich gestiegen sein – hieß es jüngst im Stadtrat.
Diese Kostenentwicklung ist nicht unproblematisch, insbesondere vor dem Hintergrund der zusätzlichen Sanierungsbedürftigkeit anderer Infrastruktur. So ist beispielsweise die 2008 erbaute Seetribüne bereits marode und muss saniert werden. "Das Holz ist marode und an vielen Stellen durchgefault, die Konstruktion einsturzgefährdet und gesperrt", berichtet die AZ. Da ihre Unterhaltung zu den freiwilligen Aufgaben der Gemeinde gehört, könnte die Freigabe des Sanierungsetats schwierig werden.
Die Kontroverse: Bevölkerungsmeinungen und Naturschutzbedenken
Die geplante Sanierung ist in der Bevölkerung nicht unumstritten. Die Diskussion dreht sich dabei vor allem um zwei Aspekte: Einerseits die potenzielle negative Wirkung auf die Natur im und um den Arendsee, andererseits die mögliche größere negative Wirkung auf den Tourismus durch den Einsatz chemischer Mittel.
Die Befürworter der Sanierung argumentieren, dass ohne eine Maßnahme das Risiko weiterer Fischsterben besteht, die den Tourismus weitaus stärker beeinträchtigen würden als die kurzfristige Anwendung von Fällmitteln. Die Gegner befürchten hingegen, dass der Einsatz von Polyaluminiumchlorid das empfindliche Ökosystem des Sees weiter stören könnte und eine größere Negativwerbung für den Tourismus erzeugt als die Algenblüten selbst.
Besonders kritisch sehen die Behörden die möglichen Auswirkungen auf den Natur- und Artenschutz. Aus dem Altmarkkreis heißt es dazu: "Aus Sicht der unteren Naturschutzbehörde wird die angedachten Maßnahmen im Arendsee hinsichtlich ihrer FFH-Verträglichkeit, nach intensiver Prüfung und Bewertung, nach wie vor als sehr kritisch betrachtet." Eine entsprechende Positionierung sei dahingehend auch im Rahmen des wasserrechtlichen Erlaubnisverfahrens vorgesehen.
Der bürokratische Stau: Genehmigungsverfahren im Stillstand
Das größte Hindernis für die Sanierung des Arendsees ist der bürokratische Stillstand im Genehmigungsverfahren. Aus dem Landesumweltministerium hieß es dazu im vergangenen Oktober: "Die Genehmigungsplanung liegt einschließlich eines artenschutzrechtlichen Beitrags und einer FFH-Verträglichkeitsprüfung bereits vor und ist beim Altmarkkreis Salzwedel zur Genehmigung eingereicht."
Von dort heißt es jetzt auf AZ-Anfrage: "Aus Sicht der unteren Naturschutzbehörde wird die angedachten Maßnahmen im Arendsee hinsichtlich ihrer FFH-Verträglichkeit, nach intensiver Prüfung und Bewertung, nach wie vor als sehr kritisch betrachtet." Das würde wohl bedeuten, dass die vorgeschlagene Seesanierung nicht durchgeführt werden kann.
Auch in einem Verwaltungsbericht des Altmarkkreises, der vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde, ist von einer möglichen Abkehr von den Sanierungsplänen keine Rede. "Das Kreis-Umweltamt müsste diese genehmigen, das Land hatte als Seeeigentümer bereits 2015 einen Antrag gestellt. Als Nächstes sollen Prüfungsunterlagen vorbereitet werden, heißt es im Bericht. Dabei geht es im Kern darum, ob die Natur im und um den Arendsee unter einer Sanierung möglicherweise leiden könnte."
Das Ministerium werde keine Maßnahmen forcieren, die nicht auch in der Region mehrheitlich mitgetragen werden. Fest steht also: Ob es eine Sanierung des Arendsees geben wird, ist noch völlig unklar. Und wenn ja, ist ebenso unklar, wann das Ganze passieren wird.
Die Konsequenzen: Risiko weiterer ökologischer Krisen
Bleibt die Belastung des Arendsees mit Nährstoffen so hoch wie jetzt, kann es im kommenden Sommer wieder zu einem Fischsterben kommen. Dr. Jörg Lewandowski vom Leibnitz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), der den See in den vergangenen 15 Jahren intensiv erforscht hat, bestätigt: "Das Grundproblem sind ja die hohen Phosphorkonzentrationen im Arendsee."
Ob das Fischsterben einen Einfluss auf die Fischpopulation im See haben wird, kann Fischer Wilfried Kagel noch nicht sagen: "Das, so Kagel, werde die Zukunft zeigen." Fest steht jedoch, dass die Wiederholung eines solchen Ereignisses nicht nur ökologisch verheerend wäre, sondern auch massive wirtschaftliche Folgen für die Region hätte.
Fazit
Die Sanierung des Arendsees steht vor einem komplexen Dilemma: Einerseits besteht dringender Handlungsbedarf aufgrund der ökologischen Krise des Sees, andererseits sind die geplanten Maßnahmen bürokratisch blockiert und in der Bevölkerung umstritten. Die hohe Phosphorkonzentration, die bereits zu massiven Fischsterben und Blaualgenblüten geführt hat, erfordert dringend eine Lösung. Das vorgeschlagene Verfahren der chemischen Phosphatfällung mit Polyaluminiumchlorid bietet zwar einen technischen Ansatz, stößt aber auf Bedenken hinsichtlich der FFH-Verträglichkeit.
Die Verzögerung des Genehmigungsverfahrens, das bereits seit 2018 andauert, während die EU-Frist für die Erreichung eines guten ökologischen Zustands bis 2027 läuft, verstärkt den Druck auf alle Beteiligten. Die Kosten der Sanierung, die sich von ursprünglich acht Millionen auf nunmehr zweistellige Millionenbeträge erhöht haben, stellen eine weitere Hürde dar.
Ohne eine baldige Einigung und Umsetzung der Sanierungsmaßnahmen droht der Arendsee weiter zu verkommen, mit ungewissen Folgen für das fragile Ökosystem und die lokale Tourismuswirtschaft. Die Lösung dieses Problems erfordert einen Kompromiss zwischen ökologischer Notwendigkeit, naturschutzrechtlichen Anforderungen und wirtschaftlichen Belangen.
Quellen
- keine Genehmigung: Sanierung des Arendsee rückt in weite Ferne
- Hoher Phosphatgehalt im Arendsee: Sanierung lässt auf sich warten
- Pläne stecken in Behördenmühlen: Seesanierung weiter aktuell
- Seetribune Arendsee wird kommunalaufsicht der Sanierung zustimmen
- Welche Meinungen das Sanieren des Arendsees auslost und was das Erzgebirge damit zu tun hat
- Ministerium: Genehmigungsverfahren für Seesanierung liegt beim Kreis
- Ohne Arendsee-Sanierung könnte sich Fischsterben wiederholen